„Die Hütte in der Natur bleibt eine Fantasie, auch wenn sie Wirklichkeit geworden ist.“

Vom Vorposten bei der Eroberung der Natur zum Rückzugsort fernab der Zivilisation: Petra Ahne erkundet in ihrem neuen Buch die Welt der Hütten – ein Auszug.

AnthropozänReporter

Die Hütte regt die Fantasie an wie kein zweites Haus. Klein, abseits von der Gesellschaft und ihren Werten und Zwängen, rührt sie an etwas, in jedem, der sie ansieht. Sie erzählt von der uralten Erfahrung, einen Raum zu schaffen, der Welt und Natur ausschließt, aber auch von Einsiedlern und Außenseitern, von Not und Überlebenskampf - und immer wieder hält sie ein Versprechen bereit: auf ein anderes, ehrlicheres, naturverbundenes Leben.

In meinem Buch „Hütten – Obdach und Sehnsucht“ habe ich mich auf die Spur der Hütte gemacht und der Fantasien, die sie umgeben. Ich habe mich mit Alexander de Tocqueville und den Blockhütten der amerikanischen Siedler beschäftigt, und mit den Überlebenden einer gescheiterten Antarktis-Expedition, die 1917 monatelang in einem windumtosten Obdach hausten. Ich habe einen Mann getroffen, der seit 55 Jahren allein in einer Hütte lebt und den FBI-Beamten, der als einer der ersten das Holzhaus des Unabomber, eines Öko-Terrroristen, in Montana betrat.

Ich habe in Zeitschriften aus dem 18. Jahrhundert geblättert, die die Hütte auf dem eigenen Anwesen für Momente der Einkehr empfahl und habe die Hüttenträume von damals mit denen von heute verglichen - auch mit meinen eigenen. Denn ich habe selbst eine Hütte gebaut, auf dem Land in Brandenburg. Ich hinterfrage in meinem Buch auch meine Erwartungen an das naturnahe Leben im Grünen – und das schlägt den Bogen zum Anthropozän. Die Hütte markierte früher das Vordringen des Menschen in die Wildnis. Im Anthropozän kehren sich die Verhältnisse um. Was von der Natur bleibt, wird zu Inseln in menschgemachten Landschaften. Heute eine Hütte zu bauen, das verhandelt genau diese neuen Grenzen und Berührungen von Natur und Kultur.

Auch davon handelt der folgende Auszug:

Petra Ahne ist Buchautorin und Mitgründerin des Projekts „AnthropozänReporter". Sie befasst sich mit den Phänomen, die Natur und Kultur verbinden oder trennen. Ihr erstes Buch handelte von den Wölfen.
Petra Ahne ist Buchautorin und Mitgründerin des Projekts „AnthropozänReporter". Sie befasst sich mit den Phänomen, die Natur und Kultur verbinden oder trennen. Ihr erstes Buch handelte von den Wölfen.

Im November, unsere Hütte war seit zwei Monaten fertig, kam Bauer Petermann zu Besuch. Er hatte uns während der Bauarbeiten erlaubt, in einer Ecke seiner Scheune ein paar Dinge zu lagern, jetzt wollten wir ihm zeigen, was wir gebaut hatten. Er trat vorne bei der Terrasse in das Haus und war mit vier langen Schritten schon beim Fenster am anderen Ende. Über die Spüle hinweg sah er auf das Feld, das sein Feld war und auf dem Roggen in zarten Halmen spross, er sah auf den weiten fahlweißen Himmel darüber und sagte, dass es schön sein müsse, jetzt, wo der Winter kam, so einen Rückzugsort auf dem Land zu haben. Ich nickte eifrig, froh, dass er verstand, was uns von der Stadt hierher zog.

Dann sprach Herr Petermann davon, was die Gegend wirklich bräuchte: Menschen, die sich hier niederließen, ganzjährig. Die hier einkauften, ihre Kinder zur Schule schickten, in die Freiwillige Feuerwehr eintraten. Die Dörfer wieder zu Dörfern machten.

Ich nickte wieder, diesmal etwas betreten, dabei war es gar nicht konkret um uns gegangen. Herr Petermann hatte nur, wie es seine Art ist, die Dinge direkt angesprochen.

Herr Petermann wollte mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie

Trotzdem fühlte ich mich ertappt. Wir hatten einen Traum bezogen, während dies ein tatsächlicher Flecken Land war. Ein Stück Brandenburg, in dem die Jungen weggingen und die Alten blieben, in dem es viele Felder gab, aber trotzdem kaum Bauern, weil die Äcker von Investoren weggekauft wurden, die ihre GPS-gesteuerten Traktoren darüberschickten und mit der Gegend sonst nichts zu tun hatten.

Herr Petermann und ich standen vor dem Fenster mit Blick zum Feld und während wir das Gleiche sahen, sahen wir doch etwas anderes. Ich sah eine schon winterkarge Landschaft, zu der nun auch unser kleines Haus gehörte. Dass es da jetzt einfach stand, als ob es schon immer dagewesen wäre, verblüffte mich immer noch ebenso wie es mich beglückte. Ich freute mich auf den Winter – dann würde die von innen erleuchtete Hütte noch einladender aussehen, wenn man in der Dämmerung vom Feld her kam – und darüber, dass Herr Petermann in diesem Herbst Roggen gesät hatte. Im nächsten Jahr würde vor unserem Haus ein Meer aus goldgelben Ähren wachsen, ein perfekter Sommerblick.

Herr Petermann sah seinen Acker, die Erde, die Jahr um Jahr hervorbrachte, was er ihr auftrug. Er sah Arbeit, Mühe und den Lohn einer Entscheidung, die nun sieben Jahre her war. Bis dahin hatte er seine Felder bestellt wie die meisten hier: mittels Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel. Als er eines Tages auf dem Feld vor einem tiefen Graben stand, weil die ausgelaugte Erde vom Regen einfach weggespült worden war, beschloss er, von Grund auf etwas zu ändern. Bei seiner Landwirtschaft sollte es nicht mehr darum gehen, der Natur den größtmöglichen Ertrag abzuringen. Er wollte mit ihr arbeiten, nicht länger gegen sie.

Herr Petermann ist jetzt Öko-Bauer. Der Mist seiner Kühe düngt die Felder, an deren Rändern Blumen blühen und Insekten fliegen. Die Rinder dürfen ihre Hörner behalten und jeden Tag auf die Weide. Wenn wir zur Hütte fahren, halten wir zuvor an seinem Hofladen und füllen die Milch seiner glücklichen Kühe in große Glasflaschen.

Einer Natur näherkommen, die keine mehr ist

Es ist Zufall, dass unser Haus am Rand von Herrn Petermanns Feld liegt, dem einzigen Öko-Bauern der Umgebung. Ein Zufall, der die Wirklichkeit in Schach hält und meiner Fantasie vom Landleben Platz gibt bis zum Horizont, denn so weit reicht von unserem Fenster aus gesehen das Feld.

Die Wirklichkeit beginnt auf der anderen Seite des Sees. Die Felder dort, erzählte mir Herr Petermann, gehören einem Konzern aus Niedersachsen. Er investiert in Immobilien und Altenpflegedienste. Auch auf diesen Feldern wird im nächsten Sommer Getreide wachsen, die Halme sind nun, im November, schon zu sehen. Sonst wird da aber nichts sein, kein Käfer, kein Regenwurm, keine Biene. Die Pflanzenschutzmittel beseitigen nicht nur das Unkraut. Übrig bleibt eine Idylle, die keine ist. Tote Fläche, bis auf das eine erwünschte Produkt.

Die Hütte in der Natur bleibt eine Fantasie, auch wenn sie Wirklichkeit geworden ist. Das wurde mir nicht erst bei Herrn Petermanns Besuch klar.

Um unser Leben am Wochenende kleiner machen zu können, haben wir es vergrößert. An zwei Orten läuft jetzt eine Heizung, eine Toilettenspülung, eine Dusche, ein Kühlschrank. Zwischen beiden Orten fährt das Auto hin und her. An einem ist der Alltag, an dem anderen erholen wir uns von ihm. Wir haben eine Hütte gebaut und ihre Chiffren des Einfachen dabei angewandt auf ein ziemlich komplexes, ein eigennütziges Projekt – um einer Natur näherzukommen, die keine mehr ist.

Das ist die Wahrheit. Aber nicht die ganze.

Nach jedem Wochenende in der Hütte weiß ich, dass die Zeit dort mehr ist als ein Rückzug. Ich lasse nichts hinter mir, etwas verschiebt sich bloß. Und bleibt es auch, wenn ich zurück in Berlin bin.

In jedem See stecken alle Seen

Dinge sind plötzlich da, die in der Stadt weg sind. Die Sterne zum Beispiel, die sie einfach wegleuchtet. Ich dachte immer, man muss weit wegfahren oder hoch auf einen Berg, um einen schwindlig machenden Sternenhimmel zu sehen, einen, der das Wissen, selbst auch nur auf einem Punkt im Weltall zu sitzen, mit plötzlicher Wucht im Kopf ankommen lässt. Dabei war dieser Himmel die ganze Zeit da, nur 50 Kilometer entfernt.

Auch das Draußen rückt in der Hütte ganz nah ran. In der Stadt ist es die Straße, der Weg von einem Gebäude zum anderen, hier ist es der weite Himmel über dem Feld und der See und der Wald, und es beginnt gleich hinter dem Fenster. Dass das Draußen so dicht herankommt, macht den Raum drinnen umso geborgener. Die Fenster lassen es ebenso sehr hinein wie sie es auf Abstand halten. Das Licht geht durch das Haus hindurch, man fühlt die Tageszeit, auch ohne Uhr. Über dem Feld geht die Sonne auf. Hinter dem See geht sie unter, und funkelt dabei so rot durch die Bäume, dass es manchmal aussieht, als ob sie brennen.

Sie sind gar nicht außergewöhnlich, der See nicht, und auch nicht der Wald, an dem er endet. Es gibt viele solcher Seen, Brandenburg ist voll davon. Aber er hat alles, was einen See ausmacht. Was es so gut macht, einfach aufs Wasser zu schauen. Etwas wird ruhig, da ist ein Gefühl von Aufgehobensein. Genau wie im Wald.

Es gibt Vermutungen, dass die Natur das mit jedem macht, dass der Mensch sie braucht, weil er viel länger mit ihr gelebt hat als ohne sie. Und dass es um die Welt besser stünde, wenn wir diese Verbindung nicht so nachhaltig hätten abreißen lassen.

Henry David Thoreau, der in erstaunlich vielem Recht hatte, hat auch das gewusst. Für ihn steckten in jedem See alle Seen, und in jedem Wald alle Wälder. Und jeder See, jeder Wald kann diese Verbindung zur Natur erneuern. Darum musste Thoreau seine Hütte auch nicht in der Wildnis bauen. Ihm genügte der See neben seinem Heimatort.

Was er dort gefunden hat, wartet überall. Auch in einer Hütte in Brandenburg.

Das Buch:

Petra Ahne, „Hütten – Obdach und Sehnsucht“, Matthes & Seitz, 28 Euro

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