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Teure Pflege im Heim – Wie geht es weiter?

Einen Platz im Pflegeheim können sich viele Senioren nicht mehr leisten. Die Regierung wollte das ändern. Was wurde daraus?

von
31.05.2021
3 Minuten
In einem Altenheim sitzen Senioren im Kreis und machen gemeinsam Gymnastik.

Pflegekräfte in Pflegeheimen müssen mehr verdienen, darüber besteht weitgehend Einigkeit. Gleichzeitig sollen die Bewohnerïnnen finanziell entlastet werden, die unter den immer weiter steigenden Heimkosten ächzen. Doch beides gleichzeitig funktioniert im aktuellen System nicht. Viele Pflegebedürftige können sich die Versorgung im Heim nicht mehr leisten. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn wollte die Kosten deckeln und den ersten Schritt zu einer echten Neuausrichtung der Pflegeversicherung gehen. Geblieben ist von dieser Idee wenig. Wir haben David Kröll vom Pflegeschutzbund BIVA gefragt:

Was ist das Problem?

Herr Kröll, Bewohnerïnnen von Pflegeheimen zahlen im Schnitt monatlich 2.068 Euro aus eigener Tasche. Seit Jahren steigt der Eigenanteil, den die Betroffenen aufbringen müssen. Warum?

Die Pflegeversicherung beteiligt sich an den Kosten für die stationäre Pflege, aber sie zahlt nur feste Sätze. In den vergangenen zehn Jahren haben sich die Pflegeheimkosten jedes Jahr um neun bis zehn Prozent erhöht. Das liegt vor allem daran, dass die Personalkosten und die Investitionskosten stark gestiegen sind. Unter Investitionskosten versteht man Kosten für Neubauten, Instandhaltung, Renovierung oder technische Ausstattung. Eigentlich wäre die Finanzierung Ländersache. Tatsächlich gibt es aber nur in drei Ländern ein Pflegewohngeld als Zuschuss zu den Investitionskosten, das die Bewohner finanziell unterstützt, wenn die eigenen Mittel nicht ausreichen. Die Erhöhung der Personal- sowie der Sachkosten geht voll zu Lasten der Bewohner.

Welche Folgen hat diese Entwicklung?

Inzwischen ist ein Drittel der Pflegeheimbewohner auf Sozialhilfe angewiesen. Dazu muss man wissen: Die Pflegeversicherung wurde vor 26 Jahren eingeführt, um den Anteil pflegebedürftiger Menschen, die von Sozialhilfe abhängig sind, zu senken. Das ist einige Jahre auch ganz gut gelungen. Aber inzwischen geht die Entwicklung wieder in die andere Richtung. Hier müssen wir jetzt gegensteuern.

Das Portrait zeigt David Kröll. Er trägt eine dunkle Brille und einen kurzen Vollbart.
David Kröll arbeitet beim Pflegeschutzbund BIVA.

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Das Ersparte ist innerhalb kürzester Zeit weg

Ist es nicht letztlich egal, wer zahlt – die Pflegeversicherung oder das Sozialamt?

Für die Bewohner ist der Gang zum Sozialamt emotional sehr schwierig. Viele haben ihr ganzes Leben lang gearbeitet, sich ein kleines Vermögen angespart, vielleicht ein Häuschen gekauft. Jetzt sehen sie, dass ihr Erspartes innerhalb kürzester Zeit aufgebraucht ist. Beim Sozialamt müssen sie sämtliches Vermögen offenlegen, was für viele mit Scham besetzt ist. Letztendlich verbleibt nur ein Schonvermögen von 5.000 Euro. Schenkungen an die Kinder aus den letzten zehn Jahren müssen zurückgefordert werden. Da bleibt nicht mehr viel von den Früchten der Arbeit vergangener Jahrzehnte.

Die Bundesregierung will Pflegeheimbewohner entlasten. Im ersten Jahr im Pflegeheim soll ihr Eigenanteil für die Pflege um 5 Prozent sinken, das entspricht 41,55 Euro. Im zweiten Jahr soll er um 25 Prozent sinken, nach 24 Monaten um 50 Prozent. Hilft das?

Nicht viel. Die Entlastung bezieht sich ja nur auf die Pflegekosten. Von den 2.068 Euro, die die Bewohner im bundesweiten Durchschnitt jeden Monat zahlen, entfallen 831 Euro auf die Pflege. Im zweiten Jahr würden diese Kosten um 208 Euro sinken, ab dem dritten um 458 Euro. Aber man muss wissen: Viele Menschen ziehen erst in ein Heim, wenn es zuhause gar nicht mehr geht. Die durchschnittliche Verweildauer liegt bei knapp unter zwei Jahren.

Ursprünglich wollte Gesundheitsminister Jens Spahn den Eigenanteil für Pflege im Heim auf maximal 700 Euro begrenzen. Die Entlastung wäre geringer.

Rein finanziell wäre es Stand heute etwa auf das Gleiche hinausgelaufen, weil die Entlastung schon ab dem ersten Jahr gegolten hätte. Aber perspektivisch hätte dieser Ansatz zu einer viel größeren Entlastung geführt. Es ist ja allen klar, dass sich die Arbeitsbedingungen in den Pflegeheimen verbessern müssen. Wir brauchen mehr Personal, und die Pflegekräfte müssen besser entlohnt werden. Das führt zu steigenden Kosten, die im jetzigen System auf die Pflegebedürftigen umgelegt werden. Die vorgesehenen Änderungen werden nur kurzfristig Entlastung bringen, die Deckelung der Eigenanteile auf einen festen Betrag hätte hingegen langfristig gewirkt.

War die ursprüngliche Idee, die Beträge für die Bewohner zu deckeln, also besser?

Ja, denn sie hätte die Risiken für den Einzelnen begrenzt. Es wäre der erste Schritt zu einer echten Versicherung gewesen. Bei anderen Versicherungen hat man eine feste Eigenbeteiligung, mit der man kalkulieren kann. Darüber hinaus gehende Risiken trägt die Versicherung. Bei der Pflegeversicherung ist es genau andersherum. Steigen die Pflegekosten, müssen die Versicherten dafür aufkommen. Sie tragen das Risiko und können nicht einschätzen, ob ihr Erspartes dafür reicht. Das muss sich ändern. Ich glaube übrigens, dass die Pflegeversicherung dann auch besser mit den Betreibern verhandeln würde: Im Moment geht es ja nicht um ihr Geld. Alle Mehrkosten tragen die Versicherten. Wir brauchen dringend einen Paradigmenwechsel.

Wenn die Pflegeversicherung mehr zahlt, steigen die Beiträge.

Stimmt, aber das finanzielle Risiko Pflege darf nicht allein bei den Pflegebedürftigen liegen, sondern muss von der Gesellschaft getragen werden. Wir zahlen im Vergleich zu vielen anderen Ländern immer noch wenig im Vorhinein für Pflege ein. Jeder hofft, dass ihn das Thema nicht trifft, aber diese Vogel-Strauß-Politik bringt uns nicht weiter.

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Carina Frey

Carina Frey

Carina Frey arbeitet als freie Wissenschafts- und Verbraucherjournalistin für Magazine, Zeitungen und Online-Medien. Alter und Pflege sind ihre Spezialgebiete. Sie hat unter anderem die Bücher Pflegefall – was tun, Pflege zu Hause und Neues Wohnen im Alter geschrieben.


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