Die Krähen und ihre Toten

Die Vögel haben ein besonderes Interesse an toten Artgenossen. Dass Journalisten aber von „Totenkult“ sprechen, ist Effekthascherei.

Von Cord Riechelmann

Thomas Krumenacker Ein Schwarm Stare und Saatkrähen über dem Tempelhofer Feld in Berlin.

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Dass Krähen einen Bezug zum Tod und zu Toten haben, ist eine Sache. Eine ganz andere ist es, dass der „Stern“ daraus die Überschrift „Bizarrer Totenkult – Krähen haben Sex mit toten Artgenossen“ macht. Denn zum einen ist es fraglich, ob Krähen überhaupt einen Begriff von dem haben, was wir Kult nennen. Und zum anderen ist Sex unter Krähen, also das Aneinanderhalten der Kloakenöffnungen zum Zweck der Übertragung von Samenflüssigkeit vom Männchen auf das Weibchen, wie bei fast allen Vögeln ein sekundenkurzer Akt. Mit dem, was Sex für Menschen bedeutet, hat das nicht viel zu tun. Man könnte auch sagen: gar nichts. Ihren größten Lustgewinn ziehen vielmehr einige Arten aus lang anhaltenden Flugspielen, etwa die Dohlen in den wirbelnden Winden um hohe Gemäuer wie Kirch-, Wasser- oder Wachtürme oder Kolkraben mit ihren langen Segeleinlagen in der von der Erde aufsteigenden warmen Luft.

Lehrreich ist die sensationalistische Überschrift des „Stern“ aber natürlich trotzdem. Sie gibt dem blöden Medienmacherspruch „Tiere gehen immer“ ihren richtigen Sinn. Tiere gehen nämlich überhaupt nicht immer. Beziehungsweise gehen sie gar nicht, wenn es tatsächlich um die Tiere in ihrer jeweiligen Eigenart geht. Tiere gehen nur, wenn sie zu Projektionsflächen der jeweiligen Menschen werden. Die können relativ gefahrlos alles Mögliche in sie hineininterpretieren, weil Tiere in der Regel weder Leserbriefe schreiben noch mit Anwälten auf Gegendarstellungen drängen.

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