1. RiffReporter /
  2. Umwelt /
  3. Countdown Erde 2020: Schicksalsjahr für Mensch und Natur

Countdown Erde 2020: Schicksalsjahr für Mensch und Natur

Der erste UN-Entwurf neuer globaler Ziele für den Schutz der biologischen Vielfalt bis 2030 liegt vor

von
15.01.2020
6 Minuten
Aufnahme einer Industrieanlage aus der Ferne. Man sieht nur die Schornsteine deutlich. Sie pumpen Rauch in den orangefarbenden Himmel.

Die frisch angebrochenen 2020er Jahre werden es umweltpolitisch in sich haben. Nach Berechnungen von Klimaforschern entscheidet sich bis 2030, ob es noch gelingen wird, die Erderhitzung einigermaßen zu begrenzen. Und auch im Naturschutz steht eine Zeit der Entscheidungen an. Das macht der Entwurf für weitreichende Beschlüsse von knapp 200 Staaten deutlich, die sich Ende Oktober 2020 im chinesischen Kunming zur 15. Konferenz der Konvention für biologische Vielfalt treffen werden. Dabei geht es um nicht weniger als einen Masterplan zur Rettung der Natur und all dessen, was sie für uns Menschen leistet.

„Zero Draft" heißt das Dokument, das am Montag veröffentlicht wurde – auf der Webseite des Sekretariats einer von drei Konventionen, die 1992 beim legendären „Erdgipfel" ins Leben gerufen wurden. Die „Konvention über biologische Vielfalt", kurz CBD, soll die Teilnehmerstaaten hinter dem Ziel vereinen, sowohl einzelne Arten als auch ganze Ökosysteme zu erhalten.

Zero Draft – das steht für den Versuch eines Neuanfangs in der weltweiten Umweltpolitik. Denn die bisherigen Versuche, die fortschreitende Vernichtung der natürlichen Vielfalt aufzuhalten, haben bei weitem nicht gereicht.

Lebensgrundlagen sind kein Nischenthema

Das bisherige Scheitern im globalen Naturschutz haben zuletzt im Mai 2019 die Wissenschaftler des Weltbiodiversitätsrats (IPBES) in warnenden Worten zum Ausdruck gebracht. Jede achte von geschätzt acht Millionen Tier-, Pflanzen-, und Pilzarten könnte den Forschern zufolge im Laufe des 21. Jahrhunderts verschwinden. Ganze Lebensräume wie Korallenriffe seien in ihrer Existenz bedroht. Mit ihnen würden auch Ressourcen für Ernährung, Medizin und Werkstoffe zerstört, die für das Überleben von Menschen wichtig sind.

Was kann eine UN-Konferenz in China daran ändern? Nach dem Erfolg der letzten Konferenz dieser Art zu urteilen, die 2010 im japanischen Nagoya stattgefunden hat: eher wenig. Mit großem Tamtam wurden damals zwanzig Ziele für den Naturschutz bis 2020 definiert – von denen die Menschheit aber den wenigsten auch nur näher gekommen ist. Größter Pluspunkt ist, dass Regierungen die Fläche der weltweit ausgewiesenen Schutzgebiete zu Land wie im Meer deutlich vergrößert haben.

Der Anteil von Schutzgebieten an der Landfläche ist von 9 Prozent im Jahr 1990 auf 15 Prozent heute gestiegen, im Meer von 1 Prozent auf knapp 6 Prozent. Bis 2020 sollen es 17 Prozent an Land und 10 Prozent im Meer sein. Doch ob die Natur in diesen Gebieten wirklich effektiv geschützt wird oder die dazu nötigen Maßnahmen hauptsächlich auf dem Papier stehen, ist noch offen.

Der Entwurf für den neuen Masterplan formuliert deshalb für 2030 nicht nur neue, noch ambitioniertere Ziele, sondern befasst sich auch mit der Frage, wie diese erreicht werden können. Deswegen enthält das Dokument auch eine „Theory of change".

Diese geht von der Annahme aus, dass Ziele nur dann zu erreichen sein werden, wenn der Schutz der biologischen Vielfalt endlich als Kern- und nicht nur als Nischenthema behandelt wird – von der Politik ebenso wie von Wirtschaft und Gesellschaft.

Schaubild des Planes zur Rettung der natürlichen Vielfalt.
So sieht der Plan zur Rettung der natürlichen Vielfalt aus: Bis 2030 soll der Umgang mit der Natur sich so verändert haben, dass bis 2050 ein „Leben in Harmonie“ mit ihr möglich geworden ist.

Kostenfreier Newsletter: Die Flugbegleiter

Tragen Sie sich hier ein – dann bekommen Sie jeden Mittwoch die neuen Beiträge über Natur und Vogelwelt von den Flugbegleiter-Journalisten zugeschickt.

Fünf Erfolgsbedingungen für den globalen Schutz der natürlichen Vielfalt in verschiedenen Farben hinterlegt.
Erfolgsbedingungen für den globalen Schutz der natürlichen Vielfalt.
Fünf Ziele die im globalen Naturschutz bis 2030 verwirklich werden sollen. Die Ziele sind in verschiedenen Farben hinterlegt.
Diese Ziele sollen im globalen Naturschutz bis 2030 verwirklich sein, „X“ bedeutet, dass der Wert noch Verhandlungssache ist.
Kaufen Sie diesen Artikel.
Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


Flugbegleiter – die Korrespondenten aus der Vogelwelt

Sie wollen guten Journalismus zu Ornithologie, Artenvielfalt, Naturschutz, Umweltpolitik? Herzlich willkommen bei den „Flugbegleitern“. Wir sind neun Journalistïnnen, die sich auskennen und für Sie recherchieren. Die UN-Dekade für Biologische Vielfalt hat uns dafür ausgezeichnet. Unsere Beiträge gibt es jeden Mittwoch im Einzelkauf, im Flugbegleiter-Abo und als Teil der RiffReporter-Flatrate. Und wir haben ein tolles Buch für Sie!

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Christian Schwägerl

Aßmannshauser Str. 17
14197 Berlin

E-Mail: christian.schwaegerl@riffreporter.de

www: https://www.riffreporter.de/de/autorinnen-und-autoren/christian-schwaegerl

Tel: +49 30 33847628

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Lektorat: Johanna Romberg