Strategie Netzwerkmuseum: Neben Provenienzforschung und Restitution ein Schritt zur Dekolonisation?

Gespräch mit Léontine Meijer-van Mensch über die Transformation des Völkerkundemuseums Leipzig in einen Ort der gesellschaftlichen Debatte

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Eine Frau in blauem Hosenanzug vor transparenten Wänden des neuen Backstage-Bereichs des Museums.

Der Titel „Reinventing Grassi“ steht für einen dreijährigen Prozess, der dem Grassimuseum für Völkerkunde Leipzig zu neuen Strukturen verhelfen soll. Das Ziel: Mehr Durchlässigkeit, Vielstimmigkeit, mehr inhaltliche Verantwortung, mit einem Wort: Dekolonisation. Es geht um die Etablierung eines diskursiven Museums, in dem die Deutung und Präsentation der in der Mehrzahl aus den ehemaligen deutschen Kolonien stammenden Objekte nicht mehr allein den Museumskurator*innen vorbehalten ist. Léontine Meijer-van Mensch nennt ihr neues Modell „Netzwerkmuseum“, ein Haus, das möglichst viele unterschiedliche Menschen einbezieht und Raum für aktivistische und künstlerische Interventionen bietet. Im März 2022 eröffnete sie einen Teil des neustrukturierten Museums. Die Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen gehört zu den progressiven Stimmen in Deutschland, die sich der schwierigen Aufgabe des Museumsumbaus stellen. Die 1972 in den Niederlanden geborene Historikerin und Museologin erläutert im Gespräch mit DebatteMuseum die Basis ihrer experimentellen Strategie. Sie erklärt, welche Bedeutung künstlerische Interventionen für sie haben und warum es wichtig ist, mutig zu sein.

DebatteMuseum Was verstehen Sie unter einem „Netzwerkmuseum“? Woher kommt der Begriff?

Léontine Meijer-van Mensch Für mich waren die Ideen des spanischen Soziologen Manuel Castells, die Idee der network society, inspirierend. Seine Bücher, die ich vor Urzeiten gelesen habe, haben mich geprägt. Ich bin in einer Zeit in den Niederlanden intellektuell erwachsen geworden, in der ein kultureller Kahlschlag regierte und viele Häuser geschlossen oder zusammengelegt worden sind. Mir wurde klar, dass wir weniger konkurrieren, sondern sehr viel mehr miteinander zusammenarbeiten sollten. Ob es um Drittmittel geht oder um unterschiedliche Kompetenzen. In der Ethnologie, aber auch auf anderen Gebieten, ist heute die Forschung weitgehend an der Universität angesiedelt und weniger am Museum. Warum sollte man da nicht wieder enger miteinander zusammenarbeiten? Zusammen ist man stärker, das ist für mich wichtig.

Welche Fragen hat Manuel Castells in die Debatte eingebracht?

Bei Castells geht es um eine global vernetzte Welt in einem postmigrantischen Kontext. Ich finde sehr viele theoretische und methodische Anregungen im lateinamerikanischen Kontext. Castells ist kein Museumsmann, aber er ist dort von den Museen stark rezipiert worden. Für den ethnologischen Kontext sind noch andere Fragen wichtig: Was bedeutet es, dass die Objekte hier sind? Wer darf hier sprechen, wer nicht? Können wir mit unserer speziellen musealen Expertise tatsächlich alles abdecken? Gibt es da nicht andere Denkstrukturen für mehr Expertisen, die man in das System Museum einbringen muss? In Ethnologischen Museen sind solche Fragen besonders wichtig, weil es um Eigentumsfragen geht und um Autorenschaft. Das betrifft nicht nur das gemeinsame Kuratieren, sondern auch Fragen der Restaurierung und der Konservierung. Steht die von uns praktizierte Form der Museumsarbeit im Einklang mit der Haltung des Herkunftslandes der Objekte? Deshalb ist das im Grassi neu eingerichtete Backoffice so wichtig, wo – einsehbar für die Besucher*innen – solche Dinge neu verhandelt werden.

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