Apfelvermächtnis in Hamburg

16 Länder per Rad, Kapitel 3

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Heute greifen die Beiden wieder zum Spaten. Wie 2012 im Süden Hamburgs heben Angelika und Walter Melau (Titelfoto) auch an diesem Samstag in Mecklenburg wieder Pflanzlöcher aus: für Baumsetzlinge.

Nördlich der Ortschaft Neu Benz entsteht so, unterstützt von der Gemeinde, eine Obstwiese mit alten, teils kaum noch bekannten Apfel- und Birnensorten. Diese zu kultivieren und der Allgemeinheit zu vermachen, ist Privatinitiative und finanzieller Aufwand des Ehepaars Melau.

Holztäfelchen mit dem Namen der Apfelsorte, angebracht neben dem Stamm, hinter dem eine grüne Wiese schimmert.
Erstmals traf ich Angelika und Walter Melau im Jahr 2019 am Pommerschen Krummstiel, auf meiner Fahrt durch alle Bundesländer. Die Apfelsorte steht mitten in einer Reihe aus 31 Jungbäumen, im äußersten Süden Hamburgs. Der Krummstiel gehörte früher zu den pommerschen Hauptsorten und entstand vermutlich vor mehr als 200 Jahren auf der Insel Rügen.
Selbstporträt auf der Fähre, im Hintergrund Mitreisende, Elbwasser und die niedersächsiche Flussseite.
Abfahrt zum Apfelerbe: Mit der Elbfähre gelange ich in den südlichsten Zipfel Hamburgs.

Die teuerste Pflanze Deutschlands wächst im Süden Hamburgs und heißt Schierlings-Wasserfenchel. Einige wachsen noch an Elbufern – unverkäuflich natürlich! Die gut 50.000 Euro pro Wasserfenchel errechnen sich nach Kosten zur Arterhaltung: rund zehn Millionen Euro für etwa zweihundert Exemplare. Das Geld fließt in Verbauungen und Pflanzungen, die die Stadt wegen der Elbvertiefung durchführt. Unweit des Anlegers, wo ich von der Fähre rolle, soll dieser Fenchel noch natürlich wachsen, heißt es. Nicht jedoch diese, sondern andere botanische Raritäten locken mich in den Südzipfel Hamburgs. Ich komme wegen 31 Obstbäumen, die Angelika und Walter Melau anpflanzten.

Das Ehepaar vermachte der Nachwelt unter anderen ›Kaiser Wilhelm‹, ›Ruhm von Kirchwerder‹ und ›Wohlschmecker von Vierlanden‹. Die Obstsetzlinge dazu kauften die beiden nach mehrjähriger Recherche und pflanzten sie 2012 entlang eines Ackerwegs. Der Weg ist für Unkundige schwer zu finden, kein Schild weist die Route zum Apfelvermächtnis der Melaus. Vom Anleger folge ich der Elbe, fahre durch eines von drei Dutzend Naturschutzgebieten im Stadtstaat; zehn Prozent Hamburgs stehen zumindest dem Papier nach unter Schutz. Über die Deichvogt-Peters-Straße gelange ich, weg vom großen Fluss, zur winzigen Kraueler Elbe. Hinter Hausnummer 41 trage ich kurz das Rad über eine matschige Stelle und rolle auf einen Plattenweg.

Zwischen "Paradies" und "Wohlschmecker"

Linkerhand stehen die Bäume der Melaus: ›Dithmarscher Paradies‹ lese ich am Ersten auf einem selbst gemachten Holztäfelchen. Es schließt sich der ›Schöne von Nordhausen‹ an, bald gefolgt vom ›Finkenwerder Herbstprinz‹. Auch eine Cydonia-Quitte und zwei ›Hauszwetschen‹, ohne ›g‹ geschrieben, stehen Spalier. Zuletzt in der Reihe trumpfen ›Bürgermeister‹ und ›Kochbirne‹ auf – zwei angestammte Baumriesen des Hof Eggers. Dort endet die Obstreihe und beginnt mein Treffen.

Verabredet sind wir im Hofcafé, junger Spross einer alteingesessenen Bauernfamilie. Kontakt zum Hof haben die Melaus seit einem Vierteljahrhundert. Vor rund zehn Jahren, Angelika und Walter Melau waren in Rente, kamen ihnen die Obstbäume in den Sinn. »Schockiert hat uns damals, welche Vorgaben die EU für Streuobstwiesen hatte« erinnert sich Walter Melau. »Es hieß, das muss alles abgeholzt werden – und stellen Sie sich mal vor: Wir hatten in Deutschland rund 1,6 Millionen Hektar Streuobst, jetzt haben wir, wenn’s hoch kommt, 300.000.«

Über Internet und eine Baumschule bei Rendsburg informierten sie sich über alte Sorten und darüber, welche Böden die Bäume bevorzugen. Parallel eruierten sie Standorte und kamen schließlich mit Hof Eggers überein. Ein Gärtner aus dem Bekanntenkreis half einzupflanzen.

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Das Vehikel des RadelndenReporters lehnt an einem Hinweisschild mit der Aufschrift Saunaclub Harmony.
Ausgeklügelte Infrastruktur in NIEDERSACHSEN, Rang 2 unter den beliebtesten Radfahr-Bundesländern (Foto: südwestlich von Hamburg, unweit des Flüsschens Seeve).

Und schon geht es vom Schiff runter und zrock-zrock-zrock die gepflasterte Rampe hinauf, nach Achterdeich, zurück in Niedersachsen.Bis Ramelsloh bewahrt Wald mich vor den Nachmittagsböen. Trotzdem fühlt sich dieser 31. Mai an wie der Beginn des März. Als ich frierend die Brücke über die Seeve quere, passiere ich, wie zum Hohn, einen ominös dekorierten Saunaclub namens Harmony.

In Bendestorf drehe ich meinen Clip, in dem ich die Gegend um den Zollenspieker skizziere. Bis zu meiner Unterkunft fehlen nur zwanzig Kilometer, aber ich erlebe die alte Langstreckenregel:

Je intensiver man sich bereits am Ziel wähnt und unter erlösendem Duschwasser, umso unerträglicher und grässlicher erscheint oft die noch zu bewältigende Gegenwart.

Ich trage mit Fassung, dass Beine und Schulter schmerzen. Unerträglich ist mir der Verkehr bis Jesteburg. Er ergießt sich aus Hamburg und zwei tangentialen Autobahnen in den Feierabend. Alle Pkw strömen am Ende Jesteburgs nach links. Ich verlasse den Stro m, fahre allein und geradewegs in die Lüllauer Dorfstraße. ›Sich einlullen lassen‹ denke ich, erschöpft vom Tagwerk, die letzten Kilometer entlang der Seeve ausrollend bis zur Endstation Thelstorf.

Das Foto zeigt das Buchcover, Titel: "Zwei Räder, ein Land: Mit dem Fahrrad durch alle Bundesländer - Deutschland in 2451 Kilometern.
Jenseits der Metropolen nimmt Martin C Roos die Republik unter die Reifen seines Rennrads. Täglich fährt er rund hundert Kilometer, um in 24 Etappen alle 16 Bundesländer zu durchmessen. Dutzende Treffen und Gespräche füllen des Reporters kleine Reise-Agenda, mit der er große Fragen in Angriff nimmt: In welche Richtung driftet das Land? Wie gehen die Menschen mit Bedrohungen und Chancen um, wie richten sie ihr Dasein aus? Roos misst die leisen Pulstöne der Gegenwart gleichermaßen wie den Nachhall der Vergangenheit, auch seiner ganz persönlichen. Er staunt im Norden über ein Ehepaar, das alte Apfelsorten rettet, und im Süden, wie ein Rentner über Deutschland wettert. Im Ruhrgebiet erfährt der Reporter, wie politisch die Jugend sein kann. In Berlin erzählen ihm Stasi-Opfer von Heimatliebe und gewaltlosem Protest. Relikten der einstigen Teilung spürt Roos ebenso nach wie dem Limit seiner Kräfte. Tiefgehende Interviews, spontane Dialoge und Radabenteuer entlang der 2451 Kilometer langen Reise verdichtet er zu einer tiefsinnigen und einzigartigen Collage. Sie zeigt die erstaunlichen, bisweilen bizarren Seiten eines Deutschlands, das zugleich erfrischend und vertraut wirkt.
Deutschlandkarte mit 24 markierten Übernachtungsstätten.
24 Etappen für 2451 Kilometer: Beginnend in Holstein durchmaß ich als RadelnderReporter alle 16 Bundesländer, im kleinen Gepäck die große Recherche-Frage: Wie geht's Deutschland? - Antworten gibt mein Buch "Zwei Räder, ein Land", ISBN 978-3-7497-9757-8.
  1. Biodiversität
  2. Landwirtschaft

Unnützes Unkraut? Wie verwandte Wildarten wichtigen Nutzpflanzen gegen Klimastress und Krankheiten helfen können

Ob Bananen oder Weizen – unsere Nahrung ist genetisch verarmt. Wissenschaftlerïnnen erforschen, wie verwandte Wildarten diesen wichtigen Nutzpflanzen gegen Klimastress und Krankheiten helfen könnten.

In zwei offenen Weckgläsern stecken Bündel von getrockneten Grashalmen mit tonnenförmigen Ähren und langen Grannen.
  1. Biodiversität
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Ein Krisenjahr auch für die Natur

Johanna Romberg und Christian Schwägerl im Gespräch über Umweltpolitik, die Ökologie der Pandemie und einige Lichtblicke für 2021

Dunkelheit im Wald mit einem Lichtschein am Horizont
  1. Biodiversität
  2. Indigene
  3. Menschenrechte

Kritik an Umweltpolitik: Indigene fordern Mitsprache und warnen davor, sie beim Naturschutz zu übergehen

Repräsentanten von 400 Millionen indigenen Menschen wollen bei den Vereinten Nationen "mit am Verhandlungstisch sitzen, wenn über unsere Zukunft entschieden wird“.

Das Foto zeigt einen Mann mit wunderschönem Federschmuck, der in einem Konferenzsaal der Vereinten Nationen sitzt, von hinten.
  1. Biodiversität
  2. Botanik

WissenschaftlerInnen diagnostizieren dramatischen Rückgang der Pflanzenvielfalt: "Es betrifft ganz Deutschland"

Neue Studie wertet Entwicklung seit 1960 aus – Interview mit Projektleiter David Eichenberg

Ein schön gemusterter Schmetterling sitzt auf einer Pflanze
  1. Artensterben
  2. Biodiversität

Flugunfähige Vogelarten waren mal deutlich verbreiteter

Warum fliegen, wenn man nicht muss? Flugunfähige Vögel waren mal ein Erfolgsmodell der Evolution – bis wir Menschen kamen.

Ein Grünfuß-Pfuhlhuhn mit roten Augen und gelbem Schnabel hält nach Nahrung auf dem Boden Ausschau.
  1. Amazonas
  2. Biodiversität
  3. Indigene

Der Amazonas ist in Wahrheit ein Kulturwald

Die Indigenen Südamerikas sehen sich als Hüter des Waldes. Ihnen gelang, woran die meisten anderen scheiterten – die natürliche Vielfalt zu mehren. Können wir von ihnen lernen?

Gegenlichtaufnahme eines Indigenen mit einem geschnitzten Zeremonialstab.
  1. Agrarpolitik
  2. Biodiversität

Fridays for Future will für die Agrarwende kämpfen

Fridays for Future fordert eine Öko-Wende in der Landwirtschaft als Schlüssel für mehr Klima- und Artenschutz. AktivistInnen kündigen neue Proteste gegen die EU-Agrarpolitik an.

Das Bild zeigt eine ausgeräumte Agrarlandschaft.
  1. Anthropozän
  2. Biodiversität
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Natur im Anthropozän: Jetzt wächst zusammen, was zusammengehört

Es ist höchste Zeit, den Grundirrtum westlichen Denkens zu korrigieren. Ein Essay über Wölfe, alte Bäume und die neue Rolle des Menschen

Die Illustration zeigt einen Wolf, der neben einem abgebrochenen Baumstamm sitzt und den Betrachter anschaut.
  1. Biodiversität
  2. Botanik
  3. Pflanzen

Berliner Chef-Botaniker Borsch: "Die Krise der Pflanzenvielfalt ist eine Krise der Menschheit"

Der Direktor des Botanischen Gartens Berlin über das Großprojekt "World Flora Online", die Bedeutung von Indigenen für den Naturschutz und die Ziele für den UN-Biodiversitätsgipfel 2021

Der Drachenbaum steht in einer Wüstenlandschaft. Seine zahlreichen Äste wachen so symmetrisch in Himmel, dass daraus eine Art Plattform entsteht. Deren sattes Grün auf der Oberseite steht in starkem Kontrast zur trockenen Landschaft,
  1. Biodiversität
  2. Naturkundemuseum
  3. Ökologie

Museum im Dienst der Ökologie

Deutschlands größtes lebendes Korallenriff ist im Westflügel des Naturkundemuseums Karlsruhe (SMNK) zu sehen. Der Forschungsschwerpunkt des Instituts liegt im Bereich der Ökologie. Ein Gespräch mit Direktor Norbert Lenz über die Verantwortung der Naturkundemuseen im 21. Jahrhundert.

Blick in das Meerwasser-Aquarium des Naturkundemuseums Karlsruhe. Buntfarbige Korallen und tropische Fische in einer Unterwasser-Landschaft.
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