Der ideale Wald

Wie Menschen den Wald wahrnehmen, ist nicht nur eine Frage der Ästhetik.

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Beim Waldspaziergang zieht etwas meinen Blick ein, zwei Meter nach rechts ins Gras. Ein Kitz liegt dort, es scheint zu schlafen. Ich nähere mich so leise wie möglich. Es liegt auf der Seite, den Kopf auf einen Ast gebettet, die Läufe lang ausgestreckt. Ein sehr friedlicher Anblick. Ach, Waldromantik!

Dann erst sickert mir ins Bewusstsein, was alles an diesem Bild nicht stimmt. Das Kitz müsste längt aufgesprungen und weggerannt sein. Nur in den ersten Lebenstagen bleiben sie bei Gefahr geduckt im Gras liegen und verlassen sich auf die Tarnwirkung ihrer gescheckten Fellzeichnung. Sein Fell ist durchnässt, es wirkt stumpf. Im offen stehenden Auge krabbeln Fliegen umher.

Das Kitz ist tot. Eine Verletzung ist nicht zu sehen, kein Indiz will erklären, woran es starb. Rational betrachtet ist mir klar, dass das Sterben im Wald zum natürlichen Kreislauf gehört. Aber es erscheint mir als Waldbesucher so fremd, dass da ein Kadaver direkt neben dem Spazierweg liegt. Müsste man das jetzt dem Förster melden? Ist es zu akzeptieren, dass Natur in diesem Kontext nicht nur blühende Wegbegleiter, zwitschernde Vögel und hoch aufragende Bäume bedeutet?

Überhaupt – was ist denn natürlich an diesem Wald?

Fichtenwald in der Morgendsonne.
Fichtenwald in der Morgensonne.

Nun, da mir die Romantik schon einmal ausgetrieben ist, schaue ich mich mit nüchternem Blick um. Mein Blick fällt auf Fichten, dreißig, vielleicht 40 Jahre alt. Geht man ein paar Schritte zur einen oder anderen Seite, kann man noch die Reihen erkennen, in denen die Fichten damals gepflanzt wurden. Dunkel ist es in diesem Bestand. Obwohl es ein sonniger Frühsommertag ist, fällt nur wenig Licht bis auf den Boden, der von einer dicken Schicht aus herabgefallenen Nadeln bedeckt ist. Dort, wo vielleicht ein Sturm oder der Druck schweren Schnees mal zwei, drei Fichten umgedrückt hat, breiten sich im Lichtkegel Brombeeren aus. Dieser Bestand wirkt einerseits vertraut, auf der schwäbischen Ostalb sind angepflanzte Fichtenforste wirklich nicht selten. Eigentlich ist er aber sehr künstlich, nicht viel natürlicher als ein Maisacker, nur dass er hier siebzig oder achtzig Jahre stehen wird und nicht nur einen Sommer.

Eine halbe Stunde Wegstrecke weiter bilden 120 Jahre alte Buchen eine Art Kathedrale über mir. Licht fällt durch das Blätterdach herab, am Boden sammelt die kommende Buchengeneration schon Kraft für ihr Aufstreben in schwindelnde Höhen.

Der emotionale Unterschied ist verblüffend. Das, so fühlt es sich an, ist ein Wald, wie er sein soll – vital, kraftvoll, hell, majestätisch. Ein Wald, wie er auf Gemälden der Romantik zu sehen sein könnte, kein Holzacker wie vorhin.

Ein etwa 100-jähriger Buchenwald im Herbst.
Ein etwa 100-jähriger Buchenwald im Herbst.

Aber nimmt der nächste Wanderer, der vielleicht in einer Stunde vorbeikommen wird, diese beiden Waldtypen genauso wahr? Wenn er Zimmermann ist, wird er sich vielleicht über das im Fichtenbestand heranwachsende Bauholz freuen. Und ist der Buchenbestand zwingend der natürlichere? Auch er hat bereits mehrere Eingriffe von Förstern und Waldarbeitern erlebt, die „Zukunftsbäume“ markiert und „Bedränger“ gefällt haben.

Der natürliche Kreislauf, der sich im Wald so aufreizend langsam vollzieht, dass er das menschliche Vorstellungsvermögen auf die Probe stellt, ist in deutschen Wäldern fast nirgends mehr vorhanden. Echte Urwälder gibt es praktisch nicht mehr, fast überall hat der Mensch Waldbilder geschaffen, die meist wirtschaftlichen Aspekten folgen - und damit Kulturlandschaften.

Dennoch erscheint mir der Buchenwald ansprechender als der Fichtenbestand. Wie viele Menschen sehen denn strenge Fichtenreihen vor sich, wenn sie die Augen schließen und sich ihren Lieblingswald vorstellen?

Allgemeingültig ist diese Feststellung aber nicht.

Noch unterschiedlicher als die verschiedenen Waldtypen tatsächlich sind, ist die individuelle Wahrnehmung von Wald – das Bild, das vor unserem geistigen Auge erscheint, wenn wir an Wald denken.

Dr. Dr. Olaf Kühne, Professor für Stadt- und Regionalentwicklung an der der Eberhard-Karls-Universität Tübingen, beschäftigt sich seit Jahren mit der Rezeption von Landschaftsformen und den Reaktionen auf Veränderungen. So leitete Kühne unter anderem im Saarland mehrere Untersuchungen zur Wahrnehmung von Landschaften. Die Ergebnisse veröffentlichte er 2018 in dem Buch „Landschaft und Wandel. Zur Veränderlichkeit von Wahrnehmungen.“ (Springer).

Kühne spricht im Interview mit WaldReporter über die Wahrnehmung von Waldbildern und die individuelle Auslegung von Waldfunktionen.

Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne von der Universität Tübingen.
Prof. Dr. Dr. Olaf Kühne von der Universität Tübingen.

Herr Kühne, gibt es ein allgemeingültiges Waldbild, das alle Menschen gleichermaßen anspricht?

Nein. Wenn wir zum Beispiel den Vergleich machen zwischen Jüngeren und Älteren, dann haben sie völlig unterschiedliche Waldvorstellungen.

Welche denn?

Ich mache es mal holzschnittartig: für Ältere sollte der Wald strukturiert und aufgeräumt sein, zwischen Park und gut durchförstertem Wald. Für die Jungen ist der wilde Wald das Erstrebenswerte. Das hat damit zu tun, womit man in der Sozialisationsphase konfrontiert wird: die naturnahe Waldwirtschaft setzt sich seit den 1980er Jahren schon durch, das heißt, was wir heute als Heranwachsende erfahren, ist ein anderer Wald als das, was wir vor 50 Jahren hatten. Dadurch hat man einen anderen Normalzustand von Wald.

Ein in strengen Reihen gepflanzter Fichtenforst kann also letztlich genauso attraktiv wirken wie ein alter Buchenwald, nur auf unterschiedliche Generationen?

Es gab in Deutschland ja schon Zeiten, in denen Ordnung sehr großgeschrieben wurde, und dann können solche Fichtenreihen durchaus als die Krone der Waldästhetik gelten. Heute haben wir da natürlich einen anderen Zugriff. 

Fichtenwald (Monokultur) im Herbstnebel.
Fichtenwald (Monokultur) im Herbstnebel.

Ein für mich attraktiver Wald muss demnach nicht naturnah sein...

Nein, das wäre ja eine kognitive Frage. Die emotionale Frage muss man davon trennen. Wichtig ist die Vertrautheit, der Standard. Das haben wir in anderen Bereichen auch, Stichwort Post-Montanindustrielandschaft im Saarland oder Ruhrgebiet. Jedes Fördergerüst einer Zeche, das abgebaut werden soll, stößt auf vehementen Protest der ansässigen Bevölkerung. Das Wahrzeichen des Ortes ginge verloren, heißt es. Dann werden diese Objekte renoviert, oder es gibt sogar Bürgerinitiativen, die auch Geld sammeln, damit die Fördergerüste saniert werden. Schönes aktuelles Beispiel ist die Zeche Holland in Wattenscheid. Die wird jetzt saniert aufgrund des erheblichen Engagements der Bürgerinnen und Bürger. Dinge, die eigentlich dem stereotypen Landschaftsbild widersprechen – so ein Fördergerüst galt ja lange als Landschaftsverschandelung – , sind emotional ein Symbol für Heimat.

Warum wird denn Wald überhaupt als so positiv wahrgenommen?

Wir haben in Nationen immer auch Gründungsmythen. Und der deutsche Gründungsmythos ist ein Waldmythos: die Deutschen, in diesem Fall die Germanen, die in Einheit mit ihrem Wald unschlagbar sind und sich der römischen Invasoren erwehren können. Damit haben wir den Grundstein gelegt für eine sehr positive Haltung zum Wald, die in der Romantik noch vertieft wurde.

Und das ist spezifisch deutsch?

In anderen Nationen, etwa in den USA haben wir das so nicht. Da haben ich zwar auch einen Waldmythos als Gründungsmythos, aber genau die umgekehrte Bewegung: der Wald ist die Wildnis, die zurückgedrängt werden muss durch den einwandernden und verweichlichten Europäer, der dann als Amerikaner wiedergeboren wird, wenn er der Wildnis trotzt. Das ist Wald als Herausforderer des Menschen, und nicht als Unterstützer. Wenn wir das international vergleichen, haben wir in Deutschland mit die größten Zustimmungsraten für den Wald. Das zeigt sich auch am deutschen Waldgesetz, so ein strenges Waldrecht haben wir wohl nirgendwo auf der Welt.

Eine Landschaft ohne Wald kommt im Denken der Deutschen also gar nicht vor?

Es gehört zum Selbstverständnis, dass wir Wald haben. Wir haben eine sehr positive Grundstimmung in Bezug auf Wald. In der Diskussion um das Waldsterben in den 1980er Jahren wurden die Grundfesten des Selbstverständnisses angesägt. Wenn plötzlich der deutsche Wald durch Industrie geschädigt wird und stirbt – da kommen Deutungsmuster hoch, die wir seit der Romantik haben: die Abwehr des Industriellen, des Ökonomischen, eine konservative Zivilisationskritik mit dem Sinnbild des sterbenden Waldes. Das hat auch sehr stark emotionalisiert.

Forstarbeiter sortieren und zerteilen gefällte Laubbäume bei einer Durchforstung.
Forstarbeiter sortieren und zerteilen gefällte Laubbäume bei einer Durchforstung.

Sollte man da nicht mit Blick auf Klimawandel eine ähnliche Bewegung erwarten? Immerhin wird die Erderwärmung den Wald wohl stark verändern.

Es ist immer die Frage, wie schnell Prozesse gehen. Das ist ganz entscheidend. Würde der Klimawandel in der prognostizierten Intensität innerhalb eines Jahres eintreten, und würden die Veränderungen auch sensorisch tatsächlich wahrnehmbar, wäre auch die Zuwendung eine andere. Die Diskussion in den 1980er Jahren hatte ja noch einige Vorteile, die wir heute nicht mehr haben: Man konnte die Schwerindustrie stark als moralisch Schuldigen benennen. Der Klimawandel ist ein viel differenzierteres Problem, an dem alle beteiligt sind. So lange ich fordern kann, dass Abgasanlagen entschwefelt werden müssen, habe ich die persönliche Betroffenheit sehr stark externalisiert an Industriebetriebe. Im Klimawandel ist das nicht so einfach. Alle lernen ja bereits in der Schule, dass unser Lebensstil erheblich zum Klimawandel beiträgt, es ist dann auch viel schwieriger, den Wald zu schützen, als das noch in den 80ern der Fall war.

Laut Ihrer Untersuchung sind ohnehin immer weniger Menschen bereit, sich für den Erhalt der Landschaft Wald zu engagieren. War das denn schon mal anders?

Gerade in Deutschland haben wir im Vergleich zu anderen Teilen der Welt einen etwas geringeren Ansatz, uns für Dinge positiv zu engagieren. In den USA gibt es zum Beispiel ein ganz anderes zivilgesellschaftliches Selbstverständnis. Dort zahle ich deutlich weniger Steuern, und vieles, was bei uns sozialstaatlich oder allgemein staatlich organisiert ist, liegt dort eben in Hand von Privatinitiativen oder Stiftungen. Wir haben in Deutschland eine sehr starke Tendenz, die Verantwortung dafür, dass es so ist, wie ich es mir vorstelle, nicht an mich selbst zu richten, sondern an den Staat zu adressieren. Die Bereitschaft, sich selbst zu engagieren, ob finanziell oder persönlich, ist nicht so stark ausgeprägt wie in anderen Teilen der Welt.

Aber es gibt ja durchaus Vereine und Organisationen, die sich für den Wald einsetzen.

Wenn wir uns anschauen, wie viele Mitglieder die Naturschutzverbände haben und wie viele von den Mitgliedern selbst aktiv sind, dann haben sie zwar eine große Bedeutung für die Landschaftsentwicklung, nur ist davon nicht die gesamte Gesellschaft in Resonanz versetzt. Wir haben eine sehr ambivalente Zuschreibung von Verantwortung an den Staat, bzw. auch Erwartungen an den Staat. Man knüpft höchste Erwartungen an den Staat, die Raumstrukturen so zu erhalten, wie sie waren, als ich Kind war, wenn ich das jetzt überspitzt sagen darf.

An diesem Punkt kann man dann ja beginnen sich zu engagieren...

Die eigene Verantwortung, sich positiv für etwas einzusetzen, nimmt nicht zwingend zu. Wir sehen das auch bei Bürgerinitiativen rund um Windkraft. Auf eine BI pro Windkraft kommen 50 gegen Windkraft. Das ist ein Charakteristikum, das sich in Deutschland seit Beginn der BI-Bewegung in den 1970er-Jahren durchzieht, dass sie primär gegen etwas gegründet werden.

Ihre Untersuchungen zeigen, dass Wald von Teilen der Befragten zuletzt als weniger behaglich wahrgenommen wird. Woher kommt das?

Wir haben eine immer stärker abstrahierte Raumwahrnehmung. Es steigt der Anteil der Menschen, die Räume, Landschaften und auch Wälder eher virtuell konstruieren. Immer mehr Menschen verbringen immer mehr Zeit vor dem Internet, sodass die unmittelbare Konfrontation mit dem Objekt an Bedeutung verliert und wir dadurch mehr Gleichgültigkeit gegenüber dem Wald haben, weil Wald nicht mehr die Objektkonstellation ist, der wir uns fast wöchentlich sonntags beim Spaziergang widmen. Das wäre zumindest eine These, die man prüfen könnte.


Gestapeltes Nadelholz für die Papierindustrie.
Gestapeltes Nadelholz für die Papierindustrie.

Info Waldfunktionen:

Wald hat vier Hauptfunktionen: Ertrag, Schutz, Erholung und mehrere Sonderfunktionen. Im Erleben der meisten Menschen wird wohl die Erholungsfunktion, der Wald als Raum für Sport, Spaziergang und Ausgleich, am stärksten präsent sein. Bei genauerem Hinsehen dürfte aber die Ertrags- oder Nutzfunktion im viel mehr Lebensbereiche hineinreichen: Allein 2017 wurden laut Statisttischem Bundesamt in Deutschland mehr als 53 Millionen Kubikmeter Holz geerntet. Daraus entsteht Holz für Möbel oder die Bauindustrie, Papier, Wärmeenergie oder in Nischen auch Grundstoffe für die Pharmaindustrie. In seiner Schutzfunktion bindet der Wald beispielsweise Kohlenstoffdioxid, mindert die Bodenerosion und bewahrt als Schutzwald im Gebirge Menschen und Infrastruktur vor Schnee- und Gerölllawinen. Sonderfunktionen sind etwa der Denkmalschutz im Falle von Hügelgräbern oder Burgruinen, aber auch die Bildung – immerhin gilt der Wald als ein idealer Ort, um den Sinn der Nachhaltigkeit zu verdeutlichen.

Die große Mehrheit der Befragten scheint im Wald Ruhe und Erholung zu suchen, Dinge wie Rohstofferzeugung oder auch Sauerstoffproduktion kommen dagegen kaum vor. Müsste da die Erholungsfunktion des Waldes auch forstpolitisch aufgewertet werden?

Die Erholungsfunktion wird ja schon immer als gegeben mitgenommen. Dieses Charakteristikum betrifft aber nicht nur den Wald, sondern auch andere Elemente von Landschaft. Die ökonomischen Bedingungen, die hinter dem Wald liegen, werden in der Regel überhaupt nicht wahrgenommen. Wir neigen vielmehr dazu, unsere Welt immer stärker ästhetisch zu konstruieren. Das trifft dann auch auf den Wald zu für die Funktionen des eigenen Nutzens und der eigenen präferierten Ästhetik, das ist ein zentraler Aspekt. Wir haben eine qualitative Untersuchung in ländlichen Räumen gemacht, da kam nicht einer der Befragten auf die Idee, dass Landwirtschaft etwas mit Nahrungsmittelproduktion zu tun haben könnte, sondern es ging nur um Landschaftsproduktion.

Woher kommt das?

Dadurch, dass wir vieles über anonymisierte Märkte abwickeln – Bauholz, Feuerholz oder noch stärker Papier – und die unmittelbare Verbindung zur eigenen Umgebung nicht mehr vorhanden ist, rücken diese ökonomischen Bedeutungen des Waldes auch immer mehr aus dem Fokus. Das Ergebnis ist, dass es Bürgerproteste gibt, wenn auch nur ein Baum gefällt wird. Diese Zusammenhänge mögen abstrakt durchaus bekannt sein, spielen aber lebensweltlich kaum eine Rolle, weil da das Kognitive weitgehend ausgeklammert wird: Mein Wald muss mir gefallen, muss für mich persönlich meinen Bedürfnissen entsprechen, und wenn ich mich dann emotional zuwenden kann, dann ist das mein „Heimatwald“, der nicht verändert werden darf. Das haben wir in der Energiewende ganz genauso. Das Standardargument in der Diskussion um Windkraftanlagen ist immer wieder: Wir sind ja grundsätzlich für die Energiewende, der Klimawandel muss verhindert werden, aber es muss nicht bei uns vor der Haustür sein.

Ein ähnliches Beispiel ist demnach wohl auch, wenn verstärkt ökologisch wertvolle Totholzstrukturen im Wald bleiben dürfen, diese aber ästhetisch sicher nicht jeden ansprechen, weil dann eben tote Bäume im Wald stehen oder liegen.

Da sind wir wieder beim Thema Normallandschaft. Während jüngere Menschen, und das belegen auch unsere Untersuchungen, Totholz als sehr positiv wahrnehmen, als bereichernd, sehen das ältere Menschen gar nicht so. Im Saarland, wo unsere Untersuchung lief, hat man anscheinend einen sehr viel pragmatischeren Bezug zu Wald. Dort werden solche Totholzstrukturen deutlich weniger goutiert als im Rest der Bevölkerung, weil man sagt: Mit dem Holz könnte man doch noch grillen oder im Winter das Häuschen heizen.

Schild an einer Buche. Es weißt auf das Ruhegebot im Wald hin.
Da fehlt was... Der Verfasser dieses Schilds, mutmaßlich ein Jäger, wollte die Erholung Suchen verpflichten, aufs Wild Rücksicht zu nehmen. Es blieb nur dieser Rest.

Das ist aber keine Eigenheit des Saarlands. Wenn in der Nähe zur Stadt Holzernte betrieben und dafür eine beliebte Joggingstrecke gesperrt wird, gibt es vielerorts Protest.

Das ist der funktionale Ansatz, allerdings rein individuell. Wald ist für mich dann eine Kulisse, in der ich meine präferierten Freizeitaktivitäten ausführen kann. Und alles, was mir diese Zeit einschränkt, führt zu massivem Unmut. Das ist auch ein Stück weit nachvollziehbar, wir haben ja nicht viel selbstbestimmte Zeit. Problematisch ist daran aber, dass man das wirtschaftliche Kalkül völlig ausschließt oder es für illegitim erklärt.

Wäre es denn ein Ansatz zu sagen, es gibt parallel Freizeitwälder und forstlich genutzte Wälder?

Das war ja schon eine Idee der 1960er- und 1970er-Jahre, ein klassisch modernistischer Raumzugriff: Ich trenne alle Funktionen, hier mache ich ein Industriegebiet hin, dort ein Wohngebiet, an die dritte Stelle die Einkaufsstadt und das alles wird per Auto verbunden. Das wäre genau die Konsequenz. In solchen Freizeitwäldern hätte ich eine eher parkartige Struktur zu errichten, aber der Wald ja durchaus eine andere Funktion als der Park. Die Sozialisation von Menschen in stark verdichteten Räumen ist ja auch die Landschaftserwartung Park, wenn sie auf Wald treffen. Was sie dann im Wald sehen, wenn eine Motorsäge kreischt, ist natürlich ein normwidriger Zustand.

Lassen sich die Konfliktlinien auflösen?

Als Wissenschaftler und Lehrender bin ich optimistisch, dass die Welt mit mehr Wissen eine bessere ist, daher halte ich es für sinnvoll, solche Dinge auch in der Schule zu erklären – welche Interessen es am Wald gibt, die ja auch legitim sind. Es geht da eben nicht nur ums Spazieren, Wald ist ja kein Park. Die unterschiedlichen Funktionen des Waldes müssen noch transparenter werden.


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