Über das Jubiläumsjahr hinaus: Notausgang Humboldt

Zusammenleben im „Weltorganismus“: Der Universalwissenschaftler hat unserer Zeit viel mehr zu bieten als Faszination für Natur

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Notausgangs-Schild

VON IHRER fünfjährigen Reise durch Südamerika kehrten der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt und sein französischer Kompagnon, der Arzt und Botaniker Aimé Bonpland 1804 schwer beladen zurück. Wo auch immer sie hingekommen waren, auf den Orinoco, den knapp 6300 Meter hohen Vulkan Chimborazo oder nach Kuba, überall hatten sie nach Kräften gesammelt und gemessen.

Die Käfersammlung versank zwar zusammen mit einem Franziskanerpater auf der Rückreise im Meer. Allein sechzigtausend Pflanzen schafften es aber nach Europa, davon mehr als sechstausend Arten, die der Wissenschaft neu waren, Bignonien, Bromelien, tropische Orchideen.

Der Deutsche und der Franzose mussten unterwegs viele Abenteuer bestehen und Mühsale auf sich nehmen. Doch die Reise erweiterte nicht nur ihren geographischen und biologischen Horizont. Humboldt ging es bei seiner Expedition zwar um jedes Detail. Vor allem wollte er aber seinen Blick und den seines riesigen Publikums für das große Ganze schärfen.

Die „Einheit“ und den „Geist der Natur“ zu finden sowie „das Studium der physischen Natur nun mit dem der moralischen [zu verbinden] und in das Universum, wie wir es erkennen, eigentlich erst die wahre Harmonie zu bringen“, wie sein Bruder Wilhelm über ihn sagte, war Alexander von Humboldts eigentliches Reiseziel.1

„Weltorganismus“ – was für ein Begriff

Schon drei Jahre nach seiner Rückkehr aus Südamerika beschrieben Humboldt und Bonpland die tropische Pflanzenwelt ausführlich in ihrem Buch „Ideen zu einer Geographie der Pflanzen“.2 Der botanischen Erörterung schickte Humboldt grundsätzliche Überlegungen voraus: Das größte Ziel sei die „Einsicht in den Weltorganismus“, schrieb er in seiner Vorrede. Diese Einsicht erzeuge „einen geistigen Genuss und eine innere Freiheit, die mitten unter den Schlägen des Schicksals von keiner äußeren Macht zerstört werden kann“.

„Weltorganismus“ – was für ein Begriff. Heute, wo Rechtspopulisten den sogenannten „Globalismus" zum Feind erklären, noch mehr als damals. Humboldts Wortschöpfung macht ihn zum Vordenker späterer Konzepte, die etwas extrem Wertvolles zum Ausdruck bringen, ein Gegenmodell zu Nationalismus, Egoismus und menschlicher Selbstzentriertheit: Mit den Mitteln der Wissenschaft formuliert der Forscher eine weltweite Verbundenheit, wie sie später in wichtigen neuen Ideen und Denkformen zum Ausdruck kam: in der Idee der „Biosphäre“, die Eduard Suess im späten 19. Jahrhundert entwickelt hat, im „Weltbürgertum“, das Anfang des 20. Jahrhunderts eine Renaissance erlebte, im „Anthropozän“ seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts.

Von einem „Weltorganismus“ zu sprechen, das heißt, anzuerkennen, dass wir Menschen Teil eines größeren Systems sind, in das unser Leben und auch unser Wirtschaften eingebettet ist. Der Gaia-Esoterik, die später folgte, ist Humboldt unverdächtig, ebenso gefährlicher Biologismen.

Er war Wissenschaftler durch und durch und beseelt vom Freiheitsgedanken seiner Zeit. Er sagt mit dem Wort nicht nur, dass wir mit untrennbar mit der Erde verbunden sind, sondern formuliert die größtmögliche Provokation, die sich frontal gegen neoliberale Dogmatiker von heute richtet: Die menschliche Ökonomie ist eine Unterabteilung der Ökologie der Erde.

Jenseits von Esoterik und Biologismus

An Humboldt kann man erkennen, dass die Formel von der „Einheit mit der Natur“ keine Rückkehr zum Schamanismus bedeuten muss und so weit wie es nur geht entfernt ist von tiefschwarzen Abgründen in Form des Biologie-Missbrauchs, wie ihn die Nazis später betrieben, als sie vom „Volkskörper" sprachen.

Humboldts Denken fordert auch keine verschwommene Auflösung rationalen Denkens in den Pastelltönen der Bio-Wellness; keine Liebe zu einer kratzenden Natur; keine Landhausidylle wie aus dem Edelkatalog; keine Ganzheitlichkeit, die nur zu faul für die Details ist. Auch der naturalistische Fehlschluss, alles moralisch gut zu finden, was etwa auch Tiere tun, ist nicht das Ziel.

Die Perspektive der Mannes, der am 14. September 1769 zur Welt kam, ist für die Welt von heute auch deshalb so wertvoll, weil sie aus der Frühzeit der technischen Moderne und der Industrialisierung stammt. Humboldt erweist sich als hypersensibel in globalem Maßstab, wittert das, was kommt. Die Französische Revolution, die Humboldt euphorisch begrüßt hatte, war gerade erst geschehen, mit all ihren Widersprüchen.

Watts Dampfmaschine begann, die Welt zu verändern. Östlich von Berlin entstand 1802 die erste Zuckerfabrik Europas, in Lyon ging wenig später der Webstuhl von Joseph-Marie Jacquard in Betrieb, der mit Lochstreifen gesteuert wurde und damit nicht nur die industrielle Revolution befeuerte, sondern letztlich die digitale Produktionstechnik begründete.

Eine Briefmarke mit einem Bild von Alexander von Humboldt.
Die Deutsche Post hat aus Anlass des 250. Geburtstags von Alexander von Humboldt eine Briefmarke herausgebracht. Das Motiv entstammt dem Cover von Andrea Wulfs Humboldt-Biografie.
Luftaufnahme des brennenden Amazonas. Man sieht die enorme Rauchentwicklung.
Der Amazonas steht in Flammen – und trocknet durch die Erderhitzung von innen aus. Das Bild der NASA stammt vom 17. September 2011 und zeigt ein Gebiet am Rio Xingu.

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