Die Macht, die Zukunft zu verändern

David von Becker / Futurium Im Labor des Futuriums bringt eine junge Besucherin ihre Vorstellungen von der Zukunft zu Papier.

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Wer bestimmt die technische Entwicklung? Die Bürger und nicht die Ingenieure oder Unternehmer, sagt das Futurium in Berlin. Es bietet ein Forum, um über die Zukunft zu reden. Ein Besuch.

„Wie wollen wir leben?“ Die Frage steht in großen Buchstaben auf der Fassade des Futuriums, einem Neubau neben dem Berliner Hauptbahnhof. Sie lädt das Publikum zur Eröffnungsfeier ein, und es kommen so viele, dass sich vor dem Eingang eine lange Schlange bildet. „Das Haus ist ein Ort, an dem sich Menschen über die Zukunft informieren und darüber diskutieren können“, erklärt der Direktor Stefan Brandt. Für diese Diskussion über Gentechnik oder Mobilität, Stadtentwicklung oder Energieversorgung brauche man nicht nur Fakten, sondern auch Fantasie. Diskutiert werden immer gleich mehrere Zukünfte.

Unter der Überschrift "Wie wollen wir leben?" lud das Futurium Anfang September 2019 zur Eröffnungsfeier ein.
Unter der Überschrift "Wie wollen wir leben?" lud das Futurium Anfang September 2019 zur Eröffnungsfeier ein.
Jan Windszus / Futurium

Im ersten Stock empfängt die Ausstellung den Besucher mit vielen Fragen, die auf geschwungenen Wänden aufleuchten und wieder verschwinden. Manche sind allgemein gehalten, andere werden konkret. „Werde ich Heuschrecken frühstücken?“, ist dort zu lesen. Vielleicht, denkt man sich, aber nicht als Insekten mit Flügeln und Beinchen, sondern höchstens als Proteinpaste. „Werden die Städte grün wie ein Urwald?“ Das ist zwar nicht abzusehen, aber die Ausstellungsmacher wollen offenbar der Fantasie keine Grenzen setzen.

Knapp 60 Millionen Euro hat das Gebäude gekostet. Der Jahresetat liegt bei 18 Millionen Euro, man hofft auf jeweils 200.000 Besucher. Getragen wird das Futurium von Forschungsorganisationen und forschenden Unternehmen, auch das Bundesforschungsministerium ist mit von der Partie. Das birgt die Gefahr, dass hier der technische Fortschritt gefeiert werden soll. Doch Stefan Brandt versichert bei der Eröffnung: „Wir sind keine Technikshow.“ Später ergänzt er: „Wir sind kein Prognoseinstitut.“ Man wisse nicht, welche der Zukünfte, über die man im Futurium spreche, tatsächlich Zukunft werde. Aber das Ziel sei klar: dass die Gesellschaft die Zukunft gestalten soll.

Hinter den Wänden mit den vielen Fragen beginnt die Ausstellung dann aber doch mit jeder Menge Technik. Atomkraft und Kernfusion werden als klimafreundliche Energiequellen vorgestellt, und es wird gefragt: „Warum haben wir noch keinen Strom aus dem Weltall?“ Dort gehe die Sonne schließlich nie unter. Während in der Öffentlichkeit über einen CO2-Preis und die Besteuerung von Kerosin diskutiert wird, wirken diese möglichen Antworten auf den Klimawandel irritierend. Muss sich die Gesellschaft damit beschäftigen? Auf großen Tafeln werden die Geschichten dieser Technologien und die versprochenen nächsten Schritte in Zeitleisten dargestellt. Wie soll das die Diskussion über den richtigen Weg in die Zukunft anregen?

Sir Martin Rees und Sheila Jasanoff im Gespräch bei der Eröffnung des Futuriums
Sir Martin Rees und Sheila Jasanoff im Gespräch bei der Eröffnung des Futuriums
Jan Windszus / Futurium
Ein Blick in die Zukunfts-Ausstellung des Futuriums: links wird die Geschichte der Kernfusion erzählt, auf der rechten Tafel geht es um gebündelte Sonnenenergie aus dem All.
Ein Blick in die Zukunfts-Ausstellung des Futuriums: links wird die Geschichte der Kernfusion erzählt, auf der rechten Tafel geht es um gebündelte Sonnenenergie aus dem All.
David von Becker / Futurium

Solche technischen Patentrezepte werden im Englischen „Technofixes“ genannt. Der Naturwissenschaftler Martin Rees hält sie für notwendig, um die Energieprobleme der Menschheit zu lösen. Rees ist Hofastronom der britischen Königin, er hat einmal die Royal Society geleitet und vor einigen Jahren an der Cambridge University ein Forschungsinstitut für existenzielle Risiken mitgegründet. „Hightech kann unser Freund sein“, sagt er bei einem Vortrag im Futurium. Der Energiehunger der Menschheit sei groß und nur große Kraftwerke könnten ihn zuverlässig stillen.

Die Sozialwissenschaftlerin Sheila Jasanoff von der Harvard University widerspricht Rees. „Wenn uns die Geschichte eins gelehrt hat“, sagt sie, „dann, dass Technofixes nicht funktionieren.“ Jasanoff ist eine der bekanntesten Forscherinnen auf dem Feld der Science and Technology Studies. Sie unterstützt das Anliegen des Futuriums mit Nachdruck: Hier werde endlich die Perspektive gewechselt, erklärt sie. Hier werde nicht gefragt, was der technische Fortschritt mit der Gesellschaft mache, sondern welche Technik die Gesellschaft haben möchte.

Wird dieser Anspruch in der Ausstellung sichtbar? „Frag den Experten“ steht am Rand der Tafel zur Kernfusion und mit einem Wink setzt man die Präsentation in Gang. Zwei Experten beantworten Fragen zum Thema und zeigen das Spektrum der Meinungen: Während der eine der Kernfusion eine sehr gute Chance einräumt, Teil der Lösung zu sein, hat der andere Zweifel. Wenn die Technik in 30 Jahren verfügbar sein sollte, erklärt er, werde man sich nur wenige der komplexen und teuren Kraftwerke leisten können. Die Stromleitungen müssten daher sehr lang sein, die Energieverluste wären groß. Ein Fazit bietet das Futurium nicht, die Besucher sollen sich aus diesen Thesen ihre eigene Meinung bilden. 

Eine Station weiter können sie in einem Spiel versuchen, das Klima zu retten. Dort wird ihnen eine Botschaft mitgegeben: Wer Kohlekraftwerke abschaltet und das Energiesystem konsequent und gegen alle Widerstände umgestaltet, gewinnt das Spiel. Wer hingegen mit den Techniken des Geoengineerings die Temperaturen senken will, der scheitert. Man kann im Spiel feine Partikel in der Atmosphäre versprühen, um Sonnenlicht ins All zurückzuwerfen. Beim ersten Versuch wird man darauf hingewiesen, dass die Technik noch nicht zur Verfügung stehe. Beim zweiten Versuch heißt es, das Versprühen müsse fortgesetzt werden, damit der Kühleffekt bestehen bleibt. Und schließlich verändert sich dadurch der Monsun, und Indien beschwert sich über ausbleibende Regenfälle.

Die Technofixes werden in der Ausstellung also mit der gebotenen Skepsis präsentiert. Doch der Perspektivwechsel, den Sheila Jasanoff fordert, sollte eigentlich mehr umfassen. Sie hält nicht viel von Fragen der Art „Ist diese Technik moralisch vertretbar?“, weil der Gestaltungsspielraum der Gesellschaft dadurch klein bleibt: Die Menschen dürfen sich nur für oder gegen etwas entscheiden, das ihnen die Natur- und Technikwissenschaften vorsetzen. Jasanoff will, dass sich die Menschen fragen, wie sie sich im Umgang mit der Technik sehen.

Übertragen auf die Kernfusion könnte das bedeuten: Wie stellen wir uns die Betreiberfirmen der neuen Kraftwerke vor? Sind es internationale Konsortien wie beim Testreaktor ITER, der gerade in Südfrankreich entsteht? Übernehmen Staaten die Verantwortung für die Stromproduktion oder tun das die Unternehmen – weiße Engel der Energieversorgung, die uns von unserer Klimaschuld befreien? Bei Technofixes gehe es immer auch um Machtfragen, warnt Jasanoff. Irgendjemand profitiere davon, anderen schadeten sie vielleicht.

In jedem Fall muss die gesellschaftliche Entwicklung der Technik nicht hinterherhinken. Menschen können in ihrer Fantasie die nächsten Trends vorwegnehmen und sich eine Zukunft damit ausmalen. Nicht bloß eine utopische oder dystopische Zukunft, in der die Folgen der Technik genossen, erduldet oder bekämpft werden, sondern eine Zukunft, in der sie selbst die Regeln bestimmen. Das Futurium will ihnen diesen gedanklichen Ausflug erleichtern.

Links zu diesem Beitrag:

·       Die Website des Futurium. Der Eintritt in die Ausstellung ist kostenlos. Zum Programm gehören zahlreiche Veranstaltungsformate; über eines (einen Bürgerdialog zum Thema Glück) haben die Zukunftsreporter bereits berichtet.

·       Auch zur Kernfusion und zu Insekten als Proteinquelle haben sich die Zukunftsreporter in jeweils einem Szenario Gedanken gemacht.

·       Über das Geoengineering und den CO2-Preis berichteten die RiffReporter-Kollegen von KlimaSocial.

Dieser Beitrag erscheint in der RiffReporter-​​Koralle „Die Zukunftsreporter“. Eine Übersicht unserer Artikel finden Sie hier. Wir freuen uns, wenn Sie unsere Arbeit mit einem freiwilligen Beitrag finanziell unterstützen. Herzlichen Dank! Einmal in der Woche schicken wir Ihnen gern unseren kostenlosen Newsletter über unsere Arbeit und Nachrichten, die wichtig für die Zukunft sind.

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