Climate Fiction: Ferne Welten, viel zu nah

8 Tipps für die Urlaubslektüre vom KlimaSocial-Team

101 Minuten
Wanderin mit Blick auf verlassene Stadt (Stockbild)

Eine erbauliche Urlaubslektüre ist das nicht unbedingt, was das Team von KlimaSocial hier zusammengestellt hat. Doch spannend ist diese „Climate Fiction“, so heißt das neue Literaturgenre, allemal.

Cli-Fi klingt englisch ausgesprochen nicht von ungefähr so ähnlich wie Sci-Fi, also Science Fiction. Viele Bücher des relativ neuen Literatur-Genres beschreiben eine Zukunft, in der eingetreten ist, wovor die Wissenschaft heute warnt: Das Klima hat sich nachhaltig gewandelt, die Menschheit hat vor ihren größten Aufgabe versagt. Wo immer es noch geht, versuchen die Protagonisten den Umständen ein würdiges Leben abzuringen. Viele Romanschriftsteller interessieren sich ja vor allem für die menschlichen Abgründe, die Erfindungsgabe und Resilienz der eigenen Spezies – und nutzen katastrophale Veränderungen der Gesellschaft als Lackmustest für menschliches Verhalten.

Die Klimakrise ist dabei nur das neueste Szenario: Jules Verne stellte sich in den 1880er-Jahren vor, die Temperaturen in Paris würden drastisch fallen. Für George Orwell waren in „1984“ Krieg und Totalitarismus der Hintergrund der Geschichte um Winston Smith und den Großen Bruder, Margaret Atwoods „Report der Magd“ spielt in einem Amerika, das von Strahlung und Umweltverschmutzung betroffen ist und unter einer alttestamentarischen Diktatur steht. Und was nach einem Atomkrieg passieren könnte, haben sich quer durch die Genres Film, Roman, Comic und Computerspiel viele Dutzend Autor*innen ausgemalt. [Q1]

Ein großer Teil der Cli-Fi-Literatur hat diesen dsytopischen Charakter; davon stellen wir hier einige vor. Aber eines der ersten Bücher des Genres, das es damals noch gar nicht gab, ist ein Thriller: Jules Vernes „Der Schuss am Kilimandscharo“ handelt von einer Firma, die die Erdachse so verschieben will, dass die von ihr gekaufte Arktis zwecks einfacheren Bergbaus in wärmere Gefilde wandert. Ian McEwans „Solar“ ist eher ein Persönlichkeitsroman, der einem alterenden Physik-Nobelpreisträger durch seine persönlichen Katastrophen folgt. Und „Flight Behavior“ von Barbara Kingsolver betrachtet eine ländliche Gemeinde, auf deren Feldern plötzlich wegen des Klimawandels Millionen wandernder Monarchfalter Station machen.

[Q1] https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_nuclear_holocaust_fiction

Der Schmetterlings-Effekt

Dellarobia Turnbow ist in ihrem Geburtsort tief im ländlichen Tennessee gestrandet. Sie wollte aufs College, dann wurde sie mit 17 schwanger, und das war’s. In ihrer Gegend glaubt man nicht an den Klimawandel, und die ärmlichen Bauern können auch wenig dafür: Geflogen ist zum Beispiel noch keiner von ihnen. Dass sich das Wetter ändert und die Regenfälle immer schwerer werden, muss an Gott liegen.

Eines Tages entdeckt Dellarobia nahe der Stadt ein Tal mit Millionen oranger Monarchfalter. Sie überwintern normalerweise in Mexiko, aber die veränderten Stürme und Wettersysteme haben sie in die Täler der Appalachen gedrängt. Der Fund wird zu einer Sensation, die Presse kommt in das Kaff, aber niemand fragt wirklich, warum die Insekten plötzlich da sind, und was mit ihnen geschieht. Eigentlich ist es in der Gegend viel zu kalt für sie.

Barbara Kingsolvers Roman „Flight Behavior“ zeigt, wie die Menschen heute in den USA kommunizieren, warum manche partout nichts von der Klimakrise wissen wollen, und wie die Wörter der Umweltschützer aus den reichen Küstenstädten an den Provinzbewohnern vorbeiwehen. (csc)

Barbara Kingsolver: Flight Behavior, Faber and Faber 2013, 600 Seiten

Buchcover von Flight Behaviour von Barbara Kingsolver
Buchcover von Flight Behaviour von Barbara Kingsolver

Klimawandel und Künstliche Intelligenz

Ende des 22. Jahrhunderts leben die Menschen nur noch in wenigen großen Städten, die hohen Lebenskomfort bieten. Dafür müssen sie sich an soziale Regeln halten, die von einer Künstlichen Intelligenz vorgegeben werden. Mit Hilfe dieser künstlichen Intelligenz namens Askit dürfen sich einige wenige Auserwählte weiter optimieren. Diese sogenannten Reinsten widmen ihr Leben ohne Eigennutz der Wissenschaft und dem Erhalt des menschlichen Lebens auf einer vom Klimawandel bedrohten Erde. Es gibt aber auch Menschen, die in freien Siedlungen in „den Zonen“ leben und sich selbständig organisieren. Die Zonen befinden sich beispielsweise am Rand der Wüsten, die sich etwa in Südeuropa ständig nach Norden ausbreiten. Die Agrarwirtschaft funktioniert nur noch sehr eingeschränkt im urbanen Bereich und in den Siedlungen.

Viele der heutigen Großstädte mussten aufgegeben werden, weil Millionen von Menschen Mitte des 21. Jahrhunderts gestorben sind – ob aufgrund von Kriegen oder einer Superseuche bleibt über eine längere Strecke in der Schwebe. Der Leser folgt hier den Recherchen der Protagonistin Eve Legrand, die trotz passendem Score von Askit nicht in den Elitezirkel aufgenommen, sondern in die prekären „Zonen“ verstoßen wird.

Aus diesem Setting heraus versucht der Autor Thore Hansen die Themen Künstliche Intelligenz und Klimawandel in vielen Facetten konstruktiv weiterzudenken und für die aktuelle Debatte Diskussionsanstöße zu geben: So wird etwa das überhöhte Menschenbild, dem die freiwillige Selbstoptimierung der Reinsten folgen, auf verschiedenen Ebenen herausgefordert. Die Auflösung der Konflikte folgt erfreulicherweise nicht nach stereotypen Schemata, obgleich der Autor hier geschickt mit den Erwartungen der Leser spielt. Die entwickelten Szenarien setzen manche Spitze gegen die Transhumanismus-Ideologie des Silicon Valley. Bis zum Ende bleibt offen, ob der Kampf gegen den Klimawandel gelingen kann. Hansen setzt damit in der gerade beginnenden Debatte, wie Künstliche Intelligenz für nachhaltige Entwicklung genutzt werden kann, wichtige Akzente. (csh)

Thore D. Hansen: Die Reinsten. Golkonda 2019, 424 Seiten, 22 Euro, https://www.thore-hansen.de/

Diskussion anlässlich der Buchpräsentation: Autor Thore D. Hansen und Biologe Ernst Ulrich von Weizsäcker diskutieren, was Wissenschaft und Literatur an Aufklärung in Sachen Klimawandel beitragen können.

Die Siedler von Amanzi

Es ist ein Märztag in Südafrika. Der 13-jährige Nicolaas Storm fährt mit seinem Vater Willem in einem Sattelschlepper durch das Land. Im Anhänger transportieren sie Vorräte, Ersatzteile und Bücher. Wo immer sie an einer verwaisten Tankstelle vorbeikommen, füllen sie den Diesel-Tank auf, jeden aufgegebenen Supermarkt durchkämmen sie nach Konserven und anderen noch brauchbaren Lebensmitteln, und an Bibliotheken halten sie an, um die Bücher zu retten. Vorher müssen sie sich aber absichern, dass sie nicht überfallen werden und keine der Meuten verwilderter Hunde über sie herfällt. Einmal am Tag gönnen sie sich einen Kaffee und genießen seinen Duft und das Aroma, gerade weil sie wissen, dass es bald keinen mehr geben wird.

Die Zivilisation in Südafrika wie vermutlich in anderen Teilen der Welt ist zusammengebrochen. Eine globale Virus-Pandemie hat etwa 95 Prozent der Menschen getötet, und die Überlebenden haben nun keine Nachrichten mehr aus benachbarten Städten, geschweige denn von anderen Kontinenten: Internet, Telefon, Strom – nichts davon funktioniert noch. Im Chaos, durch explodierende Fabriken und andere Unglücke, durch Kriminalität und Gewalt finden viele weitere Menschen den Tod. Niemand weiß mehr, auf wen oder was man noch vertrauen kann.

Der Vater aber träumt davon, einen sicheren Ort zu finden und dort wieder eine Gemeinschaft aufzubauen. Er sucht sich dafür einen verlassenen Ort bei einem Staudamm aus; bald kommen andere Menschen hinzu, darunter eine Frau, die mal Physik studiert hat und schließlich das Kraftwerk wieder zum Laufen bringt. So entwickelt sich Vanderkloof, das die Bewohner schnell in Amanzi („Wasser“ in den Sprachen Zulu und Xhosa) umtaufen, zur leuchtenden Stadt, die neue Siedler und gewalttätige Banden anzieht.

Der Klimawandel und andere gefährliche Eingriffe in die natürlichen Lebensgrundlagen sind für die Menschen eine dunkle Erinnerung; im Alltag ist jeder froh, wenn er ein halbwegs funktionierendes Auto und einen Vorrat an Benzin hat. Um so rätselhafter sind darum die Gerüchte von Hubschraubern – wer kann denn genug Treibstoff und Spezialisten haben, um solche komplexen Fluggeräte zu betreiben? Amanzi schätzt sich schon glücklich, als ein Hobbypilot mit seiner Cessna ankommt und sich der Gemeinschaft anschließt.

Deon Meyers Roman „Fever“ zeichnet die Entwicklung der Gemeinschaft auf, und lässt von Anfang an keinen Zweifel, dass Willem Storm am Ende ermordet werden wird. Die Handlung ähnelt darum manchmal den Geschichten von Siedlern in einer feindlichen Umwelt, dann wieder klingt sie wie die Drehbücher der Mad-Max-Filme. Und was die Klimakrise mit dem Ausbruch der Pandemie zu tun hat, das klärt sich erst ganz am Ende auf. (csc)

Deon Meyer: Fever, Aufbau-Verlag Taschenbuch 2019, 704 Seiten, 12 Euro

Coverbild von Fever von Deon Meyer
Coverbild von Fever von Deon Meyer

Wie sich eine große Nation selbst zerfleischt

Was 1861 die Sklaven waren, sind gut 200 Jahre später die Verbrennungsmotoren – der Anlass, aus dem die Nord- und Südstaaten einen Bürgerkrieg beginnen. Während der Norden mit seiner neuen Hauptstadt Columbus/Ohio die Nutzung fossiler Energie unter Strafe stellt, hält der Süden an seinen Pick-Ups fest. Das ist die Ausgangssituation, vor deren Hintergrund der Roman „American War“ des kanadischen Journalisten Omar El Akkad untersucht, wohin die schon heute zu erkennende, von Präsident Trump und seinen Adlaten und Hintermännern instrumentalisierte Spaltung des Landes führen kann.

Die Klimakrise hat die Nation bei Kriegsausbruch 2074 längst dezimiert: Auf den Karten am Anfang des Buches fehlt Florida fast ganz, Louisiana zur Hälfte, und auch der Staat Delaware, Long Island und Washington DC sind in den Fluten versunken. Ganz South Carolina ist nach einer Seuche Quarantänegebiet. Mexiko hat den Südwesten der USA als Protektorat übernommen, und auf der Weltbühne sind China und ein sogenanntes Bouazizi-Reich längst bedeutender als die gespaltenen Staaten von Amerika.

Die Heldin des Buches ist anfangs ein Kind, das seinen Namen Sarah T. Chestnut selbst zu Sarat umdeutet. Sie wächst in Flüchtlingslagern im Süden auf, erfährt Gewalt, Verluste und menschliche Härte. Ihre Welt erinnert an die Verhältnisse in den Regionen im Nahen und Mittleren Osten, wo die USA und ihre Verbündeten heute Kriege führen: In den Lagern und in einem System von Unterdrückung und Benachteiligung radikalisieren sich die Jungen, kaltherzige Aufwiegler werben labile junge Menschen als Selbstmordattentäter an, Scharfschützen wachen an der Grenze, dumpfe Sadisten quälen politische Gefangene in geheimen Gefängnissen, und außer Kontrolle geratene, solarbetriebene Drohnen kreuzen auf ewig am Himmel und lassen den willkürlichen Tod auf die Häuser regnen.

Wie in vielen Romanen der neuen Climate Fiction-Literatur („Cli-Fi“) dienen die Folgen der Klimakrise auch El Akkad nur als Sprungbrett, um menschliche Reaktionen auf außergewöhnliche Krisen und Umstände zu untersuchen und eine an die Gegenwart gerichtete Botschaft zu formulieren: Lasst nicht zu, dass es so weit kommen könnte. Die Klimakrise kommt fast wie ein Nachgedanke als verschärfendes Element hinzu, seine Warnung gilt vor allem der inneren Spaltung der USA und ihrer Art, schmutzige Kriege zu führen. In einem Porträt in der FAZ [Q1] sagt er: „Ich möchte keine Sympathie für Sarat, denn das hat sie nicht verdient. Aber der Leser soll sich fragen: Hätte ich unter solchen Umständen anders handeln können?“ (csc)

Omar El Akkad: American War, Fischer Taschenbuch 2018, 448 Seiten, 12 Euro

Links und Quellen:

Coverfoto von American War von Omar El Akkad
Coverfoto von American War von Omar El Akkad

Die Fehler der Vergangenheit

Bis zum Jahr 2140 steigt der Meersspiegel um zwei Dutzend Meter – nicht kontinuierlich, sondern in zwei Schüben. Die Dämme, die New York schützen, sind dann längst gebrochen und Lower Manhattan ist überflutet. Manche Gebäude sind eingebrochen, andere baufällig, aber wieder andere stehen noch wie eine Eins. Ihre unteren Stockwerke sind zwar unter Wasser, aber das Leben der Großstadt hat sich daran angepasst. Es ist eine neue Unterwelt entstanden. In luftiger Höhe verbinden Skybridges die Hochhäuser. Statt Taxi fährt man Vaporetto, und wer es sich leisten kann, kauft sich ein Speedboat oder einen Zeppelin.

Das Leben geht nach der Klimakatastrophe also weiter im Roman „New York 2140“ des Science-Fiction-Autors Kim Stanley Robinson. Und das Geld, so die Pointe des Buchs, machen weiterhin dieselben, als sei nichts geschehen. Robinson hat es nicht auf die fossile Industrie abgesehen, die schon heute keine Zukunft mehr hat. Ihm geht es um die Investmentbanker. In seinem Roman bläht sich erneut eine Immobilienblase auf wie seinerzeit zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Als hätte die Menschheit nichts dazugelernt. Fonds kaufen im Auftrag unbekannter Investoren ganze Hochhäuser auf und viele New Yorker Appartments stehen leer, obwohl sie nach einem verheerenden Hurrikan dringend für die vielen Obdachlosen, die im Central Park zelten, benötigt würden.

Robinson erzählt, wie ein zusammengewürfeltes Team aus einem Banker, einer Gewerkschaftlerin, einer TV-Moderatorin, einer Polizistin, einem Hausmeister und zwei Waisenjungen einen Aufstand der Mieter organisiert. Wiederholen wir nicht die Fehler der Vergangenheit, lautet die Botschaft des Autors. Nur hier und da schimmern in seinem Buch die Strapazen durch, die das 21. Jahrhundert erlebt hat. Es ist das Sittengemälde einer postklimatischen Gesellschaft. Und es ist ambivalent, wie man es erwarten müsste: Einerseits wirkt es so, als würden die Menschen die Welt auch ein zweites Mal zerstören, wenn sie die Chance dazu bekämen. Und andererseits gibt es immer Hoffnung, dass es nicht so kommen muss. Schon wenige Menschen können das Ruder herumreißen. (amd)

Kim Stanley Robinson: New York 2140. Heyne 2018, 813 Seiten, 16,99 Euro.

New York 2140 von Kim Stanley Robinson
New York 2140 von Kim Stanley Robinson

„Alarm! Alarm! Der Weltenzerstörer kommt!"

Ein gewaltiges Raumschiff legt sich um den Planten Erde, um die Ressourcen in kürzester Zeit aufzusaugen. Das Raumschiff wird von Echsen-ähnlichen Lebewesen bewohnt, die auf ihrem Kurs durch die Galaxis systematisch einen Planeten nach dem anderen ausbeuten. Die Menschheit steht vor der Aufgabe, eine Gegenstrategie zu entwickeln, um dieses kosmische Ereignis der Weltenzerstörung aufzuhalten. Dabei schwingen in der Erzählung auch Motive der Globalisierung und Klimakatastrophe mit.

Der chinesische Science-Fiction Autor Cixin Liu ist hierzulande mit seiner spektakulären Trisolaris-Trilogie bekannt geworden. Die Spannung seiner Geschichten besteht oftmals in der Frage, wo in einer schier aussichtslosen Lage doch noch ein Fünkchen Hoffnung sein könnte. Dabei spinnt der Autor weltumspannende Katastrophenszenarien mit einer nahezu depressiven Unerbittlichkeit fort, um gleichzeitig mit leichter Hand soziotechnische Entwicklungen und astrophysikalische Dynamiken zu erläutern und einen scharfen sozialpsychologischen Blick auf seine Protagonisten zu werfen. Die Überlebensstrategien, die er sich für seine Protagonisten ausdenkt, sind originell – vielleicht, weil sie nicht unbedingt den westlichen Erzählkonventionen folgen. Mit der Novelle „Weltenzerstörer" greift Cixin Liu natürlich klassische Sci-Fi-Stereotypen auf, die er aber gekonnt und witzig-grimmig auf die Spitze treibt – das originelle Ende darf deshalb keinesfalls verraten werden. (csh)

Cixin Liu: Weltenzerstörer: Novelle. Heyne 2018, 128 Seiten 8,99 Euro

Coverbild von Weltenzerstörer von Cixin Liu
Coverbild von Weltenzerstörer von Cixin Liu

Der totale Blackout

An einem kalten Februartag brechen in Europa alle Stromnetze zusammen. Der totale Blackout. Ein italienischer Informatiker vermutet einen Hackerangriff und versucht, zu den Behörden durchzudringen – erfolglos. Dann gerät er selbst unter Verdacht. Unterdessen liegt Europa im Dunkeln, und die Menschen kämpfen zunehmend ums Überleben.

Zugegeben, „Blackout“ hat mit der Klimakrise vordergründig erstmal nichts zu tun. Der Autor Marc Elsberg beleuchtet in seinem Roman, wie die zunehmende Digitalisierung Energienetze angreifbar macht. Denn jedes Gerät, wie beispielsweise intelligente Stromzähler oder Windenergieanlagen. die selbstständig mit dem Stromnetz kommunizieren, sind immer auch ein Einfalltor für Hacker. Gleichzeitig sind sogenannte „Smart Grids“ aber aus Expertensicht unbedingt notwendig, um Wind- und Solarenergie zielführend ins Stromnetz einzubinden.

Dass Angriffsszenarien längst nicht mehr nur Fiktion sind, zeigte sich 2015, als weite Teile der Ukraine durch einen Hackerangriff lahmgelegt wurden. Die große Stärke des Buches ist, wie es Elsberg gelingt, sehr anschaulich zu beschreiben, wie abhängig unsere moderne Zivilisation von der Stromversorgung ist: Licht, Telekommunikation, Wasserversorgung, Tankstellen – all dies kann in kürzester Zeit zusammenbrechen, mit verheerenden Folgen. Man könnte fast sagen, der Autor Marc Elsberg hat mit seinem Roman, der bereits 2012 erschienen ist, ein Standardwerk geschaffen.

Tatsächlich vergeht seither kaum eine Konferenz von Netzbetreibern und Stromversorgern, ohne dass auf den Roman verwiesen wird. Man kann durchaus annehmen, dass auch der ein oder andere Behördenvertreter durch das Buch für das Thema sensibilisiert wurde. Literarisch nicht unbedingt wertvoll und doch eine packende Erzählung, Liebes-Schmonzette inbegriffen. Eine ideale Urlaubslektüre (und anschließend kann man ruhig mal die Checkliste des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenschutz studieren). (db)

Marc Elsberg: BLACKOUT – Morgen ist es zu spät, Blanvalet 2012, 800 Seiten

Coverbild von Blackout von Marc Elsberg
Coverbild von Blackout von Marc Elsberg

Aufbau und Abbau

Nicht jeder Nobelpreisträger ist ein guter Mensch und lebt ein erfülltes Leben. Michael Beard zum Beispiel leitet nach seiner Auszeichnung in Physik zwar ein Forschungszentrum für Windenergie in Reading/England. Aber der Frauenheld verliert an Körperspannung, und seine fünfte Ehefrau betrügt ihn mit einem Handwerker und einem jüngeren Kollegen. Immerhin schafft es Beard, den Unfalltod des Letzteren Ersterem in die Schuhe zu schieben.

So kommt er auch an die Resultate des jungen Kollegen, der große Fortschritte in der künstlichen Photosynthese gemacht hat. Das könnte eine wirklich große Sache im Kampf gegen den Klimawandel werden, für den sich Beard eigentlich wenig interessiert. Aber wenn man so eine Chance sieht… Er sattelt also von Wind auf Sonne um, und erlebt einen beruflichen Höhenflug.

Der Autor Ian McEwan gönnt gewöhnlich kaum einem seiner Protagonisten ein Happy End. Und vor allem will er als Schriftsteller vermeiden, dass ein Buch über die Klimakrise vor moralischem Eifer trieft, wie er in Interviews gesagt hat. Den Physiker im Roman „Solar“ kann der Leser also gar nicht mögen. Der Protagonist erklärt zum Beispiel Frauen als wenig geeignet für wissenschaftliche Arbeit. Der Shitstorm, den das auslöst, ist nur ein Element im Niedergang des Helden. (csc)

Ian McEwan: Solar, Diogenes-Verlag Taschenbuch 2012, 416 Seiten, 11,90 Euro

Buchcover von Solar von Ian McEwan
Buchcover von Solar von Ian McEwan
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