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Documenta: Was Künstler am Konzept von ruangrupa irritiert

Marcel van Eeden: „Die sind jetzt die neuen Gatekeepers geworden.“

28.10.2021
6 Minuten
Ein Mann in schwarzem Pullover steht vor einem schwarzweißen Bild. Er trägt eine Brille und hat einen glatt rasierten Kopf.

Das Künstlerkollektiv ruangrupa hat mit ihrem sozial ausgerichteten documenta-Konzept bei vielen Künstler*innen Euphorie ausgelöst, andere wie Marcel van Eeden sind skeptisch. Über Irritationen im Vorfeld der documenta fifteen und die Frage, was die radikale Abkehr von den bisherigen Organisationsformen leisten kann.

Entspannt, farbenfroh und lebendig geht es in den Video-Veranstaltungen im Vorfeld derdocumenta fifteen zu. Seit September hat das indonesische Künstler-Kollektiv ruangrupa seine Öffentlichkeitsarbeit intensiviert. Ständig werden neue Features hochgeladen. Ende September begann der Ticket-Vorverkauf, bei dem jede Besucher*in Teil des umfassenden Konzepts werden kann. Ein Euro pro Karte geht an nachhaltige ökologische Projekte in Deutschland oder Indonesien. Damit ist der Grundton gesetzt für ein „Festival“, das sowohl als gesellschaftliches Experiment funktionieren soll als auch als massentaugliche Großveranstaltung.

Die seit 1955 zunächst alle vier, und dann alle fünf Jahre in Kassel stattfindende documenta ist weltweit die wichtigste Großausstellung für zeitgenössischer Kunst. Sie hat viele Häutungen erlebt, Paradigmenwechsel und kontrovers diskutierte Beiträge. 1972 etwa eröffnete Joseph Beuys auf der documenta 5 ein „Büro für direkte Demokratie“ in Kassel und diskutierte täglich mit Besucher*innen über Kunst und Politik, zehn Jahre später ließ er 7000 Basaltstelen vor dem Fridericianum aufhäufen. Genauso viele Eichen sollten mithilfe von Spendern im Stadtraum von Kassel gepflanzt werden – neben jeden Baum kam eine Basaltstein.

Die Bekanntgabe der neuen documenta-Leitung und der beteiligten Künstler*innen wie auch des documenta-Konzepts werden von der Kunstwelt mit Spannung erwartet. Mit dem indonesischen Künstler-Kollektiv ruangrupa wurde erstmals ein Kollektiv mit der Gestaltung des 100-Tage-Events betraut. Und erstmals leiten Akteure das kulturelle Großereignis, die nicht aus dem europäisch-westlichen Kulturbetrieb stammen.

Trennung von Werk und Autor

Marcel van Eeden, seit Oktober 2021 Rektor der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, sieht der documenta fifteen mit gemischten Gefühlen entgegen. Einerseits ist jede documenta ein Pool neuer Ideen. Andererseits ist offenkundig, dass das ruangrupa-Konzept, das auf kollektiven Entscheidungsprozessen und Werten wie wie Großzügigkeit, Transparenz und Genügsamkeit beruht, die hiesige Kunstwelt irritiert. Warum? Weil es gesellschaftliches Engagement zum obersten Kriterium der Künstlerauswahl gemacht hat. Die Qualität der künstlerischen Arbeit ist nun zweitrangig.

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Im Zentrum der d15 steht das Konzept Lumbung, das ruangrupa seit über zwanzig Jahren in Jakarta praktiziert und über Biennale-Teilnahmen in viele Länder exportiert hat. Der Begriff „lumbung“ bezieht sich laut ruangrupa auf die traditionelle indonesische Reisscheune, wo die Ernte eines Dorfes aufbewahrt und geteilt wurde. „lumbung“ steht „für Grundsätze von Kollektivität, Ressourcenaufbau und gerechte Verteilung“. Gegen solche Wertvorstellungen kann niemand etwas sagen, doch kollidieren sie mit dem Prinzip einer freien, weder Moral noch Weltanschauung unterworfenen Kunst. Vielleicht können Künstler in Zeiten des Umbruchs gesellschaftlich etwas bewirken, ihre ureigenste Aufgabe ist es aber nicht.

Die Grundstruktur der documenta fifteen beruht auf dem Kollektiv als organisatorische Einheit. Dementsprechend sind vor allem Künstlerkollektive eingeladen. Das Prinzip stellt damit nicht organisierte Künstler*innen in die zweite Reihe. Das ist nicht nur ungewohnt und stößt viele vor den Kopf, es etabliert ein neues Wertesystem, das an die Wurzeln tiefer Überzeugungen geht und die Kunstwelt spaltet. Die Trennung von Werk und Autor gehört zu den zentralen Grundsätzen der zeitgenössischen Kunst. Die Zeitschrift Monopol hat diese Kontroverse vor kurzem zum Thema gemacht.

„Das heißt jetzt nicht, dass ich nicht weiß, dass es viele andere Kunstauffassungen gibt.“ Marcel van Eeden

„Ich gehöre zu einer Schule von Künstlern, die das Individuelle ins Zentrum stellt“, sagt Marcel van Eeden. Für den konzeptuell arbeitenden Zeichner ist es das Schönste, „wenn der Künstler ganz er selbst ist“. Jeder Mensch sei total eigen, und wenn man versuche, das zutiefst Eigene in ein Werk umzusetzen, entstünde eine unverwechselbare Kunst. Aber das sei gerade nicht angesagt, konstatiert der Professor.

Im selben Atemzug versichert er: „Das heißt jetzt nicht, dass ich nicht weiß, dass es viele andere Kunstauffassungen gibt.“ Natürlich werde er mit seiner Klasse nach Kassel fahren. „Ich würde meinen Studierenden nie meine Kunstauffassung aufdrängen, die müssen die ganze Palette kennenlernen, “ betont van Eeden.

Fiktive Geschichten aus Archivmaterial

Was ist das Besondere an einer singulären Haltung zur Kunst? Marcel van Eeden verfolgt eine künstlerische Recherche, die sich mit der Idee der „Nicht-Existenz“ auseinandersetzt. In seinen gezeichneten Bildfolgen verschränkt er weit auseinander liegende Raum- und Zeitdimensionen, seine fiktiven Helden beziehen sich auf reale Orte und Begebenheiten. Die mit der Hand ausgeführten Zeichnungen des 1965 in Den Haag geborenen Künstlers basieren auf Archivmaterial, aus dem er „etwas Neues für die Gegenwart baut“.

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Das mit grauem Leinen bezogene Cover mit dem Titel „The Karlsruhe Sketchbook“ erinnert an ein querformatiges Skizzenbuch, wie sie Künstler und Künsterinnen es bis Mitte des 20. Jahrhunderts verwendet haben.
Marcel van Eeden zeichnet Geschichten, die stilistisch an Graphic Novels angelehnt sind. Doch geht es nicht um eine Story, sondern um ein Labyrinth von Anspielungen, Assoziationen und Ideen über Kunst.
Die Zeichnung zeigt einen korpulenten, weißhaarigen Mann und das Gesicht eines jüngeren Mannes mit Brille.
Eine fiktive Begegnung: Thomas Keller besucht auf der Suche an einem wertvollen Skizzenbuch Hans Thoma, den Direktor der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. (Zeichnung: Marcel van Eeden)
Kreidezeichnung von zwei mythischen Vögeln, die an Pelikane erinnern in einer unbestimmten Landschaft.
Marcel van Eeden zeichnet nach Archivmaterial. Er denkt sich nichts aus, sondern folgt einem Konzept: schwarze Kreide oder Farbe auf weißem Grund, eine festgelegte Papiergröße, ein Themenfeld.
Ein Mann sitzt am Schreibtisch und zeichnet.
Marcel van Eeden in seinem Atelier.

Oftmals nimmt er Aufträge zum Anlass, um neue Geschichten zu zeichnen, etwa für die Hans-Baldung-Grien-Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. Hans Baldung war ein Mitarbeiter Albrecht Dürers, der sich 1510 im Elsass selbstständig machte und einen eigenen Malstil voller Ironie und geistreicher Anspielungen entwickelte. In Anlehnung an das im Karlsruher Kupferstichkabinett aufbewahrte Skizzenbuch des deutschen Renaissance-Künstlers erfand Marcel van Eeden eine eigene Geschichte, in der Fakten und Fiktion miteinander verschmelzen,

„The Karlsruhe Sketchbook“ erzählt von einem nicht näher beschriebenen Thomas Keller, der 1916 von Bukarest nach Karlsruhe reist, um das berühmte Baldung-Skizzenbuch aus dem 15. Jahrhundert einzusehen. Direktor der Kunsthalle war damals der Maler Hans Thoma. Der Name des Fremden – Thomas Keller – spielt also offenbar auf den Keller des Museums an, wo der Besucher das Baldung-Skizzenbuch durchsieht. Hans Thoma hatte während des Ersten Weltkriegs tatsächlich im Keller des Museums Schutz vor Bombardierungen gesucht. Es stellt sich heraus, dass der rätselhafte Thomas Keller einem Geheimnis auf der Spur ist. Er sucht Hans Baldungs Skizze der Weißwurz-Staude und das Rezept für ein Gift, mit dem Albrecht von Brandenburg, ein Gegenspieler Martin Luthers, getötet werden sollte. „Kunst ist immer politisch“, sagt Marcel van Eeden.

ruangrupa neue Gatekeeper?

Was dem Akademieprofessor am Konzept der documenta fifteen gefällt, ist ruangrupas Absage an den globalen Kunstmarkt, für den Kunst zu einem reinen Spekulationsobjekt geworden ist. Erst vor kurzem wurde das sich ironisch mit dem Kunstbetrieb auseinandersetzende Banksy-Werk „Love is in the bin“ für umgerechnet 19 Millionen Euro versteigert. Solche Preise finden auch Leute wie Gerhard Richter absurd, der selbst seit Jahrzehnten als einer der teuersten lebenden Künstler gilt.

Es wäre auch möglich, dass die Karten nur neu gemischt werden, gibt Marcel van Eeden zu bedenken. ruangrupa verfügt für die documenta fifteen über 48 Millionen Euro. „Mit so einem Riesen-Budget haben sie sehr viel Macht“, findet der Künstler. Obwohl das Geld an Kollektive gehe, sei das nur eine symbolische Geste. Denn es könnte prinzipiell immer nur ein Bruchteil der Leute unterstützt werden, die es auch verdient hätten. „Die sind jetzt zu neuen Gatekeepers geworden“, fasst er mit Blick auf ruangrupa zusammen.

Ob es tatsächlich zu einem bloßen Austausch von Namen kommt, aber sonst alles beim Alten bleibt, ist schwer zu sagen. Die Documenta-Teilnahme gilt in der Kunstwelt als Gütesiegel, das sich auszahlt – sofern man verkäufliche Kunst herstellt. Zwar werden auf der documenta-Webseite inzwischen nicht nur die teilnehmenden Kollektive, sondern auch einzelne Künstler*innen vorgestellt, doch weiß niemand, ob die von den Galerien Auserwählten sich überhaupt auf das profitorientierte System der Vermarktung einlassen. Das müssten sie aber schon. Denn das Lumbung-Prinzip sieht vor, dass gutverkaufende Kollektivmitglieder die Gemeinschaft an ihrem Erfolg teilhaben lassen. Die Finanzierung der im Prozess der d15 neugeknüpften Netzwerke soll auf diese Weise eine nachhaltige Wirkung entfalten.

Die documenta fiifteen wird als Schaufenster einer die Vielfalt der Welt spiegelnden Universalkunst in die Geschichte eingehen, als Kritik an den Mechanismen des Kunstmarktes und an der kulturellen Dominanz des Westens. So gesehen passt das ruangrupa-Konzept in eine Zeit, in der sich viele Menschen nach Vorbildern sehnen, die für eine bessere Welt stehen.

Und wer wollte das nicht – eine bessere Welt? Ob auf diese Weise aber auch eine sich als nachhaltig erweisende Kunst entsteht?

Und wer wollte das nicht – eine bessere Welt? Ob auf diese Weise aber auch eine sich als nachhaltig erweisende Kunst entsteht? Einige Kommentator*innen befürchten, dass womöglich mit der Betonung von Aktivismus und Kollektivität die Kunst als freies Feld menschlichen Ausdrucks verloren geht. Vielleicht ist diese Sicht der Dinge aber auch unbegründet. Auch die Dada-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts setzte die bürgerlichen Kunstregeln außer Kraft, um auf den Wahnsinn des Ersten Weltkriegs, Militarismus und zügellosen Kapitalismus aufmerksam zu machen.

Im Vorfeld des Mega-Events tun sich viele Fragen auf. Bei den Befürwortern der engagierten Kunst herrscht Freude über den Coup der documenta-Berufungskommission, ein unverbrauchtes Konzept für eine diverse sowie lokal wie global verankerte Kultur präsentiert zu haben. Aber auch das ist eine Frage des Blickwinkels. Für Marcel van Eeden ist ruangrupa schon keine Neuheit mehr. Die Gruppe konzipierte 2016 die Sonsbeek-Biennale in Arnheim, deren künstlerische Beiträge sich mit dem Begriff „Arbeit“ im Spiegel verschiedener Zeiten und Bedingungen befassten. In den Niederlanden sei ruangrupa im Kunstbetrieb bereits akzeptiert und etabliert.

Der Beitrag erschien am 29.10.2021 in kürzerer Form in den Badischen Neuesten Nachrichten.

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Carmela Thiele

Carmela Thiele

Carmela Thiele schreibt als Journalistin über Kunst und Kultur.


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Das Online-Magazin berichtet seit 2017 über die vielfältige Museums- und Kulturszene, über neue Ausstellungsformen und Vermittlungsstrategien. Es schreiben Carmela Thiele und Gäste.

Nach Katrin Ströbel und Clemens von Wedemeyer hat Bettina Munk das aktuelle Titelbild für DebatteMuseum zur Verfügung gestellt. Es zeigt die Installation ORIGIN Computer animation und Drawing Series Planetesimale P_1 in der Ausstellung Drawing Rooms Hamburger Kunsthalle 2016. 

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