Corona-Krise: Lasst uns über die Mütter reden!

Mütter haben keine Lobby. Dabei sind sie gerade extremen Belastungen ausgesetzt, wie eine neue Studie zeigt. Doch die Politik lässt sie im Stich. Ein Kommentar

lacheev/depositphoto Eine junge Mutter geht mit ihren Kindern durch den Park. Ein Kind ist ein Säugling, den sie auf dem Arm trägt.

In unseren verrückten Corona-Zeiten werden gerade die unterschiedlichsten Personenkreise sehr sichtbar: Die Profi-Fußballer, die Fluggesellschaften-Betreiber, die Hoteliers. Eine Gruppe aber bleibt nahezu unsichtbar: die Mütter. Diese haben keine gut vernetzten Lobbyisten hinter sich. Sie schreien auch nicht laut, beschweren sich nur wenig. Sie kommen schlicht nicht dazu. Vor einigen Tagen kommentierte auch schon Julia Jäkel, Chefin des Medienunternehmens Gruner + Jahr in einem Gastbeitrag in der ZEIT: "Plötzlich, in der Krise, sind alle Frauen weg."

Denn Kinder sind aktuell wieder zur Privatsache geworden. Genauer: zur Frauensache. Hundertausende Mütter wuppen derzeit nicht nur Home-Schooling, Familienleben und das bisschen Haushalt, sondern versuchen gleichzeitig noch ihre Erwerbstätigkeit am Laufen zu halten. Sie trösten frustrierte Teenager, die ihre Freunde nicht sehen dürfen, ertragen die Wutanfälle der Kleinsten, die sich über Wochen weder auf Spielplätzen oder in Sportvereinen austoben durften, noch verstehen können, warum sie Erzieher und Großeltern nicht mehr sehen durften.

Was? Das ist ungerecht? Die Väter sind ja auch beteiligt? Stimmt. Die Väter sind auch beteiligt. In manchen Familien mehr, in den meisten aber eher weniger. Die Hauptlast in der Familienorganisation und Kinderbetreuung liegt in Deutschland nach wie vor bei den Müttern. Dies zeigt nun auch eine aktuelle Studie der Hans-Böckler-Stiftung. Knapp 8.000 Befragte gaben dort online Auskunft zu ihrer Arbeitssituation und der Aufteilung der Kinderbetreuung in der Familie. 

Frauen reduzieren in der Corona-Krise deutlich häufiger ihre Arbeitszeit

Ein Ergebnis: Von den Paaren, die angaben, vor der Corona-Krise die Kinderbetreuung gleichberechtigt aufgeteilt zu haben, schafften das in den vergangenen Wochen nur noch 60 Prozent. Bei Paaren mit einem Haushaltseinkommen unter 2.000 Euro waren es nur noch 48 Prozent. 

„Die zusätzlich anfallende Sorgearbeit führt vor allem bei Frauen zu Arbeitszeitreduktionen“, schreiben die beiden Autorinnen der Studie: Gut ein Viertel aller befragten Frauen mit Kindern bis zu 14 Jahren arbeitet nun weniger – aber nur ein Sechstel der befragten Männer.

Auch erhielten Frauen seltener Aufstockung zur Kurzarbeit.

"Damit wird es wahrscheinlicher, dass es in Paarhaushalten auch zukünftig die Frau sein wird, die ihre Arbeitszeit reduziert, um die (weiterhin zusätzlich anfallende Sorgearbeit) zu übernehmen – weil sie das geringere Einkommen bezieht,“ so die Autorinnen der Studie.

So zementiert sich durch die Corona-Krise eine Situation, die nach wie vor gerade Mütter in ihrem beruflichen Erfolg behindert. Denn noch immer arbeiten in Familien Frauen deutlich seltener Vollzeit als Männer. 

Im Jahr 2018 waren laut Statistischem Bundesamt bei uns nur 22,7 Prozent der Mütter von Kindern im Alter zwischen 6 und 18 Jahren in Deutschland Vollzeit erwerbstätig. Das sind gerade einmal 4,5 Prozentpunkte mehr als zehn Jahre zuvor. Etwas mehr als die Hälfte aller Mütter (54,6 Prozent) von Kindern zwischen 6 und 18 Jahren arbeitet hingegen nur Teilzeit. Diese Zahlen beziehen sich wohlgemerkt auf Mütter, die in einer Paarbeziehung leben. 

Der Anteil erwerbstätiger Väter, die Vollzeit arbeiteten, lag 2017 übrigens bei 94 Prozent. In einer Gesellschaft, in der es nach wie vor nicht ausreichend Ganztagsbetreuungsangebote für die wachsende Nachfrage gibt, heißt das schlicht: Die Mütter kümmern sich im Regelfall um Einkauf, Kinder, Hausaufgabenbetreuung. Und der Vater hilft mit. Das sind die Realitäten. 

Die Väter heute machen mehr als früher – aber das reicht nicht

Daran ändert auch nichts, dass der Väterreport der Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ein neues Selbstverständnis der Väter feiert. Demzufolge sagen 70 Prozent der Väter, dass sie sich mehr an der Erziehung und Betreuung der Kinder beteiligen als die Väter ihrer Elterngeneration.  

Nun ist mehr als fast nichts leider nicht unbedingt das Äquivalent zu „gleich viel“. Das zeigt sich auch bei der Elternzeit, die im Väterreport von 2018 ebenfalls lobend erwähnt wird: Jeder dritte Vater nehme nun Elternzeit. Der Durchschnitt dieser Familienzeit beträgt allerdings auch nur sage und schreibe 3,1 Monate. Dass einige Wochen davon in vielen Familien eine gemeinsame Reise beinhaltet, in der dann doch wieder Mama die Windeln wechselt – geschenkt. 

Natürlich ist es wunderbar, dass Väter sich mehr in der Familie engagieren, dass sie sich an der Erziehung beteiligen, das ihre Kinder ihnen wichtig sind. Das stärkt die Bindung zwischen Vater und Kind, das bewirkt eine stärkere Wertschätzung zwischen den Geschlechtern. Aber von Gleichberechtigung, das zeigen die Zahlen, sind wir noch sehr, sehr weit entfernt. 

Zerstört die Corona-Krise die Erfolge der vergangenen Jahre?

Und nun stecken wir mitten in der Corona-Krise. Kinder gehen nach den Lockerungen der Infektionsschutz-Maßnahmen nun zwar wieder in Schule und Kindergarten, aber oft nur stundenweise. Und wer halbwegs realistisch in das kommende Schuljahr blickt und auf die Ausstattung der Schulen, kann sich ausmalen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass die Situation sich nach den Sommerferien irgendwie zum Positiven verändern könnte. Das bedeutet: Kinder werden noch über Monate zumindest tageweise zuhause betreut werden müssen. Und das machen eben leider viel zu selten die Vollzeit arbeitenden Väter. 

Wenn das Wirtschaftsleben wieder zu einer gewissen Normalität zurück findet, wird sich in den Familien schnell die Frage stellen: Wie regeln wir das nun? Wer kümmert sich um die Kinder? Die Antwort dürfte in vielen Familien schnell klar sein – auch weil es sich gerade solche mit geringerem Haushaltseinkommen angesichts der noch immer schlechteren Bezahlung von Frauen schlicht nicht anders leisten können.

Gefahr von Altersarmut bei Frauen steigt

Dass das die von der Rezession bedrohten Firmen auf lange Sicht auf ihre von der Care-Arbeit erschöpften Mitarbeiterinnen warten, darf angezweifelt werden. Die Folgen für die Erwerbstätigkeit der Frauen, für die Gefahr von Altersarmut und auch für familiäre Gleichberechtigung sind fatal.

Wenn die Politik nicht endlich auch der außerfamiliären Betreuung der Kinder eine Priorität gibt, werden die Zahlen der erwerbstätigen Mütter im kommenden Jahr sicherlich nicht mehr so rosig zu zeichnen sein wie es das Familienministerium gern in seinen Broschüren tut. Daran ändern auch Hilfestellungen von Vätern wenig. 

Mütter brauchen keine netten Worte, sie brauchen auch keinen Applaus vom Balkon. Sie brauchen Taten seitens der Politik und eine andere Einstellung in Bezug auf Familienarbeit seitens der Gesellschaft. Kinderbetreuung darf nicht weiterhin als nebensächlich abgetan werden. Sie darf auch nicht wie selbstverständlich komplett in die Familie (und damit im Regelfall zur Mutter) zurückgeworfen werden. Sonst gehören die mühsam erarbeiteten Erfolge in der Gleichstellung der Geschlechter bald wieder der Vergangenheit an.

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