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ruangrupa in Kassel: Ein Wake-up Call für die westliche Kunstwelt

Was es für die indonesische Kunstszene bedeutet, dass ein Kollektiv aus Jakarta die documenta fifteen leitet – und warum sich der Westen so schwer damit tut.

09.10.2021
5 Minuten
Knalliges Wandbild mit zwei großen Köpfen an einer Betonwand unter einer Autobahnunterführung in Jakarta 2001

„Überraschend“, „riskant“ oder gar „ein wahr gewordener Witz“: So kommentierten deutsche Medien im März 2019 die Nachricht, dass die Künstlerische Leitung der nächsten documenta an das indonesische Kollektiv ruangrupa vergeben worden war. Wie könne ein Kollektiv, das „keiner kennt und das die documenta und deren Geschichte kaum kennt“ (FAZ) die größte Kunstschau der Welt kuratieren, so die Frage der Feuilletonistïnnen? Überraschend an diesen Reaktionen war vor allem die postkoloniale Arroganz, die aus ihnen spricht: „Wir haben seit Jahrzehnten ziemlich viel über die Kunstwelt im Westen gelernt. Wer aber so fragt, weiß andersrum vermutlich nichts über unsere auch nicht gerade kleine Welt“, bemerkt ruangrupa-Direktor Ade Darmawan. Er hat Ende der 90er-Jahre an der Rijksakademie in Amsterdam studiert und seitdem zusammen mit Künstlerïnnen aus Afrika, Asien und Lateinamerika das Rain Artists’ Initiatives Network aufgebaut.

In einem großen Teil der internationalen Kunstwelt, vor allem in der südlichen Hemisphäre, war ruangrupa (übersetzt etwa: Gestaltender Raum) auch schon vor der documenta-Bewerbung keineswegs unbekannt. Seit 20 Jahren haben sich die Künstlerïnnen aus Jakarta auf internationalen Biennalen einen Namen als progressive Trendsetterïnnen gemacht – von Gwangju bis Istanbul, von Brisbane bis Sao Paulo, von Singapur bis Sharjah. Die aktuell neun Mitglieder – von denen einige aus der Architektur, Musik oder Literatur kommen – sind überzeugt, dass die zeitgenössische Kunst disziplinübergreifend arbeiten muss, um eine Zukunft zu haben. In ihren Projekten versuchen sie daher den Austausch mit Bildung, Politik und Wirtschaft. Die zuvor vernachlässigte Jakarta Biennale etwa formte das Kollektiv zu einem internationalen Großevent, der urbanes Lebensgefühl mit einem Underground-Charakter verbindet, den man eher in Berlin, London oder Tokio erwarten würde, und der sich auch vor kritischen Themen nicht scheut. In Indonesien war der Jubel über die documenta-Entscheidung dementsprechend groß: Zum ersten Mal kuratieren Asiatïnnen die größte Kunstschau der Welt, noch dazu ein Kollektiv. Das weckte bei nicht wenigen Künstlerïnnen Hoffnung auf mehr Gemeinsamkeiten, besseres Verständnis und Anerkennung.

Durch die documenta steht die indonesische Kunst plötzlich im internationalen Fokus

Im indonesischen Yogyakarta, einem der wichtigsten Zentren für zeitgenössische Kunst in Südostasien, arbeitet ein großer Teil der Kunstschaffenden in Kollektiven – schlicht, weil dies für viele die einzige Möglichkeit ist, als Künstlerïn überleben zu können. Da es in Indonesien kaum staatliche Förderung für zeitgenössische Kunst gibt, sind Individualkünstlerïnnen ansonsten komplett abhängig von Privatsammlern, die nicht selten Stil und Inhalte diktieren wollen. Und es geht nicht nur um Finanzen, sondern auch darum, sich gemeinsam gegen gesellschaftliche Anfeindungen zu stemmen, etwa bei Themen wie LGBT oder Kritik an Regierenden. Umso mehr wurde die unerwartete documenta-Entscheidung für ruangrupa feuchtfröhlich gefeiert und ausgiebig in den sozialen Medien gepostet.

Neben Solidarität mit den ehemaligen Kommilitonïnnen und Mitstreiterïnnen mag bei nicht wenigen die Hoffnung mitgeschwungen haben, dass eine von ruangrupa kuratierte documenta fifteen auch die eigene Kunstszene im Westen sichtbarer machen würde. „Auf einmal bekommt die indonesische Kunst viel mehr Aufmerksamkeit aus dem Ausland – und trotz Covid gibt es viele neue Projekte. Sogar die Regierung hat nun ein Interesse daran, die Biennalen in Jakarta und Yogyakarta trotz Pandemie stattfinden zu lassen“, berichten Mella Jaarsma und Nindityo Adipurnomo von der einflussreichen Kunstgalerie Cemeti in Yogyakarta. „Es kommen viele Kuratorïnnen aus anderen Ländern und interessieren sich plötzlich für uns. Das beeinflusst natürlich die Kunstszene hier.“ Auf Foren und Veranstaltungen wird mittlerweile intensiv diskutiert, inwieweit die Historie der documenta zur indonesischen Geschichte passe und ob die Findungskommission mit der Wahl der Kollegen aus Jakarta eine eigene interne Agenda verfolge. „Wir mögen ein Risiko für die Documenta darstellen. Aber die Documenta ist auch ein Risiko für uns“, sagt Ade Darmawan von ruangrupa.

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ruangrupa stellt bei einer Veranstaltung des Goethe-Instituts im November 2019 das Konzept für die documente fifteen vor.

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Die Gründerïnnen des Kollektivs gehören zu jener Generation engagierter indonesischer Künstler, die als Studentïnnen den Zusammenbruch der Suharto-Diktatur 1998 miterlebt und danach das ideelle Vakuum im Land gefüllt haben. Es ging darum, neue Maßstäbe für Kultur und Gesellschaft zu setzen – und ein Zeichen gegen Autokratie, Militarismus und Zensur. Daher stammt auch die in Indonesien weit verbreitete Überzeugung, dass Kunst den sozialen und politischen Kontext ihrer Entstehung widerspiegeln sollte. Den westlichen „l’art-pour-l‘art“-Ansatz hatte das Suharto-Regime zuletzt propagiert, um jegliche künstlerische Form der politischen Meinungsäußerung zu unterdrücken. Zuvor hatten schon die niederländischen Kolonialherren unpolitische Kunst wie Landschaftsmalerei – natürlich im europäischen Stil – favorisiert, um nicht zu viel Ausdrucksfreiheit unter den Einheimischen aufkeimen zu lassen.

ruangrupa ist überzeugt, dass die zeitgenössische Kunst angesichts der globalen gesellschaftlichen und ökonomischen Umwälzungen unserer Zeit nur dann als eigenständige Disziplin überleben kann, wenn sie sich eben nicht solchen politischen oder wirtschaftlichen Zwängen unterwirft – indem sie sich selbst positioniert. Nachhaltigkeit, Ökologie und Aktivismus nennt ruangrupa-Gründer Ade Darmawan als die drei unverzichtbaren Standbeine für eine Kunst der Zukunft. Mit seinem Lumbung-Konzept für die documenta fifteen versucht ruangrupa das Prinzip einer ländlichen Kooperative (Lumbung = gemeinschaftlich genutzte Reisscheune) auf den Kunstsektor anzuwenden. Es geht um eine nachhaltige, soziale Arbeitsweise, bei der sich die Beteiligten gegenseitig helfen und fördern. Zugleich hat jeder der Gemeinschaft gegenüber klar definierte soziale Verpflichtungen. „Das Lumbung-Konzept ist in Indonesien nichts Neues“, sagt die niederländische Künstlerin Mella Jaarsma, die seit 1984 in Indonesien lebt. „Ich mache mir nur Sorgen, dass die Idee als Exotismus abgetan wird. Die westliche Kunstwelt braucht einen Wake-up Call.“

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Christina Schott

Christina Schott

Christina Schott berichtet seit 2002 aus und über Südostasien – mit Fokus auf Gesellschaft, Kultur und Umwelt.

Sie ist Mitglied von Weltreporter.net.


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