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Das Apfelvermächtnis

Ein Ehepaar sorgt sich um den Erhalt alter Apfel- und Birnensorten, greift zum Spaten und zum Sparbuch. RadReport Deutschland, Kapitel 3

05.09.2020
5 Minuten
Der Ehemann trägt Schirmmütze, Brille und weißen Bart und schaut zu, wie seine Frau ein Zweiglein zu sich hinunter biegt.

Alle 16 Bundesländer per Rad, Kapitel 3 (Kap. 1Kap. 2).

Heute greifen die Beiden wieder zum Spaten. Wie 2012 im Süden Hamburgs heben Angelika und Walter Melau (Titelfoto) auch an diesem Samstag in Mecklenburg wieder Pflanzlöcher aus: für Baumsetzlinge.

Nördlich der Ortschaft Neu Benz entsteht so, unterstützt von der Gemeinde, eine Obstwiese mit alten, teils kaum noch bekannten Apfel- und Birnensorten. Diese zu kultivieren und der Allgemeinheit zu vermachen, ist Privatinitiative und finanzieller Aufwand des Ehepaars Melau.

Die teuerste Pflanze Deutschlands wächst im Süden Hamburgs und heißt Schierlings-Wasserfenchel. Einige wachsen noch an Elbufern – unverkäuflich natürlich! Die gut 50.000 Euro pro Wasserfenchel errechnen sich nach Kosten zur Arterhaltung: rund zehn Millionen Euro für etwa zweihundert Exemplare. Das Geld fließt in Verbauungen und Pflanzungen, die die Stadt wegen der Elbvertiefung durchführt. Unweit des Anlegers, wo ich von der Fähre rolle, soll dieser Fenchel noch natürlich wachsen, heißt es. Nicht jedoch diese, sondern andere botanische Raritäten locken mich in den Südzipfel Hamburgs. Ich komme wegen 31 Obstbäumen, die Angelika und Walter Melau anpflanzten.

Das Ehepaar vermachte der Nachwelt unter anderen ›Kaiser Wilhelm‹, ›Ruhm von Kirchwerder‹ und ›Wohlschmecker von Vierlanden‹. Die Obstsetzlinge dazu kauften die beiden nach mehrjähriger Recherche und pflanzten sie 2012 entlang eines Ackerwegs. Der Weg ist für Unkundige schwer zu finden, kein Schild weist die Route zum Apfelvermächtnis der Melaus. Vom Anleger folge ich der Elbe, fahre durch eines von drei Dutzend Naturschutzgebieten im Stadtstaat; zehn Prozent Hamburgs stehen zumindest dem Papier nach unter Schutz. Über die Deichvogt-Peters-Straße gelange ich, weg vom großen Fluss, zur winzigen Kraueler Elbe. Hinter Hausnummer 41 trage ich kurz das Rad über eine matschige Stelle und rolle auf einen Plattenweg.

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Holztäfelchen mit dem Namen der Apfelsorte, angebracht neben dem Stamm, hinter dem eine grüne Wiese schimmert.
Erstmals traf ich Angelika und Walter Melau im Jahr 2019 am Pommerschen Krummstiel, auf meiner Fahrt durch alle Bundesländer. Die Apfelsorte steht mitten in einer Reihe aus 31 Jungbäumen, im äußersten Süden Hamburgs. Der Krummstiel gehörte früher zu den pommerschen Hauptsorten und entstand vermutlich vor mehr als 200 Jahren auf der Insel Rügen.
Selbstporträt auf der Fähre, im Hintergrund Mitreisende, Elbwasser und die niedersächsiche Flussseite.
Abfahrt zum Apfelerbe: Mit der Elbfähre gelange ich in den südlichsten Zipfel Hamburgs.
Das Vehikel des RadelndenReporters lehnt an einem Hinweisschild mit der Aufschrift Saunaclub Harmony.
Ausgeklügelte Infrastruktur in NIEDERSACHSEN, Rang 2 unter den beliebtesten Radfahr-Bundesländern (Foto: südwestlich von Hamburg, unweit des Flüsschens Seeve).

Und schon geht es vom Schiff runter und zrock-zrock-zrock die gepflasterte Rampe hinauf, nach Achterdeich, zurück in Niedersachsen.Bis Ramelsloh bewahrt Wald mich vor den Nachmittagsböen. Trotzdem fühlt sich dieser 31. Mai an wie der Beginn des März. Als ich frierend die Brücke über die Seeve quere, passiere ich, wie zum Hohn, einen ominös dekorierten Saunaclub namens Harmony.

In Bendestorf drehe ich meinen Clip, in dem ich die Gegend um den Zollenspieker skizziere. Bis zu meiner Unterkunft fehlen nur zwanzig Kilometer, aber ich erlebe die alte Langstreckenregel:

Je intensiver man sich bereits am Ziel wähnt und unter erlösendem Duschwasser, umso unerträglicher und grässlicher erscheint oft die noch zu bewältigende Gegenwart.

Ich trage mit Fassung, dass Beine und Schulter schmerzen. Unerträglich ist mir der Verkehr bis Jesteburg. Er ergießt sich aus Hamburg und zwei tangentialen Autobahnen in den Feierabend. Alle Pkw strömen am Ende Jesteburgs nach links. Ich verlasse den Stro m, fahre allein und geradewegs in die Lüllauer Dorfstraße. ›Sich einlullen lassen‹ denke ich, erschöpft vom Tagwerk, die letzten Kilometer entlang der Seeve ausrollend bis zur Endstation Thelstorf.

Das Foto zeigt das Buchcover, Titel: "Zwei Räder, ein Land: Mit dem Fahrrad durch alle Bundesländer – Deutschland in 2451 Kilometern.
Jenseits der Metropolen nimmt Martin C Roos die Republik unter die Reifen seines Rennrads. Täglich fährt er rund hundert Kilometer, um in 24 Etappen alle 16 Bundesländer zu durchmessen. Dutzende Treffen und Gespräche füllen des Reporters kleine Reise-Agenda, mit der er große Fragen in Angriff nimmt: In welche Richtung driftet das Land? Wie gehen die Menschen mit Bedrohungen und Chancen um, wie richten sie ihr Dasein aus? Roos misst die leisen Pulstöne der Gegenwart gleichermaßen wie den Nachhall der Vergangenheit, auch seiner ganz persönlichen. Er staunt im Norden über ein Ehepaar, das alte Apfelsorten rettet, und im Süden, wie ein Rentner über Deutschland wettert. Im Ruhrgebiet erfährt der Reporter, wie politisch die Jugend sein kann. In Berlin erzählen ihm Stasi-Opfer von Heimatliebe und gewaltlosem Protest. Relikten der einstigen Teilung spürt Roos ebenso nach wie dem Limit seiner Kräfte. Tiefgehende Interviews, spontane Dialoge und Radabenteuer entlang der 2451 Kilometer langen Reise verdichtet er zu einer tiefsinnigen und einzigartigen Collage. Sie zeigt die erstaunlichen, bisweilen bizarren Seiten eines Deutschlands, das zugleich erfrischend und vertraut wirkt.
Deutschlandkarte mit 24 markierten Übernachtungsstätten.
24 Etappen für 2451 Kilometer: Beginnend in Holstein durchmaß ich als RadelnderReporter alle 16 Bundesländer, im kleinen Gepäck die große Recherche-Frage: Wie geht's Deutschland? – Antworten gibt mein Buch „Zwei Räder, ein Land“, ISBN 978–3–7497–9757–8.
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Martin C Roos

Martin C Roos

Ich texte und fotografiere seit 1996 freiberuflich für Internetmedien, Magazine und Zeitungen. Themen schöpfe ich aus den LifeSciences, aus der Geographie und mitten aus unserem Land, dem ich seit 2018 als RadelnderReporter auf den Zahn fühle.


RadelnderReporter

Rasch reagieren, spontan auf's Rad steigen, vor Ort recherchieren – mit unverstellter Neugierde, aus eigener Muskelkraft: So gehe ich auch kleine Themen an, aus denen sich bisweilen große Fragen formen. Wie geht’s Deutschland? Unter diesem Motto gab ich 2019 meinen Einstand als RadelnderReporter. Er ist mein Signum und meine Hommage an Egon Erwin Kisch. Seit 2021 sind meine Schwerpunkte Umwelt, Wirtschaft sowie Politik und Kultur. Über das Erscheinen von Texten, Bildern und Clips informiert der kostenlose Newsletter. Hier finden Sie Infos zu meiner Person sowie zum aktuellen Deutschlandbuch.

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