1. RiffReporter /
  2. Wissen /
  3. Corona: Wir werden lange trauern müssen

Corona: Wir werden lange trauern müssen

Die Dokuserie „Charité Intensiv: Station 43“ zeigt anhand der Arbeit auf der Corona-Intensivstation in Berlin, wie viel Leid die Corona-Pandemie ausgelöst hat. Und wie lang es dauern wird, sie zu verarbeiten.

von
06.04.2021
6 Minuten
Intensivmedizinerin Sarah Kamel in Schutzkleidung und mit Schutzmaske bei einem Patiententransport, sie hält dabei den Kopf eines Patienten.

RiffReporter arbeitet bei diesem Beitrag mit Übermedien zusammen, dem unabhängigen Magazin für Medienkritik.

Seit Tagen begleiten mich nun einzelne Szenen aus der Dokuserie „Charité Intensiv: Station 43“ von meinem Freund Carl Gierstorfer. Es sind Menschen, die ich nie getroffen habe, an die ich immer wieder denken muss:

Marco Wegner, der aus dem künstlichen Koma aufwacht und von der Maschine abgenommen wird, die über Wochen sein Blut mit Sauerstoff angereichert hat, während seine Lunge im Kampf gegen das SARS-CoV-2-Virus versagte, und der nun darum kämpft, seinen eigenen Namen wieder sagen zu können. „Marco, Marco, Marco“, flüstert er heiser vor sich hin, und man sieht in seinen Augen die wilde Entschlossenheit, diesen ersten Schritt zurück ins Leben zu machen.

Evelyn Bell, die am Sterbebett ihres jungen Mannes steht, der in der dichterisch-düsteren Sprache der Intensivmediziner „verglüht“ ist, und die im Angesicht ihrer Kinder, die gerade den Vater verloren haben, die Größe aufbringt, erst einmal den Ärztinnen und Pflegerinnen für ihre unermüdliche Arbeit zu danken.

Es sind Menschen, die mit Würde gegen ein Schicksal kämpfen, das die Pandemie ihnen aufgezwungen hat. Sie haben auch mich gezwungen, mich manchen Dingen zu stellen.

Hornhaut auf der Seele

Seit 15 Monaten berichte ich quasi non-stop über diese Pandemie. Ich habe mit Forscherinnen und Ärzten gesprochen, Artikel geschrieben, getwittert, einen Podcast gestartet, Panels moderiert und Interviews gegeben. Und in dieser ganzen Zeit habe ich das schiere Ausmaß des Leids, das dieses winzige Virus verursacht hat, ziemlich erfolgreich von mir ferngehalten.

Inzidenzen und Impfstoffkandidaten, Moleküle und Medikamentenstudien: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Bloß nicht zur Ruhe kommen. Bloß nicht die Gefühle zulassen. Als Infektionskrankheitenjournalist bin ich da natürlich irgendwie Profi. Spätestens während des Ebola-Ausbruchs in Liberia habe ich genug Hornhaut auf der Seele bekommen, um das eine Weile beobachten zu können, ohne an dem Leid zu verzweifeln.

Es ist eine der Zumutungen unserer Zeit, dass wir jeden Tag sehen können, wieviele Menschen weltweit sterben an Krankheiten, die mit ein wenig Geld, ein wenig Gerechtigkeit zu behandeln oder verhindern wären: 200.000 Menschen sind im vergangenen Jahr an den Masern gestorben, vor allem Kinder unter 5 Jahren. Als Experte für globale Gesundheit ist mir diese Realität sehr bewusst und sie begleitet mich jeden Tag. Wie wir alle, richte ich mich jeden Tag wieder in einer Welt ein, die so nicht sein sollte. Als Journalist kann ich diese Welt wenigstens beschreiben, hinterfragen, versuchen zu verstehen.

Das alles hat mir also geholfen, die Emotionen fernzuhalten. Oder vielleicht hat es mich dazu verdammt.

Kostenfreien Newsletter bestellen

Sie möchten regelmäßig über neue Beiträge dieses Projektes informiert werden? Dann bestellen Sie hier unseren kostenlosen Newsletter.

Ärztïnnen und Pflegerïnnen in Schutzkleidung auf einer Intensivstation zwischen medizinischen Geräten und einem Patienten in blauem Laken.
Das Team der Station 43 auf in der Berliner Charité versorgt Covid-Patientïnnen. Viele aber schaffen es nicht. Am Ende steht das Team vor der Frage: Was bleibt? Was kommt?

Gruppentherapie

Das soll nicht heißen, dass ich nichts gespürt hätte. Es fühle sich an, als würde ich meine Warnungen in einen Orkan der Gleichgültigkeit hineinrufen, habe ich Anfang März 2020 auf Twitter geschrieben angesichts der absehbaren Katastrophe.

Empfohlener Redaktioneller Inhalt

An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt von [Twitter], der den Artikel ergänzt. Sie können sich externe Inhalte mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.

Wir können leider nicht beeinflussen, welche Cookies durch Inhalte Dritter gesetzt werden und welche Daten von Ihnen erfasst werden.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Ohnmacht, Verzweiflung haben mich in dieser Pandemie immer mal übermannt, und das ging meinen internationalen Kollegen nicht anders. Manchmal haben sich vier von uns am späten Sonntagabend zusammentelefoniert, West- und Ostküste der USA, Niederlande und Deutschland vereint zur „Gruppentherapie“, wie wir es nur halb scherzhaft nannten. Und seit ich im Dezember anfing, über die Varianten des Virus wie B.1.1.7 zu schreiben, verwandelte sich die Verzweiflung manchmal auch in Fassungslosigkeit und, ja, Wut angesichts des Unwillens oder der Unfähigkeit der Politik, die Maßnahmen zu ergreifen, die nötig waren.

Aber das Leid, die Trauer, drang höchstens mal kurz durch, eine zarte Stimme, kaum hörbar über all den Gerätschaften im Maschinenraum meiner Psyche, die mein Arbeits-Ich am Laufen hielten. Immer wartete der nächste Preprint, die nächste Prognose, die nächste Pressekonferenz.

Aber in der vergangenen Woche hat sich für mich etwas geändert. Vielleicht war es, dass ich einmal zwei Tage frei hatte und mich nicht auf die Arbeit konzentriert habe. Vermutlich hat es damit zu tun, dass nach 15 Monaten die Kraft schlicht schwindet. In jedem Fall hat es mit eben dieser Dokuserie von Carl Gierstorfer zu tun, der auf der Station 43 der Charité drei Monate lang gefilmt hat. Das hat die Bilder geliefert, die Peter Spork oder Lenz Jacobsen zurecht vermisst haben.

Und es sind Bilder, die schwer zu vergessen sind.

Intensivmedizinerïnnen bei der Arbeit – in Schutzkleidung in einem Krankenzimmer mit vielen medizinischen Geräten.
Auf dem Höhepunkt der zweiten Pandemiewelle stößt das Team der Intensiv-Station 43 täglich an die Grenzen dessen, was der Mensch vermag: Bewährte Therapien versagen und stabil geglaubte Covid-Patienten verschlechtern sich plötzlich. Tod und Sterben sind allgegenwärtig.
Ein Rettungshubschrauber landet bei Nacht vor der Charité in Berlin.
Mit einem Rettungshubschrauber kommt ein Patient auf die Station 43 der Charité, wo sich ein Team von Intensivmedizinerïnnen um Corona-Erkrankte kümmert. Die Doku-Serie „Charité Intensiv: Station 43“ zeigt eindringlich die Schicksale aller Beteiligten.
Felix Bangert ist Intensivmediziner auf der Station 43 der Charité. Hier schaut er mit Schutzmaske in die Kamera, neben ihm liegt, kaum erkennbar, ein Patient an Schläuchen.
Felix Bangert ist Intensivmediziner auf der Station 43 der Charité. Er kämpft mit seinen Kollegïnnen um das Leben der Corona-Patientïnnen. Tod und Sterben sind dabei allgegenwärtig.

Trauerarbeit

Wie mit dem Virus selbst, so lässt sich auch mit diesen Bildern nicht wirklich diskutieren. Man kann sie ignorieren – und manche werden das tun. (Dass die ARD sie nicht nach der „Tagesschau“ zeigt, macht das leichter als es sein sollte.) Aber wer sie auf sich wirken lässt, dem wird auch klar, welche Trauerarbeit auf uns zukommt in den nächsten Monaten.

Die Menschen, die Verwandte, Freunde, Geliebte verloren haben. Drei Millionen Menschen sind weltweit gestorben. Drei. Millionen. Menschen. Wie begreift man diese Dimension?

Die Menschen, die eine schreckliche Krankheit überstanden haben und mit den Folgen kämpfen, mit Schmerzen, Atemproblemen etwa und auch mit Ängsten, mit survivors guilt: Warum habe ich überlebt? Warum sind andere gestorben?

Die Ärztinnen und Pfleger in den Krankenhäusern, wo die Infektionswellen in Form von schwerkranken Menschen anbrandeten. Die zugesehen haben, wie Menschen sterben, sterben, sterben. Die verzweifelt versucht haben, die Deiche zu erhöhen, während anderswo entschieden wurde, die Fluttore aufzumachen.

Manche Menschen haben ihren Job, ihr Unternehmen verloren. Aber auch der Rest von uns hat natürlich in dieser Pandemie Dinge verloren, und wenn es ist, dass wir ein Jahr lang gute Freunde nicht gesehen haben oder keine neuen kenngelernt haben, dass die Großeltern ihre Enkel nicht umarmt haben, dass man in Maske durch den Supermarkt gehuscht ist und die Luft angehalten hat, wenn jemand zu nah an einem vorbeiging.

Ich bin nach 15 Monaten am Ende meiner Kräfte und ich habe – let’s be honest – vor allem am Schreibtisch gesessen, telefoniert und zwischendurch Essen bestellt. Wie muss es denen gehen, die unter ganz anderen Umständen, mit ganz anderen Ängsten diese schwierige Zeit meistern müssen.

Anstand, Würde, Entschlossenheit

Diese Pandemie ist noch lange nicht vorbei, vor allem nicht für die Länder, die sich nicht die vordersten Plätze in der Impfschlange erkaufen konnten.

Aber die nächste Phase rückt für mich erstmals klarer in den Blick. Wir werden wieder unsere Freunde und unsere Verwandten umarmen, wir werden feiern wollen, ausgelassen sein, das Leben leben. Aber wir werden auch spüren, was wir verloren haben.

Als wir in unserem Podcast über die Dokuserie sprachen, meinte meine Kollegin Laura Salm-Reifferscheidt, das Ende der Serie sei für sie „versöhnlich“ gewesen. Ich habe das zunächst nicht verstanden.

Ich musste lange nachdenken darüber, warum mich die Würde von Marco Wegner oder Evelyn Bell so tief erschüttert und ergriffen hat. Und ich glaube, Laura hat Recht. Diese Menschen zeigen zwar exemplarisch das Leid dieser Seuche, aber sie weisen eben auch nach vorne: Sie zeigen den Anstand, die Würde, die schiere Entschlossenheit, die wir brauchen werden, um dieses Trauma zu überwinden.

Ob wir wollen oder nicht. Diese Phase wird kommen. Wir können dankbar sein, dass wir endlich die Bilder haben, die uns ermessen lassen, was wir alle gemeinsam verloren haben. Aber wir werden auch lernen müssen, für uns selbst zu benennen, was es ist, das jeder einzelne von uns in dieser Pandemie verloren hat. Auch diese Trauerarbeit wird Raum brauchen, in unserem Leben und in den Medien.

Ich habe so wahnsinnig viel gelernt in dieser Pandemie, auch so viel schreckliches. Aber was ich machen soll, wenn jetzt all diese Gefühle kommen, verspätet wie das Donnergrollen, wenn der Blitz längst eingeschlagen ist, das weiß ich nicht. Das habe ich nicht gelernt. Kaum einer von uns hat das.

Also werden wir auch da wieder lernen müssen. Viele Forscher haben uns in den zurückliegenden Monaten die Viren und die Wissenschaft erklärt. Wer wird uns das Trauma, die Trauer erklären?

Ich weiß es nicht. Aber Marco Wegner und Evelyn Bell haben einen Anfang gemacht.

Die Doku-Serie „Charité Intensiv: Station 43“ läuft ab dem 14.04.2021 auf rbb oder ist online in der Mediathek abrufbar.

Unterstützen Sie „Corona: Ein Virus bedroht die Welt“ mit einem Betrag Ihrer Wahl. Sie unterstützen so gezielt weitere Recherchen.
Kai Kupferschmidt

Kai Kupferschmidt

Kai Kupferschmidt, Jahrgang 1982, studierte molekulare Biomedizin und arbeitet als Wissenschaftsautor in Berlin. Er schreibt für das US-Journal „Science“, die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ und „Die Zeit“. Er ist Autor des bei Hoffmann und Campe erschienen Buchs „Blau – wie die Schönheit in die Welt kommt". Kai Kupferschmidt ist Mitgründer des Pandemia-Podcast und hat zahlreiche Preise gewonnen, u. a. den Medienpreis der Deutschen Aids-Stiftung.


Corona: Ein Virus bedroht die Welt

Die Corona-Pandemie und ihre Gefahren prägen unser Leben. Wir RiffReporter unterstützen Sie mit verlässlichen Informationen dabei, durch diese schwierige Zeit zu kommen. Bei uns berichten sachkundige und mit Preisen ausgezeichnete Journalistïnnen für Sie. Hier bekommen Sie

Recherchen für dieses Projekt werden vom Recherchefonds der Wissenschaftspressekonferenz e.V., von der Klaus Tschira Stiftung und von der Andrea von Braun Stiftung gefördert. Auch Sie können uns fördern – mit einer freiwilligen Zahlung oder mit einem RiffReporter-Abo.

Verantwortlich im Sinne des Presserechts

Kai Kupferschmidt

Adalbertstr. 66
10179 Berlin

E-Mail: mail@kaikupferschmidt.de

www: http://kaikupferschmidt.de

Tel: +49 30 89202144