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Zwischen Rekorden und Zukunftsangst

von
13.09.2019
8 Minuten
Kisten mit Datteln

Wenn Sie in einem deutschen Supermarkt Datteln kaufen, dann stammen diese wahrscheinlich aus Tunesien. Die Deglet Ennour, Finger des Lichts genannte Variante ist bekannt für ihr süßes, hellgelbes Fruchtfleisch, das im Licht fast durchsichtig schimmert. Das macht sie zum Exportschlager. Die Datteln sind neben Olivenöl der wichtigste Pfeiler der tunesischen Landwirtschaftsexporte.

Eigentlich sind Dattelpalmen perfekt an das Klima im Süden Tunesien angepasst. Sie überstehen Nachtfrost im Winter, die monatelangen Hitzeperioden im Sommer und den teilweise starken Wind, ohne Schaden zu nehmen. Ihre Wurzeln, die tief in den sandigen Wüstenboden reichen, erlauben den hohen, schlanken Bäumen, ausreichend Wasser zu bekommen und verankern sie gleichzeitig fest. Doch die Folgen des Klimawandels bedrohen die Datteln und das fein aufeinander abgestimmte Mikroklima der Oasen gleich mit.

„Immer mehr Landwirte kommen zu uns und sagen ‘Unsere Datteln sind schwarz‘. Und die Käufer aus Tunis sagen: ‚Das ist gar keine Deglet Ennour, das ist schlechte Qualität‘“, berichtet Nabila Kadri, Agronomin am staatlichen Dattelzentrum in Kebili, einer der wichtigsten Regionen der Dattelproduktion im Süden des Landes. Die Qualität von früher sei heute kaum noch zu erreichen, erkläre sie den besorgten Landwirten und Käufern immer wieder. Denn mit den immer länger dauernden Hitzeperioden und starken Schirokko-Winden, die Hitze aus dem Süden bringen, reifen die Datteln zu schnell und zu früh. Das geht zu Lasten der Qualität. Kadris Aufgabe ist es, die Landwirte für diese Probleme zu sensibilisieren und Strategien aufzuzeigen, wie sie damit umgehen können.

In Douz, einer Kleinstadt rund 30 Kilometer von Kebili entfernt, verkaufen die Dattelbauern im Herbst ihre Ware auf einem saisonalen Markt an die großen Zwischenhändler. Es sind meist Kleinbauern, die nur wenige Datteln haben. Es gebe immer bessere und schlechtere Jahre, berichtet Ali, der einige Dutzend Kisten mitgebracht hat. Aber in letzter Zeit hätten die schlechten Jahre zugenommen. Die Datteln seien das Rückgrat der Region, sagt er. „Alle leben von den Datteln. Wenn die Ernte gut war, dann siehst du das an den strahlenden Gesichtern.“ Wenn größere Reparaturen im Haus, wichtige Anschaffungen oder eine Hochzeit anstehen, dann warten viele die Dattelernte ab. „Wenn die Ernte schlecht war, dann wird weder gebaut noch geheiratet.“ Während das Kilo Deglet Ennour in Deutschland nicht unter zehn Euro erhältlich ist, erhofft sich Ali, dass ihm ein Großhändler sechzig bis siebzig Cent bietet.

Zwei Millionen Arbeitstage im Jahr, 50 000 bis 60 000 Familien, die davon leben, 20% der Exporteinkünfte der Landwirtschaft allein durch den Dattelanbau…“ rechnet Nabila Kadri vor. Jedes Jahr vermeldet Tunesien einen neuen Exportrekord. 2018 brachten die süßen Früchte dem Land 770 Millionen Dinar (rund 244 Mio Euro), ein Plus von mehr als einem Drittel im Vergleich zum Vorjahr. Und dabei liege Tunesien rein auf die Produktion bezogen weltweit nur an zehnter Stelle, erklärt die junge Agrarwissenschaftlerin. Allerdings sei die Wertschöpfung durch die hohe Qualität der Datteln weitaus höher als in anderen Ländern der arabischen Welt.

Doch der Klimawandel führt zu drei Problemen, die dem Dattelanbau zu schaffen machen: Neben dem Temperaturanstieg haben der sinkende Grundwasserspiegel und die zunehmende Versalzung der Böden durch den Anstieg des Meeresspiegels einen negativen Einfluss auf die Produktion.

Chemiefabrik
Die Chemiewerke in Gabes verschärfen den Einfluss des Klimawandels
Oase in Gafsa
In traditionellen Oasen werden neben Datteln auch Gemüse und Obst angebaut.
Korb mit Pfirsichen
Frisch geerntet: auch Pfirsiche werden in Oasen angebaut
Maultier weidet in Oase
Tiere werden manchmal als „vierte Etage“ einer Oase bezeichnet
Pistazienbaum
Auch Pistazienbäume werden in einigen Oasen in Tunesien kultiviert
Feigenbaum
Feigenbaum in einer Oase im Süden Tunesiens

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Sarah Mersch

Sarah Mersch

Sarah Mersch berichtet als freie Korrespondentin aus Tunesien. Sie ist Mitglied von Weltreporter.net.


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