Haltet Euch nicht mit alten Themen auf!

Der Nobelpreisträger Ben Feringa will über die Zukunft reden

MGMG/Coscia Der Nobelpreisträger Ben Feringa beim Vortrag in Mönchengladbach

Der Nobelpreisträger Ben Feringa ist nicht nur wegen seiner Forschung anerkannt. Der Niederländer macht sich auch für eine bessere Ausbildung von Studenten stark. Forschung und Studium sollten auf die Zukunft ausgerichtet sein, fordert er.

Der Chemie-Nobelpreisträger Ben Feringa ist es gewohnt, über die Zukunft zu sprechen – sprechen zu müssen. Er synthetisiert kleine Nano-Maschinen, bei denen sich die meisten Menschen fragen, zu welchem Zweck sie jemals verwendet werden sollen. Auch Ben Feringa weiß es noch nicht genau, aber das stört ihn nicht. Bei vielen seiner Projekte steht im Vordergrund, ob eine Idee überhaupt umgesetzt werden kann, ob es möglich ist eine solche Maschine zu bauen. Eine spätere Verwendung spielt für ihn keine Rolle. Der Nobelpreisträger betont immer wieder, dass es für einen Wissenschaftler wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen, als nur Antworten zu liefern. Seine Nano-Maschinen bewegen sich autonom, beispielsweise wenn sie mit Licht bestrahlt werden oder in einem zuckerhaltigen Medium schwimmen. Wie sie gesteuert werden können, ist allerdings noch offen.

Feringas Zukunftsvision bilden Nano-Roboter, die in der Blutbahn im menschlichen Körper defekte Zellen reparieren oder Medikamente an der richtigen Stelle abwerfen, beispielsweise in einem Krebstumor. Sie besitzen einen Schalter, der ein Medikament durch einen äußeren Impuls (Licht, …) aktivieren kann. Seine „photo controlled“ Antibiotika erzeugen auf einer Petrischale mit Erregern bereits das Yin-Yang-Muster, wenn die Forscher eine entsprechende Schablone darüberlegen.  

Die alte Frage, ob seine Forschung nicht sinnlos sei, weil ohne Anwendung, beantwortet Ben Feringa mit bekannten Beispielen. Als die Gebrüder Wright die ersten Flugmaschinen testeten, wurden die gleichen Zweifel laut: „Wenn Gott gewollt hätte, dass der Mensch fliegen kann, hätte er ihm Flügel gegeben.“ Und die Maschine, die der Mensch zum Fliegen entwickelte, hatte zudem nichts mit einem Vogel zu tun. Es ist eine eigenständige Idee, genauso wie Feringas Nano-Maschinen, die keine bloße Kopie der Proteine des menschlichen Körpers sind. Mit seiner Strategie setzt er darauf, kleine Dinge ganz neu im Nano-Maßstab zu entwickeln, statt große Dinge zu schrumpfen. 

Der Nobelpreisträger Ben Feringa diskutiert mit Schülern und Studenten.
Der Nobelpreisträger Ben Feringa diskutiert mit Schülern und Studenten.
MGMG/Coscia

Als Gastredner bei der Veranstaltung „Nobelpreisträger in Mönchengladbach“ beantwortete Ben Feringa kürzlich auch Fragen von n-tv Chefmoderator Christoph Teuner zu den Aufgaben und Möglichkeiten der Nanotechnologie in einer (ferneren) Zukunft. Feringa ist überzeugt, dass die Wissenschaft irgendwann mithilfe der Nanotechnologe das Treibhausgas Kohlendioxid unschädlich machen kann, um den Klimawandel zu bremsen. Auch die Genschere Crispr/Cas9, die gezielte Veränderungen im (menschlichen) Erbgut ermöglicht, zählt für ihn zu den Hoffnungsträgern der Nanotechnologie.

Der 66-Jährige plädiert dafür, mit der nächsten Generation darüber zu diskutieren, ob und wie die Genschere eingesetzt werden soll. Generell sollten Forscher häufiger ihr Labor verlassen und mit Menschen sprechen und sie informieren. Der Wissenschaftler als Aufklärer. Jeder sollte über die Dinge, die ihn umgeben, wenigstens ein bisschen Bescheid wissen, sagt Feringa. Sein Plädoyer, die nächste Generation stärker einzubeziehen, meint der Nobelpreisträger durchaus ernst. Studenten sollten sich nicht mit Themen aufhalten, die vor 50 Jahren wichtig waren, fordert er. Die Universitäten müssten die Studenten nicht für die Gegenwart, sondern für die Zukunft ausbilden.

Christoph Teuners Frage nach seinem persönlichen Traum beantwortet Feringa mit dem Hinweis auf ein Forschungsgebiet, das seiner Arbeit ähnelt: Es geht nämlich auch um winzige Moleküle mit besonderen Eigenschaften. Feringa würde gern wissen, wie das Leben auf der Erde entstanden ist. Wie sich die DNA entwickelte und warum sie rechtsdrehend ist.

 

Dieser Text entstand nach einem Pressegespräch und dem Vortrag „The Art of Building Small“ von Ben Feringa in Mönchengladbach. Auf Einladung des „Initiativkreis Mönchengladbach“ halten dort seit 2003 Nobelpreisträger Vorträge und diskutieren mit Schülern und Studenten.

Dieser Artikel erscheint in der Koralle Zukunftsreporter. Hier finden Sie mehr Beiträge.