Das Schweigen der Ärzte

Wie Ärzte mit Patienten reden, entscheidet über Heilung oder Trauma. Obwohl die Kommunikation im Studium immer wichtiger wird, fällt sie in den Praxen und Kliniken oft dürr aus.

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Ein Arzt steht in einer Praxis und schaut auf ein Tablet, im Hintergrund sind zwei weitere Gesundheitsfachkräfte zu sehen.

Dieses Thema bot ich zwei Onlinemedien und einer überregionalen Tageszeitung an, für die ich regelmäßig arbeite. Aber es ist „zu leise“ und auch nicht brennend aktuell, obwohl es sich aufgrund des Ärztemangels zuspitzt. Auch fällt das Thema zwischen verschiedene Ressorts. Dabei geht das „Schweigen der Ärzte“ alle an. Schließlich muss jeder irgendwann zum Doktor und ärgert sich womöglich über die sparsamen Worte. Überdosen und Traumata können durchaus mögliche Folgen sein. Stoff für die Rubrik „Unverkäuflich“ bei den Riffreportern.

Lange sitzt Frau B. im Wartezimmer, nervös und angespannt. Und weil sie trotz Termin warten muss, mischt sich auch noch Ärger unter ihre Unruhe. Sie fürchtet, eine Verdickung am Oberschenkel sei ein Tumor. Ihre Mutter ist an Krebs gestorben. Der Arzt hört B. kurz an, vermutet sogleich ein harmloses Lipom. Nach einem raschen Blick auf die Veränderung, meint er: Wenn es die Patientin stören würde, könne ein Schönheitschirurg den Makel entfernen. Schon ist Frau B. wieder aus dem Behandlungszimmer. Ein klassischer Fall einer Stippvisite. 7,6 Minuten dauert das Gespräch zwischen Patient*in und Hausärzt*in einer Studie zufolge hierzulande.

So fix wollen es viele Patienten nicht. Später beschwert sich B. im Onlineportal über den Arzt: „Alles ging ruckzuck, nicht viel gefragt, ein schneller Blick und draußen war ich. (…) Fühlte mich abgeschoben.“ Für den Hausarzt war es dagegen medizinisch ein klarer Fall. Er stand unter Druck, weil kurzfristig am Vormittag noch ein Hausbesuch eingeschoben werden musste, berichtet das Hamburger Ärzteblatt, das den Fall analysiert hat.

Was Ärzte und Patienten miteinander besprechen, entscheidet über die Diagnose und die Heilung. Deshalb ist die Kommunikation im Medizinstudium immer wichtiger geworden. „Es hat sich sehr viel getan“, sagt die Linguistin Juliane Schopf von der Universität Münster, die dazu forscht. Aber in der Praxis beklagt die Ärzteschaft mehr Zeitnot denn je. Dem fallen vor allem die Gespräche zum Opfer.

Reden ist Pech, Operieren ist Gold

Die Probleme fangen bei der Vergütung an: Im Gesundheitssystem ist das Reden weniger wert als die Anfahrtskosten eines Handwerkers. Zwischen 15,50 und 30,70 Euro gibt es für das Gespräch mit einem Patienten – aber auch nur einmal im Quartal. Ob deshalb oder aus Gewohnheit: Nach durchschnittlich 18 Sekunden unterbrechen einer Studie zufolge Ärzt*innen ihr Gegenüber. Sie stellen geschlossene und Suggestivfragen, „die Tabletten vertragen Sie gut, richtig?“ statt offener Fragen, „wie vertragen Sie die Tabletten?“ Der Stakkato-Stil hat sich eingebürgert.

Das hat seine tieferen Wurzeln im Wandel der Medizin: Hatte der Arzt im 18. Jahrhundert nur das Gespräch, um herauszufinden, was dem Kranken fehlt, ist es heute zur Nebensächlichkeit verkümmert. Auch, wenn der Mensch gar nichts sagt, können Ärzt*innen sagen, was er hat. Schließlich können Radiolog*innen den Körper durchleuchten, Labormediziner*innen das Blut, die Gene, den Urin, ja, sogar in alle Gewebe hineinschauen.

Dabei entscheidet das Gespräch über die Genesung. Die bloße Länge – nicht einmal die subjektive Güte der Kommunikation – geht mit einer besseren Gesundheitsversorgung einher, heißt es in einer Metaanalyse der Cambridge University von 2017. Kurze Kontakte zwischen Arzt und Patient führten mitunter dazu, dass mehrere Medikamente gleichzeitig verschrieben würden, die sich unter Umständen nicht vertragen. Schnelle Visiten gehen mit einem Zuviel an Antibiotika einher, die offenbar dann vorschnell verschrieben werden. Und die Kommunikation sei tendenziell umso schlechter, umso weniger Worte fielen. Auch die Ärzte leiden darunter: Kurze Wortwechsel bedeuten mehr Stress für sie.

Die richtigen Worte wirken Wunder

Dabei wären Worte heilsam. „Der Placeboeffekt ist umso ausgeprägter, je besser ein Arzt eine Behandlung erläutert und mit positiven Erwartungen unterlegt“, sagt Medizindidaktiker und Linguist Tim Peters von der Universität Bielefeld. Die Therapie wirkt dann effektiver. Der Patient wird im Schnitt schneller gesund.

Wie der Gesprächsbooster zustande kommt, studierten Essener Radiologen an 32 Probanden. Sie konnten nachweisen, dass die Ausführungen des Arztes die Belohnungszentren des Gehirns aktivieren. Vereinfacht gesprochen: Die Betroffenen hoffen auf Linderung und erwarten diese regelrecht. Aber im Gesundheitssystem wird nicht nach (Heilungs)Erfolg bezahlt; es werden Therapien vergütet.

Das Nichtgesagte und die „unpassenden Worte“ können sogar Schaden anrichten und tun es oft genug auch. Ein realer Fall: Die Hausärztin schreibt auf den Überweisungsschein in das Feld „Diagnose“ „MS“ – für Multiple Sklerose, ohne gegenüber der Patientin auch nur ein Wort über ihre Mutmaßung zu verlieren. Sie erwähnt lediglich, sie solle die Symptome weiter abklären lassen. Die junge Frau liest zuhause die Diagnose und kann von da an viele Wochen bis zur MRT-Untersuchung kaum noch schlafen. Sie glaubt an einer Multiplen Sklerose zu leiden. Diese Nervenerkrankung kann Lähmungen der Arme und Beine nach sich ziehen. Sie hat Panik bald im Rollstuhl zu sitzen. Bei der Untersuchung stellt sich die Vermutung der Hausärztin als falsch heraus.

Betreuung bedingt Geburtstraumata

Gar keine oder die falschen Worte sind Studien zufolge auch einer der wichtigsten Gründe für traumatische Geburtserlebnisse und im schlimmsten Fall eine nachgelagerte Posttraumatische Belastungsstörung, fand die Psychotherapeutin Almut Dorn in ihrer Doktorarbeit heraus. Viele Frauen entbinden in den Kliniken heutzutage im Wesentlichen nur mit ihrem Partner an der Seite. Die Hebammen kümmern sich um mehrere Geburten gleichzeitig und dokumentieren diese nebenher auch noch, sodass sie nur ab und zu in den Kreißsaal kommen. „Sie kommunizieren dann zu wenig, nicht bedacht und empathisch genug“, weiß Dorn, die eine Praxis für Gynäkologische Psychosomatik in Hamburg unterhält. „Die Frauen geben dann einzelne Sätze minutiös wieder, die sie als Herabwürdigung aufgefasst haben.“ Eine schreckliche Geburt ließe sich nicht objektiv an bestimmten Eingriffen festmachen. Es sei das subjektive Erleben der Frau und der Schlüssel dafür sei der Umgang des Klinikpersonals mit ihr.

Eine Befragung an 229 Frauen aus den Niederlanden bestätigt das. Jene, die während der Entbindung Gelegenheit hatten, Fragen zu stellen und denen die Hebamme das Gefühl gab, dass alles gut verlaufe, hatten weitaus seltener ein traumatisches Geburtserleben. Deshalb kann im Übrigen – auch das belegen Studien – ein Gespräch nach der Geburt den ärgsten Unmut mit der Entbindung lindern.

Zeit zum Sprechen ist ein Trumpf der Alternativmedizin

Mediziner wissen durchaus um die heilende Kraft des Gesprächs. „Die moderne Medizin müsste eine Hörende und Sprechende sein“, mahnt der Palliativmediziner Gian Domenico Borasio von der Universität Lausanne vor diesem Hintergrund. Es ist dieses Defizit, mit dem die Alternativmedizin punkten kann. Die Naturheilpraktikerin hat Zeit, der Osteopath spricht und fragt nach. Anderthalb Stunden Behandlung statt 7,6 Minuten sind nichts Ungewöhnliches. Dem gegenüber stehen in der klassischen Medizin immer mehr Hightech-Eingriffe auf der einen Seite, wenig Zeit für den Menschen auf der anderen Seite gegenüber. Diese spürbare Unwucht bedingt mithin, dass einige Menschen mehr oder minder geringschätzig auf die „Schulmedizin“ herabschauen. „Wenn wir es nicht schaffen, die Ökonomisierung und Technisierung zugunsten des Menschen neu auszutarieren, kann die Medizin ihren heutigen Stellenwert verlieren“, warnt der Gesundheitsökonom Karl-Heinz Wehkamp von der Universität Bremen.

Gesprächstraining wird im Medizinstudium immer wichtiger

In der Lehre hat man diese Gefahr erkannt. 2015 schon brachten die 37 Medizinfakultäten gemeinsam ein „Nationale longitudinale Mustercurriculum Kommunikation in der Medizin“ mit 300 Unterrichtseinheiten Gesprächstraining für angehende Ärzt*innen auf den Weg. An der Universität Münster entscheidet die Gesprächsfähigkeit sogar darüber, wer nebst NC das Zeug zum Medizinstudierenden hat, berichtet die Linguistin Juliane Schopf. Die Hochschule gilt bundesweit als Vorreiter. Schopf stellt sich dort angehenden Studierenden seit 2017 als Simulationspatientin zur Verfügung: Die jungen Leute üben an ihr als fiktiver Patientin. Sie diagnostizieren und behandeln erdachte Krankheiten; Schopf aber achtet auf jedes Wort und Zeichen. Dann gibt sie ein Feedback. „Medizinstudierende verwenden oft Begriffe, die ich nicht verstehe. Da sage ich schon mal, dieses Wort kenne ich nicht.“

Auch die Universität Bielefeld bietet seit Oktober 2021 einen Studiengang, an dessen Lehrplan Linguisten mitgeschrieben haben. „Der Stellenwert der Kommunikation im Staatsexamen wird auch nochmals steigen“, kündigt Peters an.

Unterdosierte Worte führen zur Überdosis an Arzneien

Doch diesem Wandel in der Ausbildung steht eine beinahe entgegengesetzte Entwicklung in den Praxen und Kliniken gegenüber: Nicht nur in der Pflege ist Personal klamm, auch Ärztestellen können zusehends schlechter nachbesetzt werden. „Die Leute schreiben genau eine Bewerbung“, sagt Peters. Der Deutsche Ärztetag warnte im Herbst vor dem Zusammenbruch der Gesundheitsversorgung und warb für eine Aufstockung der Studienplätze. Weil die Ärzt*innen fehlen und die Berichtspflichten immer weiter zunähmen, verbringen Mediziner*innen heute viel weniger Zeit mit den Patient*innen als einst, urteilt Peters. Die Folgen sind Hektik und sparsame Worte. „Das spürt man auch in den Arztgesprächen, die ich zu Forschungszwecken aufnehme“, berichtet Schopf. „Es ist ein Riesenfrustrationsfaktor für die Mediziner.“

Rasende Ärzte, abgehängte Patienten sind die Folge. Knapp jede dritte Patient*in versteht nicht richtig, was der Doktor zur Diagnose und Behandlung sagt, erbrachte eine Forsa-Umfrage 2021. Schuld seien vor allem zu viele Fachbegriffe, auch Zeitmangel und das Ignorieren von Fragen. In der Folge nehmen einige die Tabletten in der falschen Dosis. Andere lassen sich operieren, obwohl sich das hinterher als nutzlos herausstellt. Jeder Sechste bewegt sich nach der OP zu früh.

Der Reboundeffekt der Lehre: Mediziner lehnen empathische Gespräche als praxisfern ab

„Was sie in der Ausbildung lernen, können sie gar nicht anwenden und dann schleift sich das ein“, analysiert Peters. In Studien zeigt sich das auf groteske Weise. Je erfahrener ein Arzt, desto besser glaubt er zu kommunizieren, aber desto schlechter beurteilen Patienten die Gespräche. Und – noch pikanter: Studierende, die über fünf Jahre gezielt in Kommunikation geschult wurden, gingen hinterher signifikant weniger empathisch auf die Patient*innen ein als ihre untrainierten Kommilitonen, zeigt eine belgische Studie. Der Grund dafür war, dass den geschulten Personen bewusst wurde, dass sie die Theorie mangels Zeit nicht anwenden konnten. Sie werteten die empathische Kommunikation daraufhin als realitätsfern ab und gingen – geübt im Sprechen – schnurstracks zu straffen Dialogen über. „Statt das Gesundheitssystem zu hinterfragen, kritisieren sie nachträglich die Lehrinhalte", bedauert Peters.

„Der Punkt ist aber auch: Ärzte, die ihre Patienten verbal schnell abfertigen, haben trotzdem oft volle Wartezimmer, weil man ohnehin lang auf einen Termin wartet.“ Er hat seinen Hautarzt allerdings gewechselt, nachdem dieser ihm in kargen Worten vermittelte, bei seinem hellen Hauttyp wäre der schwarze Hautkrebs nicht mehr weit. „Ich fühlte mich ganz schrecklich.“

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