Vögel sind nicht zu doof, die richtige Nahrung zu wählen

Pro: Es gibt so viele negative Eingriffe in die Umwelt – Füttern ist ein positiver, besonders für Spatzen

Rudmer Zwerver/Shutterstock

Als der Ornithologe und Vogelzugforscher Peter Berthold 2006 in seinem Buch „Vögel füttern – aber richtig“ dafür plädierte, Vögel in Garten und Stadt das ganze Jahr über zu füttern, wurde das von manchen Vogelfreunden hierzulande als eine Revolution empfunden. Das war sicher übertrieben, zeigt aber mit welcher Vehemenz in Deutschland um die Frage, ob man Vögel überhaupt füttern soll, und wenn ja, ob nur im Winter oder über das ganze Jahr, gerungen wurde und wird.

Wer seit längerem und oft mit Ornithologen und Birdern, wie die Hobbyornithologen dort heißen, in den USA zu tun hat, konnte den Konflikt kaum noch nachvollziehen. In Nordamerika ist es von Maine über New York bis Texas völlig normal, Vögel das ganze Jahr über zu füttern. Es wird einem in Amerika aber auch relativ leicht gemacht. Es gibt dort spezielle Futtermischungen für alle Jahreszeiten – Herbst, Winter, Frühjahr und Sommer – zu kaufen. In manchen Fällen werden sie auch speziell für bestimmte Arten angeboten. In einem Land, in dem das Birden eine bei uns kaum bekannte Popularität genießt, gibt es allerdings für die Futtermischungen auch einen großen Markt, zumindest verglichen mit hiesigen Verhältnissen.

Der Insektenschwund geht auch zu Lasten der Jungtiere

Wie man Bertolds Buch entnehmen konnte, werden auch in Großbritannien seit über dreißig Jahren Vögel ganzjährig gefüttert, ohne dass man das Füttern in Frage gestellt hätte.

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Der Ornithologe will vor dem Hintergrund der angelsächsischen Erfahrungen die Argumente, die von deutschen Naturschützern gegen das Füttern vorgebracht werden, entkräften, ohne dabei Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Denn in den meisten Fällen sind die ökologischen Gegebenheiten in deutschen wie britischen Städten und auf bewirtschafteten Ackerflächen durchaus ähnlich. Das gleiche gilt für bestimmte Lebenspraktiken von Vögeln, in diesem Fall speziell von Singvögeln.

Eines der am heftigsten vorgebrachten Argumente gegen das Auslegen von Vogelfutter in Vogelhäusern, auf Balkonen oder einfach auf Fensterbrettern im achten Stock eines Berliner Mietshauses, bezieht sich auf einen spezifischen Wechsel in der Nahrung der Singvögel. Fast alle Singvögel müssen ihre Jungen nach dem Schlüpfen aus dem Ei in den ersten Wochen mit Insekten ernähren, während die erwachsenen Vögel alles mögliche zu sich nehmen können: Sämereien, Früchte, Gräser und auch tierische Fette.

Fallen auch Vögel auf Fast food herein?

Weil aber, so lautet ein Argument (siehe "Kontra" – Interview mit der Biologin Silke Voigt-Heucke), die für die Winterfütterung typischen Meisenknödel nur Fette und Samen enthalten, würden sie, über das Frühjahr weiter ausgelegt, die Elternvögel dazu verführen, die Insektenjagd einzustellen und ihre Jungen mit Samen falsch zu ernähren. Wer einmal Krähen, die zu den Singvögeln zählen, dabei beobachtet hat, wie sie im Frühjahr während der Jungenaufzucht in einem Stadtpark im Gras der für sie mühseligen Insektenjagd nachgehen, kann diesem Argument nicht mehr folgen. Das Futter, von dem sich die Altkrähen ernähren, menschliche Abfälle zum Beispiel, nehmen im Frühjahr im Stadtpark eher zu als ab und trotzdem suchen die Alten für die Jungen nicht Pommes, sondern Insekten. Es erscheint fast anmaßend, davon auszugehen, dass Vögel so blöd sind, dass sie nicht zwischen Nahrung für sich und Nahrung für ihre Jungen unterscheiden können.

Meisen zum Beispiel ernährten in England während der Jungenaufzucht die Kleinen mit Insekten und stärkten nur sich selbst an den weiterhin verfügbaren Fett-Samen-Mischungen der Knödel. Dramatisch wurde es nur, wenn die allgemeine Ernährungslage so schlecht wurde, dass außer den Knödeln kein anderes Futter zur Verfügung stand. Dann ernährten die Meisen ihre Jungen tatsächlich falsch oder ließen sie im Extremfall auch verhungern. Das ist ein Phänomen, das man auch von Seevögeln wie Trottellummen von den nordschottischen Inseln kennt: wenn sie nicht mehr genug junge Fische im Meer finden, um ihre Brut zu ernähren, ernähren sie nur noch sich selbst.

Wer in der Stadt mit Spatzen zusammenleben will, muss füttern

Aus dieser Tatsache folgt dann auch Bertolts allgemeines Argument für das Füttern von Vögeln. Insekten haben in den letzten Jahrzehnten so an Zahl abgenommen, dass es für den Ornithologen zur Menschenpflicht wird, Vögeln durch Zufütterung über die anstrengende Jungenaufzucht zu helfen. Zufüttern – selbst mit Meisenknödeln – kann die Elternvögel entlasten. Und wer es ganz richtig machen will, kann mittlerweile auch mit Insekten angereichertes Vogelfutter auslegen. Man tut damit nichts schlechtes, aber man greift natürlich in die Natur ein. Womit man sich den Ärger von Hardcore-Darwinisten unter den Naturschützern zuziehen kann, die immer noch glauben, es gebe so etwas wie Naturgesetze, die unabhängig von Menschen ihre Kraft entfalten und für die Auswahl der Besten unter den Lebenden sorgen.

Darauf kann man in einer Reihe, die vom großen Allgemeinen zum kleinen Konkreten führt, antworten. Zum einen gibt es dort, wo es Menschen gibt, keine Natur mehr, die nicht von menschlichen Eingriffen betroffen ist. Die Intensivierung der Landwirtschaft stellt genauso einen menschlichen Eingriff in die Natur dar wie die Versiegelung von Grundflächen in Siedlungsgebieten oder auch gebaute und nicht benutzte Flughäfen auf vorher freien Grünflächen. Das Füttern von Vögeln ist dann nur ein Eingriff von der anderen Seite, von der Seite derer, die lieber mit Vögeln leben als ohne.

Mit den Spatzen gibt es mittlerweile auch eine Art, die als extremer Kulturfolger grundsätzlich auf das Füttern angewiesen ist. Ihre Zahl nimmt im Unterschied zu der von Meisen oder Grünfinken in Städten stetig ab – das hängt unter anderem mit der aktuellen Architektur zusammen, die ihnen Nistmöglichkeiten raubt. Wer das Leben in Städten aber mit Spatzen als lebenswerter empfindet als ohne, wird nicht darum herumkommen, sie zu füttern – ohne Pause über, das ganze Jahr.

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