Dicke Luft im Fahrradparadies

Wie Amsterdams Verantwortliche in vielen kleinen Schritten Autos mit Verbrennungsmotor aus der City vertreiben

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iStock_Primeimages Amsterdam, The Netherlands - March 29, 2018: Tourists walking in front of the central station of Amsterdam near a tram

Busy Streets - Auf neuen Wegen in die Stadt der Zukunft

Rushhour am Bahnhof Amsterdam. Auf dem breiten Radweg der Kaistraße „De Ruijterkade“ schwirren Pendler im Pulk auf Fahrrädern, Rollern und winzigen E-Autos dicht aneinander vorbei. Wer im Norden der Stadt arbeitet, biegt hier am Bahnhof mit seinem Rad direkt auf eine der kostenlosen Fähren ab; wer ins Zentrum will, fährt in die entgegengesetzte Richtung durch den weiten hellen Fahrradtunnel Richtung Innenstadt und wer mit dem Zug weiter muss, sperrt sein Rad in einem von tausenden Stellplätzen auf den schwimmenden Parkdecks ab, die hier Fietsplatform heißen. 

Die 11.000 Stellplätze rund um den Bahnhof reichen immer öfter nicht aus. Obwohl die Amsterdamer Stadtverwaltung ihre Radinfrastruktur seit Jahrzehnten permanent ausbaut, wird es langsam eng im Fahrradparadies. Der Platz wird knapp - zum Fahren und zum Parken. Immer mehr Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer müssen sich die Straßen teilen und auch die Luft wird immer schlechter. Jetzt sucht die Stadt neue Wege, um den Autoverkehr auf den Straßen zu reduzieren und noch mehr Menschen aufs Rad zu bringen. Eine wichtige Rolle spielt dabei Katelijne Boerma, die Fahrradbürgermeisterin von Amsterdam.

„Amsterdam ist natürlich eine Fahrradstadt, aber auch hier wohnen sehr viele Menschen, die nicht Radfahren“, sagt Katelijne Boerma. die hauptberuflich Sportwissenschaften an der Hogeschool van Amsterdam unterrichtet. Die Dozentin will sie alle in den Sattel bekommen. Dabei baut sie auf die jüngere Generation. "Wenn die Kinder unbedingt Radfahren wollen, machen die Eltern automatisch mit", sagt sie. "Wir brauchen Kinder und Jugendliche, die in ihrer Schule fürs Radfahren werben." Mit dieser Idee wurde sie 2017 Fahrradbürgermeisterin in Amsterdam. Den Job hat damals die Nichtregierungs-Organisation BYCS vergeben, die unter anderem das weltweite Fahrrad-Bürgermeisterprogramm (Bicycle Majors) initiiert hat. Deren Mitglieder wollen, dass bis 2030 in jeder Stadt weltweit 50 Prozent aller Fahrten mit dem Fahrrad durchgeführt werden.

In Amsterdam erledigen die Stadtbewohner inzwischen 36 Prozent ihrer Fahrten mit dem Rad - im Zentrum sind es sogar um die 50 Prozent. Aber da gehe noch was, findet die Fahrradbürgermeisterin „Immer mehr Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule“, stellt sie fest. Obwohl die Grundschulen in der Stadt nur maximal anderthalb Kilometer vom Wohnort entfernt sind. Die Strecken könnten die Kinder locker zu Fuß gehen oder radeln, findet Katelijne Boerma . „Aber die Straßen sind so überfüllt, dass Eltern es nicht sicher finden, wenn ihre Kinder alleine fahren“. 

Das hat einen Grund: Amsterdam wächst rasant. Die niederländische Metropole ist zwar im internationalen Vergleich mit ihren rund 850.000 Einwohnern relativ klein, aber sie erlebt seit Mitte der 80er Jahre einen regelrechten Boom. 1985 lebten in der Stadt an der Amstel gerade mal 680.000 Menschen. Vor sechs Jahren waren es 800.000. Seitdem sind weitere 50.000 neue Bewohner dazu gekommen und im Westen der Stadt beginnt bald der Bau von 50.000 bis 70.000 neuen Wohnungen. „Die Menschen, die dort hin ziehen, können nicht alle ihr Auto mitbringen“, sagt Katelijne Boerma.

Vor dem Bahnhof verläuft ein Radweg, der von zahlreichen Fahrradfahrern frequentiert wird.
Hier am Bahnhof biegen einige der Radfahrer ...
Andrea Reidl
Hinter zahlreichen abgestiegenen Radfahrern sind Boote zu sehen.
... direkt auf die Fähren in den Norden der Stadt ab
Andrea Reidl
Eine riesige Fahrradabstellanlage am Bahnhof unter blauem Himmel. Menschen laufen vorbei.
Rund 11.000 Stellplätze gibt es rund um den Bahnhof.
Andrea Reidl
Der Platz ist knapp in Amsterdam. Deshalb gibt es auch Stellplätze für Fahrräder auf Schwimmpontons
Andrea Reidl
Zweistöckige Fahrradabstellplätze aus der Froschperspektive.
So werden die Räder platzsparend am Bahnhof geparkt
Andrea Reidl
Ein kleines rotes E-Auto steht an einer Ladestation. Im Hintergrund sind Menschen zu sehen.
Diese kleinen E-Autos dürfen in den Niederlanden auch auf den Radwegen fahren
Andrea Reidl

Obwohl in Amsterdam bereits so viele Radfahrer wie in kaum einer anderen Großstadt unterwegs sind, ist die Luft dort oft schlecht. Die Hauptursache ist der starke Autoverkehr. Die Umweltorganisation Milieudefensie hat bereits 2016 in Messungen gezeigt, dass die EU-Grenzwerte von 40,5 Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter an vier Straßen überschritten wurden. An einer von ihnen wurde sogar der höchste Wert im ganzen Land erreicht. Das Niederländisches Büro für wirtschaftspolitische Analyse (Netherlands Bureau for Economic Policy Analysis) hat außerdem berechnet, dass bis 2050 der Anteil der individuellen Mobilität in den Niederlanden um 23 bis 50 Prozent steigen werde. Damit die Menschen den Großteil dieser Strecken möglichst ohne Auto zurückgelegen, startete die Stadt in den vergangenen Jahren verschiedene Projekte.

Die Stadtoberen wollen vor allem Pendlern autofreie Mobilität schmackhaft machen. Dazu haben sie das "Zuid-as Mobility Experiment" im wichtigsten Finanzbezirk der Niederlande gestartet, im "Zuidas" in Amsterdam. Die Zielgruppe waren Pendler mit schicken großen Dienstwagen. Diese sollten für einen Monat ihr Auto gegen ein Mobilitätsbudget von 1.000 Euro tauschen. 88 Mitarbeiter aus verschiedenen Zuidas-Unternehmen haben mitgemacht. Sie haben 2017 und 2018 ihre Wagen stehen gelassen und nutzten stattdessen für die Fahrt zur Arbeit und in der Freizeit Busse, Taxis, Fahrräder, Scooter oder auch Uber. Am Ende des Projekts war jeder zweite Teilnehmer bereit, das Mobilitätsbudget gegen den Dienstwagen einzutauschen. Allerdings zeigte der Praxistest auch die Schwachstellen auf.

Viele Teilnehmer wünschen sich mehr Komfort. Sie bemängeln, dass oft der Anschluss zwischen den verschiedenen Verkehrsmitteln fehle, dass das Bezahlen per App umständlich sei und das die Planung der Fahrten außerdem deutlich komplizierter sei als die Fahrt mit dem eigenen Wagen. Hier will Menno van der Linden als Projektkoordinator nachbessern. Weitere Projekte sind für dieses Jahr geplant, um die „Mobility as a Service“ App zu optimieren. Sie soll dem Nutzer nicht nur das nachhaltigste Verkehrsmittel von A nach B vorschlagen, sondern auch stets seine Vorlieben bei der Auswahl berücksichtigen. Langfristig soll die App erst in Amsterdam und später flächendeckend im ganzen Land eingesetzt werden.

Wenn es nach Katelijne Boerma geht, verzichten die Kinder und Jugendlichen von heute als Erwachsene freiwillig auf das Auto in der Stadt. Sie ist zurzeit jeden Tag mit ihren Kindern mit dem Fahrrad unterwegs. Eines sitzt hinten im Kindersitz auf dem Gepäckträger, das andere vorne im Sitz am Lenker. „Wir müssen stärker darüber nachdenken, was wir der neuen Generation vermitteln. Gewöhnen wir sie ans Auto oder wollen wir weniger Autoverkehr haben und dafür lebenswertere Städte mit viel Rad- und Fußverkehr?“

Um Kindern und Jugendlichen die Entscheidung fürs Fahrrad jetzt und später leichter zu machen, will sie sie bereits heute stärker in die Entscheidungen einbeziehen. „125 000 Kinder unter 14 Jahren leben in Amsterdam“, sagt sie. „Sie haben einen ganz anderen Blick auf die Stadt und den Verkehr.“ Für ihr Projekt „Junior Fahrradbürgermeister“ hat sie die Grundschulen angeschrieben und die Kinder aufgefordert, zu überlegen, wie Radfahren in Amsterdam für Kinder besser und sicherer werden kann. 80 Vorschläge kamen zurück. Gewonnen hat die achtjährige Lotta, die sich jetzt Junior-Fahrradbürgermeisterin nennen darf. Ihre Idee: Die niederländische Leihrad-Flotte OV durch Kinderfahrräder und Tandems ergänzen. Katelijne Boerma will mit ihr und einem Vertreter der OV-Flotte den Vorschlag diskutieren.

Eine Frau fährt mit Fahrrad auf einem Steg am Wasser. Im Hintergrund sind Hochhäuser zu erkennen.
Katelijne Boerma ist Amsterdams Fahrradbürgermeisterin
Rafi Friedmann
An einer Gracht sind viele Menschen bei sonnigem Wetter unterwegs.
Bummeln entlang der Gracht. Zukünftig sollen Fußgänger und Radfahrer sollen noch mehr Platz in Amsterdam bekommen
Andrea Reidl
Zwischen Häusern und PKW-Parkplätzen stehen zwei LKW hintereinander halb auf Radwegen.
In den schmalen Straßen verursachen Falschparker schnell Staus
Andrea Reidl
Ein schwarzes E-Auto steht auf einem Parkplatz an einer Ladestation.
Entlang der Gracht gibt es viele Ladestationen für E-Auto.
Andrea Reidl
Blick von einer Brücke auf eine Gracht in Amsterdam, an der beidseitig Autos parken.
In den kommenden Jahren sollen bis zu 10.000 Parkplätze im Zentrum entfernt werden
Andrea Reidl

Den Autofahrern macht Amsterdam dagegen wo es geht, das Leben schwerer. Bereits heute haben Radfahrer und Fußgänger Vorfahrt. Wer Auto fährt kommt deutlich langsamer ans Ziel als per Rad. Die vielen Einbahnstraßen und Tempo-30-Zonen bremsen die Pkw gezielt aus. So will die Stadt den Autoverkehr weiterhin reduzieren. Und sie macht das Autofahren nicht nur unbequem sondern auch teuer.

Die Parkgebühren in der Grachtenstadt gehören zu den höchsten im europäischen Vergleich. Im Zentrum kostet eine Stunde Parken durchschnittlich fünf Euro, die neue Grün-Links-Regierung will sie nochmals anheben, auf 7,50 Euro. Für einen Anwohnerparkausweis zahlen die Bewohner hier 535 Euro im Jahr. Im Vergleich dazu, leben Autobesitzer in Berlin geradezu im Paradies. Dort kostet das Parken durchschnittlich drei Euro pro Stunde und ein Anwohnerparkausweis ist mit zehn Euro im Jahr unschlagbar günstig. 

Während Amsterdam versucht, das private Autofahren im Zentrum möglichst unattraktiv zu gestalten, fördert sie zeitgleich den Umstieg auf E-Mobilität. Die Stadt an der Amstel will "Green City" werden und Vorreiter bei der E-Mobilität. Bart Vertelman sorgt als Projektmanager bei „Amsterdam Electric“ dafür, dass dieser Umbau zügig vonstatten geht. Er hat die Aufgabe bis 2025 den gesamten Transportverkehr der Stadt, Busse, Taxen, Dienstleistungsfahrzeuge und der Großteil des privaten Verkehrs emissionsfrei zu gestalten. Bereits heute dürfen die Taxifahrten von der Innenstadt zum Flughafen Schiphol nur von Elektrotaxis übernommen werden.

Während sich Deutschland noch immer schwer tut, die E-Mobilität voranzubringen und auch der Ausbau der Ladeinfrastruktur eher schleppend vorangeht, stoßen Touristen beim Bummeln entlang der Grachten regelmäßig auf Ladesäulen in Parkbuchten. 2.400 dieser Ladepunkte befinden sich momentan im Stadtgebiet und täglich werden weitere aufgestellt. Bis Ende 2019 soll es 4000 Ladesäulen in Amsterdam geben.  Wer ein Elektroauto kauft, kann zudem den Aufbau einer Ladestation in seiner Nachbarschaft beantragen.

Der Besitz eines Elektroautos wird in den kommenden Jahren wahrscheinlich noch attraktiver in Amsterdam werden. Denn die neue Stadtregierung plant, bis 2025 sieben- bis zehntausend Parkplätze entlang der Kanäle zu entfernen. 

Aber nicht nur E-Autos sind Trend in Amsterdam. Auch die E-Bikes boomen und spielen eine wichtige Rolle im Mobilitätsplan der Stadt. Bis 2020 will die Region Amsterdam City 30 Millionen Euro investieren, um die bestehenden Radwege rund um die Stadt zu verbessern und fehlende Verbindungen zu bauen. Bis zu 20 Kilometer weite Strecken sollen die Pendler dann per E-Bike zurücklegen. Die Aussichten, dass das klappt, sind gut. Denn rund um Amsterdam staut sich zur Rushhour regelmäßig der Verkehr über dutzende von Kilometern. Der geplante Bau von 250.000 Wohnungen im Großraum Amsterdam wird dieses Problem noch verschärfen.

Für Katelijne Boerma ist der Bau der Radwege der richtige Weg. „Diese Strecken fahren die Leute nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit, aber mit dem E-Bike“, sagt sie. Sie hofft, dass große Unternehmen ihren Mitarbeitern außerdem ein E-Bike zur Verfügung stellen, und Möglichkeiten zu duschen. "Im besten Fall auch bieten sie noch einen Service an, um Hemden zu bügeln", sagt sie. Dann gebe es keine Ausreden mehr, nicht Rad zu fahren. 

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Nachhaltig mobil in der lebendigen und lebenswerten Stadt von morgen.