Bei Gesundheit gemeinsam entscheiden: Wie weit ist Deutschland?

Patientenzentrierung und Shared Decision Making haben in den letzten Jahren im Gesundheitswesen viele Fortschritte gemacht. Es gibt aber noch viel zu tun.

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Eine Ärztin mit Stethoskop und Tablet hört einer Patientin zu.

Dass es für Menschen mit Gesundheitsproblemen möglich sein soll, bei Untersuchungen und Behandlungen mitzuentscheiden, ist keine neue Idee: Der Begriff shared decision-making, auf Deutsch meist mit gemeinsamer oder partizipativer Entscheidungsfindung übersetzt, wurde bereits in den 1980er Jahren geprägt. Das Konzept hat sich seitdem weiterentwickelt und in viele Länder der Welt verbreitet. Wo steht die gemeinsame Entscheidungsfindung im Jahr 2022 in Deutschland? Antworten auf diese Frage liefert eine Analyse von Praktiker:innen und Forschenden, die im Mai 2022 veröffentlicht wurde. Das Fazit: Seit der letzten Bestandsaufnahme 2017 hat sich Vieles positiv entwickelt. Dennoch bleibt auch noch einiges zu tun.

Patientenzentrierung ist politisch gewollt

Zugang zu verlässlichen Gesundheitsinformationen, ein Recht auf gemeinsame Entscheidungsfindung: In der Theorie sind sich Entscheidungsträger:innen im deutschen Gesundheitswesen darüber seit vielen Jahren grundsätzlich einig, seit 2013 sind diese Prinzipien im Patientenrechtegesetz verankert. Auch der Deutsche Ethikrat weist darauf hin, wie nötig eine solche Patientenzentrierung im Gesundheitswesen ist. Initiativen wie der Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz und der Nationale Krebsplan heben diese Prinzipien explizit hervor.

Gemeinsam entscheiden: An vielen Stellen positive Entwicklungen

Tatsächlich finden Menschen mit Gesundheitsfragen inzwischen an einigen Stellen im Internet qualitätsgesicherte verlässliche Gesundheitsinformationen: Zu den Anbietern gehören etwa das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) oder die Stiftung Gesundheitswissen. Mit dem Krebsinformationsdienst und der Unabhängigen Patientenberatung gibt es einige Stellen, die auch individuelle Beratung in Gesundheitsfragen anbieten. Das Bundesministerium für Gesundheit hat begonnen, ein Nationales Gesundheitsportal einzurichten.

Für die organisierten Früherkennungsprogramme auf Brustkrebs, Darmkrebs und Gebärmutterhalskrebs erhalten die Zielgruppen neben der Einladung inzwischen gleichzeitig eine Entscheidungshilfe, die Nutzen und Risiken ausführlich darstellt und helfen soll, sich informiert für oder gegen die Teilnahme zu entscheiden.

Patientenbeteiligung gilt inzwischen als Muss in hochwertigen Behandlungsleitlinien. Diese enthalten häufig einen expliziten Hinweis, dass Ärzt:innen und Patient:innen gemeinsam über Behandlungsziele und Therapiepläne entscheiden sollen.

Auch in der Ausbildung von Mediziner:innen, aber auch beispielsweise in der Pflege und in der Physiotherapie haben es die Themen patientenzentrierte Versorgung und gemeinsame Entscheidungsfindung in die Lehrpläne geschafft.

Patient:innen im Mittelpunkt: Noch nicht überall angekommen

Dass Konzepte zur Patientenzentrierung in der Praxis umgesetzt werden können, zeigen erfolgreiche Pilotprojekte:

Das Projekt „Share to care“ hat es am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein geschafft, mit Hilfe mehrerer Maßnahmen gemeinsame Entscheidungsfindung in der Routine-Behandlung zu verankern.

Die Initiative „Was hab‘ ich?“ erstellt Patientenbriefe, die die Betroffenen bei der Entlassung aus dem Krankenhaus verständlich über Diagnose und weitere Behandlung informieren. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat inzwischen empfohlen, diesen Ansatz fest im Gesundheitswesen zu verankern.

Allerdings sind wir immer noch weit davon entfernt, dass Patientenzentrierung und gemeinsame Entscheidungsfindung im Alltag zum Standard gehören. Darauf deuten repräsentative Patientenbefragungen hin. Damit sich die Situation verbessert, schlägt die Analyse eine Reihe von Maßnahmen vor:

  1. Gemeinsame Entscheidungsfindung funktioniert nur dann gut, wenn sie in den Prozessen der Gesundheitsversorgung verankert ist. Das sollen einzelne Gesundheitseinrichtungen berücksichtigen, wenn sie Arbeitsabläufe neu entwickeln oder überarbeiten. Damit sich die Kultur verändert, muss die Leitungsebene diese Veränderung vorantreiben und unterstützen.
  2. Für einen grundlegenden Wandel seien aber auch Veränderungen im Gesundheitssystem nötig. So sollte Patientenzentrierung besser vergütet werden. Im Rahmen von Share to Care gibt es inzwischen Vereinbarungen mit einer großen Krankenkasse, so dass sowohl das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein als auch Hausarztpraxen in Bremen zusätzliche Honorare erhalten, wenn sie eine entsprechende Zertifizierung absolviert haben.
  3. Wie können sich die Prinzipien „Patient:in im Mittelpunkt“ und gemeinsames Entscheiden noch weitreichender etablieren? Dabei könnte eine deutschlandweit anerkannte Zertifizierung nach einheitlichen Standards helfen. Sinnvoll wäre es auch, Kräfte mit anderen Initiativen zu bündeln, etwa mit Bemühungen, die Gesundheitskompetenz zu steigern.
  4. Auf einer nationalen Ebene sei es auch nötig, Entscheidungshilfen zu sammeln und zu bündeln. Um unnötige Doppelarbeit zu vermeiden, sollten sich die verantwortlichen Organisationen besser koordinieren. Ein weiterer Ansatzpunkt: Künftig sollten zum Arbeitsprogramm für Behandlungsleitlinien thematisch passende Entscheidungshilfen für Patient:innen gehören.
  5. Schließlich gebe es auch noch Bedarf, Gesundheitsprofis noch weitergehend fortzubilden, damit Patientenzentrierung und gemeinsame Entscheidungsfindung tatsächlich auch bei Menschen mit Gesundheitsproblemen ankommt.

Fazit

Damit gemeinsame Entscheidungsfindung im Gespräch zwischen Patient:in und Ärzt:in zum Alltag wird, ist noch einiges zu tun. Pilotprojekte haben gezeigt, dass sie im deutschen Gesundheitssystem grundsätzlich möglich ist. Was jetzt nötig ist: Die Rahmenbedingungen so setzen, dass die gemeinsame Entscheidungsfindung nicht die exotische Ausnahme bleibt, sondern der selbstverständliche Normalfall wird. Mal sehen, ob das in den nächsten Jahren gelingt.

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