Senckenberg-Chef: Massive Renaturierung ist der Schlüssel für eine Erholung der Oder

Gewässerökologe Klement Tockner sieht in großangelegten Investitionen in eine Erholung der Oder nach der Giftkatastrophe eine Chance für den Fluss und die Menschen, die dort leben.

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Blick auf den Oderstrom vom Boot aus

Der führende Gewässerökologe Klement Tockner, sieht gute Chancen für eine Erholung der Oder nach der Giftkatastrophe. Um die Rückkehr des Lebens in den Fluss zu beschleunigen, fordert er großangelegte Maßnahmen zur Renaturierung und den Stopp der Ausbaupläne für den deutsch-polnischen Grenzfluss. Die Zusage der polnischen Regierung, die Oder wieder in einen guten ökologischen Zustand zu bringen, sei nur einzuhalten, wenn der bereits weit fortgeschrittene Ausbau des Flusslaufs sofort beendet werde, sagte der Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, im Interview. „Einerseits den Ausbau zu einer Wasserstraße voranzutreiben und auf der anderen Seite den Fluss in einen natürlichen Zustand bringen zu wollen, sind nicht vereinbare Ziele“, betonte der Experte.

Porträtfoto Klement Tockner
Der Gewässerökologe Klement Tockner ist seit 2021 Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung. Er plädiert für eine ambitionierte Renaturierung nach der Katastrophe auf der Oder.

Herr Tockner, bereits 100 Tonnen Fischkadaver haben Helfer nach Schätzungen allein auf deutscher Seite aus der Oder geborgen. Hat ein so sehr geschädigter Fluss überhaupt eine Möglichkeit, sich zu erholen?

Flüsse sind offene, vernetzte Systeme. Sie können sich „erholen“, weil eine Wiederbesiedelung beispielsweise über die Zuflüsse stattfinden kann. Wenn die Zuflüsse nicht massiv betroffen sind, kann sich der Fluss sogar recht rasch erholen. Wie lange das aber schlussendlich dauert, hängt neben der Schwere des Ereignisses natürlich auch vom aktuellen ökologischen Zustand des Flusssystems ab.

Wie sind denn konkret die Voraussetzungen an der Oder für eine Erholung?

An der Oder kommen zusätzliche Belastungen zu einer möglichen Verunreinigung hinzu: Der Fluss ist teilweise kanalisiert und es herrscht derzeit akutes Niedrigwasser. Es sind also sehr wahrscheinlich multiple Stressoren, die zu diesem massiven Fischsterben geführt haben. Das haben wir anderorts auch schon erlebt. So gab es 2003 und 2018 im Rhein Massensterben von Aalen und Äschen. Beide Ereignisse waren Folgen einer Kombination aus großer Hitze, niedrigen Wasserständen und einer damit einhergehenden geringen Sauerstoffkonzentration. An der Oder ist das Sterben aber offensichtlich so ausgeprägt, dass zusätzliche Faktoren wie massive Verunreinigungen eine Rolle spielen – aber eben nicht ausschließlich. Auch dann gilt: Grundsätzlich kann die Oder sich erholen.

Blick in eine renaturierte Fläche im Stettiner Haff aus Drohnenperspektive
„Die Regeneration der Lebensräume und die Wiederbesiedlung mit Fischen könnten schneller vorangehen, wenn wir verstärkt in Renaturierung investieren würden“, sagt der Gewässerökologe Klement Tockner. Am Stettiner Haff gbit es bereits renaturierte Flächen.

Sie plädieren für großangelegte Renaturierungsmaßnahmen, um die Widerstandskraft von Ökosystemen auch gegen den Klimawandel zu stärken. Was könnte damit gewonnen werden?

Die Regeneration der Lebensräume und die Wiederbesiedlung mit Fischen könnten schneller vorangehen, wenn wir verstärkt in Renaturierung investieren würden. In Deutschland befinden sich derzeit nur acht Prozent der Bäche und Flüsse in einem zumindest guten ökologischen Zustand. Ein schlechter ökologischer Zustand schränkt das Regenerationspotenzial eines Flusses grundlegend ein. Wir müssen aber nicht nur viel ambitionierter in Renaturierungen investieren, um die ökologische Integrität der Flüsse und ihr Potenzial zu erhöhen, sich von solchen Katastrophen erholen zu können. Es geht auch darum, das Wasser in der Landschaft zu halten. Wir haben fast alle Bäche und Flüsse kanalisiert, das heißt, das Wasser wird so rasch wie möglich abtransportiert. Bei Niedrigwasser ist dann sofort kein Tropfen Wasser mehr in der Landschaft gespeichert. Wiedervernässte Moore oder angebundene Auensysteme wären sowohl für die Regenerationsfähigkeit des Flusses als auch für einen nachhaltigen Landschaftswasserhaushalt von zentraler Bedeutung. Und es gibt ungezählte weitere Vorteile.

Woran denken Sie dabei?

Dem Fluss mehr Raum zu geben, ist auch ein natürlicher und somit kostengünstiger Schutz vor künftigen Hochwassern. Wir werden in Zukunft beides erfahren: längere Niedrigwasserperioden und stärkere Hochwasserwellen. In beiden Fällen hilft Renaturierung nachhaltig, die massiven Folgen abzudämpfen. Naturbasierte Lösungen sind daher eine ausgesprochen gute Alternative zu rein technisch orientierten Maßnahmen. Nicht unterschätzen sollten wir die vielen weiteren positiven Nebeneffekte der Renaturierung von Flüssen für Mensch und Natur: Die Artenvielfalt steigt, der Erholungswert nimmt zu.

Welche Lebensräume sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig?

Schlüsselfaktoren für eine erfolgreiche Wiederherstellung geschädigter Flussökosysteme sind intakte Auensysteme, die an die Flussläufe angebunden sind. Dazu braucht es eine gute Verbindung zum Grundwasserkörper und einen offenen Austausch mit den Zuflüssen, aus denen die Wiederbesiedlung durch Fische und andere Organismen stattfinden kann.

Drohnenfoto eines überschwemmten Polders
Intakte Auen- und Polder sind Überlebensräume für Fische und viele andere Tiere. Blick in den Anklamer Stadtbruch am Oderhaff

Statt Renaturierung setzt vor allem die polnische Regierung auf eine weitere Regulierung des Flusslaufs. Die Fahrrinne soll vertieft werden, hunderte Buhnen werden gegen den Protest von Naturschutzverbänden und des Landes Brandenburg gerade „ertüchtigt“, damit Schiffe weiter fahren können …

Anhaltende Niedrigwasserperioden werden in Zukunft häufiger auftreten. Hinzu kommt, dass die Oder als Wasserstraße wohl keine blühende Zukunft hat. Die Oder in einen Schifffahrtskanal umzuwandeln stellt einen massiven ökologischen Eingriff dar und ist ökonomisch kaum nachhaltig. Wird die Fahrrinne vertieft, dann sinkt etwa der Grundwasserkörper in den angrenzenden Gebieten zusätzlich ab. Dann kommt es zu einer noch stärkeren Austrocknung der angrenzenden Gebiete und man entkoppelt den Flusslauf von seinen Zuflüssen und Auen, was das Ökosystem Fluss wiederum massiv schwächt.

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat seinen Landsleuten versprochen, die Oder nach der Katastrophe wieder in einen guten Zustand zu bringen. Wie geht das zusammen mit den Ausbauplänen?

Der Wunsch oder gar das Versprechen, die Oder wieder in einen natürlichen Zustand zu bringen, wäre tatsächlich eine zukunftsgerichtete Vision des polnischen Ministerpräsidenten. Dann müsste er aber mutig in Renaturierungen investieren. Einerseits den Ausbau zu einer Wasserstraße voranzutreiben und auf der anderen Seite den Fluss in einen natürlichen Zustand bringen zu wollen, sind nicht vereinbare Ziele.

Polen argumentiert mit dem Hochwasserschutz und will den Fluss als Schifffahrtsstraße sichern?

Wenn man die Oder in eine Schifffahrtstraße umwandelt, wird sie nur für einen einzigen Nutzungszweck optimiert und dieser ist zudem nicht einmal ökonomisch nachhaltig. Wenn man renaturiert, hat man vielfältigen Nutzen und es profitieren viele davon – auch die Landwirtschaft, die Fischerei sowie die vielen Erholungssuchenden. Und am meisten profitiert natürlich der Fluss als einzigartiger und vielfältiger Lebensraum. Naturschutz bedeutet immer auch vielfältigen Nutzen und hohen Wert für den Menschen.

Es bleibt aber tragisch, dass es oft solche Katastrophen benötigt, um ein Umdenken zu bewirken.

Sie meinen, es könnte etwas Gutes aus der Katastrophe erwachsen?

Das war etwa auch bei der Sandoz-Katastrophe im Rhein so. Erst danach wurden hohe Milliardensummen in den Bau von Kläranlagen investiert und ambitionierte Projekte entlang des Rheins umgesetzt. Das hat zu einem fundamentalen Umdenken in der Gewässernutzung geführt. Gerade im niederländischen Teil wurde mehr Raum für den Fluss geschaffen. Das hat zu massiven Verbesserungen geführt und zu einer Sensibilisierung für den Natur- und Umweltschutz in der Bevölkerung gesorgt.

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