Niko Tinbergen und die Lebenskunst der Lachmöwen

Wie der niederländische Zoologe und Vogelkundler zum Wegbereiter der modernen Verhaltensforschung wurde. Von Cord Riechelmann

© Javier Alonso Huerta/Deposit Ein Schwarm Lachmöwen

Ein Beitrag von "Die Flugbegleiter – das Online-Magazin für Natur und Vogelwelt"

Als Nikolaas Tinbergen, den alle Welt nur Niko nannte, am 14. Juli 1932 mit einem Handels- und Versorgungsschiff der dänischen Regierung zu einer vierzehn Monate dauernden Expedition zu den grönländischen Inuit aufbrach, war er 25 Jahre alt und Assistent am Institut für Zoologie der Universität Leiden.

Gerade noch rechtzeitig vor der Abfahrt nach Grönland war Tinbergen mit einer Feldstudie über eine Grabwespenart promoviert worden. Wobei seine Arbeit „Über die Orientierung des Bienenwolfs (Philanthus triangulum Fabr.)“ mit einem Umfang von 29 Seiten zu den kürzesten Doktorarbeiten in der Geschichte der Biologie zählt.

Wie findet der Bienenwolf seine Grabnester wieder? Eine schlichte Ausgangsfrage eröffnet ein völlig neues Forschungsfeld

Sein Biograf und Schüler Hans Kruuk beschrieb die Dissertation später als „peinlich kurz und überstürzt“. Dennoch enthielt sie im Kern alle Elemente, die später Tinbergens Karriere und seinen enormen Einfluss als Autor und akademischer Lehrer besonders im englischsprachigen Raum begründeten. Tinbergens Arbeit über das Orientierungsverhalten kann heute als eines der Gründungsdokumente der Verhaltensökologie gelten.

Seine These war, dass die Wespen sich auf dem Dünensand, in den sie ihre Nester gruben, an Landmarken orientierten. Um das zu demonstrieren, hatte er eines der Grabnester eines Bienenwolfs – er heißt so, weil er seine Larven mit erbeuteten Honigbienen ernährt – mit Kiefernzapfen umrandet. Wenn sich, so Tinbergens Vermutung, die Bienenwölfe an den Zapfen orientierten, mussten sie, wenn er den Zapfenring um das Nest verschob, eben auch in dem neuen Ring ihr Nest suchen. Und das taten sie denn auch.

Es war damals noch üblich, wissenschaftliche Beobachtungen an nur ein oder zwei Tieren zu überprüfen. Tinbergen wiederholte sein Experiment jedoch an immer wieder neuen Bienenwölfen und schuf mit seiner Zapfenanordnung nicht nur ein Paradigma für Experimente im Freiland, sondern auch die Grundlagen für eine damals neue Quantifizierung seiner Versuche.

Fremde Kulturen beschreiben, ohne auf sie herabzusehen: ein Anspruch, den auch Naturforscher erfüllen müssen

Eine Herausforderung,So wissenschaftlich vorgebildet, begab sich Tinbergen also in Begleitung seiner Frau Lies Tinbergen, die gerade ihr Grundstudium in Chemie abgeschlossen hatte, als zoologischer Experte auf eine meteorologische Expedition nach Grönland. Zu dieser gehörte auch eine britische Pan Am Abteilung, deren Teilnehmer eine mögliche Amerika-Europa-Flugroute über Grönland und Island erkunden sollten. Genaueres über die Expedition kann man jetzt wieder in Tinbergens Bericht von der Grönlandreise nachlesen. Erschienen ist er im letzten Herbst unter dem Titel „Eskimoland. Ein Bericht aus der Arktis“ erstmals auf deutsch.

Bedeutend ist Tinbergens Bericht in mehrfacher Hinsicht. Zum einen ist der zuerst 1934 auf Niederländisch erschienene und 2017 in einer Neuauflage wiederentdeckte Text ein sprachliches Dokument des Versuchs, das Leben von Indigenen zu beschreiben, ohne dabei den Überlegenheitsdünkel des zivilisierten Europäers hervorzukehren. Ein Versuch, der Tinbergen für seine Zeit erstaunlich weitreichend gelingt. Nur an einem Punkt verfällt er in den sonst üblichen paternalistischen Ton des weißen Herrenmenschen: als er bemerkt, dass die Inuit keinerlei Vorratshaltung betreiben, wodurch sie seiner Meinung nach schlecht auf extreme Klimasituationen wie überharte Winter vorbereitet sind.

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Buchcover "Eskimoland"
„Eskimoland“, der Reisebericht Tinbergens ist 2017 auch auf deutsch erschienen.
C.H. Beck Verlag
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Bild von Lachmöwen am Meer.
Möwen, wie hier Lachmöwen, waren mit die wichtigsten Forschungsobjekte Tinbergens.
Thomas Krumenacker
Das Bild zeigt die beiden Wissenschaftler Nikolaas Tinbergen und Konrad Lorenz in einem Garten an einem Tisch sitzend.
Nikolaas Tinbergen (r.) und Konrad Lorenz, 1978
Max Planck Gesellschaft/Archiv

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