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Bauern sollten Vögel zählen …

… und dafür bezahlt werden. Ein Kommentar

31.05.2017
4 Minuten
Foto eines trockenen, staubigen Feldes.

Der schleswig-holsteinische Bauernverband sorgt sich um die Vögel. Auf ihrer Facebook-Seite posteten die Interessenvertreter der Landwirte im Norden am Dienstag ein Video, das vor einem „Stummen Frühling“ warnt. Am Pranger: „Katzen mit Outdoor-Zugang“, die 220 Millionen bis 420 Millionen Singvögel pro Jahr töteten, wie es im Begleittext heißt.

Sind die Warnungen von Wissenschaftlern und Umweltverbänden, dass die Bestände vieler Vogelarten dramatisch zurückgehen, bei den organisierten Bauernvertretern angekommen? In der Facebook-Diskussion zitiert der Bauernverband sogar den sonst so unbeliebten Naturschutzbund Nabu als Quelle für die Zahlen. Der Plot im Katzenvideo ist etwas verworren, aber die Botschaft ist klar: In Wahrheit sind die Katzen schuld am Vogelrückgang und eben nicht die Bauern.

Es ist zu begrüßen, dass Landwirte sich aktiv in die Debatte über den Niedergang vieler Vogelarten einmischen. Aber leider gilt die Sorge, die hinter dem Facebook-Post steckt, eben nicht den Vögeln, sondern eigenen Interessen. Man will sich Forderungen vom Leib halten, die Landwirtschaft müsse mehr Rücksicht auf Vögel nehmen. Es handelt sich, – gerade weil es stimmt, dass Katzen dazu beitragen, die Wildvogelbestände zu dezimieren, – um ein Ablenkungsmanöver.

Vorgetäuschtes Vogelinteresse gibt es auch in anderen Bereichen: Sogar Donald Trump, der gerade in Amerika einen Großangriff auf das landesweite System der National Monuments unternimmt, hat sich schon als Naturschützer geriert – um Windkraftwerke schlecht zu machen.

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Unter den Gegnern von Windkraftanlagen wie unter den Landwirten gibt es viele Menschen mit einem genuinen Interesse am Vogelschutz – aber eben auch viele, die das Argument rein strategisch einsetzen und sich ansonsten weder für die Vielfalt in der Landschaft noch für die Vogelwelt interessieren.

Besser, als die Aufmerksamkeit auf andere Schuldige zu lenken, täte der Bauernverband daran, selbstkritischer zu sein. Bisher behauptet der Verband, es gäbe kein Problem. DBV-Präsident Joachim Rukwied sagte im Juni letzten Jahres beim Deutschen Bauerntag in Hannover: „Wir brauchen keine Agrarwende – die deutschen Bauern wirtschaften nachhaltig.“

Eine kühne Behauptung. Wenn dem so wäre, müssten die Einkommen der Bauern, die soziale Entwicklung auf dem Land und die Tier- und Pflanzenvielfalt in einer harmonischen Beziehungen stehen. So sieht es das Konzept der Nachhaltigkeit vor.

Ursächlich ist eine Agrarpolitik, die noch immer das Falsche belohnt.

Heil Landwelt ist in Deutschland aber eine Illusion: Die Milch- und Fleischpreise entlohnen die Arbeit der Landwirte nicht gerecht. In vielen Regionen fehlen junge Menschen, um die Höfe zu übernehmen. Und die Artenvielfalt? Die Befunde sind eindeutig. Ja, der Kranich hat sich vermehrt, auch deshalb, weil er gelernt hat, auf den Maisäckern verbliebene Körner zu fressen. Aber die Roten Listen bleiben von solchen bedrohten Arten angeführt, für die in der modernen Agrarlandschaft kein Platz mehr ist. Vogelarten wie Rebhühner, die auf Landschaftselemente wie Hecken angewiesen sind, oder Feuchtwiesenbewohner wie Braunkehlchen und Kiebitz haben in den vergangenen Jahren dramatische Bestandseinbrüche erfahren. Schrumpfende störungsfreie Brutgebiete, schrumpfende Vielfalt auf Agrarflächen und schrumpfende Insektenbiomasse sind wesentliche Faktoren dafür. An ihnen ist die Landwirtschaft zentral beteiligt, auch via Pestizideinsatz.

Hinter den Problemen stehen nicht böse Bauern, die etwas gegen Vögel hätten. Ursächlich ist vielmehr eine Agrarpolitik, die noch immer das Falsche belohnt. „Wachsen oder weichen“ heißt ihr Mantra. Bauern werden zu immer stärkerer Industrialisierung gedrängt. Ihr eigener Beitrag zu den Problemen: sie halten zu sehr an alten Strukturen fest und tun sich schwer damit, ihre Selbstbild weiterzuentwickeln und den ökologischen Herausforderungen sowohl beim Natur-, wie beim Klimaschutz anzupassen.

Als es bei der letzten EU-Agrarreform um ein „Greening“ ging, darum, Landschaftspflege so zu belohnen wie Produktion, war der Widerstand der Bauernlobby groß. Maßnahmen, die nicht auf die Produktion fixiert sind, haben den Ruch von Almosen oder Sozialhilfe.

Wenn Landwirte konstruktiv zur Debatte um den Stummen Frühling beitragen wollen, sollten sie genau hier ihr Selbstbild erneuern. Warum sollten sie nicht dafür bezahlt werden, Bestäuberleistungen von Insekten sicherzustellen, und zwar nicht nur von Honignbienen, sondern von allen Insekten der Agrarlandschaft? Was könnte sinnvoller sein, als für den kommenden Klimawandel Feuchtgebiete für die Wasserspeicherung vorzuhalten und zu pflegen?

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Ich bin Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik sowie Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. In früheren Stationen war ich Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012). Von mir stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leite ich die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“.


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