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Corona weltweit: Brasilien mit Toten-Rekord, USA feiern Impferfolg, Kenia im Lockdown

Aktuelle Berichte über Pandemie, Covid-19 und Impfungen von RiffReporterïnnen aus Südamerika, den USA, Afrika, Europa und Australien

von
11.04.2021
14 Minuten
Menschen in weißer Schutzkleidung und mit Gesichtsmasken hieven bei nächtlichem Licht einen Sarg aus einem Beerdigungsfahrzeug und tragen ihn zum frisch ausgehobenen Grab.

Es sind ungeheuerliche Zahlen: Mehr als 135 Millionen Menschen weltweit haben sich seit Beginn der Corona-Pandemie bis Mitte April 2021 trotz aller Gegenmaßnahmen nachweislich mit dem neuartigen Virus Sars-CoV-2 infiziert. Unweigerlich steuert die Zahl derer, die an Covid-19 einen meist einsamen und grausamen Tod sterben, auf die unfassbare Marke von drei Millionen Mitmenschen zu. Eine unbekannte Dunkelziffer an Fällen und Toten kommt hinzu. Gleichzeitig nimmt die globale Impfkampagne an Fahrt auf: Die USA feierten am 6. April, dass 150 Millionen Impfdosen verteilt sind und 20 Prozent der Bevölkerung bereits vollen Impfschutz haben.

Die Schwierigkeit, als einzelner Mensch die Dimension der Pandemie überhaupt nur zu erfassen und seelisch zu bewältigen, hat unser RiffReporter-Kollege Kai Kupferschmidt kürzlich in einem wichtigen Beitrag und im Pandemia-Podcast beschrieben. Und noch etwas kommt hinzu: In der akuten Notlage konzentriert sich die mediale Aufmerksamkeit erkennbar auf die nähere Umgebung, das eigene Land. Der Blick verengt sich.

In diesem Beitrag geben Ihnen deshalb Journalistinnen und Journalisten von RiffReporter, die in aller Welt als Korrespondentïnnen leben und arbeiten, einen Überblick über die Situation in ihren Ländern. Tiefergehende Berichte von fünf Kontinenten finden Sie in unseren internationalen Themenmagazinen wie Südamerika-Reporterinnen, Afrika-Reporter, USA-Reporter und AustralienStories sowie in unserem Rechercheprojekt „Corona: Ein Virus bedroht die Welt“.

Peru: Aufruf zum Beten

Von Hildegard Willer, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

“Uns bleibt nur das Beten” titelte Anfang April ein in Peru viel gelesenes Boulevardblatt . Der verzweifelte Aufruf ist mehrdeutig. Zum einen bezieht er sich auf die zweite Corona-Welle, die in Peru nun seit zwei Monaten auf gleichbleibend hohem Niveau verläuft und mit der Ausbreitung der „brasilianischen Variante“ noch ansteigt.

Peru führt weltweit und mit Abstand beim Vergleich der aktuellen Todeszahlen mit den durchschnittlichen Todeszahlen der Jahre vor Ausbruch der Pandemie. Ein vorsintflutliches Gesundheitssystem, knapper Sauerstoff und Korruption geben dem Virus freie Bahn. Die Aussicht auf eine Impfung ist verhalten. Peru hatte wie auch der Rest Südamerikas die Beschaffung des Impfstoffs alleine verhandelt und musste nehmen, was es bekam. Das ist der chinesische Impfstoff Sinopharm. Ab und zu tröpfeln aus der Covax-Facility, dem internationalen Programm zur Verteilung von Impfstoffe, die Produkte anderer Hersteller ins Land. Bisher sind rund drei Prozent der Bevölkerung geimpft.

Der Aufruf zum Beten bezieht sich aber auch auf die am Sonntag anstehenden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen. Vier Tage vor der Wahl waren fast 30 Prozent der Wählerïnnen noch unentschlossen. Die Wählerpräferenzen sind zersplittert wie nie. Peruanerinnen sind seit langem enttäuscht von ihrer Politik. Die Erfahrung der Pandemie hat dieses Gefühl noch verstärkt. Und da in Peru Wahlpflicht herrscht, ist zu befürchten, dass der Andrang vor den Wahllokalen die Corona-Zahlen noch steigern wird.

Ein älterer Mann sitzt mit nach oben ausgestreckten Armen in seinem Krankenbett. Er hat einen Sauerstoffbeutel über dem Gesicht und ein Sauerstoff-Messgerät an seinem Finger. Neben ihm steht eine medizinische Fachkraft, die mit ihm spricht.
Covid-19-Patient Hideki Flores Sifuentes wird Ende März 2021 im Regionalkrankenhaus im peruanischen Iquitos bei Übungen angeleitet, um seine Atemwege zu regenerieren.

Brasilien: Tragischer Rekord

Von Ulrike Prinz, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Am 8. April verzeichnete Brasilien einen neuen, traurigen Rekord: Rund 4200 Menschen starben innerhalb von 24 Stunden an Covid-19. Am 11. April stand das Land laut Johns Hopkins Universität bei bisher über 13,4 Millionen an Corona erkrankten Menschen – von einer hohen Dunkelziffer ist auszugehen – und bei 351.334 Todesfällen. Geimpft sind derzeit etwa 5 Prozent der Bevölkerung.

Die Virusvariante P.1 erweist sich als deutlich ansteckender und tödlicher als andere Varianten. Seit Ende März bauen sich die Zahlen zu einer neuen Welle auf. 90 Prozent davon werden der neuen Mutation zugerechnet, die sich am Amazonas entwickelt hat. Erneut ist die Amazonasmetropole Manaus das Epizentrum der Pandemie, obgleich man geglaubt hatte, eine „natürliche Herdenimmunität“ erreicht zu haben. Doch wurde die natürliche Immunisierung überschätzt. Menschen infizierten sich gleichzeitig mit der sogenannten „britischen“ und der brasilianischen Variante. Die Intensivstationen sind längst überlastet.

Die Regierung Bolsonaro fährt weiter den Kurs der „gripezinha“, also der orchestrierten Verharmlosung der Pandemie als „Grippchen“: Kein Lockdown und kein social distancing. Gleichzeitig wird ein Gesetz auf den Weg gebracht, das den Kauf von Impfstoffen durch den privaten Sektor erleichtern soll, ohne dass die nationale Gesundheitsbehörde dies befürworten müsste, ohne die Beachtung von Prioritätsgruppen – und das bei einem weltweiten ein Mangel an Impfstoff.

Kolumbien: Impf-Zwischenziel erreicht, Lage sehr angespannt

Von Katharina Wojczenko, Themenmagazin Südamerika-Reporterinnen

Kolumbien ist Hochinzidenzgebiet. Das heißt das Risiko, sich zu infizieren, ist besonders hoch. Mit fast 66.000 Covid-Toten bei 51 Millionen Einwohnerïnnen und einer 7-Tage-Inzidenz von 176,8 steht Kolumbien im besten Fall kurz vor der Spitze der dritten Welle. Im Alltag ist davon aber immer weniger zu spüren. Nach über einem Jahr Pandemie hat der Eifer beim Maskentragen und Hände-Desinfizieren sichtbar nachgelassen. Besonders kritisch ist die Lage in der zweitgrößten Stadt Medellín sowie in den Karibik-Städten Barranquilla und Santa Marta. In letzterer sterben besonders viele Junge, was das Gesundheitsamt auf deren mangelnde soziale Disziplin schiebt.

Ein erster Fall mit der brasilianischen Variante wurde schon im Januar am Amazonas nachgewiesen: Die Kolombo-Brasilianerin kam vom brasilianischen Tabatinga über die Grenze ins kolumbianische Leticia zu Behandlung und kehrte danach nach Tabatinga zurück. Beide Städte gehen quasi ineinander über, die Grenze zu Fuß zu überqueren. Im März wurde die brasilianische Variante erstmals in der Hauptstadt Bogotá nachgewiesen.

Die rechtliche Lage ist ähnlich konfus wie in Deutschland: Bürgermeisterïnnen haben ziemlich viel Spielraum, so dass sich die Corona-Maßnahmen je nach Ort unterscheiden. In der Hauptstadt Bogotá hat Bürgermeisterin Claudia López wegen der Lage auf den Intensivstationen bis Dienstag Quarantäne angeordnet – mit Option auf Verlängerung: In Supermärkte und Banken darf man je nach Endziffer des Ausweises wieder nur noch jeden zweiten Tag. Aber wo der Supermarkt den Zutritt verweigert, ist der Laden an der Ecke immer noch offen. In der Öffentlichkeit ist Alkohol trinken verboten, nach Hause liefern lassen aber erlaubt. Reisen ist eingeschränkt. Von Mitternacht bis 5 Uhr morgens herrscht Ausgangssperre. Gleichzeitig soll die Zahl der Tests in Bogotá von 11.000 auf 20.000 am Tag steigen, um die Fälle besser nachzuverfolgen und Ansteckung zu minimieren.

Die versprochene Ankunft der Impfstoffe und der Impfstart hatten sich in Kolumbien mehrfach nach hinten verschoben. Zu welchen Bedingungen das ablief, ist immer noch ein Rätsel: Für den Kauf ist die Katastrophenschutz-Einheit verantwortlich, eine perfekte Blackbox für Korruption.

Von der Gesamtbevölkerung sollen nach nationalem Impfplan 35 Millionen Menschen geimpft werden. Kolumbien hat dafür die Impfstoffe von Pfizer, AstraZeneca, Janssen, Moderna und Sinovac eingekauft. Derzeit läuft Etappe zwei von fünf: Menschen zwischen 60 und 79 Jahren sowie Gesundheitspersonal und Studierende aus Gesundheitsberufen im Praxis-Semester sind an der Reihe.

Bis 17. April wollte die Regierung 3 Millionen Dosen verabreicht haben. Dieses Ziel erreichte sie bereits am Samstag. Allein an diesem Tag erhielten 84.354 Menschen ihre zweite Dosis. Das ist eine gute Nachricht in dem krisengebeutelten Land.

Während der Pandemie hat die Gewalt in Kolumbien zugenommen. Immer mehr Bürgerrechtlerïnnen werden ermordet. Menschenrechtsorganisationen warnen, dass bewaffnete Gruppen auf dem Land verstärkt Kinder rekrutieren, die seit einem Jahr nicht mehr zur Schule gehen können und deshalb umso anfälliger sind.

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Schweiz: Euphorie über kostenlose Selbsttests

Von Markus Hofmann, Themenmagazin Die Flugbegleiter

Anfang April 2021 kannten Schweizer Journalistinnen und Journalisten nur ein Thema: die Selbsttests. Ab dem 7. April dürfen alle Einwohnerinnen und Einwohner fünf Selbsttests pro Monat in den Apotheken beziehen – kostenlos. Es genügt, die Krankenkassenkarte vorzuweisen, und schon wird einem das Test-Kit über die Theke gereicht. Landauf und landab führten sich Medienschaffende die Stäbchen in die Nase, bis ihre Augen tränten, und warteten gespannt auf das Ergebnis. Der Vergleich mit dem Schwangerschaftstest durfte in der ausgedehnten Berichterstattung nicht fehlen.

Die mediale Selbsttest-Euphorie hat mit dem bisherigen Abschneiden der Regierung in der Pandemiebekämpfung zu tun. Denn die Impfkampagne verlief bisher nicht perfekt, was am Selbstverständnis der Schweizerinnen und Schweizer nagt. Vor kurzem musste der Gesundheitsminister eingestehen, dass das „Impfziel“ nicht so rasch erreicht sein würde wie angekündigt: Statt Ende Juni seien erst Ende Juli alle Impfwilligen geimpft. Die Befürchtung besteht, dass auch dieses Versprechen nicht eingehalten werden kann.

Anfang Jahr sah die Lage nicht schlecht aus, die Infektionszahlen gingen zurück, doch nun steigen sie seit März wieder an. Im Vergleich zu den Nachbarländern sind die Corona-Beschränkungen in der Schweiz zwar weniger streng. Doch weitere Lockerungsschritte wie das Öffnen der Gastronomie werden voraussichtlich noch etwas auf sich warten lassen.

Der Apotheker hält hinter einer Schutzscheibe einen Beutel mit den Komponenten des Schnelltests in die Höhe und zeigt sie der Kundin.
Rudolf Andres von der Apotheke Stadelhofen in Zürich erklärt einer Kundin, wie die kostenlosen Antigen-Schnelltests angewandt werden.

Österreich: Unklare Lage und Politik zehren an den Nerven

Von Sonja Bettel, Themenmagazin Flussreporter

Der Osten Österreichs, also die Bundesländer Wien, Niederösterreich und das Burgenland, sind seit dem 1. April im dritten Lockdown mit großteils geschlossenen Geschäften und Ausgangsbeschränkung von 0 bis 24 Uhr bis 18. April. Oder ist es der vierte?

In Österreich haben viele Menschen den Überblick verloren angesichts der alle paar Wochen neuen Verordnungen und Maßnahmen und der auf und ab gehenden Infektionsraten in verschiedenen Teilen des Landes. Die nationale 7-Tage-Inzidenz lag am 8./9.4. bei 221. In Wien sind die Intensivstationen am Limit, die Zahl der Corona-Toten nähert sich der Marke von 10.000.

Manche Gemeinden oder Bezirke in Österreich haben so hohe Infektionsraten, dass man sie nur mit negativem Test verlassen darf. In Vorarlberg ist die Lage am besten, dort darf seit Mitte März die Gastronomie wieder öffnen. Zur Verwirrung trägt bei, dass die Impfkampagne in jedem Bundesland anders organisiert ist und insgesamt zu langsam.

Die Stimmung in der Bevölkerung reicht von erschöpft und deprimiert bis Wut. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat zur Ablenkung die EU bezichtigt, Impfstoffe wie auf einem Bazar zu verteilen. Jetzt ist man auch dort verstimmt.

Frankreich: Ausgangssperren, übervolle Krankenhäuser und illegale Luxus-Dîners

Von Katja Trippel

Die Ausbreitung der Virusvariante B1.1.7 hat in Frankreich die Inzidenz auf durchschnittlich 350 hochschnellen lassen, die Intensivstationen der Krankenhäuser sind zu 113 Projekt belegt, sprich: übervoll, 5757 Covid-Patientïnnen ringen dort aktuell um ihr Leben.

Seit Ostern hat die französische Regierung daher wieder ein strenges “confinement” verhängt: Ausgangssperre ab 19 Uhr, tagsüber darf der Radius von zehn Kilometern um den Wohnort nicht überschritten werden, Reisen zwischen Regionen sind nur erlaubt für dringliche Gründe, die per Attest nachgewiesen werden müssen.

Nichtsdestotrotz luden zwei Pariser Nobelrestaurants zu illegalen Dîners für über 150 Gutbetuchte. Statt des Desserts kam die Polizei vorbei und servierte saftige Strafen. Immerhin: Die Impfkampagne kommt voran, über 10 Millionen Französïnnen, das sind rund 15 Prozent der Bevölkerung, haben mindestens eine Dosis erhalten.

Spanien: Maskenpflicht am Strand, Mallorca-Urlauber in Quarantäne

Von Björn Göttlicher, Themenmagazin Spanien im Fokus

In Spanien regen sich weiterhin viele Menschen darüber auf, dass die Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie nicht konsistent sind. Deutsche Urlauber durften nach Mallorca fliegen und aus Madrid wird von Partys berichtet, während andernorts nicht einmal die Autofahrt zwischen verschiedenen Provinzen erlaubt ist.

Besonders in den Ostertagen waren die Cafés in den Innenstädten auf dem Festland und an der Küste gut besucht, man darf sogar drinnen sitzen/man darf aber nur draussen sitzen. Aber generell halten sich die Menschen an Abstands- und Maskenpflichten, auch am Strand. Nur an den Tischen vor den Cafés nehmen sie ihre Masken ab.

Derweil läuft in Spanien die Impfkampagne. In Katalonien hatten Mitte April mehr als 85 Prozent der Über-80jährigen, 15 Prozent der 70– bis 79-jährigen, sowie knapp 80 Prozent der Altenpfleger und des Krankenhauspersonals bereits eine erste Dosis erhalten haben. Die 7-Tage-Inzidenz lag am 15. April landesweit bei 107 und damit unter der von Deutschland.

Zwischen Regionen und Zentralregierung gibt es einen Konflikt um Impfstoffe. Die Regionalregierung der Stadt Madrid hat eigenmächtig den russischen Sputnik-Impfstoff eingekauft, darüber wird nun auch in Katalonien nachgedacht. Die Zentralregierung wusste davon nichts und zeigte sich düpiert. Corona ist in Spanien eben auch ein Politikum, das die Spannungen der Parteien in den verschiedenen Landesteilen noch deutlicher hervortreten lässt.

Auf Mallorca waren unterdessen 27 Deutsche, von denen einige positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, in einem Hotel untergebracht worden. Sie absolvieren dort zusammen mit ihren Reisebegleitern die vorgeschriebene Isolierung. Diese beträgt mindestens 10 Tage, berichten die Gesundheitsbehörden der Balearen. Dafür ausgewählt wurde das Kongresshotel Melia Palma Bay, wobei die Kosten für die Unterbringung der isolierten Gäste von der spanischen Region getragen wird. Seit knapp zwei Wochen herrscht eine generelle Testpflicht für alle Flugreisen nach Deutschland. Menschen, die Mallorca oder eine andere spanische Region besuchen wollen, müssen wegen der in Spanien geltenden Vorschriften bei Einreise einen negativen Test vorweisen.

Kenia: Eine Triage findet noch nicht einmal statt

Von Bettina Rühl, Themenmagazin Afrika-Reporter

Ende März setzte Dr. Ahmed Kalebi einen Tweet ab, der das Ausmaß der in Kenia katastrophalen Lage ahnen lässt: Alle Krankenhäuser in Nairobi hätten eine Warteliste für Intensivbetten und Covid-19-Isolationsbetten mit Beatmungsgerät.

Kalebi leitet das private Lancet-Labor, eins der führenden bei der Auswertung von Corona-Tests. Das ostafrikanische Land ist in der dritten Welle. Es hat bisher knapp 140.000 Fälle gemeldet (Stand 7. April), und fast 2260 registrierte Todesfälle im Zusammenhang mit dem Virus. Bei einer Bevölkerung von 50 Millionen klingt das nicht viel.

Das Problem ist aber, dass es bei schweren Verläufen so gut wie keine Hilfe gibt. Denn landesweit gibt es nur ein paar hundert Intensivbetten. Während in Europa „Triage“ zum Inbegriff des Schreckens geworden ist, findet eine solche in Kenia noch nicht einmal statt. Zumindest nicht nach medizinischen Kriterien: Die wenigen Intensivbetten werden an diejenigen vergeben, die sich die Behandlung leisten können. Ehe die Kranken aufgenommen werden, ist eine Anzahlung nötig. Die Krankenversicherungen decken die Kosten bei Covid-19-Behandlungen nicht, aber versichert ist sowieso nur ein kleiner Bruchteil der Bevölkerung.

Seit dem 26. März ist Kenia wieder im harten Lockdown. Die Bevölkerungsmehrheit ist verzweifelt, weil sie die wirtschaftlichen Reserven dafür nicht mehr hat. Immerhin hat auch das Impfen begonnen, zunächst mit 1,2 Millionen Dosen AstraZeneca-Impfmittel, die über die Covax-Initiative gesichert werden konnten.

Die junge schwarze Frau hält sich die Finger ihrer rechten Hand an die Stirn, während sie die Impfspritze in den linken Oberarm bekommt.
Eine Kenianerin erhält am 8. April 2021 im Kenyatta National Hospital in Nairobi eine Dosis des Impfstoffs von AstraZeneca aus indischer Produktion.

Tunesien: Sehenden Auges in die dritte Welle

Von Sarah Mersch, Themenmagazin Afrika-Reporter

Im Februar und März hatte sich die Situation in Tunesien so stabilisiert, dass sich viele Menschen die Augen rieben. Wie konnte es sein, dass der Anteil der positiven Tests zurückging und die Zahl der Corona-Toten ebenfalls auf gerade einmal rund 20 pro Tag sank, während sich augenscheinlich ein Großteil der Bevölkerung kaum an die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie hielt? Die Herdenimmunität kann es noch nicht sein, auch wenn laut Schätzungen des Gesundheitsministeriums 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung bereits infiziert waren.

Nach der zweiten Welle im Herbst und Winter, die das Land heftig getroffen hatte, verspürten viele Hoffnung. Mitte März kamen endlich die lang ersehnten ersten Impfdosen und nach anfänglicher Skepsis stieg auch die Zahl der Registrierungen auf der Impfplattform kontinuierlich. Die gebeutelte Tourismusindustrie begann erfreut, für den Sommer zu planen, die Menschen lebten, als sei die Pandemie Geschichte.

Doch viele haben die Rechnung ohne B.1.1.7 gemacht. Diese Virusvariante hat sich in den letzten Wochen dramatisch schnell ausgebreitet, so dass die Testpositivrate je nach Region wieder auf 30 bis 40 Prozent gestiegen ist. Die Zahl der Neuerkrankungen hat sich allein in den vergangenen zehn Tagen mehr als verdoppelt, die Krankenhäuser sind überbelegt. Am vergangenen Wochenende sind in Tunis im größten Krankenhaus der Hauptstadt 14 Personen verstorben, weil keine Intensivbetten mehr frei waren, sagte die Leiterin des Bereichs Infektiologie. Dem stehen rund 9000 Impfungen am Tag gegenüber – bei einer Bevölkerung von 12 Millionen.

Südafrika: Alltag mit der Mutation

Von Leonie March, Themenmagazin Afrika-Reporter

Für Südafrikaner gelten in vielen Ländern derzeit Einreisebeschränkungen oder sogar -verbote. Grund ist die Mutation B.1351, die in Südafrika entdeckt wurde. Sie ist ansteckender als das ursprüngliche Sars-CoV-2-Virus und umgeht Teile der Immunabwehr.

Das hat auch Auswirkungen auf das Impfprogramm: Südafrika hatte sich an der sogenannten Oxford-Studie beteiligt und die ersten AstraZeneca-Impfdosen Anfang Februar erhalten. Doch wegen geringer Wirksamkeit gegen B.1351 musste der Start der Impfkampagne verschoben werden. Mittlerweile wurden rund 280.000 Beschäftigte im Gesundheitssystem in einer sogenannten Implementierungsstudie mit dem Johnson & Johnson Impfstoff geimpft.

Ab Mai soll dann auch mit der Impfung der Bevölkerung begonnen werden, angefangen bei den über 60-Jährigen. Bis Februar 2022 will Südafrika 67 Prozent der Bevölkerung geimpft haben und damit Herdenimmunität erreichen. Angesichts der Engpässe bei Impfstoffen ist das jedoch ein ehrgeiziger Plan.

Trotz dieser Verzögerungen und der grassierenden Mutation ist in Südafrika nach dem ursprünglichen harten Lockdown so etwas wie Alltag eingekehrt: Reisen ist wieder erlaubt, ebenso wie Versammlungen bis zu 200 Personen, Betriebe arbeiten wieder. Bestehen bleibt die Pflicht, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen und eine nächtliche Ausgangssperre. Außerdem war über die Osterferien der Verkauf von Alkohol erneut eingeschränkt. Denn Forscher warnen auch in Südafrika vor einer dritten Welle. Bislang jedoch gibt es dafür, trotz Mutation, keine Anzeichen. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt einigermaßen stabil um 1.000.

Auf einem großen Schild steht die Zahl von 150 Millionen Impfdosen, dahinter ist in einer Spalte in der Wand US-Präsident Joe Biden zu sehen.
Stolze Marke auf dem Weg aus der Pandemie: US-Präsident Joe Biden beging bei einem Besuch der Immanuel Chapel am Virginia Theological Seminary in Alexandria, Virginia, am 6. April die Wegmarke von 150 Millionen verabreichten Impfdosen in den USA.

Impf-Kampagne in den USA: From Zero to Hero

Von Steve Przybilla, Themenmagazin USA-Reporter

Lange Zeit sah die Corona-Lage in den USA düster aus: überfüllte Krankenhäuser, verzweifelte Ärztïnnen, Kühlcontainer voller Leichen. Dazu ein Präsident namens Trump, der mit wirren Äußerungen auffiel.

Diese Zeiten sind vorbei. Mit ihrer „Operation Warp Speed“ tut die neue US-Regierung unter Präsident Joe Biden alles, um das Impf-Tempo zu erhöhen, koste es, was es wolle. Am 6. April beging die US-Regierung die Wegmarke von 150 Millionen verabreichten Impfdosen. Mitte April 2021 hatten bereits knapp 35 Prozent der US-Amerikanerïnnen ihre erste Spritze erhalten, 20 Prozent bereits beide Impfdosen – ein deutlich höherer Anteil als in Deutschland.

Geimpft wird oft auch ohne Termin in Apotheken, Supermärkten, Drive-in-Schaltern oder Impfzentren. Wer berechtigt ist, entscheiden die Bundesstaaten. Nicht alles läuft gut: Schwarze werden seltener geimpft als Weiße; viele Trump-Fans lehnen das Vakzin grundsätzlich ab. Zudem hortet das Land Impfstoff, statt ihn für andere Länder freizugeben – „America First“ auch unter Joe Biden.

Unterm Strich aber hat sich die einst chaotische Corona-Politik aber zum Vorbild gewandelt: From Zero to Hero.

Australien: Radikal reagiert, wenige Fälle

Von Julica Jungehülsing, Themenmagazin AustralienStories

Australien ist – verglichen mit Europa – eine Art pandemische Parallelwelt. Zwar dürfen die Grenzen ins Ausland nach wie vor nur mit schwer erhältlicher Sondergenehmigung überflogen werden. Dafür ist der Alltag entspannt. Restaurants, und Cafés sind offen, die Theater spielen vor leicht reduzierten Besucherreihen. Auch Reisen zwischen den Bundesländern sind wieder einfacher – und billiger: Die Fluglinien Qantas, Virgin und Jetstar verkaufen seit 1. April jede Woche 46.000 Tickets zum halben Preis um die Reiselust im Land anzukurbeln.

Insgesamt registrierten australische Behörden bisher 29.418 Corona-Infektionen. 909 Menschen sind seit Pandemiebeginn an oder mit Covid-19 gestorben, den letzten Todesfall gab es am 28. Dezember.

21 Infektionen gingen in den letzten 28 Tagen auf örtliche Ansteckungen zurück. Die übrigen Fälle – an keinem Tag des Monats gab es mehr als 19 – sind Rückkehrerïnnen aus dem Ausland, die sich meist in Hotelquarantäne, selten in Krankenhäusern befinden. 65 Patientïnnen werden derzeit mit Covid-Erkrankungen stationär behandelt, eine auf einer Intensivstation.

Expertïnnen führen den Beinahe-No-Covid-Erfolg auch auf die drastischen Maßnahmen und Lockdowns der ersten Monate zurück: Sobald sich Fälle häuften, wurde dicht gemacht, und zwar nicht nach länglichen Beratungen „ab übernächster Woche“, sondern von gestern auf morgen. Die 5,5 Millionen Einwohner von Melbourne erlebten bis Ende Oktober einen 112 Tage währenden, extrem strikten Lockdown. Die Akzeptanz ist enorm, gemeckert wird wenig.

Dabei wird oft radikal reagiert: 24 Stunden bevor Ostern mehr als 50.000 Besucher zu Byron Bays Bluesfest eintrafen, wurde das erste große und heiß ersehnte Musikfestival abgesagt. Der Grund: eine lokale Ansteckung in der Nähe der Ostküstenstadt.

Zögerlich ist auf dem Südhalbkugelkontinent nur der Impfrhythmus: 1,16 der 25 Millionen Australierïnnen haben bisher eine Vakzindosis bekommen. Eigentlich sollten bis Oktober alle Erwachsenen, die das möchten, einen Impfschutz bekommen. Inzwischen ist die Rede von nur einer Dosis pro Mensch vor Ende des Jahres. Grund dafür sind nicht nur Lieferschwierigkeiten, sondern auch die Festlegung auf AstraZeneca.

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