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Teilen statt besitzen liegt im Trend. Transporträder eignen sich dafür besonders gut. In vielen Städten kann man sie als Freie Lastenräder umsonst ausleihen.

02.11.2019
4 Minuten
Das gelbe Lastenrad hat nur zwei Räder und fährt sich wie ein herkömmliches Fahrrad. Die Last kann vor dem Lenker befestigt werden. Es hat keine Box.

30 Minuten ist Andreas Sturm an diesem Nachmittag einmal quer durch Köln gefahren, um Kasimir abzuholen. Normalerweise steht das Lastenrad mit der hüfthohen grünen Transportbox irgendwo im Zentrum der Stadt. Aber Kasimir ist ein Streuner. Alle paar Wochen zieht er von einem Quartier ins nächste.

Kasimir war vor sechs Jahren das erste „Freie Lastenrad“ Deutschlands. Man bekommt es „für lau“ wie der Kölner sagt, was so viel heißt wie: umsonst oder für wenig Geld. Das Vagabundieren gehört bei ihm zum Konzept. Alle vier Wochen wechselt das Dreirad seinen Standort. Mal steht es vor einem Café, vor einem Vereinslokal oder bei einem Einzelhändler. Schließlich sollen möglichst viele Menschen das Transportrad als Autoersatz nutzen oder es einfach mal ausprobieren.

Die Idee für die „Freien Lastenräder“ stammt von einer Gruppe von sieben Freunden. Unter dem Namen „Wielebenwir“ hatten sie bereits verschiedene Projekte für ein nachhaltigeres Leben in Städten angestoßen. Mit Kasimir landeten sie einen Volltreffer. Teilen statt besitzen gilt als einer der Megatrends des 21. Jahrhunderts und die Transporter auf zwei, drei oder vier Rädern sind dafür geradezu prädestiniert. Mit ihrer großen Ladefläche können sie Autofahrten ersetzen. Allerdings lohnt sich für eine Familie der Kauf oftmals nicht. Denn je nach Ausstattung kosten sie schnell mehrere Tausend Euro. Als Gemeingut dagegen werden sie über Crowdfunding oder von einem Sponsor bezahlt und sind zudem regelmäßig im Einsatz.

Für Andreas Sturm ist das Angebot in Köln ein Glücksgriff. Er hat keinen Führerschein und ist immer mal wieder mit Kasimir unterwegs. Dieses Mal transportiert er damit eine kleine Kommode und Regale in seine Wohnung in den Westen der Stadt. Ein Auto vermisst er nicht. „In Köln bin ich mit dem Fahrrad meist sowieso schneller am Ziel“, sagt er.

Ein Mann mit kurzen braunen Haaren und Bart sitzt auf einem Lastenrad mit grüner Box. Er trägt ein rotes T-Shirt und blaue, halblange Jeans.
Andreas Sturm hat keinen Führerschein und ist immer mal wieder mit Kasimir in Köln unterwegs. Dieses Mal braucht er ihn, um eine kleine Kommode und Regale in seine Wohnung in den Westen der Stadt zu bringen
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Die Ausleihe ist einfach: Reserviert wird online. Wer Kasimir beherbergt, übergibt den Mietern die Schlüssel und erklärt ihnen, worauf man beim Fahren und Parken achten muss. „Ich lasse sie einmal um den Block fahren“, sagt Fatma Erkus, die das Dreirad über die Sommermonate in Köln Kalk verliehen hat. Dort stand es auf dem Gehweg vor dem Steuerberatungsbüro ihrer Familie. Die kleine Testfahrt findet sie wichtig. Denn das Dreirad hat eine breite Stange statt eines Lenkers. „Auf den ersten Metern ist das ungewohnt“, sagt sie. Doch nach wenigen Minuten können auch Anfänger das 40 Kilo schwere Fahrzeug leicht manövrieren.

Die Idee der Freien Lastenräder kommt gut an. Allein in Köln gibt es mittlerweile neun von ihnen an festen Standorten. Bundesweit rollen sie in 80 Städten über die Straßen, in zehn weiteren wird ihr Verleih gerade vorbereitet. Die größte Flotte ist momentan in Berlin unterwegs. Dort sind 72 freie Lastenräder fast permanent im Einsatz. Bis Anfang 2020 sollen es 120 werden.

40 weitere Transporträder für Berlin

Dabei startete der Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) dort 2018 gerade mal mit drei Transporträdern. Aber das ADFC-Team hat von Beginn an sehr erfolgreich die Werbetrommel für seine fLotte Berlin gerührt. Privatleute oder Unternehmen wie Dense, Vattenfall oder Alnatura sponsern seitdem immer wieder weitere Räder. Außerdem fördert auch die Berliner Regierung das Wachstum. Die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz stockt über das Berliner Energie- und Klimaprogramm 2030 den Bestand allein in diesem Jahr um 40 weitere Bikes auf. „Von der sauberen, platzsparenden und leisen Mobilität profitiert der ganze Kiez“, erklärt Regine Günther, Senatorin für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz das Engagement. Sie hofft, dass damit der PKW-Verkehr reduziert wird. Dass das funktioniert, zeigt die Evaluation. „40 bis 50 Prozent unserer Nutzer sagen, dass sie damit Autofahrten ersetzen“, erklärt Thomas Buerman vom Berliner ADFC.

Fatma Erkus sitzt auf dem Lastenrad und blickt seitlich in die Kamera. Über ihre Schulter hinweg ist die große Box des Lastenrads von oben erkennbar. Sie wird mit einer Persenning gegen Regen geschützt
Fatma Erkus hat Kasimir im Sommer für einige Wochen beherbergt

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Allerdings brauchen die Räder auch Platz zum Parken und Fahren. Auf den engen Straßen Kölns ist Radfahren oft kein Zuckerschlecken. Andreas Sturm spürt das regelmäßig auf der Venloer Straße, eine der wichtigsten Routen vom Kölner Stadtrand ins Zentrum. Wenn er dort mit seinem Alltagsrad unterwegs ist, wird er immer wieder von Autofahrern angehupt oder gar geschnitten. Mit dem dreirädrigen Kasimir mit der riesigen grünen Transportbox vor dem Lenker ist ihm das noch nie passiert. „Das Rad ist so groß, das können die Autofahrer auf der engen Straße nicht so leicht überholen. Sie müssen sich damit abfinden, zu warten bis sie ausreichend Platz dafür haben“, sagt er.

Aber nicht jeder Fahrer eines Transportrads ist so entspannt auf der Straße unterwegs wie Sturm. Insbesondere dann nicht, wenn sich hinter ihm der Verkehr staut. In Berlin fordert der Fahrradverband deshalb, ausreichend breite Radwege, die so bemessen sind, das auch schnelle Radfahrer die breiten Cargobikes sicher überholen können.

Kasimir ist das einzige Rad, das „Wielebenwir“ auf die Straße gebracht hat. „Es ging uns nicht darum, möglichst viele Räder in Köln zu verleihen. Unser Ziel war es, einen Impuls in die Stadt zu geben, um Autofahrten zu ersetzen“, sagt Florian Egermann von „Wielebenwir“. Die Freunde wollen Wissen und Ressourcen teilen, um den Menschen ein nachhaltigeres Leben leichter zu machen und einen Mehrwert zu schaffen. Deshalb haben sie das Herzstück ihrer Idee, die Software für die Online Ausleihe, immer kostenlos zur Verfügung gestellt. Damit machten sie es ihren Nachahmern leicht. Sie konnten ohne finanziellen Aufwand ihre Idee kopieren. Teilen statt besitzen funktioniert für „Freie Lastenräder“ also auch in der virtuellen Welt.

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Andrea Reidl

Andrea Reidl

Andrea Reidl arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Buchautorin


Busy Streets

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Redaktion: Andrea Reidl
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Lektorat: Daniela Becker
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