Ökologie, Politik und Kunst: Häkeln für die Weltmeere

Das „Crochet Coral Reef“ von Margaret und Christine Wertheim ist inspiriert von der Bewegung des „craftism“, einer künstlerischen Protestform, deren Anfänge bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen.

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Collage aus violett-blauen und pinkfarbigen gehäckelten Korallen.

Im Museum Frieder Burda in Baden-Baden entsteht ein riesiges kollektiv gehäkeltes Riff, ein Ableger des „Crochet Coral Reef“ von Margaret und Christine Wertheim. Mit ihrer Kampagne macht das Duo auf die infolge der Erderwärmung sterbenden Korallenriffe aufmerksam. Handarbeit als friedlicher Protest ist jedoch keine Erfindung der zeitgenössischen Kunst. Wie die vor kurzem erschienene Kulturgeschichte des Strickens von Katarina Schiná zeigt, liegen deren Anfänge in politischen Protestformen früher Unabhängigkeits- und Demokratiebewegungen.

Häkeln für die Weltmeere, mit diesem Aufruf wirbt das Museum Frieder Burda seit Juni für die Mitarbeit an dem „Baden-Baden Satellite Reef“ von Margaret und Christine Wertheim. Inzwischen sind 16 900 gehäkelte Korallen von 1800 Einsenderinnen eingegangen, die nun von der Künstlerin Christine Wertheim gesichtet und von vielen Helfer*innen bis zur Ausstellungseröffnung am 29. Januar 2022 zu einem Riff zusammengefügt werden. Inspiriert ist diese Ausgabe des Wertheim-Riffs von einem der Pinnacle Reefs, turmartige Gebilde, die 2020 vor der Küste von Queensland, Australien, unweit des Barrier Reef entdeckt wurden.

Das in vielen Farben schillernde Pinnacle Reef zeigt, wie ein intaktes Riff aussehen kann. Für die Einsender*innen der Häkelkorallen dürfte der Anblick eine zusätzliche Motivation sein. Die von den Wertheim-Geschwistern seit 2007 organisierten Kampagnen sind eine Form des friedlichen Aktivismus, der sich für den Schutz der Weltmeere und gegen die fortschreitende Erderwärmung einsetzt. Der aktuelle Sponsor ist EnWB Energie Baden-Württemberg; das Unternehmen überweist für jede eingesandte Häkelkoralle einen Geldbetrag an die Meeresschutzorganisation Sea Shepherd Deutschland. Das Jung und Alt ansprechende, in sich nachhaltige Kunst-Projekt entfaltet womöglich mehr Wirkung in der Breite als Bruno Latours Ausstellung Critical Zones, die mit hohem Energieaufwand und auf hohem Niveau ein gigantisches Panorama von Grenzgängen zwischen Kunst und Naturwissenschaft ausgebreitet hat.

Gehäkelte hyperbolische Formen

Wenn man genauer hinschaut, ist das Prinzip des handgemachten „Crochet Coral Reef“ aber gar nicht so simpel. Margaret Wertheim ist Mathematikerin, Physikerin und erfolgreiche Wissenschaftsautorin. In ihren Büchern bringt sie Wissenssysteme zusammen, die üblicherweise getrennt voneinander gedacht werden. Für sie müssen Ökologie, Mathematik und Gesellschaft nicht im Widerspruch zueinanderstehen. Als Mathematikerin wusste sie, dass hyperbolische Räume – anders als der euklidische – nicht mit Computerprogrammen zu simulieren sind, sondern nur durch eine spezielle Häkeltechnik, wie Margaret Wertheim in einem Vortrag darlegte. Diese ginge auf Forschungen aus den 1990er Jahren der Mathematikprofessorin Daina Taimina von der Cornell University zurück.

Eine ältere Frau mit hochgesteckten, roten Haaren steht vor einem Berg gehäkelter Korallen.
Die Künstlerin Christine Wertheim lehrt am California Institute of the Arts. Mit ihrer Zwillingsschwester, der Wissenschaftsautorin Margaret Wertheim entwickelte sie das Konzept für das partizipative Kunstwerk „Crochet Coral Reef“.

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