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Der Vogel-Fragebogen: „Wenn ich mit dem Fernglas losgehe, wird mein Kopf völlig frei“

Heute mit Lisa Pannek, freiberufliche Illustratorin und Künstlerin

25.09.2019
6 Minuten
Lisa Pannek im Þingvellir-Nationalpark in Südwestisland. Sie trägt einen großen Wanderrucksack und steht mit einem Fernglas in der Hand vor einer felsigen Landschaft. Im Hintergrund sieht man Wasser und Berge.

Wenn Verlage für ihre Bücher über Natur detaillierte Zeichnungen von Tieren benötigen, sind sie bei Lisa Pannek an der richtigen Adresse. Die freie Illustratorin und Künstlerin ist seit ihrer Kindheit von Natur und besonders von Vögeln fasziniert und bringt die Tiere auf wunderschöne Weise aufs Papier. Sie ist Falknerin – allerdings interessiert sie an diesem Hobby eher die Pflege und das Auswildern von Greifvögeln als die Beizjagd. Letztes Jahr hat sie einen jungen Turmfalken trainiert und freigelassen, der zuvor wegen eines Flügelbruchs behandelt wurde und erst wieder Flugmuskulatur aufbauen musste.

1. Wie haben Sie den Zugang zur Vogelwelt gefunden?

Ich bin auf dem Dorf aufgewachsen und war eigentlich ständig im Wald oder auf dem Feld, wo ich Vögel beobachtet und Federn gesammelt habe. Sonst gab es in meiner Familie oder meinem Freundeskreis leider niemanden, der diese Leidenschaft teilte – genauso wenig wie die für Kunst. Ich erinnere mich noch gut, wie ich mit 18 Jahren im Bewerbungsgespräch für mein FÖJ das erste Mal mit einem anderen Orni redete und wie seltsam es für mich war, Worte wie „Heckenbraunelle“ laut auszusprechen. Bis heute gehe ich lieber alleine Beobachten.

2. Was bedeutet Ihnen Vogelbeobachten im Alltag – und was hält Sie vom Beobachten ab?

Wenn ich mit dem Fernglas losgehe, wird mein Kopf völlig frei. Manchmal sind Beobachtungen auch sehr emotional oder aufregend, etwa wenn man im Winter in völliger Stille Singvögel beobachtet und dann plötzlich von einem jagenden Sperberpaar überrascht wird. Ich interessiere mich auch für viele andere Dinge, da ist zum Beobachten nicht immer Zeit.

Realistisch gezeichneter Eisvogel in Seitenansicht.
Aus einem Vogelbalg, wie er in Naturkundemuseen zu finden ist, entsteht auf dem Papier von Lisa Panneks Hand ein Eisvogel, der fast lebendig wirkt.
Künstlerische Darstellung einer fliegenden, weißen Eismöwe. Ihr Schatten sieht so aus, als würde er aus Eis bestehen.
Die Beobachtung einer Eismöwe hat Lisa Pannek zu diesem Bild inspiriert. Oft hat sie ein Skizzenbuch beim Birden dabei.
Eine Zeichnung von Köpfen verschiedener Vögel mit unterschiedlichen Schnabelformen.
Ein Lebensraum, viele verschiedene Schnabelformen. Sie alle sind bei Vögeln im Wattenmeer zu finden.
Ein kleiner Vogel mit rotem Gesicht und schwarz-gelben Flügeln hebt von einer Distel mit lavendelfarbenden Ringen um den Blütenkopf.
Da hebt er ab, der Distelfink.
Ein Habicht plustert sich auf. Er steht auf einem schneebedeckten Ast.
Ein Habicht plustert sich auf, um der winterlichen Kälte etwas entgegenzusetzen.
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3. Teilen Sie ein besonders schönes Beobachtungserlebnis mit uns?

Als ich neun oder zehn Jahre alt war, spielte ich mit meiner jüngeren Cousine im Spätsommer auf einem Stoppelfeld. Da kam ein Rotmilan – in Schaumburg kein seltener Anblick – und ich war völlig verzückt, als er direkt auf uns zusteuerte. Er flog in vielleicht anderthalb Metern Höhe und umkreiste und musterte uns neugierig, was meine Cousine in Angst und Schrecken versetzte. Ich war völlig fasziniert. Rotmilane gehören deshalb wohl auch zu meinen Lieblingsvögeln.

4. Bei welchen Vögeln tun Sie sich bei der Bestimmung schwer?

Strandläufer. Obwohl ich seit sieben Jahren an der Ostsee lebe, habe ich mich bisher kaum mit denen beschäftigt.

Die Illustratorin Lisa Pannek. Eine Frau mit Sommersprossen in schwarz/weiß.
Die Illustratorin Lisa Pannek ist auf Naturmotive und Vögel spezialisiert.

8. Was machen Sie mit Ihren Beobachtungen?

Wenn ich eine europäische Art das erste Mal sehe, kreuze ich sie in meinem ersten Kosmos Vogelführer von 1999 ab. Besondere Beobachtungen inspirieren mich zu Hause zu Bildern wie der „Eismöwe“, oft habe ich aber ohnehin ein Skizzenbuch dabei.

9. Wenn Sie sich in einen Vogel verwandeln dürften, welcher wäre das?

Ein Wanderfalke. Als ich 18 war, habe ich das erste Mal einen privaten Falkner begleitet und durfte seinen jungen Wanderfalken zurückrufen. Der Falke war das erste Mal sehr hoch geflogen und bremste beim Herunterstoßen zwischendurch immer wieder ab, weil ihn die hohe Geschwindigkeit anscheinend selbst etwas verunsicherte. Ich frage mich seither, ob stoßende Falken sich erst an das Gefühl des Fallens gewöhnen müssen. Sich so in der Luft bewegen zu können ist für einen Menschen einfach unvorstellbar.

10. Wenn Vögel unsere Sprache verstehen könnten, was würden Sie ihnen gerne sagen?

Ich liebe euch!

11. Wenn Sie sich einen Begleiter zum Vogelbeobachten aussuchen dürften, wer wäre das?

Jemanden, der mir in jeder Situation sagen kann, welcher Vogel das gerade war. Im FÖJ am Steinhuder Meer haben wir oft gewitzelt, man brauche „einen Thomas Brandt für die Jackentasche“. Thomas Brandt ist ein hervorragender Ornithologe der dortigen Schutzstation.

12. Wer ist Ihr Held, Ihre Heldin in Biologie und Naturschutz?

Steve Irwin. Seine Filme haben mich als Kind schwer begeistert und vielen Menschen gezeigt, dass auch Schlangen und Spinnen nicht eklig, sondern schöne und interessante Tiere sind.

13. Auf welche ornithologische Frage hätten Sie gerne eine Antwort?

Haben Vögel Freude am Fliegen?

14. Was tun Sie persönlich zum Schutz der Vogelwelt?

Ich arbeite auf verschiedene Weise als Multiplikator. Durch meine Kunst und Arbeit als wissenschaftliche Illustratorin versuche ich, meine Faszination für Vögel weiterzugeben. Bei Unterrichtsmaterialien oder Wissensspielen für Kinder hat das natürlich auch pädagogische Züge. Als Falknerin leite ich Seminare und halte Vorträge in Jägerschaften, um Wissen zu schaffen und mit Unwissen und dadurch folgender Nachstellung aufzuräumen. Wenn mir Schutzprojekte gefallen, helfe ich dort mit oder spende. Und für Naturschutz gehe ich auch auf die Straße.

15. Wie macht Umwelt- und Naturschutz Ihnen am meisten Freude?

Wenn man die Ergebnisse sieht – egal, ob es nur die Zuhörer oder Betrachter sind, die gute Fragen stellen, oder ob es das Fischadlerpaar ist, das auf der wenige Monate zuvor aufgestellten Nistplattform zur Brut schreitet.

Der Schreibtisch von Lisa Pannek. Buntstifte, Radiergummis, Zeichenpapier und ein Skizzenbuch. Eine Frau malt an einem Bild.
Buntstifte, Radiergummis, Zeichenpapier, Skizzenbuch – mit diesen Werkzeugen zaubert Lisa Pannek die wunderbaren Vogelbilder.

16. Was ist Ihre größte Umweltsünde? Unter welchen Umständen würden Sie darauf verzichten?

Das sind vermutlich meine zwei Flugreisen und eine sehr fleischreiche Kost als Kind. Auf beides verzichte ich seit Jahren.

17. Wenn Sie für einen Tag Bundeskanzlerin wären und eine Maßnahme zum Schutz der Vogelwelt umsetzen könnten, was wäre das?

An einem Tag lässt sich da vermutlich wenig erreichen. Vielleicht könnte man die Vorgaben zu Blühstreifen und stillgelegten Flächen verbessern und sie den Landwirten gegenüber stärker entschädigen, damit man schnell neue Habitate für Wiesenvögel schaffen kann.

18. Was beunruhigt Sie für die Zukunft der Artenvielfalt am meisten?

Dass man dieser Tage oft hört, gravierende Vorstöße gegen den Klimawandel und das Artensterben könnten nur von der Politik und nicht vom Einzelnen ausgehen. Wenn ich weiß, was schlecht für die Umwelt ist, es aber trotzdem mache – würde ich dann widerstandslos damit aufhören, wenn es vom Staat verboten würde?

19. Woher nehmen Sie Hoffnung für die Zukunft der Vogelwelt?

Es gibt viele engagierte Menschen, die für Biodiversität und Naturschutz alles geben. Und momentan wird es wieder Trend, sich mit der heimischen Vogelwelt zu beschäftigen, da springt sicher bei dem ein oder anderen der Funke über.

20. Wenn Sie sich von der Evolution eine neue Vogelart wünschen dürften, wie würde sie heißen?

Irgendwas mit caeruleus. Ich mag blaue Vögel.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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Lektorat: Joachim Budde