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Theodore Roosevelt mahnt

Unweit des Weißen Hauses liegt ein kleines Vogelparadies.

10.05.2017
6 Minuten
Ein Holzsteg führt durch dichte grüne Natur.

Was macht Theodore Roosevelt da nur? Winkt er einem imaginären Publikum zu? Will er jemandem eine Ohrfeige geben? Freut er sich über einen seltenen Vogel, den er gerade gesehen hat? Am ehesten würde letzteres zu ihm passen. Von Roosevelt heißt es, dass er einst zu einer Sitzung seines eigenen Kabinetts zu spät kam, weil er beim Vogelbeobachten die Zeit vergessen hatte. Unter den bisher 45 US-Präsidenten war er mit Abstand der größte Naturliebhaber. Akribisch notierte er, welche Vögel er auf dem Gelände des Weißen Hauses sah.

Auch deshalb steht sein Denkmal in der amerikanischen Hauptstadt Washington auf einer kleinen Insel im Potomac-Fluss, mitten in einem urbanen Naturparadies, das seinen Namen trägt. Nur 20 Minuten braucht man von der Washingtoner Innenstadt hierher. Auf der Theodor-Roosevelt-Insel fühlt man sich fern vom Geschäfts- und Machtbetrieb der Hauptstadt. Doch das trügt. Das Weiße Haus liegt keine zwei Kilometer von hier entfernt. Und was der dortige Amtsinhaber derzeit tut, gefährdet das Erbe Roosevelts.

Roosevelt auf Augenhöhe

Die Empfehlung, zum Vogelbeobachten auf diese Insel zu gehen, kam von Laura Helmuth. Sie ist nicht nur Wissenschaftschefin der Washington Post und Präsidentin der National Association of Science Writers, sondern auch eine leidenschaftliche Birderin. „Wenn man auf der Insel ist, sieht man sofort, weshalb sich Menschen und Vögel hier wohlfühlen, denn sie ist groß und vielfältig genug, um mitten in der Stadt Schutz zu bieten“, sagt sie. Neben dem Vogelreichtum hat es Helmuth besonders die Roosevelt-Statue angetan.

Es gebe extrem viele weiße Marmorstatuen in Washington, die vor allem durch ihre Größe imponierten – Ziel ihrer Auftraggeber sei es gewesen, dass man sich als Betrachter klein daneben fühle. Roosevelt begegne einem dagegen fast auf Augenhöhe. „Er steht da, als ob er wie jeder andere auch einfach zum Wandern auf der kleinen Insel wäre“, sagt Helmuth.

Der Kronwaldsänger (Dendroica coronata) im Unterholz.
Versteckte Schönheit: Der Kronwaldsänger (Dendroica coronata) lebt im Unterholz.
Die Inschrift auf der Gedenktafel des Roosevelt-Memorials.
Mahnende Worte vom 26. Präsidenten als Teil des Roosevelt-Memorials.
Ein Männchen des Rotkardinals vor grünem Blätterwerk.
Punk-Frisur und leuchtende Färbung: Ein Männchen des Rotkardinals.
Ein Bronzedenkmal von Roosevelt mit einem erhobenen Arm.
Das Denkmal des Bildhauers Paul Howard Manship aus dem Jahr 1967 läßt vielerlei Interpretationen zu.
Der Carolinazaunkönig vor grünen Blättern.
Klein, aber oho: Wenn der Carolinazaunkönig singt, ist er nicht zu überhören.
Ein Kanadareiher stakt durch einen Fluss.
Fische spült ihm Fluß zuhauf vor den Schnabel: der Kanadareiher (Ardea herodias).
Eine Gruppe Menschen mit Ferngläsern in der Hand, von hinten fotografiert.
Die Theodore-Roosevelt-Insel zieht auch organisierte Vogelfreunde an.
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Es ist immer gut, bei Fernreisen das Fernglas dabeizuhaben. Kleine Lücken gibt es im dichtesten Terminkalender. Und Vögel zu beobachten in einem anderen Land, gar auf einem anderen Kontinent, ist immer ein besonderes Erlebnis. Es gibt kaum bekannte Gestalten, keine Stimmen, die man nach den ersten Tönen erkennt. Ganz wie früher, als man sich die mitteleuropäischen Vögel Art für Art erschlossen und erarbeitet hat. Jeder noch so häufige Vogel gibt einem das Gefühl, etwas Neues zu entdecken. Gleich hinter der Brücke zur Roosevelt-Insel schwingt sich ein Paar Kardinäle durchs Gebüsch. Eine Allerweltsart hier, doch kein Vogel in Europa kommt dem Feuerrot des Männchens gleich. Wenige Schritte weiter singt ein Carolinazaunkönig, weithin hörbar wie sein europäischer Verwandter. Einige der wenigen vertrauten Arten fliegen vorbei: Kormorane, Fischadler, Kanadagänse.

Die Insel hat schon viele Verwandlungen erlebt. Sie wurde vom Stamm der Nacotchtank bewohnt, dann von Siedlern erobert, vom Militär zur Rekrutierung schwarzer Soldaten benutzt, einer Elektrizitätsfirma übereignet, zum Testgelände für Sprengstoffe umgewidmet und schließlich 1931 von der Theodor Roosevelt Memorial Association gekauft. Der Verein wollte einen Präsidenten ehren, der wie kein anderer vor ihm die amerikanische Natur verehrt hatte.

In seinen zwei Amtszeiten von 1901 bis 1909 schuf Roosevelt fünf Nationalparks, ließ den „Antiquities Act“ in Kraft treten, mit dessen Hilfe er gleich zu Beginn 18 der heute 129 U.S. National Monuments per Präsidentendekret kreierte. Er wies zudem 51 Vogelschutzgebiete und 150 National Forests aus. Insgesamt 930.000 Quadratkilometer öffentlichen Landes, also eine Fläche von 964 mal 964 Kilometern, stellte er höchstpersönlich unter Schutz.

Roosevelts Erbe lebt bis heute fort. 2006 war es der Republikaner George W. Bush, der vom Antiquities Act Gebrauch machte und rund um Hawaii ein gigantisches Meeresgebiet zum National Monument erklärte. 2016 erweiterte Präsident Barack Obama das Schutzgebiet mit dem traditionellen Namen „Papahānaumokuākea“ auf 1,5 Millionen Quadratkilometer und ließ es damit zum zweitgrößten der Welt aufsteigen. Überhaupt nutzte Obama die Möglichkeit intensiv, kulturelle und natürliche Besonderheiten per Erlass unter Schutz zu stellen. In seinen zwei Amtszeiten wies er doppelt so viele National Monuments aus wie es einst Roosevelt getan hatte.

Budgetkürzungen für den Naturschutz

Doch seit Januar 2017 bewohnt ein Mann das Weiße Haus, den man als Roosevelts Gegenspieler bezeichnen muss und dessen ökologisches Ideal der Golfplatz ist. Donald Trump im Garten des Weißen Hauses beim Vogelbeobachten – undenkbar; man kann ihn sich allenfalls mit Schrotflinte in der Hand vorstellen. Die Idee, Natur und Arten um ihrer selbst Willen zu erhalten, scheint dem neuen Präsidenten fremd zu sein. Zu Trumps stolz vorgetragenen Leistungsbilanz der ersten hundert Amtstage gehörte es, dass er Ende April alle neuen National Monuments der letzten 30 Jahre und alle laufenden Verfahren für Neuausweisungen auf den Prüfstand stellen ließ.

Trump möchte Meeresschutzgebiete für die wirtschaftliche Nutzung öffnen, den Schutzstatus von bedrohten Arten verringern, Hindernisse für die wirtschaftliche Nutzung von öffentlichem Land beseitigen. „Heute geben wir den Bundesstaaten die Entscheidung darüber zurück, welche Flächen sie schützen und welche sie wirtschaftlich nutzen wollen“, sagte Trump – exakt das Gegenteil dessen, was Roosevelt mit dem Antiquities Act erreichen wollte. Dass Trump Anfang April sein Präsidentengehalt an den National Park Service gespendet hat, um ein Wahlversprechen zu erfüllen, ist bisher seine einzige positive Geste in Richtung Naturschutz. Den Empfänger hatte er aber gar nicht selbst bestimmt, diese Entscheidung hatte er dem White House Press Corps überlassen.

Die 78.000 Euro für den National Park Service sind nichts angesichts der Budgetkürzungen beim für Nationalparks zuständigen Innenministerium, die Trump gefordert hat. Zwar entscheidet nicht Trump, sondern der Kongress über den nationalen Haushalt, und dort haben sich nun bei den Verhandlungen über den Haushalt dieses Jahres die Nationalparkfreunde, die es auch unter Republikanern gibt, vorerst durchgesetzt.

Die Infrastrukturausgaben der Nationalparks sollen sogar leicht steigen. Unter US-Naturschützern herrscht trotzdem blankes Entsetzen. Die National Park Conservation Association warnt vor dem Plan des Präsidenten, den Neuerwerb von Schutzgebieten, ein Förderprogramm für National Heritage Areas zu torpedieren, ebenso wie die Sanierungsprogramme für die Great Lakes, die Feuchtgebiete von Florida und die Chesapeake Bay.

Schwertlilien auf der Theodore-Roosevelt-Insel.
So fern und doch so nah: Schwertlilien auf der Theodore-Roosevelt-Insel.

Auf der Roosevelt-Insel wird die Erinnerung an ein ganz anderes Amerika auf stille Weise am Leben gehalten. Im Halbkreis sind um die Roosevelt-Statue große Gedenksteine mit Sinnsprüchen des 26. Präsidenten aufgestellt. Da steht viel vom uneigennützigen Dienst am Land, von Idealen, die man nie vergessen soll, und von Charakterstärke. Roosevelt wäre unter Naturschützern heute durchaus umstritten. Er frönte der Großwildjagd und störte sich nicht daran, dass viele der vermeintlichen Wildnisgebiete früher durchaus bewohnt gewesen waren – von Ureinwohnern, die bald nach der Eroberung Amerikas von europäischen Siedlern ausgerottet wurden.

Dennoch: Ohne Roosevelts Wirken wäre die Landschaft der USA wohl inzwischen großflächig entstellt worden. Seine tiefe Liebe zur Natur kommt auf einem eigenen Gedenkstein zum Ausdruck: Es gebe keine Worte für den unsichtbaren Geist der Wildnis, sein Geheimnis, seine Melancholie, seinen Charme, steht dort geschrieben, und: „Die Nation verhält sich gut, wenn sie den Wert der natürlichen Ressourcen, die sie an die nächste Generation weitergebe, vermehre und nicht vermindere.“

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Christian Schwägerl war er mit dem Kellen Fellowship des American Council on Germany in Washington. Das Fellowship ermöglicht unabhängige Recherche und deckt Flug, Unterkunft, Verpflegung und Recherchekosten.

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Christian Schwägerl

Christian Schwägerl

Christian Schwägerl ist Journalist in den Bereichen Umwelt, Wissenschaft und Politik. Er war als Korrespondent für die Berliner Zeitung (1997–2001), die Frankfurter Allgemeine Zeitung (2001–2008) und den SPIEGEL (2008–2012) tätig und arbeitet seit 2013 freiberuflich für Medien wie GEO, FAZ und Yale E360. Von ihm stammen die Bücher „Menschenzeit“ über das Anthropozän, „11 drohende Kriege“ über globale Konfliktrisiken (mit A. Rinke) und „Analoge Revolution“ über die Zukunft digitaler Technologien. Seit 2014 leitet er die von der Robert Bosch Stiftung geförderte „Masterclass Wissenschaftsjournalismus“. Schwägerl hat einen Master-of-Science-Abschluss in Biologie. Er ist Mitgründer und Vorstand von RiffReporter. Für seine journalistische Arbeit hat er zahlreiche Preise erhalten, darunter den Georg von Holtzbrinck Preis für Wissenschaftsjournalismus (2007) und den Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2020, mit J. Budde).


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