Verlorenes Paradies: Die Angst der Tiere entfremdet uns Menschen von der Natur

Der Mensch jagt Tiere und rottet sie aus. Friedfertige Begegnungen zwischen Mensch und Wildtier werden immer seltener. Sind Schritte hin zu einer Versöhnung möglich? Ja, meint der Philosoph Jens Soentgen.

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Ein Öl-Gemälde von Jan Brueghel dem Älteren und Peter Paul Rubens. Es zeigt das irdische Paradies mit mit vielen Tieren und den Sündenfall von Adam und Eva,

„Ich halte die Mythe vom Paradiese und der ehemals herrschenden Eintracht unter seiner Tierwelt nicht für unwahr.“

Dies schreibt vor über 100 Jahren der deutsche Fotograf, Grosswildjäger und Pionier des Naturschutzes Carl Georg Schillings. Er beruft sich auf Erzählungen „glaubwürdigster Männer“, die nach Expeditionen in den hohen Norden von „ausnehmend klugen“ Seelöwen, Robben und Rentieren berichteten. Diese seien „nicht einen Zoll“ vor ihnen zurückgewichen und hätten „keine Spur von Angst“ gezeigt.

Nicht nur in den Polargebieten sei dies der Fall gewesen. Dieses angstfreie Verhalten habe „vor der beginnenden Suprematie des homo sapiens für unseren gesamten Planeten gegolten“.

Auf diese historischen Schilderungen beruft sich der Philosoph und Chemiker Jens Soentgen. Für ihn sind sie Beleg dafür, dass wir Menschen ein anderes Verhältnis zu Wildtieren haben können. Eines, das nicht durch die Todesangst der Tiere geprägt ist.

„Ökologie der Angst“

„Wenn der Mensch der Hyper-Feind der Wildtiere bleibt, dann kommt es zu keinen Begegnungen mehr. Die Entfremdung zwischen Mensch und Natur wird weiter zunehmen“, sagt Soentgen in seinem Büro an der Universität Augsburg, wo er das „Wissenschaftszentrum Umwelt“ leitet. Soentgen beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit einer „Ökologie der Angst“. Sein Buch zum Thema ist 2018 erschienen.

Angst ist nichts grundsätzlich Schlechtes, sondern ein biologisches Urphänomen und lebensnotwendig. Wildtiere müssen stets wachsam sein, um überleben zu können. Die Angst, Opfer eines Beutegreifers zu werden, bestimmt ihren Alltag. Sie meiden Orte, an denen sie Gefahr laufen, attackiert und gefressen zu werden. Oder sie legen ihre Aktivitäten in Tageszeiten, in denen ihre Feinde schlafen oder ruhen. Viele Vogelarten ziehen während der Nacht, um nicht in die Fänge von Greifvögeln zu geraten.

Der Mensch: der zentrale Feind der meisten Organismen

Angst gehört zur Natur. Das Problem, so Soentgen, sei aber, dass die Angst der bestimmende Faktor im Verhalten der Wildtiere gegenüber dem Menschen geworden ist: „Der Mensch ist das herrschende Tier auf diesem Planeten und der zentrale Feind der meisten Organismen.“

Zeugnis davon legen nicht nur die Jagdstatistiken ab, sondern eine Vielzahl noch gravierender Eingriffe in die Natur: die Zerstörung von Lebensräumen durch Abholzung oder Entwässerung, die Überfischung und Verschmutzung der Meere, der Klimawandel und seine Folgen. Heutzutage sterben durch menschliches Einwirken hundert- bis tausendmal mehr Arten aus, als dies natürlicherweise der Fall wäre.

Die meisten wildlebenden Wirbeltiere haben nicht nur gelegentlich Angst vor dem Menschen. Die Angst sei vielmehr zu einem chronischen Zustand geworden, sagt Soentgen. Er zitiert den 1992 verstorbenen Schweizer Zoologen Heini Hediger, der die Angst als die bestimmende Emotion von Wildtieren bezeichnete. Hediger war der Auffassung, dass die Flucht bei Wildtieren „diejenige Lebensäusserung“ sei, „welche der Mensch am allerehesten zu beobachten Gelegenheit findet“. Und er schrieb: „Man darf daher sagen, dass der Mensch mit seiner weltweiten Verbreitung und seinen fernwirkenden Waffen sozusagen als Universalfeind im Brennpunkt der tierlichen Fluchtreaktion steht.“

Herbstlicher Wald bei Zürich.
Ein schöner Wald, aber wo sind die Wildtiere?
Ein Plakat von Wolfsgegner in einem Dorf. Auf dem Plakat steht: „In dieser Region wütet der Wolf. Fühlst du dich sicher? Wir nicht!!“
Wolfsgegner schüren mit Plakaten die Angst vor dem Wolf, hier in Churwalden (Schweiz).
Futtersilo für Vögel mit Stieglitz, Erlenzeisig und Birkenzeisig.
An Fütterungsstellen kommt es zu wertvollen Begegnungen mit Wildvögeln (hier Stieglitz, Erlenzeisig und Birkenzeisig).

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