Wie kann ich Geflüchteten aus der Ukraine jetzt und in Zukunft helfen?

Unterkünfte anbieten, Kleidung spenden, an den Bahnhof stellen – welche Hilfe ist jetzt und in Zukunft sinnvoll?

4 Minuten
n der Kleiderkammer von Hanseatic Help in Hamburg gibt ein Schild klare Anweisungen. Rechts kann man Spenden abgeben, links Hilfe anbieten.

In Berlin treffen täglich Tausende Geflüchtete aus der Ukraine ein. Viele Ehrenamtliche helfen am Hauptbahnhof, ohne sie gehe wenig, berichten Medien. Nach und nach sollen Geflüchtete jetzt auf die Bundesländer verteilt werden. Wie können Freiwillige dort sinnvoll helfen? Ein Gespräch mit Timmo Scherenberg vom Hessischen Flüchtlingsrat.

Herr Scherenberg, das Deutsche Rote Kreuz bat am vergangenen Wochenende darum, keine Sachspenden zur Erstaufnahmeeinrichtung in Frankfurt/Main zu bringen und dort keine privaten Zimmer anzubieten. Man habe dafür keine Kapazitäten. Ein Einzelfall?

Nein. Verschiedene Organisationen bitten darum, nicht auf eigene Faust irgendwohin zu fahren, um zu helfen. Das macht mehr Arbeit als es hilft. Kleiderspenden beispielsweise müssen sortiert und aufbereitet werden, dafür fehlt an den Einrichtungen oder an der Grenze die Infrastruktur. Es hilft mehr, die Spenden in Kleiderkammern und anderen etablierten Einrichtungen abzugeben. Dort kümmern sich Mitarbeitende darum, sortieren Kleidung nach Größen, prüfen, ob die Sachen in Ordnung sind. Flüchtlinge können sich bei Bedarf Kleidung aussuchen.

Kleidung ist erstmal nicht das Wichtigste

Aber dann dauert es doch, bis Spenden ankommen. Ist es nicht wichtig, jetzt sofort zu helfen?

Mein Kollege war an der ukrainischen Grenze, dort werden viele Sachspenden hingebracht. Er berichtete, dass die meisten Menschen auf der Durchreise sind. Sie haben noch frisch gewaschene Kleidung für die nächsten Tage und häufig erstmal Besseres zu tun, als auf Wühltischen nach Kleidung zu suchen. Die Frage nach neuer Kleidung stellt sich meistens erst später.

Das Portrait zeigt Timmo Scherenberg, einen dunkelhaarigen Mann mit Brille. Er ist Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrats
Timmo Scherenberg ist Geschäftsführer des Hessischen Flüchtlingsrats

Als die ersten Ukrainerïnnen in Berlin eintrafen, haben sich spontan freiwillige Helferïnnen am Hauptbahnhof zusammengeschlossen. Der Bedarf sei groß, sagen sie. Sollten sich Freiwillige auch in Frankfurt, Köln, Stuttgart, Heilbronn und anderen Städten an den Bahnhöfen bereithalten?

In Berlin kommen zeitweise mehr als 10.000 Menschen am Tag an, das sind zehnmal mehr als 2015. Natürlich stoßen die etablierten Strukturen da an ihre Grenzen. Ich kann nur für Hessen sprechen. Hier ist es nicht so. Am Frankfurter Hauptbahnhof treffen noch keine Sonderzüge ein, die Bahnhofsmission kümmert sich um die Flüchtlinge, begleitet sie zu den Bussen, die in die Erstaufnahmeeinrichtungen fahren. Wer möchte, kann sich am nächstgelegenen Bahnhof an die Profis wenden – man erkennt sie an den Warnwesten – und fragen, wo Unterstützung gebraucht wird. Viel besser ist aber, das vorher zu klären. Sie können bei der Bahnhofsmission, dem Deutschen Roten Kreuz oder anderen Organisationen anrufen und ihre Hilfe anbieten.

Freie Unterkünfte an die Kommune melden

Auf privat organisierten Portalen kann man freie Unterkünfte und Betten für Geflüchtete registrieren lassen. Sollte ich meine freie Einliegerwohnung oder ein leerstehendes Zimmer dort melden? Erfahren die Menschen, die durch die Umverteilung in mein Bundesland kommen, überhaupt davon?

Ich weiß nicht, ob die Verantwortlichen in den Kommunen in diese Portale schauen. Aber für Hessen kann ich sagen: Alle Landkreise und Kommunen haben Mail-Adressen und Telefonnummern eingerichtet, an die man freie Unterkünfte und sonstige Hilfe melden kann. Dorthin würde ich mich wenden, denn hier gibt es ein geregeltes Verfahren und man hat eine Ansprechperson, die bei Fragen oder auch Problemen helfen kann. Was man nicht vergessen darf: Man nimmt Menschen nicht nur für eine Woche auf, sondern für länger.

Sind Privatunterkünfte per se besser als Sammelunterkünfte?

Die Gemeinschaftseinrichtungen in den Kommunen sind mal schöner, mal schlechter. Es gibt Einrichtungen für zehn und andere für 500 Menschen. Die Erfahrungen von 2015 zeigen, dass sich Flüchtlinge in kleinen Einrichtungen durchaus wohl fühlten, weil sie eine Community hatten. Aber auf lange Sicht machen Sammelunterkünfte die Menschen kaputt. Eine eigene Wohnung ist wichtig für die Integration. Viele Menschen werden länger bleiben, darauf müssen wir uns einstellen.

Welche Hilfe ist nach der Erstaufnahme besonders wichtig?

Kurz- und mittelfristig brauchen wir Schul- und Kitaplätze. Es kommen ja sehr viele Kinder. Wir brauchen schnell viele Sprachkurse und psychologische Unterstützung. Langfristig müssen wir den Menschen Beschäftigungsmöglichkeiten bieten, damit sie arbeiten und Geld verdienen können.

Tandemprojekte helfen langfristig

Wie können Privatpersonen in den nächsten Wochen und Monaten helfen?

Ein Alltagsbegleitung ist immer gut, fast alle Kommunen bieten solche Tandemprojekte an. Man trifft sich mit einer Familie ein-, zweimal pro Woche, zeigt ihr die Stadt, spricht mit ihr deutsch, backt gemeinsam einen Kuchen. Das ist definitiv eine sinnvolle Hilfe.

Gibt es auch falsche Hilfe?

Es ist super, dass es eine solche große Hilfsbereitschaft gibt. In der Flüchtlingshilfe besteht aber immer die Gefahr eines zu starken Paternalismus. Es kommen unabhängige Individuum, die ein eigenes Leben und eigene Vorstellungen haben. Sie müssen eigene Entscheidungen treffen dürfen. Das wird manchmal vergessen. Schwierig finde ich auch, wenn hohe Anforderungen gestellt werden wie „Ich suche für mein Zimmer eine Akademikerin mit zwei Kindern.“ Wer eine Wohnung hat und der Kommune zur Verfügung stellt, sollte das ohne große Bedingungen tun.

Im Moment ist die Hilfsbereitschaft riesig. Wird das so bleiben?

Es gibt Menschen, die sich engagieren und nach einiger Zeit die Segel streichen, weil sie sich die Hilfe anders vorgestellt haben, frustriert sind oder andere Prioritäten setzen. Andere helfen über viele Jahre. Ich bin optimistisch, dass die Hilfsbereitschaft bleibt.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Carina Frey

Schulstraße 39
63128 Dietzenbach

www: http://www.carinafrey.de

E-Mail: freystil@carinafrey.de

Weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

Redaktion: Rainer Kurlemann

VGWort Pixel