1. RiffReporter /
  2. Gesellschaft /
  3. Kolonialismus-Debatte: Das Stuttgarter Linden-Museum stellt sich seiner Geschichte

Kolonialismus-Debatte: Das Stuttgarter Linden-Museum stellt sich seiner Geschichte

Das traditionsreiche Museum zeigt, wie der Sammeleifer der Ethnologen mit kolonialer Politik zusammenhing. Manche Sammlungsobjekte bergen Überraschungen.

von
09.06.2021
6 Minuten
Blau und rot akzentuierte Textblöcke und Grafiken auf Stellwänden.

Endlich wieder offen: Die Ausstellung „Schwieriges Erbe. Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus“ in Stuttgart. Seit November letzten Jahres ist sie aufgebaut, konnte aber im Frühjahr nur für wenige Wochen Besucher:innen empfangen. Nun soll sie bis zum 8. Mai 2022 laufen, damit Schulklassen und andere Gruppen Gelegenheit haben, an Workshops der „Werkstattausstellung“ teilzunehmen und Verbesserungsvorschläge zu machen. Das Projekt versteht sich als weitere Etappe auf dem Weg zur Neubestimmung des Stuttgarter „Völkerkundemuseums“. Nicht nur die Ausstellungsstrategie ist so noch nicht dagewesen, auch die umfassende Aufarbeitung der eigenen Geschichte hat überraschende Einsichten zutage gefördert.


Obstnamen sind unverfänglich. Aus der Tanga-Straße wurde die Quittenstraße, aus der Wissmann-Straße die Johannisbeerstraße und aus der Deutsch-Ostafrika-Straße die Aprikosenstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen in Stuttgart zahlreiche, während der Kolonialzeit benannte Straßen neue Namen. Mit dem Booklet der Ausstellung „Schwieriges Erbe Linden-Museum und Württemberg im Kolonialismus“ in der Hand, kann man auf den Spuren des kolonialen Stuttgart wandeln. Es verzeichnet eine Vielzahl von Denkmälern und Gedenktafeln, ehemaligen Versammlungsorten und Geschäftsstellen.

Die authentischen Orte machen die breiten Unterstützung des Kolonialismus im Südwesten sichtbar. Die Recherche fand im Rahmen der Vorbereitung der Werkstattausstellung statt, die sich als umfassende Revision der Geschichte des „Völkerkundemuseums“ begreift. Im Bereich der bildenden Kunst war die Kunsthalle Bremen 2017 im Rahmen des Projekts „Bremer Erinnerungskonzepts Kolonialismus“ Vorreiter eines postkolonialen Blicks auf die Geschichte einer renommierten kulturellen Institution.

Am Anfang des Stuttgarter Projekts stand die Erkenntnis, dass es so gut wie keine Literatur zur Entstehung des Linden-Museums gibt. Deshalb beauftragte das Linden-Museum 2018 den Kolonialismus-Forscher Heiko Wegmann, Initiator der Plattform freiburg-postkolonial, mit einer Studie zur Geschichte des Museums. Seine vorläufige Ergebnisse waren so „bedeutsam“, wie Direktorin Inés de Castro sagte, dass sich eine Ausstellung in eigener Sache aufdrängte. Die Inhalte lieferten in diesem Fall nicht Ethnolog:innen, sondern der Historiker Heiko Wegmann und Markus Himmelsbach, Historiker und Provenienzforscher am Linden-Museum.

Historische Fakten anschaulich machen

Wer die Ausstellung betritt, fühlt sich anfangs erschlagen von den Textmassen und Grafiken auf den Schautafeln. Doch dauert es nur wenige Minuten, bis der Zeitstrahl, die Diagramme und Karten mehr mitteilen, als ein homogener Text dies in kurzer Zeit könnte. Die Stuttgarter Kolonialbewegung war eng mit der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs verflochten, personell und institutionell, und ihre Aktivitäten ragten tief in die Zeit des Nationalsozialismus hinein.

Schwarzweißfoto, das Schränke und Vitrinen zeigt, die mit ethnografischen Objekten vollgestellt sind.
Blick in die erste Dauerausstellung des Linden-Museums Stuttgart in der Gewerbehalle Stuttgart. Das Foto wurde um 1899 aufgenommen.

Kostenfreier Newsletter: Das Beste aus dem Riff

Tragen Sie sich hier ein – dann stellen wir Ihnen kostenfrei wöchentlich die besten Beiträge der über 100 Journalistinnen und Journalisten unserer Genossenschaft vor.

Grundlegende Fakten waren selbstverständlich bekannt: Die Bestände des 1911 eröffneten Linden-Museums gehen auf die Sammlungen des 1882 gegründeten Württembergischen Vereins für Handelsgeographie und die Förderung deutscher Interessen im Ausland (WVHGeo) zurück, in deren Trägerschaft sich das Museum noch bis 1973 befand. Wenig wusste man hingegen, unter welchen Umständen eines der großen „Völkerkundemuseen“ Deutschlands seine Arbeit aufnahm.

Eurozentrismus verstehen lernen

Es geht bei diesem ambitionierten Projekt auch um einen neuen Blick auf ein vermintes Gelände. Das LindenLAB 5, die mit der Neuausrichtung des Museums befasste Arbeitsgruppe, und die Gestalter Holzer Kobler aus Zürich setzten angestrebte Multiperspektivität einfallsreich um. Eine Weltkarte mit verschiedenen Größenproportionen lädt ein, mit einem Blick durch rot oder blau gefärbte Brillen das eigene Weltbild zu relativieren. Eurozentrismus ist eine Weltanschauung, die seine eigene Perspektive nicht als eine unter vielen erkennt. Schon das Gedankenexperiment nicht in Deutschland, sondern vielleicht in Bolivien, in Kamerun oder China aufgewachsen zu sein, hat einen verblüffenden Effekt.

In der Ausstellung sollen neue Perspektiven auf alte Gewissheiten möglich sein. Deshalb hängt das Porträt des Namensgebers des Museums, Karl von Linden, nicht unkommentiert an der Wand. Es wird gefragt, ob der langjährige Vorsitzende der WVHGeo heute weiterhin als Förderer der Forschung im Sinne der „Rettungsethnologie“ betrachtet werden kann oder nicht auch das Gebaren eines sammelwütigen Hehlers an den Tag gelegt hat. Karl von Linden sah sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts durch das Bewusstsein legitimiert, dass die Kolonisierung unweigerlich zur Zerstörung der von den Europäern kolonisierten Kulturen führen würde.

Von seinem Schreibtisch aus baute er unermüdlich ein riesiges Netzwerk von Zuträgern auf. Im Dienst der Sache schrieb er bis zu 1000 Briefe im Jahr. Sein Sammeleifer macht ihn aus heutiger Perspektive zu einer ambivalenten Figur. Seine guten Absichten und seine Blindheit gegenüber der latente Gewalt, die seine Aktivitäten auslösten, machen ihn zu einer Symbolfigur für die kolonialen Verstrickungen der damaligen Elite.

Sammelbilder als Werbeträger

Die „Kolonialbewegung“ um 1900 bildete vielfältige Strukturen in Politik, im Handel und im Militärwesen aus, die wiederum eng mit privaten und gesellschaftlichen Aktivitäten verbunden waren. Die Ludwigsburger Kaffee-Firma Heinrich Franck & Söhne unterstützte das Linden-Museum finanziell und warb mit ihren Produkten beigelegten Sammelbildern für die Kolonien. Ausschneidebögen für ein afrikanisches Dorf oder Dschungel-Kulissen für Kasperle-Theater trugen den Gedanken des Exotismus und Kolonialismus in die Kinderzimmer. Kolonialwarenläden gehörten nicht nur in Stuttgart zum alltäglichen Stadtbild.

Doch war die Kolonialpolitik in manchen Kreisen schon damals umstritten. Teile der Sozialdemokratie und liberale Kreise kritisierten die brutale Kriegsführung der deutschen Truppen im Ausland. Ausgestellt ist eine entsprechende Karikatur aus der Zeitschrift „Der wahre Jacob“. Ihr Redakteur Karl Schmidt musste sich 1901 wegen Beleidigung eines Expeditionskorps vor Gericht verantworten.

Vergoldete Figur eines sitzenden Buddha.
In einem Brief an Karl von Linden schrieb Carl Waldemar Werther freimütig, dass er die aus Tibet stammende Figur aus dem Tempel der 10.000 Buddhas in der Pekinger Kaiserstadt geplündert habe.

Die Aufarbeitung der Geschichte des Linden-Museums zog eine breite historische Recherche nach sich. Die damals populäre Kolonialbewegung stellt ein komplett verdrängtes Kapitel deutscher Geschichte dar. Die gründliche historische Revision des Linden-Museums macht deutlich, dass ohne die Kenntnis des damaligen Hypes, der Begeisterung für das vermeintlich „Fremde“, die Gründung und der Sammeleifer der Völkerkundemuseen kaum begriffen werden kann.

Buddhafigur erzählt von Plünderung

In seltenen Fällen sprechen sie Sammlungsobjekte für sich. Eine vergoldete Buddha-Figur aus Ton etwa, die schon etwas ramponiert aussieht. Der Kopf der kleinen Figur wurde vor langer Zeit notdürftig wieder angeklebt. Dieser Makel machte sie für den Provenienzforscher Markus Himmelsbach zu einem Glücksfund, weil er schriftliche Quellen fand, die auf das Objekt hinwiesen.

Es handelt sich nicht um ein beliebiges Objekt aus der Sammlung Carl Waldemar Werthers, der als Leiter der Nachrichten-Expedition der deutschen Streitkräfte um 1900 am „Boxerkrieg“ in Ostasien teilnahm. In einem Brief an Karl von Linden berichtete Carl Waldemar Werther freimütig, dass er die aus Tibet stammende Figur aus dem Tempel der 10.000 Buddhas in der Pekinger Kaiserstadt geplündert habe. Er setzte hinzu, dass ein Buddha den Kopf verloren habe, wie auch viele Chinesen während der Kampfhandlungen den ihren.

Der Rassismus der Kolonialzeit äußerte sich besonders krass in den Völkerschauen, die auch in Stuttgart zu den populären Unterhaltungsformaten gehörten. Markus Himmelsbach und Heiko Wegmann konnten für die Zeit zwischen 1857 und 1930 Belege für knapp dreißig solcher Veranstaltungen finden, bei denen Menschen aus afrikanischen Gebieten, Lappland, Indien oder Nordamerika zur Schau gestellt wurden.

Lamellenwand, die beim Vorbeigehen unterschiedliche Bilder zeigt, unter anderem den Satz „Wer betrachtet wen?“.
Wer betrachtet wen? Visualisierung des Prinzips Völkerschau.

Sprachsensible Konzepte

Wer Bilder von Völkerschauen zeigt, läuft Gefahr, die Gefühle von Besucher:innen zu verletzen. Um das dem Spektakel zugrunde liegende Muster von Betrachtern und Betrachteten aufzuheben, griffen die Gestalter zu einem optischen Trick. In Stuttgart ist zwar eine in mehrere Motive gesplitterte Fototapete von Völkerschauen wandfüllend präsent. Doch erlaubt das in Lamellentechnik angebrachte Panorama, den Blick mit wenigen Schritten umzukehren.

Ob solche Strategien wirklich funktionieren, sollen die Besucher:innen entscheiden. Die Werkstatt-Ausstellung stellt sich am Ende der Schau selbst zur Diskussion. Jeder oder jede kann in die bereitstehenden Laptops schreiben, was er oder sie denkt.

Soll das Linden-Museum weiterhin den Namen des Gründers tragen? Sollen Straßennamen in Stuttgart umbenannt werden? Die Konrad-Adenauer-Straße vielleicht? Der spätere langjährige Bundeskanzler war laut Recherche des Linden-Museums in den Jahren 1931 bis 1933 stellvertretender Präsident der Deutschen Kolonialgesellschaft. Oder die Mauser-Straße, denn die Firma Mauser & Co aus Oberndorf stattete die Kolonialtruppen mit Gewehren aus?

Das soll nun die Stadtgesellschaft mitentscheiden. Wie auch immer das Ergebnis ausfällt, liegt der Wert solcher Fragen in der Debatte, in der Auseinandersetzung mit den historischen Tatsachen. Einfache Antworten gibt es nicht. Die Umbenennung der Ostafrika-Straße in Aprikosenstraße mag vielen als gute Lösung erscheinen, doch wurden damit auch Spuren der „kolonialen Bewegung“ in Stuttgart gelöscht. Was besser ist, darüber kann man streiten. Die Frage hingegen, ob Adenauers zwei Jahre andauerndes Engagement in der Deutschen Kolonialgesellschaft seinem politisches Lebenswerk als Kölner Oberbürgermeister und Bundeskanzler ernsthaft schaden könnte, scheint eher ein Fall für Historiker:innen zu sein.

In Stuttgart dürfte nach dieser historischen Tiefenbohrung das „schwierige Erbe“ weder vom Museum noch von der Stadtgesellschaft zu ignorieren sein. Die Fülle und Brisanz des Materials zur Geschichte des Linden-Museum, aber auch das innovative und sprachsensible Konzept der Vermittlung, machen deutlich, auf welcher Grundlage sich Institutionen wie diese erneuern können.

Unterstützen Sie „DebatteMuseum“ mit einem Betrag Ihrer Wahl. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


DebatteMuseum

Die Museen sind in einem tektonischen Verschiebeprozess begriffen. Sie erfüllen als Gatekeeper des Wissens eine wichtige gesellschaftliche Rolle, bieten aber auch multiple Erfahrungsräume und dienen als praktisches Labor des Denkens. DebatteMuseum verfolgt diesen Prozess der Veränderung und der Reorganisation. Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museumsszene, neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

Nach Katrin Ströbel und Clemens von Wedemeyer hat Bettina Munk das aktuelle Titelbild für DebatteMuseum zur Verfügung gestellt. Es zeigt die Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1 in der Ausstellung Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016. 

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Carmela Thiele

Jollystraße 47
76137 Karlsruhe

E-Mail: ct@debattemuseum.de

www: https://www.torial.com/carmela.thiele

Tel: +49 1516 1526836

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Faktencheck: Carmela Thiele
VGWort Pixel