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  3. Wie gut sind deutsche Städte auf die Klimakrise vorbereitet?

„Eine Investition in Lebensqualität“

BBSR: „Klimaanpassung in Städten sollte positiv erlebbar werden. Orte, die bei Hitze Schatten spenden oder bei Starkregen die Versickerung von Wasser zulassen.“

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23.07.2019
6 Minuten
Ein Beispiel für wassersensibles Bauen ist die Hamburger Gründachstrategie, hier zu sehen eine begrünte Tiefgarage. Drei Millionen Euro hat die Hansestadt bereitgestellt, um bis 2020 Dächer mit einer Gesamtfläche von etwa 100 Hektar zu begrünen. Die Pflanzen sollen nicht nur helfen, dass Regenwasser langsamer abfließt, sondern tragen auch zur Dämmung der Gebäude bei und helfen, die Stadt weniger stark zu erhitzen als etwa Beton, der Wärme besonders gut speichert.

Zwei Drittel der Weltbevölkerung haben ihren Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Städten. Und in 77 Prozent der 520 größten Städte wird sich das Klima bis zum Jahr 2050 deutlich wandeln, so eine jüngst veröffentlichte Studie der ETH Zürich. Weltweit werden demnach Städte, die sich derzeit in gemäßigten oder kalten Zonen der nördlichen Hemisphäre befinden, Orten ähneln, die mehr als tausend Kilometer näher am Äquator liegen, so die Forscher. Die Wetter-Extreme haben tiefgreifende Folgen für die städtische Infrastruktur, auf die Planer noch nicht vorbereitet seien. So müssten beispielsweise die Wasserversorgungen teils völlig neu gedacht werden, schreiben die Forscher. Wie weit ist Deutschland bei der Klimawandelanpassung?

Dazu hat Klimasocial-Autorin Daniela Becker mit Fabian Dosch vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) gesprochen.

Herr Dosch, Forscher der ETH Zürich warnen davor, dass viele Städte den Auswirkungen der Klimakrise völlig unvorbereitet entgegensehen. Wie sehr gilt das auch für Deutschland?

Zunächst ist es natürlich ganz wichtig, dass wir uns weltweit intensiver bemühen das Klima zu schützen. Gleichzeitig müssen wir uns den nicht mehr vermeidbaren Folgen des Klimawandels anpassen. In Deutschland sind die Anpassungen an die unvermeidbaren Folgen des Klimawandels im Vergleich zu etlichen anderen Ländern keine ganz so dramatische Aufgabe. Aber auch hierzulande sehen wir häufigeren und intensiveren Hitzewellen und Starkregen entgegen. Invasive Arten könnten die Gesundheit gefährden. Wir müssen auch unsere Bausubstanz rasch dem Klimawandel anpassen. Im weltweiten Vergleich sind diese Auswirkungen noch relativ gut handhabbar.

Heißt das, Deutschland ist bei der Klimawandelanpassung gut aufgestellt?

Theoretisch ja, praktisch noch lange nicht. Wir beschäftigen uns in Deutschland schon lange, aber erst seit gut zehn Jahren intensiv wissenschaftlich mit der Herausforderung Klimaanpassung, viele Bundes- und Landeseinrichtungen aber auch etliche Kommunen wirken daran mit. Die Anpassung an den Klimawandel ist eine gesetzlich verankerte Aufgabe. Darüber hinaus wurden zahlreiche Forschungs- und Förderprogramme initiiert, um Klimaanpassung zu erforschen und Maßnahmen umzusetzen. In der Diskussion, wie diese Maßnahmen umgesetzt werden, sind wir relativ weit. Allerdings ist Klimaanpassung in Städten eine Querschnittsaufgabe und es muss noch viel getan werden, um Städte wirklich widerstandsfähig gegenüber den Klimarisiken zu machen. Wir bauen jetzt für eine Stadt von morgen, Gebäude, die in der Regel 50 bis 80 Jahre halten müssen. Das heißt leider auch, dass die Früchte nicht immer von denjenigen geerntet werden, die diese Maßnahme initiiert haben.

Wie lässt sich das lösen?

Klimaanpassung in Städten sollte positiv erlebbar werden. Orte, die bei Hitze Schatten spenden oder bei Starkregen die Versickerung von Wasser zulassen. Wir benötigen Schlüsselpersonen, die Klimaanpassung mitdenken und danach handeln. Solange unsere Bautätigkeiten überwiegend nach Intensität und Renditeerwartungen geschehen, bleiben Dinge, die nicht unmittelbar renditeträchtig sind, zu oft auf der Strecke. Es muss uns gelingen, Investitionen in Klimaanpassung nicht nur als einen betriebswirtschaftlichen Kostenfaktor für Immobilien zu sehen – sondern auch als Investition in Lebensqualität. Städte klimaresilient und wassersensibel umzugestalten, ist eine große Aufgabe und wir stehen erst am Anfang.

Was meinen Sie mit „Investition in Lebensqualität“?

Zwei wesentliche Probleme, die durch den Klimawandel zunehmen, sind Starkniederschläge und die Hitzebelastung. Gleichzeitig nehmen die Bebauung, Versiegelung und Bodenverdichtung immer stärker zu. Als Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung treten wir zwar für eine Nachverdichtung der Innenstädte ein, aber damit die Hitzebelastung nachts wieder abnimmt, brauchen wir auch unversiegelte, kühlende Grünflächen. Stadtgrün, also Rasenflächen, Bäume, begrünte Dächer und Fassadenbegrünung, sind zentral für die Klimaanpassung. Stadtgrün muss begriffen werden als grüne Infrastruktur, die einen großen Wert für die Gesellschaft darstellt. Vom Bund wurde dazu das „Weißbuch Stadtgrün“ aufgelegt, das einen umfassenden Maßnahmenkatalog enthält, um Städte grüner zu machen. Für Bauherren, auch private, kann es sich rechnen, beispielsweise in eine Mehrgeschosswohnung mit einem attraktiven Wohnumfeld zu investieren, die neben Abschattungen und schön gestalteten Plätzen auch eine Starkregenvorsorge betreibt. Das muss kaum teurer sein, wenn der gesteigerte Wohn- und Gebäudewert für Eigentümer oder Mieter einkalkuliert wird.

Bei der Fördermittelvergabe geht es oft nur um Energiesparmaßnahmen. Müsste da nicht vielmehr die Öko- und Klimabilanz besser berücksichtigt werden?

Ja, da müsste man kräftig nachjustieren und da ist beispielsweise die KfW-Bank mit ihren Förderprogrammen eine ziemlich wichtige Stellschraube. Klimaanpassung ist schon heute zum Beispiel über die Städtebauförderungsprogramme förderfähig. Die positiven Anpassungswirkungen könnten bei der Fördermittelvergabe künftig eine größere Rolle spielen.

Fehlt es den Kommunen auch am Geld für Anpassungsmaßnahmen?

Natürlich kosten investive Maßnahmen Geld. Ganz überwiegend denke ich aber, dass Klimaanpassung nicht am Geld scheitert. Man kann schon mit relativ wenig Aufwand einiges zur Anpassung an den Klimawandel machen.

Nämlich?

Ganz grundsätzlich können sich deutsche Städte in vielen Fällen am mediterranen Städtebau orientieren. Helle Oberflächenmaterialien vermindern Aufheizung, Bäume spenden Schatten, Arkadengänge sorgen für relative Kühle. Oft sind es ganz einfache und kostengünstige Maßnahmen, die leicht umzusetzen sind: die Beschattung von Plätzen, insbesondere Spielplätzen, gut durchlüftete Plätze, Trinkwasserbrunnen, oder die Organisation von Nachbarschaftshilfen, die sich bei Extremwettern um Ältere und Pflegebedürftige kümmern.

Haben Sie den Eindruck, dass die Bürger für solche Anpassungsmaßnahmen ausreichend sensibilisiert sind? Werden sie ausreichend beteiligt?

Es gibt Quartiere mit sehr engagierten Leuten, wo Bürgerbeteiligungsverfahren zu dem Thema Anpassung und Begrünung sehr gut funktionieren. Es gibt aber auch Fälle, da läuft das genau umgekehrt. In etlichen Großstädten herrscht eine extrem angespannte Wohnungssituation, was dazu führt, dass der Bau von neuen Wohnungen allem anderen untergeordnet wird und auch der letzte Rest an Freiraum versiegelt wird. Und gerade in einer alternden Gesellschaft schätzen nicht alle das Grün im privaten Umfeld, weil es Arbeit macht. Die sich ausbreitenden Steingärten sind eine Entwicklung, der entgegen gesteuert werden muss.

Was schlagen Sie vor?

Es geht nicht, dass wir alle Grünflächen dicht machen. Wir brauchen grüne Mosaike und Trittsteine in der Bebauung, die einen hohen Schutzstatus haben. Natürlich gibt es dazu Vorschriften, aber man darf davon abweichen – und von dieser Möglichkeit machen Städte viel zu oft Gebrauch. Wahrscheinlich müsste man im Rahmen der Baunutzungsverordnung oder entsprechenden gesetzlichen Grundlagen darüber nachdenken, höhere Mindeststandards für die Freihaltung unversiegelter Flächen zu schaffen. Bürger zu beteiligen reicht nicht aus. Um Mindeststandards von Grünflächen in hoch verdichteten Quartieren sicherzustellen, brauchen wir harte Instrumente.

Was sind denn aus Ihrer Sicht gute Beispiele für Klimawandelanpassung?

Es gibt eine Vielzahl von sehr engagierten Kommunen. Berlin hat zum Beispiel mit Hilfe des Deutschen Wetterdienstes eine Klimaanalyse durchgeführt und einen großen Stadtentwicklungsplan Klimaanpassung erstellt und auch hinsichtlich der Grünplanung ein umfassendes Konzept gemacht, das auch das Thema Starkregenvorsorge beinhaltet. Es gibt aber auch viele kleinere Städte wie zum Beispiel Nagold, Syke, Bad Liebenwerda, die Vorfluter renaturieren, kanalisierte Bereiche zurückbauen und dort Retentionsräume und Wasserversickerungsflächen schaffen oder Parkplätze in begrünte Erholungsräume umwidmen. Großstädte wie Jena sind vorbildlich beim Thema Klimawandelanpassung in Tallagen, um ihre Probleme mit Hochwasser, Hitze und der Zufuhr von Frischluft anzugehen. Dort werden Plätze wassersensibel umgestaltet, Plätze verschattet und Hanglagen und Seitentäler freigehalten. Essen ist seit langer Zeit dabei, alte Industriegebiete wassersensibel umzugestalten. Ein gutes Beispiel ist auch das Wiener Quartier Seestadt Aspern. Dort wurde es trotz extrem hoher wohnlicher Dichte geschafft, Mikroparks und auch größere Grünflächen in der Anlage zu realisieren und auch damit ein angenehmes Wohnumfeld geschaffen. Solche Konzepte sind wegweisend: grüne Oasen im Stadtgebiet, die auch bei höheren Temperaturen ein angenehmes lokales Klima schaffen.

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Weiterführende Informationen zur Klimawandel-Anpassung

  1. Die Beratungsleistungen des Deutschen Wetterdiensts zu den Themen Klimawandelanpassung, Gesundheits- und Bevölkerungsschutz sowie Katastrophenvorsorge sind für Städte und Gemeinden kostenfrei. Kommunale Einrichtungen wie Kindergärten und Altenheime können sich über die WarnWetter-App des DWD oder per Newsletter über UV-Warnungen, Hitzewarnungen, Pollenflug-Gefahrenindex, Hitzewarnungen für Pflegeeinrichtungen sowie das Ozon-Bulletin informieren und entsprechende Vorkehrungen treffen. www.dwd.de/stadtklima
  2. Das Klimavorsorge (KLiVO)-Portal der Bundesregierung bündelt Daten und Informationen zum Klimawandel sowie Dienste wie Leitfäden, Webtools, Karten oder Qualifizierungsangebote zur zielgerichteten Anpassung an die drohenden Veränderungen. https://www.klivoportal.de/DE/Home/home_node.html
  3. Die Website www.klimastadtraum.de des BBSR bündelt Informationen zur Klimaanpassung in Stadt und Region und hält Werkzeuge zur Klimaanpassung bereit.
  4. Auch auf der Webseite KlimaScout finden sich umfangreiche Anpassungsmaßnahmen. http://www.klimascout.de
  5. Auf dem Informationsportal Klimaanpassung in Städten (Inkas) können für verschiedene Bebauungstypen die Auswirkungen unterschiedlicher städtebaulicher Maßnahmen zur Minderung der städtischen Überwärmung in wenigen Schritten analysiert und verglichen werden. www.dwd.de/inkas
  6. Auf dem Stadtklimalotsen finden sich Umsetzungsbeispiele aus der Planungspraxis www.stadtklimalotse.net
  7. Das „Weißbuch Stadtgrün“ beschäftigt sich mit der Entwicklung attraktiver grüner innerstädtischer Standorte.
  8. Beispiele engagierter Kommunen werden auf www.klimastadtraum.de aufgeführt.
  9. Studie der ETH Zürich.


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Daniela Becker

Daniela Becker

Daniela Becker ist Umweltwissenschaftlerin und arbeitet seit 2010 als freie Journalistin zu den Themen erneuerbare Energien, Energie- und Verkehrswende, Klimaschutz und Clean-Tech.


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