Hitzeexkurs RadelnderReporter: Auch Gletscher haben ihr Mikrobiom

Ökologische Forschung: Aufgeweichtes Alpeneis schiebt Wachstum der Kleinstlebewesen an

„Black.Ice“ heißt ein Tiroler Forschungsprojekt,
vorangetrieben u.a. am Jamtalferner (Foto oben).

Als sich die Tour-de-France Ende Juli zum höchsten Straßenpass der Alpen hinauf wand, dürfte niemand aus dem Peloton Blicke „verschwendet“ haben für das triste Gletscherareal über dem Col de l’Iseran. So gut wie alle alpine Eisriesen schwinden. Aber: Mikroben und Kleinsttiere profitieren davon mittelfristig. Weil das sogenannte Kryobiom in Eispfützen prächtig gedeiht. Und weil Gletschervorfelder sich zu Biotopen pulsierenden Lebens weiten.

Als Zeiger des Klimawandels stehen Kryobiom und Gletschervorfelder im Forschungsmittelpunkt der Abteilung für Ökologie der Universität Innsbruck. Leiterin Birgit Sattler erforscht im Rahmen ihres Projektes „Black.Ice“ die typischen Schmelztrichter auf Eisoberflächen. Die „Trichter“ – in der Fachsprache Kryokonit-Vertiefungen genannt - gewährleisten durch Eiskühlung quasi die Betriebstemperatur von Kleinstlebewesen: Bakterien, Pilze, Viren, Bärtierchen und Algen. Letztere schützen sich vor einem Übermaß an ultravioletter Strahlung durch dunkle Pigmente.

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Die meisten Kryokonit-Organismen überleben locker den Winter - tiefgekühlt auf dem Gletscher. Manche Mikroben verharren, „Mini-Ötzis“ gleichend, bereits hunderte oder tausende von Jahren im Eis. Sie tauen im Zuge der Klimaerwärmung des Sommers auf. Und sind größtenteils noch lebensfähig! Im Kryobiom finden sich laut Sattler manch schädlicher Keim, sei es für das lokale Ökosystem oder gar für den Menschen. Wobei noch zu erforschen wäre, ob und wie humanpathogen diese toxischen Keime wirken.

Die Innsbrucker Ökologin Sattler hegt den dringenden Verdacht, dass sich Mikroplastik aus künstlichen Gletscherabdeckungen durch Windabrieb in Gletscher- und Vorgletscher-Flächen verteilt. „Das haben wir ganz am Ende unseres Vorgängerprojekts namens Cover.Up bemerkt. An diesem brisanten Thema forschen wir jetzt weiter.“

Der inhaltliche weiterführende Beitrag von Martin C Roos zum Leben in eisigen Welten plus Interview mit Kryobiom-Forscherin Birgit Sattler, Universität Innsbruck, erscheint im Herbst in der 2020er-Ausgabe des Alpenvereinsjahrbuch BERG. Einen jüngeren BERG-Beitrag des Autors – thematisch noch beträchtlich näher an der Tour de France und am Profiradsport – finden Sie hier.
Herzförmige Schmelzvertiefung auf der Gletscheroberfläche, gefüllt mit Wasser und dunklen Krümeln, Kryokonit genannt.
Ein Kryokonitloch, natürlich „liebevoll“ entstanden – fotografiert in Grönland.
Elektronenmikroskopische Aufnahme eines Bärtierchens.
Bärtierchen gehören zu den Überlebenskünstlern; in "Ruhestarre" überdauern sie Hitze, Kälte, Nahrungsmangel. Wissenschaftlicher Name: Hypsibius klebelsbergi. Die Aufnahme entstand am Langtalferner.
Eine behandschuhte Hand hält einen Zollstock über eine Eisvertiefung.
Vermessung eines Kryokonitlochs auf Spitzbergen.
Porträtaufnahme Frau Sattler
Privatdozentin Dr. Birgit Sattler, University of Innsbruck, Department of Ecology, Research Group: Lake and Glacier Ecology, Birgit.Sattler@uibk.ac.at
Birgit Sattler
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Der radelnde Reporter