Sind Insektizide schuld am Schwund vieler Zugvogelarten?

Kanadische Wissenschaftlerinnen haben jetzt eine mögliche Ursache für Rückgänge ausgemacht: Insektizide aus der Gruppe der Neonicotinoide. Von Thomas Krumenacker

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Timing ist alles für Zugvögel. Ihr Jahreszyklus aus Brut, Wegzug, Überwinterung und Heimzug ist eng getaktet. Die einzelnen Etappen sind fein aufeinander abgestimmt. Besonders wichtig ist die rechtzeitige Ankunft am Brutort im Frühjahr. Diejenigen Vögel, die zeitig dort eintreffen, können die besten Reviere besetzen und haben größere Chancen, bei der Partnerwahl zum Zuge zu kommen, Damit bieten sich ihnen die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Fortpflanzung – dem wichtigsten Ziel im Vogelleben. Wer zu spät kommt, geht dagegen häufig leer aus.

Doch woran liegt es, dass sich der Rhythmus des Vogelzugs vor allem bei den über die Langstrecke ziehenden Arten immer häufiger verschiebt? Dass der Klimawandel und die damit einhergehenden ökologischen Veränderungen eine wichtige Rolle spielen, ist durch zahlreiche Forschungsarbeiten belegt. Kanadische Wissenschaftlerinnen melden sich jetzt mit einer Aufsehen erregenden These zu Wort, die darüber noch weit hinausgeht.

Sie vermuten Insektizide, genauer die schon in der Debatte über das Insektensterben heftig umstrittenen Neonicotinoide, hinter der Zugverspätung und letztlich dem Bestandseinbruch vieler Arten. Die Agrarchemikalien töteten die Zugvögel bei Kontakt während der Rast auf Feldern und Äckern zwar nicht unmittelbar. Die Wirkstoffe brächten aber durch Störungen des Stoffwechsels den Ablauf des Vogelzugs mit weitreichenden Folgen durcheinander, lautet die These ihrer in Science erschienenen Untersuchung.

Rapider Gewichtsverlust binnen Stunden

Das Team um die Toxikologin Margaret Eng von der Universität Saskatchewan untersuchte konkret die Wirkung von Imidacloprid auf Vögel. Das ist eines der weltweit am häufigsten in der Landwirtschaft eingesetzten Insektizide. Die Forscherinnen fingen dazu während des Frühjahrszuges an einem Rastplatz in Ontario einige Dutzend Dachsammern (Zonotrichia leucophrys) ein – sperlingsgroße Singvögel und typische Bewohner der Agrarlandschaft. Den Vögeln wurden in zwei Gruppen unterschiedliche, aber in beiden Fällen relativ geringe Einmal-Dosen Imidacloprid verabreicht.

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Die Dachsammer (Zonotrichia leucophrys) war bei der Studie das Untersuchungsobjekt. Die Art brütet im Sommer im Norden und an der Westküste Kanadas sowie in Alaska. Sie überwintert in mittleren und südlichen Breiten des Kontinents.
Die Dachsammer (Zonotrichia leucophrys) war bei der Studie das Untersuchungsobjekt. Die Art brütet im Sommer im Norden und an der Westküste Kanadas sowie in Alaska. Sie überwintert in mittleren und südlichen Breiten des Kontinents.

Zwar war die Zahl der insgesamt untersuchten Vögel gering. Die Ergebnisse des Experiments waren aber aussagekräftig genug, dass das renommierte Magazin Science sie nach Begutachtung durch unabhängige Experten publizierte. Vögel, die der höheren, aber immer noch geringen Insektizid-Belastung ausgesetzt waren, verloren innerhalb von sechs Stunden sechs Prozent ihres Gewichts. Sie blieben zudem im Schnitt 3,5 Tage länger vor Ort als ihre unbelasteten Artgenossen. „Die behandelten Vögel fraßen weniger und wahrscheinlich verschoben sie den Weiterzug, weil sie mehr Zeit brauchten, um sich zu erholen und ihre Fettreserven aufzufüllen“, vermutet Eng.

Zugverzögerungen um einige Tage scheinen gering. Aber angesichts des auch in Nordamerika fast flächendeckenden Einsatzes von Neonicotinoiden könnten sie sich an mehreren Rastplätzen entlang des tausende Kilometer langen Zugwegs kumulieren und zu einer starken Verspätung führen, vermuten die Forscherinnen. Geschwächte Vögel hätten zudem eine deutlich geringere Überlebenschance.

In der EU ist der untersuchte Wirkstoff seit 2018 verboten

Sollte die These zutreffen, wäre auch ein Problem für in Deutschland und Europa brütende Singvögel identifiziert. Denn auch sie rasten auf ihrem Zug aus den afrikanischen Winterquartieren meist auf landwirtschaftlichen Flächen.

Zwar ist der Freiland-Einsatz von Imidacloprid in der EU seit 2018 verboten. In anderen Ländern auf dem Zugweg wird es aber weiter massenhaft eingesetzt. Auch die Intensivierung der Landwirtschaft in Afrika könnte eine Rolle spielen. So werden in der als Überwinterungs- und Durchzugsgebiet für Singvögel wie Gartenrotschwanz oder Gartengrasmücke besonders wichtigen Subsahara-Region in jedem Jahr Millionen Hektar Wald- und Savannen in Äcker umgewandelt und unter Chemikalieneinsatz bewirtschaftet.

Die große Wirkung erzielt Imidacloprid den Forscherinnen zufolge durch seine stark appetitzügelnde Eigenschaft. Es hebelt damit offenbar die im Zuge der Evolution ausgebildete sogenannte Hyperphagie bei Zugvögeln aus, also den genetisch gesteuerten Drang zu besonders starker Nahrungsaufnahme vor und während des Zugs.

In einer Stellungnahme für das Magazin Scientific American wies einer der wichtigsten Hersteller des Insektizids, Bayer Crop Science, eine Verbindung zum Rückgang von Zugvögel zurück. „Die Studie belegt nicht eine Verbindung zwischen dem Einsatz von Neonicotinoiden und negativen Effekten für Bestände ziehender Singvögel", heißt es darin. Die Firma behauptet, dieselben Wissenschaftler hätten früher gegenteilige Ergebnisse publiziert.

Vögel bleiben buchstäblich auf der Strecke

Die Forscherinnen sind aber gewiss, nun der ungelösten Frage nach dem Rückgang vieler Singvogelarten auf die Spur gekommen zu sein. „Die Zugphase ist eine kritische Zeit für Vögel und das exakte Timing ist von großer Bedeutung“, sagt Mitautorin Christy Morrrissey. „Jede Verzögerung kann den Bruterfolg ernsthaft gefährden, deshalb kann dies eine der Erklärungen sein, warum Vögel der Agrarlandschaft und Zugvögel weltweit so stark zurückgehen.“

In Nordamerika weisen Dreiviertel der Vogelarten der Agrarlandschaft seit Mitte der 1960er Jahre starke Bestandeinbußen auf. In Europa ist die Lage ähnlich. Auf Basis von Monitoringprogrammen errechnete der britische Ökologe Richard Inger 2014, dass in Europa fast eine halbe Milliarde Vögel weniger leben als noch vor 40 Jahren.

Auch Berthold, einer der weltweit renommiertesten Vogelzugforscher, hält die Spur der kanadischen Forscherinnen für wert, weiter verfolgt zu werden. „Wir wissen bisher nicht, warum ausgerechnet die Langstreckenzieher unter den Zugvögeln so dramatisch zurückgehen“, sagt der Max-Planck-Forscher. „Vielleicht haben wir hier eine Erklärung dafür gefunden, dass so viele Vögel buchstäblich auf der Strecke bleiben.“

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