Der Vogel-Fragebogen: „Wenn ich mit dem Fernglas losgehe, wird mein Kopf völlig frei“

Heute mit Lisa Pannek, freiberufliche Illustratorin und Künstlerin

Patrick Wiegand

Ein Beitrag von „Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt“

Wenn Verlage für ihre Bücher über Natur detaillierte Zeichnungen von Tieren benötigen, sind sie bei Lisa Pannek an der richtigen Adresse. Die freie Illustratorin und Künstlerin ist seit ihrer Kindheit von Natur und besonders von Vögeln fasziniert und bringt die Tiere auf wunderschöne Weise aufs Papier. Sie ist Falknerin – allerdings interessiert sie an diesem Hobby eher die Pflege und das Auswildern von Greifvögeln als die Beizjagd. Letztes Jahr hat sie einen jungen Turmfalken trainiert und freigelassen, der zuvor wegen eines Flügelbruchs behandelt wurde und erst wieder Flugmuskulatur aufbauen musste. 

1. Wie haben Sie den Zugang zur Vogelwelt gefunden?

Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und war eigentlich ständig im Wald oder auf dem Feld, wo ich Vögel beobachtet und Federn gesammelt habe. Sonst gab es in meiner Familie oder meinem Freundeskreis leider niemanden, der diese Leidenschaft teilte – genauso wenig wie die für Kunst. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit 18 Jahren im Bewerbungsgespräch für mein FÖJ das erste Mal mit einem anderen Orni redete und wie seltsam es für mich war, Worte wie „Heckenbraunelle“ laut auszusprechen. Bis heute gehe ich lieber alleine Beobachten.

2. Was bedeutet Ihnen Vogelbeobachten im Alltag – und was hält Sie vom Beobachten ab?

Wenn ich mit dem Fernglas losgehe, wird mein Kopf völlig frei. Manchmal sind Beobachtungen auch sehr emotional oder aufregend, etwa wenn man im Winter in völliger Stille Singvögel beobachtet und dann plötzlich von einem jagenden Sperberpaar überrascht wird. Ich interessiere mich auch für viele andere Dinge, da ist zum Beobachten nicht immer Zeit.

Aus einem Vogelbalg, wie er in Naturkundemuseen zu finden ist, entsteht auf dem Papier von Lisa Panneks Hand ein Eisvogel, der fast lebendig wirkt. -->
Aus einem Vogelbalg, wie er in Naturkundemuseen zu finden ist, entsteht auf dem Papier von Lisa Panneks Hand ein Eisvogel, der fast lebendig wirkt. -->
Lisa Pannek
Die Beobachtung einer Eismöwe hat Lisa Pannek zu diesem Bild inspiriert. Oft hat sie ein Skizzenbuch beim Birden dabei.
Die Beobachtung einer Eismöwe hat Lisa Pannek zu diesem Bild inspiriert. Oft hat sie ein Skizzenbuch beim Birden dabei. -->
Lisa Pannek
Ein Lebensraum, viele verschiedene Schnabelformen. Sie alle sind bei Vögeln im Wattenmeer zu finden. -->
Ein Lebensraum, viele verschiedene Schnabelformen. Sie alle sind bei Vögeln im Wattenmeer zu finden. -->
Lisa Pannek
Da hebt er ab, der Distelfink.
Da hebt er ab, der Distelfink. -->
Lisa Pannek
Ein Habicht plustert sich auf, um der winterlichen Kälte etwas entgegenzusetzen.
Ein Habicht plustert sich auf, um der winterlichen Kälte etwas entgegenzusetzen.
Lisa Pannek

3. Teilen Sie ein besonders schönes Beobachtungserlebnis mit uns?

Als ich neun oder zehn Jahre alt war, spielte ich mit meiner jüngeren Cousine im Spätsommer auf einem Stoppelfeld. Da kam ein Rotmilan – in Schaumburg kein seltener Anblick – und ich war völlig verzückt, als er direkt auf uns zusteuerte. Er flog in vielleicht anderthalb Metern Höhe und umkreiste und musterte uns neugierig, was meine Cousine in Angst und Schrecken versetzte. Ich war völlig fasziniert. Rotmilane gehören deshalb wohl auch zu meinen Lieblingsvögeln.

4. Bei welchen Vögeln tun Sie sich bei der Bestimmung schwer?

Strandläufer. Obwohl ich seit sieben Jahren an der Ostsee lebe, habe ich mich bisher kaum mit denen beschäftigt.

5. Welchen Gesang hören Sie am liebsten?

Der erste Amselgesang im Jahr läutet bei mir immer den Frühling ein. Auch die Nachtigall ist für mich etwas ganz besonderes, mit dem Gesang habe ich viele Erinnerungen verknüpft.

6. Gibt es eine Vogelart, die Sie nicht ausstehen können?

Flamingos – die sehen aus wie eine Mischung aus Reiher und Pottwal. Und Rosa kann ich nicht leiden.

7. Wenn Sie sich CO2-frei an einen beliebigen Ort der Erde zum Vogelbeobachten beamen könnten, wohin?

Australien. Das war schon als Kind ein Traum für mich. Tatsächlich sind es der Flug und dessen Schadstoff-Bilanz, die mich abhalten.

Lisa Pannek.
Lisa Pannek.
Patrick Wiegand

8. Was machen Sie mit Ihren Beobachtungen?

Wenn ich eine europäische Art das erste Mal sehe, kreuze ich sie in meinem ersten Kosmos Vogelführer von 1999 ab. Besondere Beobachtungen inspirieren mich zu Hause zu Bildern wie der „Eismöwe“, oft habe ich aber ohnehin ein Skizzenbuch dabei.

9. Wenn Sie sich in einen Vogel verwandeln dürften, welcher wäre das?

Ein Wanderfalke. Als ich 18 war, habe ich das erste Mal einen privaten Falkner begleitet und durfte seinen jungen Wanderfalken zurückrufen. Der Falke war das erste Mal sehr hoch geflogen und bremste beim Herunterstoßen zwischendurch immer wieder ab, weil ihn die hohe Geschwindigkeit anscheinend selbst etwas verunsicherte. Ich frage mich seither, ob stoßende Falken sich erst an das Gefühl des Fallens gewöhnen müssen. Sich so in der Luft bewegen zu können ist für einen Menschen einfach unvorstellbar.

10. Wenn Vögel unsere Sprache verstehen könnten, was würden Sie ihnen gerne sagen?

Ich liebe euch!

11. Wenn Sie sich einen Begleiter zum Vogelbeobachten aussuchen dürften, wer wäre das?

Jemanden, der mir in jeder Situation sagen kann, welcher Vogel das gerade war. Im FÖJ am Steinhuder Meer haben wir oft gewitzelt, man brauche „einen Thomas Brandt für die Jackentasche“. Thomas Brandt ist ein hervorragender Ornithologe der dortigen Schutzstation.

12. Wer ist Ihr Held, Ihre Heldin in Biologie und Naturschutz?

Steve Irwin. Seine Filme haben mich als Kind schwer begeistert und vielen Menschen gezeigt, dass auch Schlangen und Spinnen nicht eklig, sondern schöne und interessante Tiere sind.

13. Auf welche ornithologische Frage hätten Sie gerne eine Antwort?

Haben Vögel Freude am Fliegen?

14. Was tun Sie persönlich zum Schutz der Vogelwelt?

Ich arbeite auf verschiedene Weise als Multiplikator. Durch meine Kunst und Arbeit als wissenschaftliche Illustratorin versuche ich, meine Faszination für Vögel weiterzugeben. Bei Unterrichtsmaterialien oder Wissensspielen für Kinder hat das natürlich auch pädagogische Züge. Als Falknerin leite ich Seminare und halte Vorträge in Jägerschaften, um Wissen zu schaffen und mit Unwissen und dadurch folgender Nachstellung aufzuräumen. Wenn mir Schutzprojekte gefallen, helfe ich dort mit oder spende. Und für Naturschutz gehe ich auch auf die Straße.

15. Wie macht Umwelt- und Naturschutz Ihnen am meisten Freude?

Wenn man die Ergebnisse sieht – egal, ob es nur die Zuhörer oder Betrachter sind, die gute Fragen stellen, oder ob es das Fischadlerpaar ist, das auf der wenige Monate zuvor aufgestellten Nistplattform zur Brut schreitet.

Buntstifte, Radiergummis, Zeichenpapier, Skizzenbuch – mit diesen Werkzeugen zaubert Lisa Pannek die wunderbaren Vogelbilder.
Buntstifte, Radiergummis, Zeichenpapier, Skizzenbuch – mit diesen Werkzeugen zaubert Lisa Pannek die wunderbaren Vogelbilder.
Patrick Wiegand

16. Was ist Ihre größte Umweltsünde? Unter welchen Umständen würden Sie darauf verzichten?

Das sind vermutlich meine zwei Flugreisen und eine sehr fleischreiche Kost als Kind. Auf beides verzichte ich seit Jahren.

17. Wenn Sie für einen Tag Bundeskanzlerin wären und eine Maßnahme zum Schutz der Vogelwelt umsetzen könnten, was wäre das?

An einem Tag lässt sich da vermutlich wenig erreichen. Vielleicht könnte man die Vorgaben zu Blühstreifen und stillgelegten Flächen verbessern und sie den Landwirten gegenüber stärker entschädigen, damit man schnell neue Habitate für Wiesenvögel schaffen kann.

18. Was beunruhigt Sie für die Zukunft der Artenvielfalt am meisten?

Dass man dieser Tage oft hört, gravierende Vorstöße gegen den Klimawandel und das Artensterben könnten nur von der Politik und nicht vom Einzelnen ausgehen. Wenn ich weiß, was schlecht für die Umwelt ist, es aber trotzdem mache – würde ich dann widerstandslos damit aufhören, wenn es vom Staat verboten würde?

19. Woher nehmen Sie Hoffnung für die Zukunft der Vogelwelt?

Es gibt viele engagierte Menschen, die für Biodiversität und Naturschutz alles geben. Und momentan wird es wieder Trend, sich mit der heimischen Vogelwelt zu beschäftigen, da springt sicher bei dem ein oder anderen der Funke über.

20. Wenn Sie sich von der Evolution eine neue Vogelart wünschen dürften, wie würde sie heißen?

Irgendwas mit caeruleus. Ich mag blaue Vögel.

•••

Die Flugbegleiter: Denn Artensterben darf nicht erst wieder bei der nächsten Alarmstudie Thema sein.

Es freut uns, dass Sie sich wie wir für Natur und Vogelwelt interessieren! Wir sind überzeugt: Artenvielfalt, Naturschutz und Ökologie sollten in der Öffentlichkeit eine viel größere – und kontinuierliche – Rolle spielen. Dafür treten wir als Team von zwölf JournalistInnen an. Mit unserem Projekt „Flugbegleiter“ bei RiffReporter, mit unserer Arbeit für Verlage, Sender und als Buchautoren wollen wir die öffentliche Aufmerksamkeit stärken und interessierte Menschen mit gutem Journalismus versorgen. Hier bei RiffReporter bieten wir jeden Mittwoch neue spannende Beiträge zu Naturschutz, Vogelbeobachtung und Ornithologie. Als Abonnent oder Förderabonnent (Knopf rechts unten auf dieser Seite) können Sie uns den Rücken stärken und neue, intensive Recherchen ermöglichen. Bitte tun Sie das, denn die Öffentlichkeit braucht sachkundigen Umweltjournalismus. Mit unserem kostenfreien Newsletter können Sie über unsere Arbeit auf dem Laufenden bleiben.

  1. Verkehrswende

Auf dem Weg zur Verkehrswende

Beobachtungen bei einer Debatte der Zukunftsreporter in Düsseldorf

Mikrofon und Debatte - Stadtbücherei Düsseldorf
  1. CRISPR

#2 | CRISPR und Cas bekommen einen Nobelpreis, aber wann?

Wie jedes Jahr steht Anfang Oktober die Bekanntgabe der Nobelpreise an, der bedeutendsten Wissenschaftspreise der Welt. Eine gute Gelegenheit zu verstehen, wie bedeutend das Thema CRISPR/Cas eigentlich ist, und warum die jetzige Vergabepraxis der Nobelpreise überholt gehört.

Zwei Cas9-Moleküle schleichen aus den Ecken rein.
  1. Jagd
  2. Vogeljagd
  3. Zugvögel

„Überall hier wird auf Schreiadler geschossen"

Bericht vom Tatort: Axel Hirschfeld vom „Komitee gegen den Vogelmord“ ist im Libanon, um gegen die Wilderei vorzugehen

Ein von Wilderern getöteter Schreiadler – Libanon, September 2019
  1. Jobs
  2. RiffReporter

Komm in unser Team: Jobs bei RiffReporter

Du bist begeistert von tiefgründigem Journalismus und willst wirklich etwas bewegen? Dann komm in unser Team!

Von links nach rechts: Chefentwickler Sebastian Brink, Vorstandsmitglied Tanja Krämer, Vorstandsmitglied Christian Schwägerl
  1. Gesellschaft
  2. Klimakrise

"Weltschmerz ausleben"

Wie läuft ein Aktivist*entraining der Extinction-Rebellion-Bewegung ab? KlimaSocial hat mit einer Aktivistin gesprochen.

Eine XR-Gruppe protestiert gegen das massenhafte Artensterben.  Das Plakat fragt: Leben oder Tod?
  1. 3._Oktober
  2. Holstein
  3. Kolumne

Holstein einig Feierland

Der Tag der Deutschen Einheit wird heuer im nördlichsten Bundesland begangen, formell unter dem Motto "Mut verbindet". Unter seinem informellen Motto #Mut#Holstein hinterfragt der RadelndeReporter den schönen Einigkeitsschein und schaut mit einer neunteiligen Fotokolumne über den Kai-Rand an der Kieler Förde.

Flaschengalerie auf einem überfüllten Altglascontainer
  1. Kosmische_Leseprobe
  2. Sterne
  3. Sternenhimmel

Der Sternenhimmel im Oktober 2019

Mira - die Wundersame im Walfisch

Das Sternbild Walfisch in der Darstesllugn mit Stellarium.
  1. KI

Drei Zukünfte

Ohne ein Umschwenken im Umgang mit künstlicher Intelligenz steuert die Welt auf einen Abgrund zu, warnt die amerikanische Futuristin Amy Webb. In ihrem Buch „Die großen Neun“ skizziert sie aber auch den Weg in eine menschenfreundliche digitale Welt.

  1. Digitalisierung
  2. Gamification
  3. Partizipation

Escape Rooms im Museum?

Das Badische Landesmuseum (BLM) in Karlsruhe ist auf bestem Weg zum Vorreiter im Feld der Digitalisierung zu werden. Dabei geht es nicht allein um eine online aufrufbare Sammlung. Ein Gespräch mit Johannes Bernhardt, Leiter des Projekts "Creative Collections".

Blick auf das Display eines Smartphone, das auf ausgestellte Gefäße aus der Ur- und Frühgeschichte gerichtet ist.
  1. Museum
  2. Restiution

Restitution - und dann? Afrikanische Museen im Aufbruch

Afrikanische Museen nehmen die Debatte um Restitution kolonialer Raubkunst zum Anlass, um sich neu aufzustellen. Es geht nicht nur darum, wie das alte Kulturgut ausgestellt werden soll, sondern auch um neue Visionen für alte Institutionen: Das postkoloniale Museum

Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Die Flugbegleiter