#EndSARS: Ein Interview mit Ruona Meyer über die Proteste gegen Polizeigewalt in Nigeria

Die Investigativjournalistin Ruona Meyer erläutert die Hintergründe von EndSARS und gibt am Beispiel ihrer eigenen tragischen Familiengeschichte bewegende Einblicke.

Emmanuel Mathias N'humba Das gezeichnete Bild zeigt eine Flagge von Nigeria mit Blutspritzern und das weinende Gesicht eines Kindes

Von Ramona Seitz

Der Titel meines Online-Magazins auf Riffreporter.de lautet „Pause“. Das Leben meiner Interviewpartnerin hat mehrmals von jetzt auf nachher stillgestanden, plötzlich war nichts mehr wie zuvor. Mit der Investigativjournalistin Ruona Meyer habe ich über #EndSARS, die aktuellen Proteste gegen Polizeigewalt in ihrem Geburtsland Nigeria, gesprochen. Sie erläutert die Hintergründe, betont, wie wichtig verifizierte Informationen sind und wie gefährlich falsche, und gibt am Beispiel ihrer eigenen tragischen Familiengeschichte bewegende Einblicke. Ein informatives Gespräch mit einer beeindruckenden Frau, die zwei Länder ihre Heimat nennt: Nigeria und Deutschland. 

Was sind diese EndSARS-Proteste, für was steht die Abkürzung „SARS“ in diesem Zusammenhang? Darüber habe ich am 21. Oktober mit Ruona Meyer gesprochen. Wir haben das Gespräch telefonisch und auf Englisch geführt. Ich habe es ins Deutsche übersetzt. Ulrike Prinz hat lektoriert und wir haben das Gespräch etwas gekürzt. 

Hinweis: Das folgende Interview enthält Passagen, die für traumatisierte Personen problematisch sein können. Wenn Sie zu diesem Personenkreis gehören, wägen Sie bitte ab, ob Sie weiterlesen. 

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Das Foto zeigt ein Portraitfoto von Ruona Meyer.
Ruona Meyer: „Ich bin eine Person, deren Vater getötet wurde von Leuten in Polizeiuniform. Ich bin eine Journalistin, die die Tochter eines Journalisten ist, der dafür getötet worden ist, dass er Journalist war.“
Helmut Thewalt

21. Oktober 2020, 11:10 Uhr:

Ramona Seitz (RS): Danke, Ruona, dass du dir die Zeit für dieses Interview nimmst. Um ehrlich zu sein, ich finde es nicht angemessen, dich an diesem Morgen mit „guten Morgen“ zu begrüßen. Deshalb sage ich…

Ruona Meyer (RM): Nein, es lohnt sich! Ich möchte lieber darüber sprechen als deshalb zu weinen. Aber, ja, es ist wirklich schwer. Es ist wirklich schwer, das zu sehen.

RS: Das glaube ich sofort. Ruona, ich habe sechs Fragen bzw. sechs Themenbereiche vorbereitet. Am Ende gibt es dann noch eine offene Frage.

 RM: Ok.

RS: Ich mache dieses Interview für mein Magazin „Pause“ auf RiffReporter.de , was – wie du weißt – eine deutsche Plattform ist. Vermutlich werden die meisten unserer Leserïnnen dort noch nicht von #EndSARS gehört haben. Deshalb beginne ich mit grundlegenden Fragen. Was ist #EndSARS? Was bedeutet die Abkürzung „SARS“ in diesem Kontext?

Was ist #EndSARS? Was bedeutet „SARS“ in diesem Kontext?

RM: SARS, also S-A-R-S, bedeutet “Special Anti-Robbery Squad” und das ist eine Einheit der nigerianischen Polizei. SARS wurde im Jahr 1984 gegründet als Antwort auf eine sehr große Anzahl von Raubüberfallen in ganz Nigeria. Was seither in diesen 36 Jahren – über drei Jahrzehnte – geschehen ist, ist, dass es dokumentierte – sowohl journalistisch als auch gerichtlich dokumentiert –, dass es öffentlich zugängliche Beweise gibt, dass SARS-Offizielle, einige SARS-Offizielle, Geld von Nigerianerïnnen erpressen, morden, sogar willkürlich junge Nigerianerïnnen entführen, diese als Kriminelle bezeichnen und sie zu Geldautomaten fahren, damit sie dort Geld abheben, um ihre Freilassung zu erkaufen. Es gibt sogar Berichte über SARS Mitglieder, die Leichen verkaufen und Leichen in Flüssen entsorgen. 

SARS, also S-A-R-S, bedeutet “Special Anti-Robbery Squad” und das ist eine Einheit der nigerianischen Polizei.

SARS wird Entführung und das Erpressen von Geld vorgeworfen. Der EndSARS Protest wurde ausgelöst, als die Leute entschieden haben, dass es eine grundlegende Polizeireform braucht. Aber das ist nicht der erste EndSARS Protest. Der Auslöser für diese neue Protestreihe war, dass um den 4. oder 5. Oktober herum jemand von SARS attackiert wurde. Sie haben wohl sein Auto gestohlen, in einem der südlichen, ölreichen Bundesstaaten, im Bundesstaat Delta. Dort haben dann Leute angefangen, zu protestieren. Sie gingen auf die Straße, um zu zeigen, schaut her, es reicht jetzt. Ungefähr zwei Tage später haben sich diese Proteste ausgebreitet, auf Lagos und auf ganz Nigeria. 

RS: Danke für diesen Kontext. Meine zweite Frage lautet: Was ist gestern (Anm.: am 20. Oktober 2020) in Lagos geschehen, was geschah am Lekki Tollgate? Und was hat sich gestern verändert?

Was ist am 20. Oktober 2020 am Lekki Tollgate in Lagos geschehen?

RM: Also, was sich verändert hat, ist, dass es Aufzeichnungen gibt, die möglicherweise zeigen, wie Leute in Militäruniformen mit militärischen Waffen auf unbewaffnete, auf dem Boden sitzende Demonstrierende geschossen haben. 

Und ich kann das nur sagen, weil ich tatsächlich ein Instagram-Live-Video angesehen habe, während das passiert ist. 

Als dieser Protest in die zweite Woche ging und sich die Proteste ausgeweitet haben, schlossen sich mehr Menschen den Protesten an. Uns liegen Berichte vor, dass auch Kleinkriminelle dabei sind, die angefangen haben, Mitprotestierende zu erpressen. Kriminelle sind also dabei, diesen Protest zu unterwandern, zu kapern.

Das ist etwas, das wir generell bei Protesten sehen. Es gibt Leute, die dorthin kommen, um Telefone zu stehlen und um ganz allgemein Recht und Ordnung zu verletzen.

Es scheint so, als hätten die nigerianischen Sicherheitskräfte nicht früh genug die Kontrolle zurückgewonnen, denn man hörte, dass zuerst im südlichen Bundesstaat Edo Gefangene frei gelassen wurden. Wir sind noch dabei, uns darüber zu vergewissern, wie genau hunderte von Gefangenen die Einrichtung verlassen haben. Die von der Regierung verlautbarte Version ist, dass es eine Tat von Gangstern war. 

Während das passierte, gab es Berichte über Brände und Plünderungen, und brennende Polizeistationen an anderen Orten. In Ibadan hingegen, einem benachbarten Staat von Lagos, wo es die Schießereien gegeben hatte, wurden die Demonstrierenden von den Polizeikräften beschützt. 

Aber was seltsam war in Lagos ist, dass gestern Vormittag, kurz vor 12 Uhr der Gouverneur von Lagos verkündet hat, dass es eine Ausgangssperre geben wird. Und dass diese Ausgangssperre um 16 Uhr beginnen würde. Den Leuten wurde ein Zeitfenster von vier Stunden gegeben, um nach Hause zu gehen. Normalerweise hat man in Nigeria ungefähr 24 Stunden Zeit oder die Ausgangssperre beginnt am nächsten Tag. 

Stell dir das mal vor, die Leute hörten am Mittag, dass es um 16 Uhr eine Ausgangssperre geben wird. Einige Demonstrierende fingen daraufhin an, in Richtung Lekki Tollgate zu gehen. Denn, mit Ausgangssperren funktioniert das ja in der Regel so, dass, wo auch immer man sich während einer Ausgangssperre befindet, dass man dort bleibt. Wir hörten also, dass sie versuchten, zum Lekki Tollgate zu gelangen, um dort um vier Uhr nachmittags einen Sit-in-Protest zu machen, eine friedliche Demonstration.

Aber wenige Minuten vor, vielleicht 30 Minuten, vor 16 Uhr, begannen wir Berichte zu sehen, dass Menschen am Lekki Tollgate die Überwachungskameras abmontierten. Lass mich das erklären. Das Lekki Tollgate ist ein sehr lukrativer Ort, um Einkommen zu erzielen für den Bundesstaat Lagos und Nigeria. Deshalb haben sie diese Maut-Einrichtung gebaut. Es war eine Straße gebaut worden mit dem Ziel, den Verkehr zu reduzieren. Um diese Straße zu benutzen, muss man eine Mautgebühr bezahlen. Die Demonstrierenden sind also dorthin gegangen, damit die Regierung kein Geld verdienen kann, in der Hoffnung, dass die Regierung nun wirklich die Polizei reformieren würde.

Dieses Tollgate ist, schon allein deshalb, weil es eine Mauteinrichtung ist, mit Überwachungskameras ausgestattet, man kann sie sehen. Es ist eine Straße, die ich oft benutzt habe. Es gab also Bilder. Diese Bilder sind online, von Menschen, die die Kameras abbauen. Und zwar dreißig Minuten, bevor die Ausgangssperre beginnen soll. 

Um 16 Uhr sind die Leute schon dort, sie singen und schwenken ihre Flaggen. Wir alle haben das gesehen. Gegen 19 Uhr habe ich von Freunden, die in der Gegend leben, die ersten Nachrichten bekommen, dass Schüsse fallen. 

Gegen 19 Uhr habe ich von Freunden, die in der Gegend leben, die ersten Nachrichten bekommen, dass Schüsse fallen. 

Schon zuvor hatte eine berühmte DJ angefangen, über ihren Instagram-Account live zu streamen.

RS: Wie ist ihr Name?

RM: Ihr Name ist DJ Switch. 

RS: Ok, und du hast dieses Insta-Live angeschaut. 

RM: Ja, ich habe diesen Instagram Live-Stream angeschaut. Und ich habe die Schüsse gehört. Außerdem erzählten mir zwei Leute, die dort leben, zwei direkte Quellen, dass es Schüsse gegeben hat, bevor die Live-Übertragung begonnen hatte und während der Live-Übertragung. Ich habe diese Schüsse gehört. Ich habe gesehen, wie die Demonstrierenden aufgefordert wurden, sich hinzusetzen und ihre Köpfe nach unten gebeugt zu halten. Doch das Schießen ging weiter. 

Ich habe Protestierende gesehen, die Gin nutzten, um eine Wunde zu desinfizieren und versuchten, eine Kugel aus der Hüftgegend einer Person herauszubekommen. 

Und ich bin nicht die einzige, die das gesehen hat. Mindestens 150.000 Menschen überall auf der Welt haben das in Echtzeit gesehen.

Das also war es, was die Dynamik verändert hat. 

(Anm.: Wie sich die Dynamik vor Ort am Lekki Tollgate verändert hat, schildert im folgenden Video DW-Korrespondentin Fanny Facsar, die als Augenzeugin vor Ort gewesen ist)

RM: Es ist auch traurig, weil es nicht das erste Mal ist, dass Nigerianerïnnen protestieren. Zum Beispiel hatten wir den OccupyNigeria Protest. Und da ging es um Regierungsführung. Lass es mich so sagen, alle waren unzufrieden mit der Regierung und sie wollten Veränderung. Damals, im Jahr 2012, wurde die Armee, das Militär gerufen. Wir haben Bilder von den OccupyNigeria Protesten. Sie kamen am helllichten Tage, sie sprachen mit Journalistïnnen, sie sprachen zu der Menschenmenge, sie flehten die Leute an, nach Hause zu gehen. Es gibt Bilder von Militärs mit ihren Waffen, die lächelnd sagen „Geht heim“. 

Dieses Mal sieht die Lage ganz anders aus. Wenn man all das, was geschehen ist, zusammenzählt, kann man nicht anders als zu denken: da gab es eine Art von Planung dahinter, eine Art Vorsatz, woraus das wurde, was wir letztlich gesehen haben. Gerade heute Morgen gab es weitere Live-Videos und wir hörten weitere Schüsse. Und wir haben mindestens eine verletzte Person gesehen.

RS: Gibt es Zahlen darüber, wie viele Menschen gestern verletzt oder gar getötet worden sind?

RM: Die Regierung von Lagos State sagt, also, wenn man die Zahlen zusammenzählt, die über den offiziellen Twitter-Account der Lagos State Regierung veröffentlicht wurden, ergibt die offizielle Zählweise 28 verletzte Personen (Anm.: 11:30 Uhr deutsche Zeit, 21.10.2020).

RS: Und sie sprechen nicht von getöteten Personen?

RM: Nein. Sie sprechen nicht von getöteten Personen. Deshalb kann ich auch nichts zur Anzahl der Getöteten sagen, obwohl ich weiß, was ich im Video gesehen habe. Denn es gibt keine offiziellen Statistiken. Und das ist auch ein Thema von EndSARS. Es gibt keine offiziellen Zahlen. Es gibt nichts, woran man sich festhalten, auf was man sich beziehen kann. Genau das ist eine der wichtigsten Ursachen, weshalb die Nigerianerïnnen kämpfen: Die Nicht-Dokumentierung von Todesfällen und Missbrauch. Es ist eine Ironie, dass man dagegen protestiert von der Polizei getötet zu werden und dann wird man auf so einem Protest getötet. 

RS: Ich habe in den letzten zwei Wochen über Social Media #EndSARS verfolgt. Immer mehr Nachrichten darüber kamen in meine Feeds. Mein Eindruck ist, dass sich, gerade in den letzten Tagen, die Dynamik verändert hat.

RM: Korrekt.

RS: Gestern ist mir aufgefallen, dass das auf eine andere Ebene geht. Das Blutvergießen war das eine, aber ich hatte auch das Gefühl, dass gerade junge Leute da etwas pushen. Ich frage dich als eine Person, die du sehr aktiv bist auf verschiedenen Social Media Plattformen, vielleicht kannst du über Social Media und #EndSARS sprechen. 

Welche Bedeutung hat Social Media?

RM: Social Media hat meiner Meinung nach sowohl geholfen als auch den Protest erschwert. Zuallererst war es Social Media, worüber die jungen Leute die direkte Aufmerksamkeit erhalten haben und das hat verhindert, dass der Protest einfach niedergeschlagen wurde. Über Social Media konnten wir dieses Live-Video auf Instagram sehen. Und die Leute konnten direkt sehen, was vor sich ging. Denn zu der Zeit liefen keine Überwachungskameras, sogar die Straßenlichter waren ausgeschaltet. Selbst elektronische Werbetafeln waren aus. Am Lekki Tollgate. 

Es war also Social Media, das uns geholfen hat, all diese Dinge zu sehen. Von Beginn an war es brillant, wie junge Leute Social Media verwendet haben. Sie haben es benutzt, um den Leuten zu sagen, wohin sie gehen sollten. Sie haben via Social Media Krankenwagen organisiert. Sie haben darüber Rechtsbeistand organisiert. Und sie haben die Alarmglocken geläutet, schaut, so-und-so-viele Leute sind während des Protests verhaftet worden, lasst uns versuchen, sie freizubekommen. So viele Freiwillige. Sogar ein Online-Radio haben sie gestartet. Die Power der Jugend wurde entfesselt, völlig entfesselt.

Aber ich muss sagen, mein Beruf bedeutet, ich muss die Wahrheit sagen. Solche Massenproteste eignen sich auch für Trittbrettfahrer. Meistens sind die Leute, die einen Protest unterwandern, nicht auf Twitter. Sie können sich keine Foren leisten. Manchmal sind es Kriminelle, die von der geringeren Sicherheitslage profitieren wollen. Oder es sind Leute, die sich leicht von falschen Informationen täuschen lassen, weil sie nicht auf Twitter sind und keinen Zugang haben zu verlässlichen Informationen und nicht sehen, was geschieht. Man hört, dass in einigen Gebieten die Proteste unterwandert wurden. Social Media ist ein Mittel, das uns hilft, zu sehen, wer die Proteste kapert. Sind es staatliche Funktionsträger, korrupte Schlägertypen, mutmaßliche Staatsdiener oder mutmaßliche Gangster?

Welche Rolle spielen Fake News?

Gleichzeitig, wenn ich sage, dass Social Media Teile dieses Protests behindert hat, dann meine ich damit, dass Social Media auch der Schauplatz enormer Missinformation ist, Desinformation, völlige Fake News, die Menschen schaden können. Gestern zum Beispiel, schauen wir nur auf das, was die Aufmerksamkeit der Welt auf sich gezogen hat: Beim Lekki Protest gab es Berichte von Menschen, die sagten: Diese Person ist tot, diese Person ist tot, diese Person ist tot. Und die gleichen Menschen zeigen sich und sagen, nein, ich bin nicht gestorben. Ich lebe. Da siehst du, was ich meine, wenn ich sage, es ist ein zweischneidiges Schwert. 

Aber alles in allem, hat Social Media wirklich geholfen. Es war auf Social Media, dass Hillary Clinton, die frühere…

RS: Ich habe den Tweet gesehen, ja. 

RM: Ja, sie hat öffentlich Stellung bezogen. Es war auf Social Media, dass Kandidat Joe Biden sich zum Thema geäußert hat, er gab eine ganze Erklärung ab.

Wir müssen der Jugend unsere Hochachtung ausdrücken. Gleichzeitig müssen wir uns aber auch der Fallstricke von Social Media bewusst sein, die es gibt, wenn es um Mobilisierung und Zugang geht. Was ich sage ist, Inklusion ist der Schlüssel. Inklusion und Bildung offline sind auch Schlüsselfaktoren. Weil wir den Verlust von Menschenleben reduzieren wollen. Weil wir den Verlust von Menschenleben in jedem einzelnen Bereich so weit wie möglich reduzieren möchten. Wir müssen den Verlust von Menschenleben reduzieren.

Das Leben leben!

RS: Danke für diese Erklärungen. Ich möchte das aufgreifen, was du gerade angesprochen hast, dass du den Verlust von Menschenleben verhindern möchtest. (RM: Ja.) Und ich habe deinen gestrigen Tweet gesehen, den du auch heute Morgen noch einmal retweetet hast. Gestern (20.10.2020) um 17:56 unserer Zeit hast du diese Nachricht getweetet:

Ich habe Ruona Meyer den Text ihres Tweets vorgelesen. Danach war kurz Stille. Dann habe ich gesagt:

RS: Ich denke, das ist ein bewundernswerter Tweet. Ich habe es jetzt nicht überprüft, hast du das auch gepostet auf…

Ich höre, dass Ruona Meyer schluchzt.

RM (weinend): Sorry… Es tut mir leid. 

RS: Oh, es tut mir leid, Ruona.

RM: Nein, es ist in Ordnung. Ich bin ok. (Noch immer weint sie.)

RS: Was waren die Antworten, die du auf diesen Tweet erhalten hast? Und ich vermute – ich habe es nicht überprüft, da dieses Interview so kurzfristig möglich war –  ich vermute, du hast den Inhalt dieses Tweets auch auf deinen anderen Plattformen gepostet. (Sie weint noch immer, weshalb ich anfüge: ) Wir können auch gerne das Interview unterbrechen und in fünf Minuten weitermachen. 

RM: Nein, es ist wichtig, dass wir reden. 

RS: Ok.

RM: Die Leute waren größtenteils meiner Meinung. Manche Leute sagten, oh, niemand lebt für immer. Und ich musste ihnen sagen, ich bin eine Person, die ihr Leben für Storys riskiert, für Nigeria. Ich bin eine Person, die dieses Risiko wahrscheinlich wieder auf sich nehmen wird, morgen, um etwas aufzudecken. Ich bin eine Person, deren Vater getötet wurde von Leuten in Polizeiuniform. Und vierzehn Jahre später laufen seine Mörder frei herum. Wir haben keine Gerechtigkeit erfahren.

Ich bin eine Person, die ihr Leben für Storys riskiert, für Nigeria. Ich bin eine Person, die dieses Risiko wahrscheinlich wieder auf sich nehmen wird, morgen, um etwas aufzudecken. Ich bin eine Person, deren Vater getötet wurde von Leuten in Polizeiuniform. Und vierzehn Jahre später laufen seine Mörder frei herum. Wir haben keine Gerechtigkeit erfahren. 

Ich bin eine Person, auf deren Bruder Polizisten geschossen haben. Sie haben gesagt, er sei ein Dieb. Und sie hätten ihn getötet, wenn ihn nicht jemand erkannt hätte und gesagt hätte, das ist das Kind von So-und-So-Leuten, die in die gleiche Kirche gehen wie der Rest von euch. 

Ja, ich sage all das nicht online. Aber das sind die Gründe, weshalb ich diesen Tweet geschrieben habe. Man stirbt nicht für ein Land, das einem keine Gerechtigkeit geben kann. Das wollte ich damit ausdrücken. Ich habe kein Problem damit, für ein Land zu sterben. Denn so oder so werden wir sterben. Man kann sich entscheiden für sein Land zu sterben. Es könnte sogar sein, dass einem die Entscheidung, wie man stirbt, aus den Händen genommen wird. Man kann krank werden und sterben. Jeder wird sterben. Aber wo man eine Wahl hat, die Wahrscheinlichkeit und die Umstände seines Todes zu reduzieren, also, was ich sagen wollte, war: Möchtest du auf einer kalten Straße sterben? Möchtest du in einer Gesellschaft sterben, in der Menschen Leichen filmen? Sie filmen es, sie nutzen es, um Retweets zu erhalten, manche Journalistïnnen nutzen es, um berühmter zu werden. Kein Anstand, kein Respekt vor der Würde der Toten. Während ich gerade spreche, zirkulieren Fotos von toten Menschen, deren Hirnmasse rausläuft. Für Retweets, um Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen. Es ist Voyeurismus.

Sie filmen es, sie nutzen es, um Retweets zu erhalten, manche Journalistïnnen nutzen es, um berühmter zu werden. Kein Anstand, kein Respekt vor der Würde der Toten. Während ich gerade spreche, zirkulieren Fotos von toten Menschen, deren Hirnmasse rausläuft. Für Retweets, um Aufmerksamkeit für das Thema zu erreichen. Es ist Voyeurismus.

Was macht das mit den Familien, die das ansehen müssen? Manche Familien werden keine Entschädigung erhalten. Manchen Familien wird es schwer gemacht werden, Zugang zu den Leichen ihrer Kinder zu erhalten. Ist es das wert? Nein. Ich denke nicht.

RS: Danke, Ruona. Ich habe zu Beginn gesagt, dass ich Fragen zu sechs Themenbereichen vorbereitet habe. Eins war, was ist EndSARS. Zwei war, was ist gestern geschehen. Drei war, dass wir über Social Media sprechen. Im vierten Themenbereich, habe ich Fragen vorbereitet, die darauf abzielen, dass die deutschsprachige Leserschaft dich kennenlernt. (RM: Ok.) Und mit dem, was du eben gesagt hast, hast du bereits einige der Fragen beantwortet. Lass uns dies aufgreifen und noch tiefer einsteigen. Denn deine Lebensgeschichte zu kennen, ist wichtig, damit die Leserïnnen deine Aussagen besser verstehen und einordnen können.

In einem deiner gestrigen Tweets, ich denke, es war, bevor das Blutvergießen begonnen hat, hast du an deinen Vater erinnert.

RS: Ich denke, es ist wichtig, dass wir über deine Familiengeschichte sprechen. Ruona, wer bist du? Wer war dein Vater? Wie hat sich das, was geschehen ist, auf eure Familie ausgewirkt? Und, um auch das gleich anzuschließen, Themenbereich Nummer 5 sind Fragen zu deinem Bruder. Aber gehen wir zuerst zurück zur Frage „Wer bist du?“. Du hast die deutsche und die nigerianische Staatsbürgerschaft, du lebst in Deutschland und du bist Journalistin. Aber ich denke, dein Herz hängt sehr an Nigeria und die Themen, an denen du arbeitest, haben mit Nigeria zu tun. Das ist deine Expertise, habe ich das so richtig zusammengefasst?

RM: Korrekt. Korrekt. Ich berichte weiterhin intensiv über Nigeria, über den afrikanischen Kontinent als Ganzes, weil es das ist, was ich immer gerne gemacht habe, nämlich afrikanische Geschichten zu erzählen. Jetzt zum Beispiel, wenn nicht die Covid-19-Pandemie wäre, wäre ich wahrscheinlich auf einer Recherchereise auf dem Kontinent unterwegs.

RS: Du hast bereits über deinen Vater gesprochen, aber vielleicht kannst du auch seinen Namen nennen und erklären, wer dein Vater war. Denn ich denke, gerade im Kontext dieser Proteste ist dies für die Leserïnnen eine wichtige Information. Wichtig, um zu verstehen, warum EndSARS auch für dich persönlich eine so große Bedeutung hat. Und warum es so besonders ist, dass du als die Tochter deines Vaters dich entschlossen hast, Journalistin zu werden. 

Eine persönliche Angelegenheit

RM: Ok, also. Mein Name ist Ruona Meyer. Und die Kurzfassung ist: Ich bin eine Journalistin, die die Tochter eines Journalisten ist, der dafür getötet worden ist, dass er Journalist war. Mein Vater, sein Name war Godwin Agbroko, nutzte Journalismus als eine Form des Protests – und das mache ich auch. Deshalb sind diese EndSARS-Proteste so wichtig für mich. 

Ich bin eine Journalistin, die die Tochter eines Journalisten ist, der dafür getötet worden ist, dass er Journalist war. Mein Vater, sein Name war Godwin Agbroko, nutzte Journalismus als eine Form des Protests – und das mache ich auch. Deshalb sind diese EndSARS-Proteste so wichtig für mich.

Dieses Mal bin ich keine Demonstrantin, die ein Plakat trägt. Ich versuche, zu protestieren, indem ich mich dafür einsetze, dass ethische Standards eingehalten werden, indem ich verifizierte Informationen retweete, so oft ich kann und soweit dies möglich ist. Ich führe Interviews mit anderen Kollegïnnen, oder wie in diesem Fall, ich gebe ein Interview. Es ist mir persönlich so wichtig, weil mein Vater von Menschen in Polizeiuniformen getötet worden ist. Und als er starb, da wollte die Polizei, dass wir kommen und für die Ermittlung bezahlen, für die ballistische Auswertung. Wir als Familie haben uns geweigert, Bestechungsgeld zu bezahlen für etwas, das eine Pflichtaufgabe des Staates ist.

Ich versuche, zu protestieren, indem ich mich dafür einsetze, dass ethische Standards eingehalten werden, indem ich verifizierte Informationen retweete, so oft ich kann und soweit dies möglich ist.

Außerdem habe ich auch einen älteren Bruder, auf den geschossen worden ist. Er läuft früh am Morgen die Straße entlang, will eine Besorgung machen. Er sieht Menschen, die rennen, also beginnt auch er zu rennen. Als Nächstes ist er eingekesselt, sie schießen ihn in den Fuß und sind dabei, ihn vollends zu erledigen, als jemand kommt und sagt: „Nein, nein, nein! Das ist der Sohn von Frau So-und-so und ihr geht in dieselbe Kirche. Also, mein Bruder hätte sterben können in den Händen von SARS, von denen man annehmen sollte, sie verfolgen bewaffnete Räuber. Also, es ist eine persönliche Angelegenheit für mich. 

Und die Art und Weise, wie das Recht auf freie Meinungsäußerung, wie Proteste unterdrückt worden sind, nicht nur online, sondern brutal offline bis hin zu dem Ausmaß, dass Menschen entweder als Gangster bezeichnet werden – also, du weißt ja, es gibt einige Kriminelle dort – aber diese Abstempelung von Demonstranten als Kriminelle und, wie wir gesehen haben, dass auf Demonstrierende geschossen wird, das ist entsetzlich. Und genau deshalb ist mir EndSARS so wichtig.

RS: Danke, Ruona. Ich wollte dich interviewen, weil ich wusste, dass du nicht nur als Journalistin, sondern auch als Betroffene über SARS sprechen kannst. Deine Ausführungen bisher in diesem Interview vermitteln wirklich Hintergrundwissen, Kontext, was meines Erachtens einem deutschen Publikum helfen kann, den Themenkomplex von EndSARS zu verstehen.

RM: Ich hoffe, ich konnte dabei helfen.

RS: Als sechsten Themenbereich habe ich, passend zu dem eben gesagten, noch diese Frage: Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, dass deutsche Leserïnnen wissen, was EndSARS ist? 

RM: Es ist für das deutsche Publikum wichtig Bescheid zu wissen über End SARS, weil Deutschland und Nigeria eine sehr lange Geschichte haben von bilateralem Handel, Bildung, Austausch, Wissensaustausch und sogar Heirat. Ich bin eine stolze Nigerianerin, die mit einem liebevollen, patriotischen Deutschen verheiratet ist. Und ich bin auch Deutsche. Ich bin eine stolze Deutsche. Es ist wichtig, dass wir wissen, was in Nigeria passiert, damit wir Nigeria dabei unterstützen können, das zu erreichen, was Deutschland hat. Weißt du, immer wenn ich denke (sie sagt es auf deutsch: )“Einigkeit, Recht und Freiheit“, dann spüre ich diese Freude im Herzen. Ich genieße genau das in Deutschland und ich möchte das auch für mein nigerianisches Land. Und wir alle wissen, dass jede Gemeinschaft, jedes Land, wenn nötig, Druck auf ein anderes ausüben muss. Damit die Menschlichkeit gerettet wird. 

Weißt du, immer wenn ich denke (sie sagt es auf deutsch: )“Einigkeit, Recht und Freiheit“, dann spüre ich diese Freude im Herzen. Ich genieße genau das in Deutschland und ich möchte das auch für mein nigerianisches Land.

Meine deutschen Mitbürgerïnnen, ich möchte, dass ihr zumindest wisst, was vor sich geht. Natürlich, es ist eure Entscheidung, wie ihr euch in unserem Fall positioniert. Ich glaube an das Recht auf freie Meinungsäußerung. Ich werde niemanden zwingen ein Plakat zu tragen, ganz sicher nicht. Aber ich will einfach, dass ihr wisst, was in meinem anderen Heimatland vor sich geht. Ja, genau das möchte ich. 

Ich werde dabei echt emotional. Wie ich schon gesagt habe, ich lebe in Deutschland. Ich weiß, was Deutschland für mich getan hat. Ich weiß, was Deutschland mir gegeben hat. Ich weiß, was ich Deutschland gegeben habe und was ich dafür erhalten habe. Ich weiß, was möglich ist in einer Gesellschaft, die inklusiv ist. Und das möchte ich für Nigeria. 

RS: Wow, jetzt bin ich es, die bei deinen Worten emotional wird. (RM: Sorry.) Nein, nein, alles gut. Sehr gut. Also, danke dir so sehr, Ruona. Jetzt also die letzte Frage, welche lautet: Gibt es eine Frage, die ich nicht gestellt habe und die du gerne von einer deutschen Journalistin gefragt werden würdest im Kontext von EndSARS?

RM: Nichts. Es ist echt so, dass das ein großartiges Interview war. Ich möchte einfach, dass unsere deutschen Kollegïnnen die Möglichkeit ergreifen, sich so viele Kenntnisse wie möglich über das Thema anzueignen, damit wir die Leute hier in Deutschland darüber aufklären können. Denn auch in Nigeria – und ich mache niemandem in Deutschland einen Vorwurf und beglückwünsche dich für deine Arbeit – aber auch in Nigeria, wo das alles gerade passiert, auch dort wissen viele Leute nicht richtig darüber Bescheid. Interviews wie dieses werden Deutschen helfen, die Welt besser zu verstehen. Deutsche sind traditionell sehr nachrichtenaffin, sie sind besser informiert als Menschen in vielen anderen Ländern. Vielleicht sage ich das, weil ich auch Deutsche bin. Aber alles, was hilft, den Horizont von Menschen zu erweitern und zu verstehen, was vor sich geht, ist willkommen. Das ist mein Standpunkt. Es war ein gutes Interview. Danke dir. 

RS: Danke dir für das Kompliment. Und danke für deine Zeit. Vermutlich haben, während wir gesprochen haben, so viele Leute versucht, dich zu erreichen (RM: Exakt) und du wirst so viele Nachrichten beantworten müssen. Also, danke dir. (RM: Danke dir). Habe einen guten Tag, soweit möglich an so einem Tag.

RM: Ich werde es versuchen.

RS: Danke und good bye.

RM: Good bye. Bye!

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Weitere Infos zu meiner Interviewpartnerin Ruona Meyer finden Sie u.a. auf ihrem Twitter-Account. Neben ihrer Arbeit als Journalistin, Journalismus-Trainerin und der Arbeit an ihrer Dissertation kämpft sie auch für einen offenen Umgang mit Krankheiten. Sie selbst bezeichnet sich als eine stolze Krebs-Überlebende und tritt öffentlich zu diesem Thema auf. Sehenswert ist ihre für den Emmy nominierte BBCAfrica-Eye-Dokumentation "Sweet Sweet Codeine - Nigeria's Cough Syrup Crisis" ((Achtung: der Film zeigt für manche Menschen schwer ertragbare Szenen). Weniger als 24 Stunden nach der Ausstrahlung dieser Dokumentation sind in Nigeria der Import und die Herstellung von codeinhaltigem Hustensaft verboten worden.

EndSARS ist eine Developing-Story. Für weitere Informationen, ggf. Updates und Einschätzungen zu EndSARS verlinke ich die Berichterstattung folgender Medien und folgende Quellen:

#EndSARS – Fast 70 Menschen bei Protesten gegen Polizeigewalt in Nigeria getötet, Deutschlandfunk, 24.10.2020

„How the End Sars protests have changed Nigeria forever“, BBC, 24.10.2020:

Auf den Seiten 8 -10 von The Continent vom 24.10.2020 schreibt Tolu Olasoji über „Buhari breaks his silence. But makes no mention of the Lekki Bridge massacre“ und Chude Jideonwo analysiert „Nigeria is remembering that it always kills its people“. Auf Seite 33 schreibt Fola Aina  über “Buhari’s disdain for SARS protest looks a lot like self-sabotage.

Kommentar von Katrin Gänsler vom 23.10.2020 inkl. weiterer Links zur Berichterstattung der taz zu EndSARS

“What you need to know about Nigeria’s #EndSARS protests”, Deutsche Welle, Fanny Facsar, vom 22.10.2020:

 “Why Nigeria is now erupting”, Rick Gladstone und Megan Specia in der New York Times vom 21.10.2020

Auf den Seiten 5 – 7 von The Continent vom 17.10.2020 schreibt Tolu Olasoji u.a. über „SARS has ended. But the protests have not”. 


Wenn Sie sich generell für Themen aus Afrika interessieren, dann empfehle ich Ihnen das Magazin "Afrika-Reporter" hier bei uns auf RiffReporter. Dort berichten Sarah Mersch, Bettina Rühl und Leonie March regelmäßig.


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