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Was sollen die sogenannten Coronapässe bringen und wie sinnvoll sind sie?

Die Idee, dass Menschen nach einer durchlaufenen Infektion eine Immunität bescheinigt wird, klingt verlockend. Doch der Deutsche Ethikrat warnt aus guten Gründen vor diesem Ansatz

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23.09.2020
5 Minuten

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Kurzantwort

Der Gedanke scheint verlockend: Wer eine Corona-Infektion durchgemacht hat, bekommt einen staatlichen Immunitätsausweis, weil er jetzt angeblich immun ist. Wer diesen Pass besitzt, müsste sich an die geltenden Beschränkungen nicht mehr halten. Der Ausweis könnte auch das Leben der Menschen erleichtern, die ohne Immunität nur eingeschränkt oder unter besonderen Hygiene-Auflagen arbeiten können – etwa in der Alten- und Krankenpflege. Doch das Konzept wird heftig kritisiert. Der medizinische Aspekt ist umstritten, weil es große Zweifel gibt, ob die Betroffenen einer Corona-Infektion dauerhaft immun sind oder der Schutz doch nur eine begrenzte Zeit hält. Zudem sind die bisher verfügbaren Tests mit vielen Fehlern behaftet. Selbst wenn die Forscher zuverlässigere Tests entwickeln, bleiben rechtliche und ethische Bedenken Bei deren Bewertung sind Experten nicht einig. Im Deutschen Ethikrat haben sich zwei Positionen gebildet: Eine Gruppe kann sich Bedingungen vorstellen, die einen Immunitätspass rechtfertigen. Die andere Gruppe lehnt das Konzept generell ab.

Erklärung

Die Einführung eines Immunitätsausweises war ursprünglich im 2. Pandemiegesetz geplant, das am 15. Mai 2020 im Bundestag beschlossen wurde. Der Passus wurde aber nach heftiger Kritik aus dem Entwurf gestrichen. Der Deutsche Ethikrat hat das Konzept im September 2020 als Beratergremium der Bundesregierung bewertet. Die Expertengruppe lehnt einen Corona-Pass derzeit ab. Ihr stärkstes Argument liegt darin, dass es noch keinen gesicherten Stand der Forschung gibt. Es bestünden erhebliche Unsicherheiten hinsichtlich des zeitlichen Verlaufs einer Immunität nach einer Infektion und zur Aussagekraft der Antikörpertests bei Sars-CoV-2. Der Ethikrat sieht Handlungsbedarf beim Umgang mit bestimmten Antikörpertests. „Aufgrund ihrer zweifelhaften Verlässlichkeit und des daraus folgenden Gefährdungspotentials sollten frei verkäufliche Tests zum Nachweis einer Immunität gegen Sars-CoV-2 strenger reguliert werden“, heißt es in der Empfehlung. Diese Kritik des Gremiums richtet sich gegen Corona-Tests, die über das Internet verkauft werden, nicht aber gegen die Ergebnisse einer ärztlichen Untersuchung.

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Reaktion des Immunsystems auf Corona wird noch erforscht

Es bestehen noch erhebliche Lücken im Verständnis der komplexen Immunreaktion des Körpers bei einer Infektion mit Sars-CoV-2. Einiges deutet darauf hin, dass die Bildung der gegen eine Erkrankung schützenden Antikörper von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfällt. Im Blut von genesenen Covid-19-PatientInnen lassen sich zwar häufig Antikörper nachweisen, aber InfektionsforscherInnen setzen diesen Befund nicht gleich mit einem gesicherten Schutz gegen eine erneute Infektion – zumal die Konzentration dieser Antikörper schon nach einigen Monaten deutlich abnehmen kann.

Zudem ist es möglich, dass für einen effektiven Schutz eine bestimmte Menge an Antikörpern im Blut vorhanden sein muss. Für andere Infektionskrankheiten trifft das zu: MedizinerInnen ermitteln deshalb in unklaren Fällen den Impfstatus einer Person mit einer Titer-Bestimmung (Immunitätsbestimmung) nach Blutentnahme. Ist die Menge an Antikörpern zu niedrig, reicht der Impfschutz nicht aus, um eine Ansteckung zu verhindern. Ob ein solcher Schwellenwert auch bei Sars-CoV-2 existiert und wie hoch er ist, ist bisher nicht bekannt. Ohne diesen Wert fällt es indes schwer, einen Antikörper-Wert zu bestimmen, auf dessen Basis der Ausweis ausgestellt werden könnte.

Zur Immunabwehr des Körpers gehören aber auch sogenannte Gedächtniszellen, die sich an bestimmte Erreger „erinnern“. Sie lösen bei einem erneuten Kontakt mit Sars-CoV-2 eine schnelle Aktivierung des Immunsystems aus. Einige Forscher vermuten, dass diese Gedächtniszellen auch nach früheren Kontakten mit harmlosen Coronaviren bei Erkältungserkrankungen gebildet werden. Dies könnte zu einer als Kreuzimmunität bezeichneten erhöhten Widerstandskraft gegen das neue Virus führen und eventuell die leichten Verläufe von Covid-19 bei vielen Menschen erklären.

Diese verschiedenen Mechanismen der Immunantwort machen eine Aussage, ob eine Person immun gegen Corona ist, kompliziert. Es scheint kaum möglich zu sein, in absehbarer Zeit einen Test zu entwickeln, der alle Komponenten berücksichtigt. Selbst wenn das der Fall sein sollte: Niemand kann derzeit sagen, ob diese Immunität dauerhaft anhalten würde oder zeitlich begrenzt ist.

Wer soll auf Immunität getestet werden?

In Deutschland gibt es schon jetzt Probleme, allen BürgerInnen einen Test auf Infektion mit Sars-CoV-2 anzubieten. Beim Immunitätstest ist es noch komplizierter. Die Infektion mit Sars-CoV-2 verläuft häufig ohne Symptome. Auch diese Gruppe von Corona-Infizierten kann Antikörper entwickeln. Viele Menschen wissen aber nicht, ob sie eine Infektion durchgemacht haben oder nicht. Das bedeutet in der Praxis, dass alle BürgerInnen ein Recht auf einen Antikörpertest bekommen müssten. 83 Millionen Tests stehen in Deutschland aber nicht zur Verfügung. Damit würden BürgerInnen, denen der Test vorenthalten wird, ungerecht behandelt. Denn diejenigen, die Covid-19 mit Symptomen hatten, bekommen vermutlich einfacher einen Test als diejenigen, die keine Symptome entwickelt haben – und somit auch einen Immunitätspass.

Vergleich zwischen Corona und Gelbfieber hinkt

Gesundheitsminister Spahn hat den Corona-Pass mit dem Eintrag einer Gelbfieberimpfung im Impfpass verglichen. Dieser Vergleich hinkt aber. Spahn hatte an diesem Beispiel argumentiert, schon heute sei es üblich, dass Reisende ihre Immunität gegen eine Krankheit mit einem Dokument nachweisen, um in ein Land einzureisen. Der Gelbfieberstempel dokumentiert aber lediglich, dass der Besitzer des Impfpasses sich einer freiwilligen Impfung unterzogen hat. Impfungen sind jahrzehntelang erprobte Abläufe, die mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit eine Immunisierung bewirken. Sie stehen allen Menschen zur Verfügung – aber sie haben kaum etwas gemein mit der Infektion mit einem aktiven, weitgehend unbekannten Krankheitserreger wie Sars CoV-2.

Ein Coronapass hätte Vor- und Nachteile

Wegen der wissenschaftlichen Unsicherheit lehnt der Ethikrat den Immunitätsausweis für Corona derzeit eindeutig ab. „Perspektivisch lassen sich jedoch Gesellschaftsbereiche ausmachen, in denen der Einsatz von Immunitätsbescheinigungen zukünftig sinnvoll werden könnte“, heißt es in der Stellungnahme. Menschen mit einer zeitlich befristeten Immunitätsbescheinigung könnten auch bei steigenden Infektionszahlen dort weiter voll arbeiten, wo besonderer gesellschaftlicher Bedarf an der gesicherten Funktion besteht, etwa in Kindertagesstätten, Krankenhäusern, Altenheimen, Fabriken und Schulen. Aber Unternehmen könnten schon heute ­ auch ohne Coronapass ­ von Covid-19 genesene MitarbeiterInnen bevorzugt an Positionen mit höherem Infektionsrisiko einsetzen.

Die Ausweisbesitzer könnten auch ihre als Risikogruppe eingestuften Angehörigen treffen, etwa in einem Altenheim mit Besuchsverbot. Doch damit beginnt das Dilemma. Denn der Immunitätsausweis befreit den Staat nach Ansicht des Ethikrats keineswegs davon, Lösungen für alle Betroffenen zu suchen. Beispielsweise durch einen Schnelltest an der Pforte des Altenheims. Doch wenn es diese Möglichkeiten gibt, wird der Corona-Pass obsolet.

Anreiz, sich mutwillig zu infizieren?

Der Ethikrat befürchtet „mit Blick auf Gerechtigkeitsfragen bei einer Koppelung von Rechten oder Pflichten an den Status der Immunität eine ungerechte Verteilung von Chancen und Risiken“. So sei es fraglich, ob der Besuch einer Ausbildungsstätte an den Besitz des Coronapasses geknüpft werden dürfe. Andersherum könne man Menschen mit einem anderen Immunstatus nicht zu Tätigkeiten zum Wohle der Allgemeinheit zwingen. Der praktische Nutzen der staatlichen Bescheinigung bleibt dieser Argumentation zufolge also gering.

Ein Immunitätsausweis könnte aber das Verhalten der Menschen negativ verändern. Wenn mit dem Besitz des Ausweises große Vorteile verbunden sind, wird eine Ansteckung mit dem neuen Coronavirus plötzlich attraktiv. Viele Menschen könnten das Risiko einer Infektion in der Hoffnung eingehen, dass der Krankheitsverlauf mild verläuft und sie danach einen Immunitätsausweis erhalten. Die Beobachtung, dass andere die geltenden Schutzmaßnahmen nicht einhalten, könnte zu unbegründeter Sorglosigkeit derjenigen führen, die nicht immun sind. Das widerspricht dem bisherigen Ansatz, möglichst viele Infektionen zu verhindern. (Rainer Kurlemann)

Quellen:

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