Ein Wald soll zurück ins Mittelalter

Was Naturschützer und Freizeitsportler freut, bereitet Holzverarbeitern und Jägern Kopfzerbrechen

Adriane Lochner Waldstück mit einigen Fichten, dazwischen junge Buchen und einige Tannen.

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Die Dürre der vergangenen Monate wirft erneut die Frage auf: Wie soll der Wald der Zukunft aussehen? Schon seit Langem diskutieren Forstleute, Naturschützer und Umweltpolitiker, wie man Wälder auf solche Wetterextreme vorbereiten kann. Jahrhunderte lang genutzte Monokulturen sollen von Menschenhand umgebaut werden in ursprüngliche und klimatolerante Mischwälder – eine Aufgabe, die zahlreiche Herausforderungen birgt. Die Kontroverse rund um den Waldumbau lässt sich besonders gut im Frankenwald im Norden Bayerns verfolgen.

„Frankenwald“ ist die Bezeichnung für ein Mittelgebirge, das zu Teilen im Süden Thüringens und in Oberfranken liegt. Die höchste Erhebung ist der Döbraberg bei Schwarzenbach am Wald mit 794,6 Metern über dem Meeresspiegel. Man sagt: „Im Frankenwald gibt es keine Berge, da gibt es Täler.“ Denn die Hochebene ist durchfurcht von den Quellflüssen der Weser und des Mains. Die Ködeltalsperre bei Nordhalben ist eine der größten Trinkwassertalsperren Bayerns. Der Frankenwald ist Teil des Grünen Bandes, eines Biotopenverbunds, der sich von der Ostsee bis ins Vogtland erstreckt, entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Wo einst Zäune, Mauern und Minenfelder Bevölkerung und Lebensräume trennten, befindet sich heute eine ökologische Vorzeigeregion.

Blick von einem Aussichtspunkt über Felder und Waldstücke.
Der Frankenwald ist Teil des Grünen Bandes, bundesweit eine ökologische Vorzeigeregion.
Adriane Lochner

Die Zusammenarbeit zahlreicher Akteure ist es, die den Frankenwald zu etwas Besonderem macht. Der Bund Deutscher Forstleute (BDF) wählte ihn im vergangenen Jahr zum „Wald des Jahres“, weil es hier in besonderer Weise gelinge, „die forstliche Nutzung in Einklang mit dem Naturschutz und der touristischen Nutzung zu bringen.“ Aber stimmt das immer noch? Das eingespielte Miteinander aus Forstleuten, Bürgern, Vereinen, lokaler Politik und Wirtschaft steht vor einer großen Herausforderung: dem Waldumbau. Er greift tief in das Leben der Menschen in der Region ein ­und wirft viele Fragen auf.

Das Problem: Klimawandel und Borkenkäfer

Mit rund tausend Quadratkilometern Ausdehnung ist der Frankenwald größer als Berlin. Bei einer Fahrt durch das Gebiet stellt man fest, es handelt sich nicht um „einen“ Wald, sondern um viele Wälder, immer wieder getrennt durch Felder, Wiesen und kleine Dörfer. Manchenorts, etwa in Naturschutzgebieten und Naturwaldreservaten, sieht man vorrangig aus Buchen bestehende Laubwälder. Doch meistens sieht man das, was Forstleute als „Fichtenwüste“ bezeichnen: eine monotone Aneinanderreihung vieler, schurgerade gewachsener Baumstämme, die erst ab der oberen Hälfte benadelte Äste tragen. Zugegeben, die Fichte ist nicht unbedingt ein romantischer Baum, aber ein pflegeleichter Holzlieferant, zumindest war sie das. Denn die Ära der Fichte scheint vorüber.

Ein Förster begutachtet eine junge Buche inmitten großer Fichtenstämme.
Weg von der Fichtenwüste: Unter anderem mit jungen Buchen wollen Forstleute wie Peter Hagemann den Frankenwald in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzen.
Adriane Lochner

Heiße, regenarme Sommer sorgen dafür, das die Hauptbaumart des Frankenwalds schlechte Zukunftschancen hat. Die Fichte ist besonders empfindlich gegenüber Trockenstress. Das macht sie anfällig für Schädlinge, genauer gesagt für Borkenkäfer. Im Gegensatz zu Totholzkäfern, die sich von abgestorbenen Baumteilen ernähren, fressen Borkenkäfer die Bastschicht, durch die die Nährstoffe des Baumes fließen, von der Krone zu Stamm und Wurzeln. Wird dieser Fluss gestört, bricht der Stoffwechsel zusammen und der Baum stirbt. Sommerhitze beschleunigt den Prozess, zum einen, weil die Bäume stärker transpirieren, zum anderen, weil sich die Käfer bei warmen Temperaturen schneller entwickeln. 

Derzeit besteht der Frankenwald zu 78 Prozent aus Fichte, zu zwölf Prozent aus Buche und zu zwei Prozent aus Tanne. Acht Prozent machen andere Baumarten aus. Um den Borkenkäfer aufzuhalten, soll der Frankenwald umgebaut werden, vom Fichten- zum Mischwald. Ziel ist es, den Anteil der Fichte auf etwa 40 Prozent zu reduzieren. Das heißt, der Mensch pflanzt andere Baumarten an, hauptsächlich Buchen und Tannen. Peter Hagemann, Leiter des Staatsforstbetriebs Rothenkirchen, erklärt, warum das notwendig ist: „Würde man nichts tun, würde zunächst der Bestand an Fichten zunehmen, da diese sich stark fortpflanzen“, sagt er. Als Folge würden durch Käferbefall große Waldflächen auf einmal absterben und es würde zu Hangrutschungen kommen. „Die Natur braucht den Menschen nicht, die Natur würde sich anpassen über mehrere Jahrhunderte“, so Hagemann. Der Mensch aber sei auf die Schutzfunktion des Waldes angewiesen.

Buchdrucker und Kupferstecher heißen die beiden Borkenkäferarten, die speziell Fichten befallen. Ihre Namen haben sie von den Mustern, die die Larven unterhalb der Baumrinde graben. Während der Kupferstecher verschnörkelte Fraßbilder erstellt, arbeitet sich der Buchdrucker gleichmäßig voran. Ein Käferweibchen legt innerhalb einer Saison etwa 200 Eier. Der Bestand wächst exponentiell, unter optimalen Bedingungen werden aus einem Käfer 100.000. Um diese rasche Entwicklung zu bremsen, müssen befallene Bäume sofort gefällt und ins Sägewerk geschafft werden. Dem Geschäftsführer der Waldbesitzervereinigung Kronach-Rothenkirchen, Wolfgang Schirmer, zufolge werden Käferbäume meist zu spät erkannt. Lediglich frisches Bohrmehl weist an der Baumaußenseite auf einen Neubefall hin.

Welche Verheerung Borkenkäfer anrichten können, wurde in den 1990er Jahren im Nationalpark Bayerischer Wald deutlich. Tausende von Hektar Waldfläche fielen dem Schädling zum Opfer. Aufgrund der Hitzewelle im August herrscht derzeit Warnstufe rot für den Buchdrucker im Frankenwald sowie in vielen anderen Teilen Bayerns (Quelle: www.fovgis.bayern.de/borki). 

Spannungsfeld 1: Die Fichte als Brotbaum

Es ist nicht das erste Mal, dass der Frankenwald von Menschenhand umgebaut wird. Vor 2000 Jahren bestand er fast ausschließlich aus Laubbäumen. Mit der Besiedelung im 11. und 12. Jahrhundert und dem Aufkommen des Holzhandels hat sich viel verändert. Die Fichte, eine schnell wachsende und leicht zu verarbeitende Baumart, wurde gebraucht, als Rohstoff, für die Glasherstellung, zur Verhüttung von Eisenerz und als Exportware für die Flößerei. Die zahlreichen Wasserläufe, die zum Main hin fließen, erleichterten den überregionalen Holztransport. In Form von Flößen, zusammengebundenen Baumstämmen, gelangte Bauholz aus dem Frankenwald in das Rhein-Main-Gebiet und sogar bis nach Amsterdam.

Männer arbeiten mit Äxten an Fichtenstämmen.
Floßbau: Was heute Touristenattraktion ist, war früher Notwendigkeit. Vor allem für die Flößerei wurde die Fichte im Frankenwald angepflanzt.

Laubholz, das der Buche beispielsweise, ist dichter als das der Fichte. Solches Hartholz hat zwar einen höheren Brennwert, eignet sich aber nicht zum Flößen. Daher wurden Fichten und Tannen angepflanzt, beides Weichhölzer, die gut auf der Wasseroberfläche schwimmen. So wurde der Frankenwald zum Kulturwald. Während die Flößerei heute als Kulturgut und Touristenattraktion gilt, ist die Sägeindustrie noch immer auf das leicht zu verarbeitende Fichtenholz angewiesen.

Rund 20 große und mittelständische Sägewerksbetriebe gibt es im Frankenwald. Eines davon ist das Sägewerk Müller-Gei in Wallenfels. Seniorchef Reinhard Müller-Gei erklärt: „Wir sind ein Nadelholzbetrieb. Wir können nicht von heute auf morgen Laubholz schneiden.“ Letzteres sei schwerer, wachse langsamer, brauche länger zum Trocknen und platze auch bei geringen Fallhöhen schneller auf. „Laubholz muss schonender behandelt werden. Wir müssten Maschinenpark und Lagerplätze anders planen“, so Müller-Gei. Eine Umstellung erfordere große Investitionen. Könne man das notwendige Nadelholz vor Ort nicht mehr beschaffen, sei es nötig überregional einzukaufen, was wiederum längere Transportwege bedeutet. 

Auch die Bauindustrie ist auf die Fichte angewiesen. Das leicht zu verarbeitende Holz wird für Dachstühle und Dachlatten verwendet. Laubholz kommt eher in der Möbelindustrie zum Einsatz. Müller-Gei zufolge wären für Nadelholz-Sägewerke beispielsweise Tannen eine tragbare Alternative.

Tannenoffensive

Bis ins 19. Jahrhundert war die Tanne die führende Baumart im Frankenwald. Luftverschmutzung und die Kahlschlagstrategie der Waldwirtschaft begünstigten den Siegeszug der Fichte. Der Tannenanteil ist zwischen den Jahren 1930 und 2000 von 25 auf 1 Prozent gesunken. Heute wird die Tanne als Zukunftsbaumart gehandelt, unter anderem weil sie im Gebirge dank ihrer tiefreichenden Wurzeln mehr Erosionsschutz bietet als die Fichte. Vergangenes Jahr starteten die Bayerischen Staatsforsten die sogenannte Tannenoffensive: Der Anteil der Tanne soll bis 2050 bayernweit auf sechs Prozent und im Gebirge auf deutlich über zehn Prozent steigen. 

Staatsforst vs. Privatwald

Neben dem Summen von Insekten und dem Gezwitscher der Vögel hört man im Frankenwald noch ganz andere Geräusche: Irgendwo heult eine Motorsäge. Dann bricht das Holz mit einem lauten Knacken. Wenn der Baum auf dem Boden aufschlägt, kracht es und die Erde bebt. Danach brummen Traktor- und Harvestermotoren. Gelegentlich surrt eine Seilwinde. 

Etwa 40 Prozent des Frankenwalds sind Staatsforst, Wälder in staatlichem Eigentum. Betreut werden diese Flächen von den Staatsforstbetrieben Rothenkirchen und Nordhalben, die über jede Menge Fachpersonal und fortschrittliches Equipment verfügen. Die restlichen Waldflächen, etwa 60 Prozent, gehören rund 3.000 privaten Waldbesitzern, von denen die meisten im Nebenerwerb nur wenige Hektar Wald bewirtschaften. Unterstützung bekommen Privatwaldbesitzer im Frankenwald von fünf Waldbesitzervereinigungen sowie von den Ämtern für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kulmbach und Münchberg. Während die Staatsforsten wirtschaftliche Einbußen durch den Verlust der Fichte tolerieren können, sieht es im Privatwald anders aus. Auch wenn er die Gründe für den Waldumbau nachvollziehen kann, ist Privatwaldbesitzer Peter Raab aus Teuschnitz überzeugt: „Die Fichte wird ein Brotbaum bleiben.“

Spannungsfeld 2: Wald vor Wild

Allgemein gelten Rehe als sanftmütige, niedliche Geschöpfe. Für Forstleute sind sie ein Albtraum. Im Gegensatz zu Rindern oder Schafen sind Rehe nämlich Leckermäulchen. Gewöhnliches Gras lassen sie stehen und knabbern besonders gerne an nährstoffreichen Kräutern oder eben an Knospen und Trieben junger Bäumchen. Dieser sogenannte Verbiss ist für die Bäume fatal, sie bleiben klein und kümmern vor sich hin. „Ein zehn bis zwölf Jahre alter Baum sieht dann aus wie ein japanischer Bonsai“, sagt Gerhard Lutz, stellvertretender Bereichsleiter der Forstverwaltung Kulmbach. 

Gerade beim Waldumbau ist die Anpflanzung vieler junger Bäumchen notwendig, die dann möglichst ungestört aufwachsen sollen. Zäune oder der Schutz der Spitzentriebe durch Plastikaufsätze und bitter schmeckende Anstriche genügen den Forstleuten nicht.

"Durch Bejagung wird sichergestellt, dass das Wild nicht in den Waldumbau eingreift."

Peter Hagemann, Forstbetriebsleiter Rothenkirchen

Reh steht vor einem Feld.
Rehe richten im Wald großen Schaden an, indem sie die Triebe junger Bäumchen anknabbern.
Adriane Lochner

Verbissgutachten und Abschusspläne

Im Bayerischen Waldgesetz ist seit 2005 der Grundsatz „Wald vor Wild“ verankert. Der Wildtierbestand muss durch Abschüsse so angepasst werden, dass die Bäume unbeschadet wachsen können. Die zuständigen Landratsämter schreiben vor, wie viele Rehe über einen gewissen Zeitraum abgeschossen werden müssen. Dazu erstellen Mitarbeiter der Forstverwaltung alle drei Jahre sogenannte Forstliche Gutachten. Mithilfe eines Rasterverfahrens werden dabei stichprobenartig die Jungbaumbestände untersucht. Die Ergebnisse der Forstlichen Gutachten für alle Hegegemeinschaften des Freistaats findet man im Wildtierportal Bayern.

Kümmerliche Buche mit abgerupften Spitzen
Rehverbiss an einer jungen Buche
Adriane Lochner

Das Verbissgutachten wird als Grundlage herangezogen, um den Rehwildbestand zu schätzen. Aber: Zunehmender Verbiss an Jungbäumen kann auch andere Ursachen haben. Borkenkäfer und Windwurf schaffen freie Flächen in den Wäldern, die gleichzeitig Schutz und Nahrung für Rehe bieten. Hinzu kommt der wachsende Freizeitdruck: Jogger, Nordic Walker und Mountainbiker nutzen die Feldwege mittlerweile zu jeder Tageszeit. Die Folge: Rehe halten sich lieber im Wald auf, als auf Feldern und Wiesen. Die Kritik der Jägerschaft am Verbissgutachten: Mehr Verbiss heißt nicht unbedingt mehr Rehe.

„Wald mit Wild!“

Otto Kreil, Jäger in Untersteinach, sieht den Grundsatz „Wald vor Wild“ kritisch. Eine gesunde Mischung sei der goldene Mittelweg, so Kreil. Wild gehöre genauso zur Kulturlandschaft wie Wald, beides zu erhalten sei erstrebenswert. Kreil fordert "Wald mit Wild" und schlägt vor, anstatt die Abschusspläne für Rehe flächendeckend zu erhöhen, gezielt an den Waldverjüngungen zu jagen, also dort, wo Gruppen junger Bäumchen stehen. Ausschlaggebend dafür ist eine gute Kommunikation zwischen Waldbauern, Förstern und Jägern.  

Neben Rehen gibt es noch andere Wildtierarten, die jungen Bäumen gefährlich werden können, nämlich Hasen, Rotwild und Damwild. Vor allem den sonst so beliebten Rothirsch sehen Forstleute gar nicht gerne. Anders als Rehe, die nur kleine Bäumchen verbeißen, kann der größere Rothirsch mit den Zähnen die Rinde von älteren Bäumen schälen oder sie mit dem Geweih beschädigen. Der Frankenwald ist daher „rotwildfreies Gebiet“. Das heißt nicht etwa, dass es dort kein Rotwild gibt, sondern, dass innerhalb der gesetzlichen Jagdzeiten alles Rotwild erlegt werden darf, das dem Jäger oder Förster vor die Büchse läuft. Abschusspläne sind nicht notwendig.

Dient der Wolf dem Waldumbau?

Wie in vielen anderen Teilen Deutschlands hält auch im Frankenwald der Wolf Einzug. Naturschützer sehen ihn oft als natürlichen Ersatz für den Jäger. Forstbetriebsleiter Hagemann teilt diese Ansicht nicht:

„Ich glaube nicht, dass Wolf in der Lage ist, Reh- und Rotwildbestände so niedrig zu halten, dass keine Bejagung mehr nötig ist. Ich glaube eher, das Wild wird vorsichtiger werden und schwieriger zu bejagen sein. Der Wolf ist kein positiver Faktor für Waldumbau.“ 


Spannungsfeld 3:

Spagat zwischen Nutzung und Naturschutz

An jedem Wochenende sind Tausende Menschen im Frankenwald unterwegs. Sie joggen, wandern, fahren Rad oder gehen einfach nur spazieren. Tourismus ist neben der Holzwirtschaft eine wichtige Einnahmequelle in der Region. Durch den Naturpark Frankenwald führen 4.200 Kilometer markierte Wanderwege sowie ein gut ausgebautes Radwegenetz mit mehr als 300 Kilometern Mountainbike-Strecken. Seit September 2015 ist der Frankenwald die erste „Qualitätsregion Wanderbares Deutschland“ in Bayern. Von den zahlreichen Wanderwegen ist wohl der bekannteste, der 170 Kilometer lange „Rennsteig“, der vom Thüringer Wald in den Frankenwald führt. Markus Franz, Geschäftsführer bei „Frankenwald Tourismus“, beurteilt den Waldumbau positiv. Ein Mischwald sei schöner und abwechslungsreicher als Fichtenmonokulturen und damit förderlich für den Tourismus.

Totholz: Fluch oder Segen?

Im Laufe der Zeit hat sich die Definition von "Nachhaltigkeit" verändert. Ab dem 18. Jahrhundert begann man darauf zu achten, dass nicht mehr Rohstoff genutzt wird als nachwächst. Heute bedeutet "Nachhaltigkeit", alle Leistungen das Waldes für kommende Generationen zu erhalten. Über die Funktion als Rohstofflieferant hinaus, geht es um Bodenschutz an Steilhängen, Hochwasserschutz, Trinkwasserreservoir und den Wald als Refugium für Tier- und Pflanzenarten.  

Seit einigen Jahren ist Waldnaturschutz ein großes Thema in der Forstwirtschaft. Das bayerische Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten rief im Jahr 2015 zum „Aktionsjahr Waldnaturschutz“ auf. Um die Artenvielfalt zu fördern, wurden naturnahe Wälder geschaffen, etwa indem alte, teils abgestorbene Bäume nicht gefällt werden und Totholz in den Wäldern bleibt. Denn im Inneren leben Unmengen von Insekten, die Leckerbissen sind für verschiedene Vogelarten, unter anderem Spechte. 

Morscher Baumstamm liegt im Wald.
Totholz ist wichtig für die Artenvielfalt im Wald. Für Wanderer und Holzfäller stellt es eine potenzielle Gefahr dar.
Adriane Lochner

Der forstwirtschaftliche Verwertungsverzicht dieser Hölzer verursacht bayernweit Einbußen von einigen Millionen Euro. Während Staatsforstbetriebe dies als Investition betrachten, können sich Privatwaldbesitzer strukturreiche Wälder nur mithilfe staatlicher Subventionen leisten. Abgesehen davon macht Totholz den Wald schwerer zugänglich. Teilweise abgestorbene Biotopbäume stellen ein Risiko dar, da sie beim Fällen benachbarter Bäume mit umstürzen können. Auch Wanderer müssen mit plötzlich herabfallenden, morschen Ästen rechnen.

Schwarzstorch und Wildkatze

Das Flaggschiff des Artenschutzes im Frankenwald ist der Schwarzstorch. Er findet hier optimale Bedingungen vor: Von den Nistplätzen in den Baumkronen bis zur Nahrungsquelle, den sauberen, fisch- und insektenreichen Bächen, hat er kurze Wege. Im Schnitt gibt es im Frankenwald pro 100 Quadratkilometer zehn Brutpaare. Ein weiterer, seltener Waldbewohner hält seit einigen Jahren wieder Einzug in der Region: die Wildkatze. Etwa 30 Individuen wurden mithilfe von Wildkameras und DNA-Untersuchungen nachgewiesen. Die scheuen Katzen bevorzugen strukturreiche, naturbelassene Wälder mit vielen Verstecken und einem üppigem Nahrungsangebot an Mäusen.  

Ein Schwarzstorch steht im Wald.
Der Schwarzstorch ist das Flagschiff des Artenschutzes im Frankenwald. (Wildkameraaufnahme mittels Bewegungsauslöser)
Peter Hagemann
Wildkatze im Schnee.
Die Wildkatze ist ein Neuzugang im Frankenwald. Sie ist auf strukturreiche Wälder angewiesen. (Wildkameraaufnahme mittels Bewegungsauslöser)
Peter Hagemann

Naturwald als Idealwald

Elisabeth Hoffmann, Vorsitzende der Kreisgruppe Kronach des BUND Naturschutz, begrüßt den Waldumbau, der wegführt von der Fichtenmonokultur hin zum klimastabilen Mischwald. Im Idealfall würde sich der Mensch danach nicht mehr einmischen, und den Wald einfach sich selbst überlassen. Da dies aber nicht überall möglich sei, gelte es Trittsteine zu schaffen und Biotope zu verbinden, damit die genetische Vielfalt der Arten erhalten bleibt und sich stabile Bestände entwickeln können. 

Wie geht es weiter?

Angesichts der stetig wachsenden Bedrohung durch den Borkenkäfer, führt am Waldumbau kein Weg mehr vorbei. Doch was muss geschehen, dass weder Mensch noch Tier dabei auf der Strecke bleiben? Die Blickwinkel der beteiligten Akteure scheinen logisch, ihre Interessen begründbar. Der Holzindustrie wird der Brotbaum genommen ohne finanzierbare Alternativen zu schaffen. Jäger weigern sich, flächendeckend immer mehr Rehe zu erlegen. Viele Privatwaldbesitzer werden erst dann beim Waldumbau mitmachen, wenn die neuen Baumarten ebenso rentabel sind wie die Fichte. Wie viel Nutzung verträgt überhaupt ein nachhaltiger Wald? Viele Spannungsfelder, viele Fragen.

Um Lösungen zu finden, müssen alle Akteure an einen Tisch. Kommunikation ist der wichtigste Ansatzpunkt, um unsere Wälder fit zu machen für die Zukunft. So ähnlich sieht man das auch an der Universität Bayreuth, wo vergangenes Jahr zum ersten Mal das „Forum Waldkontroversen“ stattfand für Vertreter der staatlichen Forstverwaltung, der Bayerischen Staatsforsten, der Privatwaldbesitzer, der Jagd und des Naturschutzes. Die Fortsetzung am 19. und 20. Oktober 2018 widmet sich der drängenden Frage: Ist unser Wald gut aufgestellt für eine ungewisse Zukunft?

Waldstück mit einigen Fichten, dazwischen junge Buchen und einige Tannen.
Die Zielvorstellung der Forstleute. Nur in enger Mischung mit anderen Baumarten hat die Fichte eine Chance, in Zukunft zu überleben.
Adriane Lochner

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