Dr. Algorithmus – wenn der Computer die Gesundheit checkt

Ein Zukunftszenario zur Rolle der künstlichen Intelligenz in der Medizin

10 Minuten
Zwei Menschen, dargestellt als Bild einer Untersuchung

Stellen wir uns doch einmal vor, morgen wäre der Tag Ihrer wichtigsten Untersuchung: der große Gesundheitscheck. Es ist ganz normal, dass Sie in der Nacht davor schlecht schlafen und den Appetit verlieren. Schließlich kennt jeder einen Freund, eine Freundin oder ein Familienmitglied, bei dem der Computer überraschend eine Krankheit entdeckt hat. Ein neu aufgelegtes Ein Zukunftsszenario der ZukunftsReporter zur Rolle der künstlichen Intelligenz in der Medizin.

Seit ein paar Jahren ist die große Früherkennungsuntersuchung mit künstlicher Intelligenz (KI) für die meisten Menschen selbstverständlich. Die Gesellschaft hat sie akzeptiert. Erst zögerlich, aber als die Krankenkassen wie früher beim Zahnersatz auch für andere Krankheiten ein Belohnungssystem eingeführt haben, meldeten sich immer mehr Menschen für die große Vorsorgeuntersuchung. Manchmal bekommt man nur dann eine bessere Therapie, wenn man genügend Stempel auf dem Vorsorgeausweis gesammelt hat. Es ist ja auch nicht schwer: Online einen Termin vereinbaren, damit es keine Wartezeiten gibt. Wer will, kann zusätzlich noch einen Gesprächstermin mit der KI ausmachen. Das ist für Menschen wichtig, die Angst vor einer psychischen Störung haben. Es ist eine seltsame Vorstellung, aber der Computer kann besser zuhören als die meisten Menschen.

Alles beginnt mit der Untersuchung in der Röhre. Ein Großrechner wertet mit künstlicher Intelligenz die Ergebnisse des Scans im Computertomografen und im MRT aus. Bei der Untersuchung muss man eine Stunde stillliegen, bis die Analysegeräte den Körper von Kopf bis Fuß durchleuchtet haben. Dann wartet man 30 Minuten auf die Antwort des Algorithmus. Der Computer kennt Millionen Bilder von Organen im gesunden Zustand und in den verschiedenen Phasen der wichtigsten Erkrankungen. Manche Menschen verlassen das Untersuchungszimmer im öffentlichen Institut für Radiologie kreidebleich. Sie haben die Empfehlung bekommen, bald einen Arzt aufzusuchen. Diesen Moment beschreiben die Betroffenen später als schlimm, aber wir wissen, dass es ein heilsamer Moment ist.

In dringenden Fällen vereinbart der Rechner sofort einen Termin. Im dritten und vierten Stock des Instituts überprüft ein Arzt sofort das Ergebnis des Algorithmus und leitet weitere Untersuchungen ein. Für viele Betroffene ist dieser menschliche Kontakt noch ein kleiner Hoffnungsschimmer, aber fast immer bestätigen die Ärzte die Diagnose des Computers. Der menschliche Blick auf die Bilder des CT und des MRT ist längst schlechter als der des Dr. Algorithmus. Denn die künstliche Intelligenz wird ständig mit neuen Daten gefüttert, die Fehlerquote des Algorithmus liegt inzwischen bei einem Promille. Diese Zahl wird der Transparenz wegen jedes Jahr bekannt gegeben. Nur eine von tausend Diagnosen ist falsch. Ärzte bieten deshalb keine Vorsorge-Untersuchungen mehr an – sie haben Angst, verklagt zu werden, wenn sie etwas übersehen. Der Computer erkennt doppelt so viele Krankheiten wie ein Radiologe, der vor zehn Jahren sein Studium beendet hat. Das alles ist ein großer Fortschritt, denn Früherkennung ist wichtig. Manche Patienten haben an der Seitenwand des Instituts kleine, gravierte Metallschilder angebracht, die häufig nur ein Wort tragen: Danke.

Das Gespräch mit dem Rechner ist noch eine ungewohnte Situation. Der Computer stellt ein paar Fragen, aber er interessiert sich nicht für die Antworten. Viele Menschen glauben, dass sich eine Depression dadurch erkennen lässt, was ein Mensch sagt. Die Maschine ist da ganz anders. Sie analysiert nicht den Inhalt, sondern die Art und Weise, wie gesprochen wird. Der Rhythmus, die Tonlage und die Artikulation der Sprache geben Auskunft über die psychische Verfassung. Kaum jemand versteht, wie die Maschine das gesprochene Wort auswertet. Aber der Erfolg der Technik gibt ihr Recht, die Maschine ist objektiv. Viele Menschen verkrampfen bei dieser Untersuchung, Sie wissen nicht, wie sie sprechen sollen. Aber nach ein paar Jahren gewöhnt man sich daran.

Jeder Betrieb muss seinen Mitarbeitern zwei Tage frei geben, damit sie die „Jährliche“ machen können. Die „Jährliche“ – so heißt die Untersuchung im allgemeinen Sprachgebrauch. Psychologen werten diesen unverbindlichen Ausdruck, der sich eingebürgert hat, als Zeichen von Unsicherheit. Menschen tun sich schwer, über Unangenehmes zu sprechen. Früher sagte man, der Zustand ist „sehr ernst“ und meinte den möglichen Tod. Aus dem gleichen Grund heißt es eben die „Jährliche“.

Die Firmen sollen zwei Tage freigeben, weil es zur Tradition geworden ist, dass die Menschen nach der Untersuchung eine U-40-Party feiern, sofern alles gut verlaufen ist. Wer auf der Bewertungsskala unter 40 Punkten bleibt, gilt in den Augen der Maschine als gesund. Ein befreiendes Gefühl. Wer 60 Punkte nicht überschreitet, muss sich keine großen Sorgen machen. Trotzdem ist die Anspannung in der Woche vor der Untersuchung so groß, dass ein Tag Erholung angemessen ist. Vor der „Jährlichen“ setzen die Betriebe gern Quartalsgespräche an, in denen Mitarbeiter über den Stand ihrer Projekte berichten. Das hat sich als notwendig erwiesen, weil manche Mitarbeiter nach der „Jährlichen“ erst nach mehreren Monaten an den Arbeitsplatz zurückkehren. Die Therapie hat eben Vorrang.

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