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Feuer frei auf den „Vogel des Jahres“

Jagd auf bedrohte Vogelarten – ein ganz legaler Skandal. Von Thomas Krumenacker

von
24.10.2018
8 Minuten

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Als die Naturschutzorganisation Birdlife International vor zwei Jahren Zahlen zum Ausmaß der illegalen Vogeljagd in den Anrainerstaaten des Mittelmeeres veröffentlichte, war das Entsetzen groß. 36 Millionen Zugvögel kommen demnach alljährlich auf dem Weg in die afrikanischen Winterquartiere ums Leben. Sie werden geschossen, in Netzen gefangen oder von Steinfallen zerquetscht. Weitgehend unbeachtet und fast überall als Tradition akzeptiert, vollzieht sich aber in jedem Jahr in der Europäischen Union ein im Umfang noch weitaus größeres Massentöten von Vögeln – die ganz normale legale Jagd auf 82 Vogelarten.

Das Bonner Komitee gegen den Vogelmord (CABS) ermittelte in einer jüngst veröffentlichten Studie, dass in den EU-Staaten plus Norwegen und der Schweiz in jedem Jagdjahr legal mindestens 53 Millionen Vögel getötet werden. Schwer zu glauben, aber wahr: Zu Hunderttausenden trifft es auch Vogelarten, die in ihrem Bestand bedroht sind und zu deren Erhalt sich die EU-Staaten in der Vogelschutzrichtlinie verpflichtet haben. Ein legaler Skandal.

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Wenn die Feldlerchen als eine der ersten Zugvogelarten ab Ende Februar aus ihren Überwinterungsquartieren in Südeuropa nach Deutschland zurückkehren, wartet eine Überraschung auf sie. Für 2019 ist der unscheinbare Singvogel mit dem grandiosen Gesang zum „Vogel des Jahres“ gekürt worden. Diese zweifelhafte Ehre wird der Art schon zum zweiten Mal zuteil. Die Vogelschutzverbände Nabu und LBV wollen damit auf den massiven Rückgang der Art aufmerksam machen und der Forderung nach einer ökologischeren Landwirtschaftspolitik Nachdruck verleihen: „Vogel des Jahres“, „Lerchenfenster“ in Getreidefeldern, Schutzzäune gegen Nesträuber für Kiebitze und Große Brachvögel und der Kampf für den Erhalt von Feuchtgebieten als Rastplätze für Watvögel wie die Bekassine: Überall in der Europäischen Union versuchen Naturschützer, den immer stärker unter Druck geratenden Vogelarten zu helfen.

Was aber die wenigsten wissen: Während Tausende engagierte Bürger in vielen Ländern viel Zeit, Herzblut und Geld aufwenden, werden viele der Vogelarten, um die sich Naturschützer besonders kümmern, in derselben EU zu Hunderttausenden, manchmal sogar Millionen völlig legal abgeschossen. Der „Vogel des Jahres 2019“, die Feldlerche, zum Beispiel etwa 1,75 Millonen Mal, die Bekassine – auf der Roten Liste der Brutvögel in Deutschland in der höchsten Kategorie „vom Aussterben bedroht“ geführt – 205.000 Mal und der „Vogel des Jahres 2018, der Star, in der deutschen Roten Liste als „gefährdet“ eingestuft, 650.000 Mal.

Ein farbenfroher Star im Prachtkleid auf einer Wiese
Der schöne Titel „Vogel des Jahres“ bewahrt den Star nicht davor, zu Hunderttausenden in jedem Jahr ganz legal in der Europäischen Union getötet zu werden.
Weit über eine Million Feldlerchen sterben in jedem Jahr durch Vogelfänger in Europa. Die Art ist in sechs EU-Ländern jagdbar.
„Auf Bestellung“ kann man in dieser Metzgerei in den französischen Alpen neben Kalb und Schwein auch den „Vogel des Jahres 2019“, die Feldlerche, bekommen.
Eine Gruppe Belassenen in flachem Wasser stehend
In Deutschland vom Aussterben bedroht, dennoch werden in jedem Jahr in der EU mehr als 200.000 Bekassinen getötet.
Mit großem Aufwand werden etwa Große Brachvögel geschützt, wie hier durch einen Elektrozaun um das Gelege in einem Schutzgebiet in Sachsen-Anhalt. Kaum flügge, müssen sich die Vögel dann vor den Kugeln europäischer Jäger fürchten und die Schutzbemühungen sind allzuoft vergeblich.

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Eine Turteltaube sitzt in einem Akazienbusch
Weltweit vom Aussterben bedroht. Macht nichts, sagt die EU und erlaubt die Tötung von 1,5 Millionen dieser Vögel in Europa.
Eine Zwergschnepfe duckt sich dicht über dem Boden
Besonders krasses Beispiel unnachhaltiger Jagdpraxis: Die Zwergschnepfe wird in der EU in einer Größenordnung legal getötet, die mehr als 50 Prozent ihrer EU-Brutpopulation entspricht.

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Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker

Thomas Krumenacker ist Journalist und Naturfotograf in Berlin. Neben den RiffReportern schreibt er für überregionale Zeitungen und Fachjournale über Wissenschaftsthemen.


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