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Mut kann entzweien – darf er auch!

Kleine Widerrede & große Fotokolumne zum Tag der Deutschen Einheit

30.09.2019
10 Minuten
Mut verbindet – mit Leuchtturm, Pressestelle SH.

Prolog.

Sach mal, Jonte, wir begehen doch den 30. Tag der Deutschen Einheit seit dem Mauerfall!? – Nee, Opa, Dusselchen, den 3. Oktober gibt*s doch erst seit 1990; Einigungsvertrag und so. – Eben, min Jontchen, 29 plus eins: Der eine Feiertag, der die 30 voll macht, war 1990 der 17. Juni; der musste dran glauben. – Ach! Erzähl mal… .
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Nachgebaute Szene im Miniaturformat ein einem fiktiven Grenzübergang der Berliner Mauer: neben dem Plakat "40 Jahre DDR schlängelt sich am 9.11.1989 eine Trabikolonne gen Westen.
Feiern lässt sich aus meiner Sicht nicht nur, dass 40 Jahre DDR nunmehr seit bald dreißig Jahren passé sind. Ich feiere die 40 auf RiffReporter.de/Deutschland: Seit meinem Projektstart im Februar 2019 schiebe ich hiermit den vierzigsten Beitrags ins Serversystem unter dem Projekttitel „Der RadelndeReporter – Gemütslagen und Gesichter aus Deutschland“ (alle Beiträge abrufbar unter https://www.riffreporter.de/gesellschaft-west-ost-deutschland). Das Foto entstand vor meiner Fahrt durch alle Bundesländer im Willy Brandt Haus Lübeck, wo die Ausstellung des Miniaturwunderlandes Hamburg gastierte „Geteilte Stadt. 1945 – 1989“.

Schlagwort-Liste zur nachfolgenden #Mut#Holstein-Fotostrecke

  1. Kriegsspielzeug (Berkenthin) —Foto & Text FREI
  2. MeeseMögen (Lübeck) —Foto FREI
  3. Ausländer raus! (Groß Sarau) Foto FREI
  4. An der Elbe leben (Lauenburg)
  5. DENKnurMAL (Travemünde) Text FREI (ganz am Ende dieses Beitrags)
  6. Auf Sand schauen (Groß Grönau)
  7. Konfessionslose Friedhofsruhe (Behlendorf) Text FREI (ganz am Ende dieses Beitrags)
  8. Neben dem Nordostseekanal residieren (Wik-Knoop) —Foto & Text FREI
  9. Dänen den Popo zeigen (Lübeck).

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Besprühter Trabi, oben mit einer riesigen Schraube als Aufziehspielzeug dekoriert,
Mut#Holstein 1: Kriegsspielzeug – DDR nicht zur bloßen Deko „verkommen“ lassen (Berkenthin). ### Verkommen ist das falsche Wort: Verrottet ist diese Rennpappe, aber halt: Ist das nicht schon eine despektierliche, verniedlichende Bezeichnung für diesen Trabanten? Ein Spielzeuggeschäft in Berkenthin hat ihn zum 25. Geschäftsjubiläum in ein Aufziehgerät verwandelt. Es steht schon seit fast zwanzig Jahren auf dem Anbau des Geschäfts, Kullerfrontleuchten trist gen Osten äugend. „Das waren noch Zeiten, als ich im Kalten Krieg östlich von Holstein meinen Dienst tat!“, mag sein schief hängendes Maul seufzen. Irgendwie tut es mir leid, dieses alte Kriegs-Spiel-Zeug.
Detail der Meese-Installation: Puppenartig verfremdete Skelette stehen vor einem Wandplakat mit der Aufschrift KUNST!
Detail Meese-Ausstellung St. Petri – die #Mut#Holstein-Bildunterschiften-"Kolumne" ist nach Freischaltung des Beitrags sichtbar.
Zwei Nandus schicken sich an, einen Feldweg zu queren.
Die #Mut#Holstein-Bildunterschiften-"Kolumne" ist nach Freischaltung des Beitrags sichtbar.
Skelett-Installationen.
Mut#Holstein 2: Langeweile – man darf Meese mögen (Lübeck). ### Sich über Kunst oder Kunstversuche zu echauffieren, erzeugt manchmal nur Langeweile. So ist es mir gegangen, als ich im Frühjahr 2019 die Diskussionen um das Lübecker Ausstellungs-Feuerwerk von Jonathan Meese verfolgte. Unter dem Titel „Dr.Zuhause: K.U.N.S.T.(Erzliebe)“ mischte er das Lübecker Kulturleben ordentlich auf. Besseres Marketing geht nicht. Damit die Diskussion „Was ist Kunst“ anzetteln? No go. [Das Foto entstand in der Ausstellung http://st-petri-luebeck.de/index.php/854-dr-zuhause-k-u-n-s-t-erzliebe-grossmutter-macht]
Zwei Nandus schicken sich an, einen Feldweg zu queren.
Mut#Holstein 3: Ausländer raus! – Immigranten zum Abschuss frei gegeben (Sarau & Mecklenburg). ### Sie stehen unter Artenschutz, aber weil sie den Bauern jedes Jahr stärker an Raps und Rüben gehen, dürfen sie jetzt doch offiziell dezimiert werden. Die Rede ist vom südamerikanischen Laufvogel namens Ñandú, eingedeutsche Nandu. Einige der Strauß-Verwandten entkamen in den 1990er Jahren aus einer Privatzucht im Norden des Herzogtums Lauenburg. Der Großteil der Population, die 2019 auf fast 600 Tiere angewachsen war, treibt sich auf mecklenburgischen Äckern herum. Das Amt für das Biospährenreservat Schaalsee, in dessen Gebiet sich die Nandus vorwiegend herumtreiben, stufte die Vögel sogar als „heimische, wild lebende Art“. Manchmal besinnen sich die bis zu 170 Zentimeter großen Vögel wohl ihrer holsteinischen Zuchtwurzeln und stehlen sich, wie auf dem Bild nördlich von Rothenhusen, unweit des Ratzeburger Sees, zurück ins Lauenburgische nach Groß Sarau (siehe Postskriptum am Ende des Beitrags).
Mut#Holstein 4: An der Elbe leben (Lauenburg). ### Über Deiche lässt sich trefflich streiten: Für die einen zerstören sie die Natur; sie fordern an der Elbe Deichrückverlegungen an mehr Abschnitten. Für diejenigen, die direkt an der Elbe leben, kann schieren Überlebens wegen ein Deich gar nicht hoch und dicht an der Wasserstraße genug sein. In klimaveränderten Zeiten – mit häufigeren Phasen tagelangen Starkregens – freuten sich die Bewohner von Lauenburg zuletzt 2013 darüber, dass die Deichhöhe rund einen Meter über dem Hochwasserpegel lag, nämlich bei 10 Meter 68. Wie hoch der Deich zum Jahrhunderthochwasser im Jahr 1855 war, zeigt die übermannshohe Pegeltafel an der Uferpromenade, einen Steinwurf vom Elbschifffahrtsmuseum, leider nicht.
Das „Maritim“ an der Strandüromenade in Travemünde.
Mut#Holstein 5: DENKnurMAL! (Travemünde) ### „Der Bereich Archäologie und Denkmalpflege der Hansestadt hat das Maritim [Anm. Roos: das hoch aufragende “Riff" rechts im Bild] in die Liste der Kulturdenkmale aufgenommen", verkünden am 4.8.2019 die Lübecker Nachrichten. „Nicht alle in Travemünde haben dafür Verständnis“ – was wohl das Volk überregional erst sagt, angesichts dieses archäologischen Strandguts?
Einsames Fahrrad und einsame Eiche auf einem Heide-Steppen-artigen Terrain.
Mut#Holstein 6: Auf Sand schauen (Groß Grönau bzw. Mecklenburg). ### Sie baute darauf, die DDR, und das nicht nur sprichwörtlich. Sand ließ das Regime zum Zwecke der Grenzsicherung abertonnenweise nah an die Sicherungsanlagen herankarren: um potenziellen Republikflüchtlingen auf Spur und Schliche zu kommen. Solche Areale haben sich heute vielerorts in sandige Heidelandschaften verwandelt, wie hier auf der mecklenburgischen Seite des südlichen Lübecks (jenseits des Grenzflusses namens Wakenitz). Die Idylle zu Fuß oder mit dem Rad zu genießen, heißt jedoch, mit unterschwelliger Angst um zu gehen oder fahren. Lagen hier früher auch Minen? Wurden die alle beseitigt? Wie Sven Felix Kellerhoff, Leitender Redakteur Geschichte, vor fünf Jahren in der WELT schrieb, liegen laut eines (auf den Internetseiten des Thüringer Umweltministeriums leider nicht mehr verfügbaren) Gutachtens noch „bis zu 33.000 Personenminen auf dem ehemaligen Sperrgebiet, oder – noch schlimmer – wurden unbemerkt weggespült“. Daran denke ich jedes Mal, treibe ich mich im Idyll neben der frequentierten Hauptroute im outdoor-beliebten „Grünen Band“ herum.
Grabstein von Günter Grass im holsteinischen Weiler Behlendorf.
Grass, der große Kritiker der Deutschen Einheit, war aus der Kirche ausgetreten, ließ sich aber auf dem Gemeindefriedhof bestatten.
Ein Autotransporter auf dem Nordostseekanal, wischen Wik und Herrenhaus Knoop.
Mut#Holstein 8: Am Nordostseekanal wohnen (Knoop). ### Auf dem Bild lässt der Wind die Abgasfahne hinüber nach Schleswig wehen, Richtung Herrenhaus Knoop (rechts vom Schiff). Günter Grass mag sich im Grabe umdrehen (Mut #8, oben), wenn ich seine Verhöhnung der „deutschen Standardfrage“ aus seinem Tagebuchnachlass ziehe und wider den Alles-wird-schlechter-Trend frage „WO BLEIBT DAS POSITIVE?“ (G. Grass: Unterwegs von Deutschland nach Deutschland – Tagebuch 1990, erschienen 2009). Eine Antwort, auch für das Herrenhaus Knoop: Der abgelichtete Autotransporter „Elbe Highway“, der zwischen Bremerhaven und Baltikum verkehrt, tuckert mit dem Abgasreiniger namens Scrubber. Wie mir der Weser Kurier erklärt, lässt sich das „an der enormen Vergrößerung des achtern befindlichen Schornsteins“ erkennen.
Der „Merkur“ auf der Lübecker Puppenbrücke, im Hintergrund das Holstentor.
Mut#Holstein 9: Den Dänen einen Stinke-Popo zeigen (Lübeck) ### Es geht das Gerücht, die Skulptur Merkurs auf der Lübecker „Puppenbrücke“ zeige seinen nackten Allerwertesten deswegen gen Westen, weil über das dort liegende Hinterland die gefürchteten Dänen kommen würden. Ob dies der 1774 mit der Brückengestaltung beauftragte Ratsherr Johann Christoph Weigel intendierte, oder vielleicht sein Auftragnehmer, der Bildhauer Dietrich Jürgen Boy, ist nicht überliefert. Tatsache ist: Aus Richtung Bahnhof gen Innenstadt gehend, wird der Fußgänger auf der „äußeren Holstenbrücke“ bei Sonnenschein geradezu geblendet von den blanken göttlichen Pobacken. Immerhin lässt sich nicht leugnen: Er zeigt tatsächlich „in allen Stücken olympische Figur“, wie Emanuel Geibel dichtete. Merkurs Original und das der sieben Brücken-Kollegen*innen stehen übrigens seit 35 Jahren im St.-Annen-Museum.

Die neun Kolumnentexte zur Fotostrecke #Mut#Holstein

Frei zugänglich unten als Textprobe:

  • Mut#Holstein 3: Ausländer raus! – Immigranten zum Abschuss frei gegeben (Sarau & Mecklenburg)
  • Mut#Holstein 7: Konfessionslose Friedhofsruhe (Behlendorf).

„Freifahrt“-Textproben

Mut#Holstein 3: Ausländer raus! – Immigranten zum Abschuss frei gegeben (Sarau & Mecklenburg). ### Sie stehen unter Artenschutz, aber weil sie den Bauern jedes Jahr stärker an Raps und Rüben gehen, dürfen sie jetzt doch offiziell dezimiert werden. Die Rede ist vom südamerikanischen Laufvogel namens Ñandú, eingedeutsche Nandu. Einige der Strauß-Verwandten entkamen in den 1990er Jahren aus einer Privatzucht im Norden des Herzogtums Lauenburg. Der Großteil der Population, die inzwischen auf fast 600 Tiere angewachsen ist, treibt sich auf mecklenburgischen Äckern herum. Das Amt für das Biospährenreservat Schaalsee, in dessen Gebiet sich die Nandus vorwiegend herumtreiben, stufte die Vögel sogar als „heimische, wild lebende Art“. Manchmal besinnen sich die bis zu 170 Zentimeter großen Vögel wohl ihrer holsteinischen „Zuchtwurzeln“ und stehlen sich, wie auf dem Bild nördlich von Rothenhusen, unweit des Ratzeburger Sees, zurück ins Lauenburgische nach Groß Sarau (siehe Postskriptum am Ende des Beitrags).

Mut#Holstein 7: Konfessionslose Friedhofsruhe (Behlendorf). ### Aus der Kirche war er längst ausgetreten, dennoch ließ er sich auf dem Kirchfriedhof bestatten. Widersprüche in Günter Grass‘ Leben sind einige bekannt, allen voran seine Zugehörigkeit zur Waffen-SS. Widersprüche an sich sind ja nicht zu verdammen (wer würfe den ersten Stein?). Hauptsache ist der Mut, seine Widersprüche anzusprechen, anzupacken. Ich bin kein Fan von Grass‘ Büchern, aber seine politische Einmischung fand ich stets spannend, z.B. seine Rede „Ein Schnäppchen namens DDR“, gehalten unmittelbar vor dem ersten „neuen“ Tag der Deutschen Einheit im Bundestag, am 2.10.1990, Zitat: „Nun haben wir sie, die Klassengesellschaft: Sozial gespalten, ist den Deutschen innerer Unfriede sicher.“ In Behlendorf fand Grass seinen Frieden zu Lebzeiten (fast dreißig Jahre), und nach dem Ableben im Frühjahr 2015. „Seine Beerdigung blieb ohne religiöse Zeremonie“, berichtete die Rheinische Post. „Behlendorfs Gemeindepastor Torsten Reimer sagte, dies sei kein Problem für eine Beisetzung auf dem Gemeindefriedhof.“

Postskriptum: Kleiner Grenzverkehr für Nandus, Fußgänger und Radfahrer

zu Mut#Holstein 3: Ausländer raus! – Immigranten zum Abschuss frei gegeben (Sarau & Mecklenburg).

Vom mecklenburgischen Dörfchen Lenschow, das einst in Verlängerung des heutigen Fußgänger-, Radfahrer- und Nandu-Übergangs stand, ist weniger übrig als von den einstigen Schlagbäumen an der Grenze zu Groß Sarau/Holstein: Claus Görtz aus Schattin schweißte aus altem „Grenzsicherungsmaterial“ die unten zu sehende Skulptur zusammen. Der Übergang über die Wakenitz (im Bildhintergrund) markiert die Grenze zwischen Holstein und Mecklenburg.


Rostige Eisenstangen kreuz und quer zusammengeschweißt.
„Grenzen überwinden“, Skulptur geschaffen von Claus Görtz, Schattin/Mecklenburg, aus alten echten Schlagbäumen.
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Martin C Roos

Martin C Roos

Ich texte und fotografiere seit 1996 freiberuflich für Internetmedien, Magazine und Zeitungen. Themen schöpfe ich aus den LifeSciences, aus der Geographie und mitten aus unserem Land, dem ich seit 2018 als RadelnderReporter auf den Zahn fühle. Mit dem Ende 2021 erhaltenen Neustart-Stipendium der VG Wort entsteht eine Art „Kultur-Lexikon des Fahrrads“.


RadelnderReporter

Meine Radrecherchen beginnen oft spontan, immer mit unverstellter Neugierde und gern bei vollem körperlichem und geistigen Einsatz. Unter dem Motto Wie geht’s Deutschland? gab ich 2019 meinen Einstand als RadelnderReporter. Er ist mein Signum und eine Hommage an Egon Erwin Kisch, denn gesellschaftliche Themen treiben mich um. Hier sind Links zu meinen 2021 meistgeklickten Beiträgen, aus den Bereichen Ernährung, Reise und Umwelt. Über das Erscheinen von Texten, Bildern & Clips informiert der kostenlose Newsletter, und hier stehen Infos zu meiner Person sowie zum Deutschlandbuch.


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Redaktion: Martin C Roos
Lektorat: Andrea Reidl
Fotografie: Martin C Roos, Motive entstammen den Rad-Vorrecherchen zu tinyurl.com/2019alle16, August 2018 – April 2019