Zweifel ist ihr Produkt

Der Dieselstreit – ein Fall fürs Lehrbuch

Von Christopher Schrader

Screenshots: ARD,ZDF; Fotos und Montage: C. Schrader Eine Collage: Vor dem Hintergrund einer silbergrauen Motorhaube sind zwei Screenshots aus dem Fernsehen und eine Reihe von Modellschildern von Dieselautos zu sehen.
Heilig's Blechle: Im Streit um die Dieselabgase, Gesundheitsgefahren und Grenzwerte üben Peter Morfeld (links) und Dieter Köhler Kritik am Stand der Wissenschaft.

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

Mit wenigen Wortmeldungen und Fernsehauftritten haben zwei Kritiker die Diskussion über die Grenzwerte für Stickoxide umgelenkt. Auf diese Weise den Anschein einer wissenschaftlichen Kontroverse zu erwecken, hat schon oft der Industrie geholfen.

In vielen Großstädten haben Messstationen Verstöße gegen die Grenzwerte bei Stickoxiden festgestellt. Dieselautos gelten als wichtigste Quelle, darum haben etliche Gemeinden auf Druck von Umweltschützern und Gerichten Fahrverbote verhängt.

Ein Angriff gegen die Grenzwerte und deren wissenschaftliche Basis erscheint vielen Politikern einfacher, als sich mit Autoindustrie und Autofahrern anzulegen. Für eine solche Attacke gibt es auch erprobte Vorbilder.

Hamburg, den 26. Februar 2019

Wenn es so weitergeht, kann die deutsche Autoindustrie bald Dieter-Köhler-und-Peter-Morfeld-Gedenkmünzen herausgeben. Die beiden Männer sind dabei, den Streit um Dieselabgase und Fahrverbote auf eine ganz neue Spur zu lenken. Es geht nicht mehr um das illegale oder unredliche Verhalten der Autoindustrie, nicht mehr um die ansteigende Flut von Autos auf den Straßen, nicht mehr um die Gesundheit der Anwohner. Plötzlich geht es um die Qualität der Wissenschaft hinter den Grenzwerten. 

Und das erreichen die beiden Männer nicht, weil sie jahrzehntelange Forschung mit überzeugenden Studien widerlegt hätten und sich in einer wissenschaftlichen Debatte durchsetzen könnten. Das haben sie nicht und können sie nicht. Sie haben lediglich genügend Zweifel gesät, um Ausreden zu liefern. Ausreden, mit denen Politiker den Vollzug gesetzlich verankerter und von höchsten Gerichten bestätigter Grenzwerte doch noch aushebeln können. Und Ausreden, die betroffenen Autofahrern den letzten Schub liefern, Fahrverbote als grundsätzlich illegitim zu betrachten.

Für diese Taktik folgen die beiden Männer und ihre Helfer und Claqueure einem Drehbuch aus den USA. Sie bestätigen auf geradezu klassische Weise die Thesen von Naomi Oreskes und Erik Conway. In „The Merchants of Doubt“ (auf deutsch: Die Macchiavellis der Wissenschaft) schreiben die beiden Historiker, wie in den USA immer wieder einzelne Forscher oder vermeintliche Experten der Industrie beigesprungen sind, indem sie Zweifel an den Erkenntnissen der Wissenschaft gesät haben. Und was für eine effektive Strategie das war (nach dem Buch ist inzwischen auch eine Filmdokumentation und ein Hörbuch erschienen).

Die Methode, eine Kontroverse zu fingieren, wurde zum ersten Mal systematisch beim Rauchen angewendet, dann kamen Saurer Regen, Asbest, die Ozonkiller FCKW und schließlich die „Debatte“ über den Klimawandel. Sogar eine personelle Kontinuität über die Themen hinweg lässt sich belegen, manche Experten waren wahre Multitalente, die einen effektiven Kampf gegen verschiedene Gesundheitsgefahren um Jahre und Jahrzehnte verzögert haben. Stets ging es den Zweifel-Säern darum, eine Regulierung durch den Staat zu verhindern, die sie als Einstieg in den Sozialismus betrachteten. In Europa mag man darüber lächeln, aber angefangen hat das Ganze schließlich im Kalten Krieg, als die McCarthy-Hetze gegen angebliche Kommunisten noch nicht lang her war. Vermutlich spielte das Geld, das die Industrielobby zur Verfügung stellte, ebenfalls eine wichtige Rolle.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die „Merchants of Doubt“ – ganz neutral formuliert – mehr Angst vor der Lösung als vor dem Problem hatten. 

Genau das sieht man zurzeit in Deutschland. Die einzige Innovation gegenüber den amerikanischen Vorbildern ist, dass sich die Attacke hierzulande gegen den Vollzug einer etablierten staatlichen Regelung richtet, während in Amerika immer wieder solche Normen verhindert oder zumindest verzögert wurden.

Im Folgenden gehen wir zunächst die Chronologie der Zweifel durch. Dann klären wir, wie sie wirken. Weil öffentlich geäußerte Skepsis immer mit dem Motiv spielen, dass in der Wissenschaft im Prinzip ein klarer Kopf mit einem brillanten Einwand ein etabliertes Lehrgebäude zum Einsturz bringen kann, müssen wir danach noch zeigen, dass die Zweifler in Deutschland keine solch entscheidenden Bedenken vorgetragen haben.

Die Chronologie der Zweifel

In ganz Europa gibt es Grenzwerte für Stickoxide und Feinstaub in der Luft, die von den Regierungen einheitlich und auf der Basis einer ausführlichen Prüfung der relevanten Studien durch die Weltgesundheitsorganisation WHO festgelegt wurden. Diese Limits werden an vielen großen Straßen in großen Städten nicht eingehalten. 

Die Gründe sind vielfältig: Zum Teil haben manche Autohersteller ihre Kunden einfach betrogen. Womöglich gibt es zudem eine Absprache in der Branche, eine wichtige Technik zur Abgasreinigung in ihrer möglichen Wirkung zu beschneiden. Zum Teil sind die Schadstoff-Messverfahren für die Zulassung von Autos realitätsfremd, so dass auf der Straße viel mehr Dreck aus dem Auspuff kommt als im Labor. Zum Teil wachsen die Größe und Zahl der Autos und der Verkehr einfach immer weiter. Immer mehr Diesel, die aus legalen oder illegalen Gründen zu viel Stickoxid produzieren – da muss es Konflikte mit dem Grenzwert geben.

Eine Umweltlobbyorganisation, die Deutsche Umwelthilfe, erzwingt daraufhin mit einer Reihe von Gerichtsverfahren, dass die Städte reagieren. Sie verhängen Fahrverbote für Dieselautos oder kündigen sie an. Anfangs werden die ersten beiden Straßen in Hamburg noch verlacht, aber mit dem Jahresbeginn 2019 erreichen die Sperrungen eine kritische Masse. Davon sind nicht nur Tausende Autofahrer betroffen, sondern auch die in Deutschland traditionell eng mit der Politik verwobene Autoindustrie. Die Zulassungszahlen für neue Diesel brechen ein. Spätestens jetzt beginnt die Regierung, gegen die Fahrverbote zu kämpfen, anstatt für saubere Luft. „Die Verhängung von Diesel-Fahrverboten wegen zu schmutziger Luft in deutschen Städten soll nach dem Willen von Kanzlerin Angela Merkel per Gesetz erschwert werden“, berichtete etwa die Süddeutsche Zeitung im Oktober 2018. Wenig später beginnt die Regierung, das Immissionschutzgesetz entsprechend zu ändern. 

In dieser Situation meldet sich der pensionierte Lungenarzt-Funktionär Dieter Köhler mit einer zweiseitigen Suada zu Wort. Etwas mehr als 100 seiner Kollegen zeichnen gegen. Kern ihrer Argumentation ist, dass sie in ihren Praxen viele Menschen sehen, die am Rauchen sterben, aber keine, für die Stickoxide tödlich gewesen sind. Dabei vermischen sie die Effekte einer kurzzeitigen, wiederkehrenden oder dauerhaften Belastung: Selbst für einen Raucher macht es ja einen Unterschied, ob er 20 Mal am Tag eine wegpafft oder bei jedem Atemzug Schadstoffe aufnimmt. Das gilt erst recht für ein Kind mit Asthma oder eine Großmutter mit einem Lungenleiden, die beide überhaupt nicht rauchen. 

Allein auf dieser Basis werfen die Ärzte den Wissenschaftlern bei der WHO vor, voreilig, vorurteilsbehaftet und falsch ihre Empfehlung für Grenzwerte formuliert zu haben. Letztlich nutzen die Mediziner dabei einen Typ von Argument, der im Kampf der Kreationisten gegen die Evolutionslehre sehr beliebt ist: das Ich-kann-es-mir-nicht-vorstellen-Argument. Was sich dem Augenschein oder den Kenntnissen des Sprechers entzieht, kann nicht stimmen, bedeutet dieser Einwand. Vermeintlich gesunder Menschenverstand übertrumpft damit wissenschaftliche Analyse.

Die Lungenärzte haben sich verrechnet

Im deutschen Streit über den Diesel findet Köhler in der Presse viel Gehör, tingelt bald durch die Talkshows. Er habe viel vom Staat bekommen, er wolle nun etwas zurückgeben, begründet der Lungenarzt seinen Vorstoß in der Sendung „Hart aber fair“ am 21. Januar 2019. In der Fachwelt hingegen schüttelt man den Kopf über den Vorstoß: Man könne doch nicht den Grenzwert, der den Ausbruch von Krankheiten bei Dauerbelastung verhindern soll, mit Todesfällen durch eine akute, immer wieder wiederholte Spitzenbelastungen vergleichen. Auch etliche Journalisten weisen auf das Ungleichgewicht zwischen Köhlers Qualifikation für die Frage und der seiner Gegner hin und entlarven den Einwurf der Pneumologen um Köhler als fachfremd (mehr dazu unten).

Aber es ist dann ein einziger Kollege, der den Zwischenrufern die Luft raus lässt. Malte Kreutzfeldt von der taz überprüft die Zahlenbasis der Lungenarzt-Suada und enthüllt dabei einen gewaltigen Rechenfehler. Es ist kein Vertippen am Taschenrechner, Köhler hat eine Menge in eine Konzentration und dann zurück in eine Menge verwandelt und so um den Faktor 200 bis 1000 aufgebläht. Das ist kaum noch als Schludrigkeit zu werten. Köhler zeigt sich erst verblüfft, räumt den Irrtum ein, verweist auf den Mangel an einer Sekretärin – erklärt dann aber, die falschen Zahlen seien unbedeutend, seine Aussage gelte weiter. Malte Kreutzfeldt hält dagegen und kommentierte dies so: „Ob ein Argument stimmt, ist offenbar weniger wichtig als die Tatsache, dass es nützt.“

Dann springt Köhler ein Epidemiologe und Mathematiker von der Universität Bochum bei: Peter Morfeld. Im Fernsehen, in der ARD-Sendung Plusminus, lässt er sich zitieren, Köhlers Fehler betreffe nur eine Nebensache. Die eigentliche Argumentation sei davon nicht beschädigt. Das läuft unwidersprochen über den Schirm, die Autoren machen sich nicht die Mühe, ihrem Informanten kritische Fragen zu stellen. Geht man aber zur ursprünglichen, zweiseitigen Köhler-Stellungnahme zurück, dann wird dort als wörtlich „stärkstes Argument“ genau der Vergleich zwischen dem Anwohner einer Stickoxid-belasteten Straße und einem Raucher präsentiert. Und hier hat sich Köhler um einen Faktor 200 bis 1000 vertan. Dennoch behaupten Köhler und Morfeld, das sei nebensächlich.

Morfeld tut aber noch mehr: Er greift das Umweltbundesamt an. Es hatte die Berechnung der gesundheitlichen Folgen von Stickoxiden in ein plakatives Argument gekleidet: Sie würden zu jährlich 6000 vorzeitigen Herz-Kreislauf-Todesfällen führen. Da hätten die Experten, behauptet Morfeld, eine unzulässige Formel verwendet. Er sagt nicht, dass der Gebrauch dieser Methode in der Wissenschaft umstritten ist, er nennt es falsch. Er sagt auch nicht, dass die grundsätzliche Datenbasis stimmt, wie viel Lebenszeit durch Stickoxide verloren geht, und dass seine Kritik nur die Interpretation betrifft, ob man das auch in Form von „vorzeitigen Todesfällen“ ausdrücken kann. Nein, es ist seiner Aussage zufolge einfach falsch.

Wieder ist ein Zweifel gesät, immerhin ist Morfeld tatsächlich Spezialist für solche Berechnungen von verlorener Lebenszeit. Und selbst wenn das Umweltbundesamt in einigen Wochen nach reiflicher Prüfung und mit guten Argumenten seine eigene Darstellung bestätigen sollte, ist die Karawane längst weitergezogen. Semper aliquid haeret, lautet ein lateinischer Sinnspruch – irgendwas bleibt immer hängen.

Wie der Zweifel wirkt

Es ist dieser Anschein, dass eine wissenschaftliche Frage noch offen ist, der jeden Willen zur Handlung lähmt. Sollen sich doch die Forscher erst mal einig werden, dann gucken wir, was wir damit anfangen – das ist die verbreitete Reaktion. Wer in Deutschland zurzeit ein Interesse hat, dass Diesel überall hinfahren können – ob er nun Autofahrer oder Verkehrsminister ist –, der kann jetzt auf die vermeintlichen Fachleute verweisen und sagen: ist ja alles nicht so schlimm, oder zumindest nicht erwiesen. Wir müssen noch mehr forschen. Bis dahin machen wir erstmal nichts oder versuchen sogar, die Grenzwerte zu lockern.

In den USA hat es schon in den 1960er-Jahren ein Berater der Tabak-Industrie so  formuliert: „Zweifel ist unser Produkt.“ Wenn man es schaffe, die Gefahren des Rauchens in der Öffentlichkeit als Gegenstand einer Kontroverse darzustellen, sei viel gewonnen. Anfang der 2000er-Jahre stellte der Meinungsforscher Frank Luntz ein Memo für republikanische Politiker mit Formulierungsvorschlägen zusammen, in dem es unter anderem hieß: „Sie müssen immer wieder den Mangel an wissenschaftlicher Gewissheit zur vorrangigen Frage in der Debatte machen“. Wichtig sei es zu betonen, dass man „erst handelt, wenn man alle Fakten hat“ (Unterstreichung im Original). 

Leute wie Dieter Köhler müssen also eine wissenschaftliche Debatte überhaupt nicht gewinnen, es reicht, sie einzutrüben, aufzuschäumen, zu verwässern, am Köcheln zu halten. So zu tun, als seien entscheidende Fragen noch ungeklärt. Dabei stört es auch nicht, wenn einem andere Experten eine falsche Argumentation vorhalten; sobald sie dies laut genug tun, verstärken sie ja selbst den Eindruck, da sei ein Zwist unter Experten im Gange. Diese Strategie kann man immer dann mit Aussicht auf Erfolg anwenden, wenn man den Status Quo erhalten möchte – egal, ob man das Einführen oder das tatsächlichen Anwenden einer staatlichen Regulierung verhindern will. Sich so zu verhalten, das hieß in der Vergangenheit und heißt auch heute meistens, im Interesse einer Industrie zu agieren, die sich gegen eine Störung ihrer Geschäfte wehrt.

Mindestens beim Klimawandel aber haben inzwischen viele Wissenschaftler diesen Trick durchschaut. Sie betonen darum, dass es in Grundfragen ihrer Disziplin innerhalb der Forscherschar kaum noch abweichende Meinungen und keine legitime Debatte mehr gibt. Dieses „Consensus Messaging“ wird vor allem von Wissenschaftlern der Yale und George Mason Universities vorangetrieben. Sie propagieren die Zahl, dass sich 97 Prozent der Wissenschaftler einig sind. Dabei geht es keinesfalls um alle Details der Klimaforschung, sondern um einen Kern grundlegender, fast schon banaler Erkenntnisse: Es gibt den Klimawandel, er ist gefährlich, er ist im Wesentlichen von der Menschheit verursacht, sie kann aber auch dagegen ankämpfen. Oder, wie es Anthony Leiserowitz von der Yale University ausdrückt: „It‘s real, it‘s us, it‘s bad, experts agree, there‘s hope.“ Die Motivation für Klimaschutz in zehn Wörtern.

Die Rolle der Presse

Die Zweifel-Säer und Schaumschläger haben immer wieder willige oder naive Helfer unter den Journalisten gefunden. Sobald jemand etwas als Debatte oder Streit darstellt, regt sich bei uns Presseleuten der Ur-Instinkt, dass man beide Seiten befragen soll. Dazu gibt es sogar einen lateinische Merkspruch: audiatur et altera pars, gehört werde auch der andere Teil. Wenn der eine dem anderen Vorwürfe macht, soll der andere antworten können. Es klingt so, als würden wir damit bloß die Realität abbilden, in der es halt mehrere Meinungen gibt. Doch oft genug passiert es bei Großthemen der Politik mit wissenschaftlicher Basis, dass wir die Wirklichkeit verfälschen. Wir tappen damit womöglich in die Falle derjenigen, die es allein darauf angelegt haben, ihre bloße Behauptung von einer Debatte von den Medien legitimiert zu bekommen.

Hinzu kommt die Freude vieler Journalisten, die Dinge gegen den Strich zu bürsten, das Unerwartete zu präsentieren statt das Erwartete zu bestätigen. Hund beißt Mann oder Mann beißt Hund – wir kennen das. Wo Erkenntnisse gesichert erscheinen, verschafft man sich besonders viel Aufmerksamkeit, wenn man dagegen hält. Der ganze investigative Journalismus lebt doch vom Topos des Underdogs oder Whistleblowers, dem er gegen alle Widerstände Gehör verschafft. Das ist oft genug wichtig und richtig, und wird vermutlich viel zu wenig gemacht. Aber wenn man sich über die wahren Motive seiner Protagonisten täuscht, wenn man die Usancen einer politischen Debatte oder der Aufarbeitung eines wirtschaftlichen Skandals auf wissenschaftliche Zusammenhänge stülpt, ohne genug von der Sache zu verstehen, dann macht man womöglich große Fehler. Die Kommunikationsforschung nennt es „false balance“, einem Außenseiter ohne Fachkenntnisse die gleiche Redezeit zu geben wie einem Vertreter der vielfach abgesicherten Lehrbuch-Meinung.

Ein weiterer Faktor ist, dass betroffene Wissenschaftler und auch Journalisten (wie jetzt hier) kaum anders können, als die Behauptungen von Köhler, Morfeld und anderen zu wiederholen, um den Kontext herzustellen, bevor sie die Einwände widerlegen. Das aber, so weiß die linguistische Forschung (Stichwort Framing), verankert die Zweifel noch tiefer im Gedächtnis aller Zuhörer und nährt die Vorstellung, dass es eine legitime Debatte gibt.


Die fragile Basis für den Zweifel

Köhlers Zwei-Seiten-Papier genügt kaum den Ansprüchen an eine Ernst zu nehmende Wortmeldung im wissenschaftlichen Dialog. Zum Beispiel verweist er für Hintergründe nur auf einen einzigen, nicht-begutachteten Beitrag im Deutschen Ärzteblatt. In diesem Text argumentiert er selbst vor allem mit Studien zum Feinstaub, um dann – schwuppdiwupp – auch NO2 in den geltenden Grenzwerten freizusprechen. Und auch dort stehen nicht die Zahlen nicht, auf die sich der Lungenarzt in seiner apodiktischen Ablehnung der Limits stützt: Die finden sich in einem redaktionellen Beitrag im Ärzteblatt und praktisch gleichlautend in einem Artikel in der Tageszeitung Die Welt, wo Köhler jeweils als Experte auftritt. Wer das nachprüfen will, muss also ordentlich graben und steht dann bald kopfschüttelnd vor einer ziemlich dünnen Argumentationsbasis.

„Das sogenannte ‚Positionspapier‘ dieser Ärzte entbehrt jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und argumentativer Kohärenz“, sagt Nino Künzli, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Lufthygiene in einem Kommentar für das Science Media Center Deutschland. „Der Stil der Auftritte von Köhler und [seinem Ko-Autor] Hetzel lässt erkennen, dass es hier nicht um Fakten, sondern um Bauchgefühle und kochende Emotionen geht.“ Ähnliche Reaktionen gibt es in der Presse: „Es ging [den Lungenärzten] nie darum, endlich genau nachzuschauen, was die Luft verpestet und wie gefährlich das ist. Vielmehr vermengten sich Rechthaberei und dürftig verdeckte Lobbyarbeit zu einer trüben Mischung“, kommentierte Werner Bartens in der Süddeutschen Zeitung. Die Einwände seien lediglich im „Gewand der Wissenschaft“ dahergekommen. „Dieses wies jedoch von Anfang an zu grobe Löcher auf.“

Morfeld wiederum schüttet sozusagen das Kind mit dem Bade aus. Womöglich gibt es bei der Frage, ob und wie man auf eine Aussage kommen kann, Schadstoff X sei für soundsoviele vorzeitige Todesfälle verantwortlich, tatsächlich Diskussionsbedarf. Aber dass er an der dahinter liegenden Rechnung keinen Zweifel hat, sagt der Bochumer Mathematiker eben nicht. Er stützt sich darauf und wendet sogar noch einen besonderen Trick an: Er verdünnt den Effekt. Er benutzt ja die gleichen Daten, wie Stickoxide statistisch gesehen das Leben verkürzen, mit denen das Umweltbundesamt argumentiert. Und wo dieses die Zahlen zuspitzt, verteilt Morfeld den Effekt über das ganze Land, in Großstädten genauso wie in Luftkurorten. Stickoxide hätten im Jahr 2014 die Lebenszeit aller Personen in der Gesamtbevölkerung um acht Stunden verkürzt, sagt er. Das klingt harmlos; ob ich nun acht Stunden früher oder später sterbe, das ist doch nun wirklich egal, denkt man sich. 

Tatsächlich liegt die wirkliche Gefahr ja bei den Anwohnern großer Straßen in großen Städten, und hier vermutlich vor allem bei denen, die eine Vorerkrankung haben. Am Beispiel Hamburg: Alle Menschen in meinem Stadtviertel, draußen im schönen Blankenese und den ländlichen Gebieten im Hamburger Speckgürtel übertragen also ihre verlorenen Stunden zu den asthmakranken Anwohnern der Stresemannstraße oder Max-Brauer-Allee, die wegen überschrittener Grenzwerte für alte Diesel gesperrt wurden? So herum betrachtet ist das Ergebnis ganz und gar nicht mehr harmlos, sondern geradezu beunruhigend. Und das betrifft nur 2014 – was war vorher und nachher?

Alles nur Rhetorik?

Man kann die Sache mit den acht Stunden als einen rhetorischen Trick von Morfeld abtun. Auch das Umweltbundesamt hat schließlich zugespitzt, als es die 6000 Toten in der Kommunikation nach vorne rückte. Und die Amerikaner mit ihrem „Consensus Messaging“ nehmen es vielleicht billigend in Kauf, wenn ihr Publikum nicht genau versteht, dass die Einigkeit der Klimaforscher sich auf wenige Kernaussagen beschränkt. Auch dieser Text ist sicherlich nicht neutral in seiner Wortwahl wie schon der Ausdruck Suada oder etliche mit Bedacht ausgewählte Verben belegen. 

Nur: Im Gegensatz zu einem journalistischen Meinungsartikel wie diesem, der aufklären und überzeugen will, herrscht in der Wissenschaft eigentlich der Comment, über fachliche Fragen offen und neutral zu kommunizieren, auch und besonders über die möglichen Schwachpunkte der eigenen Position. Dazu gehört, potentielle Interessenskonflikte offen zu benennen. Dagegen hat Morfeld anscheinend früher bereits verstoßen, als er Journalisten auf einer Tagung nicht klar erklärte, was es mit seiner Beteiligung an einer umstrittenen Forschergruppe der Autoindustrie auf sich hatte. Er ist, um das zu betonen, damit nicht unbedingt befangen, aber ein Geschmäckle hat es schon.

Aber das ist inzwischen praktisch egal: Wenn die Saat des Zweifels gelegt ist, wirken alle nachträglichen Kritikpunkte kaum noch. Journalisten können ihre Arbeit machen, es ändert wenig. Zu wichtig ist den Autofahrern und Ministern, dass endlich ein Wissenschaftler ihre Position stärkt, als dass sie sich von Gegenargumenten noch sonderlich beeindrucken ließen. Vertrauen in die Wissenschaft lässt sich nur mühselig aufbauen, aber schnell zerstören, besonders wenn die Erkenntnisse nahelegen, dass liebe alte Gewohnheiten zu ändern sind. Und um nichts anderes geht es in Konflikten wie diesem.

Dass man richtig findet, was einem in den Kram passt, und dann Gegenargumente mit der ganzen Kraft seines Intellekts abwehrt, das ist nur menschlich. Einer wirklich rationalen Debatte steht das aber meistens entgegen, besonders, wenn jemand extra betont, es jetzt endlich mal rational und sachlich machen zu wollen. Zugespitzte Behauptungen tragen selten etwas zur Klärung bei, sondern wecken nur Zweifel, die zur Untätigkeit führen. Und Zweifel sind dann das Produkt. 

KlimaSocial – vom Wissen zum Handeln

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Dieser Artikel erscheint in der Koralle KlimaSocial von Riffreporter.de. KlimaSocial steht für einen Perspektivwechsel. Die Klimaforschung, über die wir hier schreiben, richtet ihren Blick weder auf Physik noch Technik, sondern auf soziale Prozesse. Unsere Texte finden Sie hier.

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