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Digitale Revolution auf dem Kunstmarkt: Was steckt hinter Cryptoart?

Über die Vor- und Nachteile der Blockchain-Technologie für die Kunst und für das Klima

16.07.2021
4 Minuten
Stark gepixeltes Bild eines Mädchenkopfes mit schwarzem Haar.

CryptoArt war lange nur etwas für Nerds, im letzten Frühjahr stiegen die großen Auktionshäuser Sotheby’s und Christies in das Geschäft ein und die Preise gingen durch die Decke. Das Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe (ZKM) sammelt als erstes deutsches Museum seit 2018 diese Kunst, die nur in Bitcoin-Währung zu erwerben ist. Der Softwareentwickler Daniel Heiss und die ZKM Sammlungsleiterin Margit Rosen erklären, was CryptoArt ist, wer davon profitiert und was der Haken an der Sache ist.

Der neue Hype des Kunstmarkts heißt CryptoArt. Seit Ende letzten Jahres boomt eine Branche, die durch Bitcoin zu Geld gekommene Sammler aus der Technologie-Branche anzieht. 2,5 Milliarden Dollar sollen laut Presseagentur AFP in den ersten fünf Monaten des Jahres 2021 mit NFTs, Non-Fungible Token, umgesetzt worden sein. Das sind durch Verschlüsselungstechnik beglaubigte digitale Unikate. Das weltweit erste, 2014 von dem New Yorker Künstler Kevin McCoy auf der Etherium Blockchain hinterlegte NFT wurde vor kurzem bei Sotheby’s für umgerechnet 1,2 Millionen Euro versteigert. In derselben Auktion toppte der „CryptoPunk 7523“ von John Watkinson und Matt Hall das Ergebnis. Für das Pixelbild wurden 11,7 Millionen Euro in Bitcoin bezahlt.

CryptoPunks sind derzeit auch auf dem LED-Screen des Zentrums für Kunst und Medien in Karlsruhe zu sehen. Sie sind Teil der kleinen, aber deutschlandweit einzigartigen CryptoArt-Sammlung des ZKM. Mit dem Ausstellungstitel „It’s not about money“ grenzt sich das staatliche Forschungsinstitut bewusst von dem Kunstmarkt-Hype ab. „Vor drei Jahren kosteten die CryptoPunks noch um die 90 Euro“, sagt Daniel Heiss.

Für die Erfinder sei es nur ein Projekt gewesen, wie mit einfachsten Mitteln vielfache Variationen eines Bildes hergestellt werden könnten. „Wobei das von vielen auch als Kunst empfunden wird – die Kunst mit 24 mal 24 Pixeln maximal viele Variationen zu erzeugen.“ Der Softwareentwickler stellte zusammen mit der ZKM-Sammlungsleiterin Margit Rosen die LED-Schau für den Außenraum zusammen. Zu sehen sind auch im Design anspruchsvollere NFTs wie Hideki Tsukamotos „Singularity“ oder Dmitri Cherniaks „Ringers“.

Eine LED-Wand, die einen schwarzen Kreis mit einer Corona zeigt, wie sie bei der Sonnenfinsternis vorkommt.
Die ZKM-Ausstellung an Fassade ZKM Karlsruhe.zeigte Hideki Tsukamotos „Singularity“ 761.

Daniel Heiss beschäftigt sich seit langem mit der neuen Technologie, die der digitalen Kunst den Status von Originalen verschafft und durch Smart Contracts Künstlern eine Verdienstmöglichkeit bietet. Das dezentral organisierte System der Blockchain ist für ihn eine „revolutionäre Technologie“, die viele Vorteile habe, aber natürlich auch missbraucht werden könne.

„Angefangen hat das sehr idealistisch“, sagt der am KIT Karlsruhe ausgebildete Softwareentwickler. Bitcoin sei sowohl in linken als auch in rechten Kreisen ein Thema, weil es Anonym-Zahlungen ermöglicht. Man müsse sich fragen, ob es prinzipiell eine solche anonyme Kommunikation geben soll, antwortet er auf den Einwand, dass die Technologie derzeit massiv für kriminelle Hacker-Angriffe missbraucht wird. Blockchain stehe Dissidenten genauso zu Verfügung wie Terroristen. Wikileaks habe auf diese Weise über Bitcoin Spenden einsammeln können.

Margit Rosen verweist auf das UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR, das Bitcoin nutzt, um in Flüchtlingslagern Nahrungsmittelzuteilungen zu organisieren, und dadurch Millionen Euro Bankgebühren einspart. Es gebe auch andere humanitäre Projekte, bei denen es darum ginge, staatenlosen Flüchtlingen eine Blockchain-Identität zu geben, in der akademische Abschlüsse oder Ausbildungsnachweise hinterlegt seien. Doch räumt sie auch ein, dass viel zu viel Kriminelle die Technologie missbrauchen.

NFTs als Teil der Kultur

Der Einstieg in Bitcoin ist für eine staatliche Einrichtung normalerweise mit verwaltungstechnischen Hürden verbunden. Das ZKM experimentierte 2017 erstmals im Rahmen der Ausstellung „Open Codes“ mit dem Verfahren. Daniel Heiss hatte eine Bitcoin-Mining-Farm aufgebaut und zusammen mit Besuchern in Workshops Bitcoins geschürft. Mit dem Guthaben erwarb das ZKM seine ersten NFTs – damals noch für wenig Geld.

„Mit dem Kunstmarkt haben wir vom ZKM nicht so viel zu tun“, sagt Margit Rosen mit Blick auf den Hype. Die Kunstwissenschaftlerin interessiert sich vielmehr für die soziologischen Phänomene der Crypto-Welt. Wenn ein neues technisches Werkzeug in die Welt komme, verändere das nicht nur die sozialen Beziehungen und die Ökonomie. Wenn der erste abgesetzte Tweet, eine Ikone der Internet-Kultur, als NFT hoch gehandelt werde, behaupte eine neue gesellschaftliche Gruppe ihren Anspruch auf kulturelle Wertschätzung. Das ist erstmal neu.

Eine LED-Wand zeigt ein Pixelbild, das einen Jungen mit weißem Haar zeigt, der eine Pfeife im Mund hat.
Public-Space-Ausstellung „Crypto Art. It's Not About the Money“ des ZKM Karlsruhe mit einem „CryptoPunk“ von John Watkinson und Matt Hall

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Aber auch kunsthistorisch sei CryptoArt von Bedeutung, findet Margit Rosen. Die Softwareentwickler John Watkinson und Matt Hall etwa beziehen sich mit ihrer „on-chain“ Edition „Autographs“ auf frühe Computerkunst, generative Kunst der 1960er und 70er Jahre. Neu gegenüber den üblichen NFTs ist, dass deren Algorithmus, der verschiedene Gestaltungen innerhalb eines festgelegten Zeichenpools erzeugt, direkt auf der Blockchain hinterlegt ist. In der ZKM-Dauerausstellung „Writing the History of Future“ hängen einige „Autographs“ ausgedruckt neben Werken von Pionieren generativer Kunst wie Georg Nees und Frieder Nake.

99 Prozent der sogenannten CryptoArt sei aber nicht mehr als ein PDF oder eine Datei, deren Echtheit lediglich über Blockchain belegt werde, sagt Daniel Heiss. Das trifft auch für die in einer Auktion für die Rekordsumme von 57,8 Millionen Euro verkaufte JEPG-Datei „Everydays: The First 5000 Days“ von Beeple zu, eines Webdesigners aus Charleston, South Carolina. Dabei handelt es sich ganz banal um eine Collage seiner täglich auf Tumblr geposteten digitalen Grafiken.

Gut für’s Klima ist Blockchain nicht

Die Blockchain-Technologie hat jedoch einen gravierenden Nachteil. Sie ist ein gigantischer Energiefresser. Laut ZKM-Website wird der jährliche Verbrauch von Bitcoin mit 30 bis 75 Terawattstunden angegeben, was vergleichbar sei mit dem Stromverbrauch der künstlichen Beleuchtung in Deutschland. Das liegt an dem Beglaubigungsprogramm „Proof of Work“ der Blockchain, das über Tausende von Rechnern läuft. Das ZKM kauft derzeit keine NFTs und schaut nach Plattformen, die an Alternativen arbeiten. Die Etherium Blockchain will bis zum kommenden Jahr ihren Betrieb auf Verfahren wie „Proof of Stake“ oder „Proof of Authority“ umstellen, wodurch der Energieverbrauch um 99 Prozent reduziert werden kann. Das sei aber gar nicht so einfach, so Daniel Heiss. Keiner wisse, wie dezentrale Systeme wie die Blockchain auf solche Änderungen reagieren würden.

Für den Experten ist das neue Format sowieso nur ein Instrument, mit dem Digital-Künstler sich unabhängig von Galerien und dem Kunstmarkt machen können. Das ZKM etwa arbeitet mit der left gallery von Harm van den Dorpel oder der unabhängigen Plattform hic et nunc zusammen. Daniel Heiss stellt sogar den Begriff CryptoArt in Frage. „Es geht ja in erster Linie um digitale Kunst und die gab es schon vorher.“

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Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museums- und Kulturszene, über neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

Nach Katrin Ströbel und Clemens von Wedemeyer hat Bettina Munk das aktuelle Titelbild für DebatteMuseum zur Verfügung gestellt. Es zeigt die Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1 in der Ausstellung Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016. 

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