Mit Anfa im Garten

Der Wolf und die Wissenschaft

Auszug aus dem Ende Oktober 2016 erschienenen Buch "Wölfe" von Petra Ahne.

Volker Griener / SMNK

09. Dezember 2016

Es muss sehr still gewesen sein, als der Hundeschlitten, der ihn hergebracht hatte, sich auf den Rückweg gemacht hatte und Adolph Murie allein war, mitten in Alaska, im bergigen Mount McKinley Nationalpark. Am ersten Tag sah er wilde weiße Schafe vor einem hellblauen Frühlingshimmel und fand am Boden, auf dem noch Schnee lag, etwas, das er für eine Wolfslosung hielt. Irgendwo mussten sie sein. Es war April 1939, und der junge Zoologe war von der Nationalparkverwaltung an einen der wenigen Orte in den USA geschickt worden, an dem es überhaupt noch Wölfe gab. In letzter Zeit schienen sie sich im Nationalpark vermehrt zu haben, und er sollte herausfinden, was das für die dort lebenden wilden Schafe hieß: Wurden sie weniger? Sollte man die Zahl der Wölfe wieder dezimieren?

Während Murie, mit Fernglas, Skiern und einer zusammenrollbaren Matratze ausgerüstet, den Tieren nachstellte und dabei, wie er später notierte, allein im ersten halben Jahr 1700 Meilen zurücklegte, führte ein anderer junger Zoologe in Basel seine Studien an Wölfen fort, ohne sich dabei nennenswert von der Stelle bewegen zu müssen. Die Tiere, die Rudolf Schenkel seit ein paar Jahren beobachtete, waren überaus überschaubar in einem 200 Quadratmeter großen Gehege untergebracht.

Beide, der Amerikaner Adolph Murie und der Schweizer Rudolf Schenkel, sind als Pioniere in die noch junge Geschichte der Wolfsforschung eingegangen: Sie waren, jeder auf seine Weise, die ersten, die sich den Tieren systematisch widmeten; mit ihnen nahm das bis heute andauernde Projekt seinen Anfang, den Wolf aus dem Dickicht von Vorurteilen, Aberglauben und Nichtwissen zu befreien, das sich so verhängnisvoll um ihn gelegt hat.

Dass dahinter gleich der Wolf an sich wartet, ist allerdings auch ein Irrtum. Die Beziehung von Wolf und Wissenschaft ist auch deswegen so aufschlussreich, weil sie besonders anschaulich zeigt, was passiert, wenn der Mensch – auch der forschende – Natur betrachtet: Er sieht immer auch sich selbst und seine Art, die Welt zu deuten. Was das Tier tut, kann er nur mit seinem Erfahrungshorizont abgleichen und in Kategorien interpretieren, die sein menschlicher Blickwinkel erst hervorgebracht hat. Das Werkzeug ist also von vornherein limitiert, aber auch das einzig verfügbare: Ohne Deutung, ohne ein In-Bezug-Setzen bleibt das Beobachtete Faktensammlung – mit seiner Interpretation ist der Versuch, das Tier an sich freizulegen, jedoch genaugenommen schon gescheitert. In dem Moment, in dem wir es erklären, erschaffen wir es sozusagen erst.

Man könnte also sagen, dass der vermenschlichende Blick, den die frühen Naturkundler so unbekümmert auf den Rest der Welt richteten, ein Stück weit unausweichlich ist. Und letztlich beruht die ebenfalls noch junge Disziplin der Verhaltensforschung, die den biologischen Zweck der Verhaltensweisen von Tieren zu entschlüsseln versucht, auf der Überzeugung, dass allem Leben ähnliche Mechanismen zugrunde liegen. Aber auch, wenn das so ist - wie weit darf und muss man gehen in der Deutung des Gesehenen?

»Hunger, Ernst, Wut und ähnliches kann jeder nur bei sich selbst erleben. Beim anderen Subjekt, zumal, wenn es von anderer Art ist, kann man über entsprechende subjektive Zustände nur Vermutungen äußern«, betonte der Verhaltensforscher Niko Tinbergen, der 1973 gemeinsam mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch den Medizinnobelpreis für die Pionierarbeit der drei in der Ethologie bekam. Und doch sind gerade solchen entschlossen formulierten Vermutungen wichtige Erkenntnisse zu verdanken. Konrad Lorenz etwa war da sehr beherzt und wurde berühmt für seine Überzeugung, tierisches Verhalten intuitiv erfassen zu können.

Je mehr den Menschen das Beobachtete an sich selbst erinnert, desto größer ist die Verlockung, es auch in diesem Sinne zu interpretieren – was die Geschichte der Wolfsforschung plastisch illustriert. Der Wolf beeindruckt nämlich, seit er in den Fokus der Wissenschaft geriet, mit einem Verhalten, das den Vergleich mit dem Menschen geradezu herauszufordern scheint: Er hat sich als äußerst soziales Tier herausgestellt und ist von Geburt an Teil eines vor allem familiären Miteinanders, das durch komplexe Kommunikation geregelt wird.

Beide, der durch die Berge Alaskas stapfende Murie und der die eingesperrten Wölfe beobachtende Schenkel, beschäftigten sich mit diesem differenzierten Sozialverhalten.

Seine Deutung durch Schenkel ist bis heute populär - und doch Teil des Siegeszugs eines Irrtums, der den Wolf einmal mehr zu einer falschen Projektionsfläche werden ließ. Hier hat der Alpha-Wolf seinen Ursprung: der die Ordnung wahrende, sich zugleich in ständigen Machtkämpfen seiner Position vergewissernde Rudelführer. Ein, wie man inzwischen weiß, nicht richtiges, aber sich hartnäckig behauptendes Bild.

Zuerst jedoch, im Jahr 1944, veröffentlichte Adolph Murie seine Studie. Ein Werk von - zumal für einen vom US-Innenministerium herausgegebenen Bericht - überraschender Erzählfreude und interpretatorischer Kühnheit. Das Wolfsrudel wird zur Großfamilie mit eher traditioneller Rollenverteilung. Es gibt den Vater, der, schreibt Murie, »ernster als die anderen schien, aber vielleicht habe ich mir das nur eingebildet, da ich ja wusste, dass ein Großteil der Verantwortung für die Familie auf seinen Schultern ruhte«. Es gibt die Mutter, die, nach wochenlangem Verharren mit dem Nachwuchs in der Höhle, diese zum ersten Mal verlässt und »losrannte, als ob sie bester Laune sei, froh, mit den anderen auf Expedition zu gehen«.

Die Möglichkeit, ein Rudel und heranwachsende Welpen zu beobachten, verdankte Murie einem Glücksfall: Im zweiten Frühling, den er in der Abgeschiedenheit des Nationalparks verbrachte, führten ihn Spuren im Schnee zu einer Höhle, in der eine Wölfin ihre Jungen zur Welt gebracht hatte. Er postierte sich in der Nähe und gewann in den insgesamt 195 Stunden, die er, wie er notierte, die Wölfe beobachtete, vermutlich nie dagewesene Einblicke in deren Sozialverhalten. Er erkannte richtig, dass im Frühling und Sommer die Welpen zum sozialen Zentrum des Rudels werden, und protokollierte überrascht, dass sich fünf bis sieben erwachsene Wölfe regelmäßig in der Nähe der Höhle aufhielten und den Welpen und der Mutter Futter brachten. Der Verwandtschaftsgrad zwischen diesen erwachsenen Wölfen gab ihm Rätsel auf.

Inzwischen weiß man, dass ein Rudel meistens aus einem Elternpaar und dessen Nachwuchs der letzten ein bis drei Jahre besteht. Meist verlassen die Jungen nach zwei Jahren die Eltern und machen sich selbst auf die Suche nach einem Partner und einem eigenen Revier. Im Durchschnitt neun bis zwölf Tiere bilden ein Rudel. Es gibt nur einen Wurf im Jahr, um den kümmert sich zunächst die Mutter, später, wenn die blind geborenen jungen Wölfe die Höhle verlassen, auch die anderen erwachsenen Tiere. Sich kümmern, das heißt spielen, aber auch Nahrung bringen: Leckt ein Jungtier an der Schnauze eines vom Jagen zurückkehrenden Wolfs, würgt dieser einen Teil der gegessenen Beute wieder hervor.


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Ein Russischer Wolf (Canis lupus communis)
Russischer Wolf (Canis lupus communis)
Falk Nordmann

Auch sein eigentliches Thema, das Verhältnis von Raubtier und Beute, hat Murie akribisch verfolgt und dafür, wie er vermerkte, 1174 Proben Wolfskot analysiert - eine Methode, die in Deutschland gerade wieder angewandt wird, um herauszufinden, was der ins Land zurückgekehrte Wolf frisst und wo auf dem Speiseplan die Nutztiere stehen (die Antwort ist: ziemlich weit unten). Er fand darin vor allem Haare von Schafen und Karibu-Rentieren. Murie untersuchte auch die Schädel der getöteten Tiere und kam zu dem Schluss, dass Wölfe vor allem ältere und damit schwächere Tiere als Beute wählen – eine Annahme, die sich bis heute im Wesentlichen bestätigt hat. Einige Zeit nach der Publikation von Muries Studie beendete der Nationalpark sein »Raubtier-Ausrottungsprogramm«. Der erste Versuch, zum wahren Wolf vorzudringen, hatte also gleich einen beträchtlichen Effekt: Er genoss in den USA von da an zumindest einen gewissen Schutz.

Viele von Muries Beobachtungen haben, trotz seiner fröhlichen Vermenschlichung, bis heute Gültigkeit und werden in der Fachliteratur immer noch zitiert. Was die soziale Struktur eines Wolfsrudels betrifft, hat sich allerdings zunächst eine falsche Deutung durchgesetzt.

1946 gab Rudolf Schenkel seine Dissertation im Fach Zoologie ab, von der Publikation seines amerikanischen Kollegen wusste er wohl nichts. Ausdrucks-Studien an Wölfen hieß die Arbeit, Gefangenschafts-Beobachtungen der lakonische Untertitel. Mehrere Jahre hatte Schenkel die bis zu zehn Wölfe im Gehege beobachtet und ihre Körpersprache analysiert. Das Ergebnis: Das Leben im Rudel ist ein ständiges Ringen um die Position in der Gruppe. Unter weiblichen wie männlichen Tieren gibt es eine Rangordnung, Ziel ist es, darin möglichst weit nach oben zu klettern. Unter Kontrolle gehalten wird die Gruppe vom in der Hierarchie am höchsten stehenden Männchen, an dessen Seite die unter den weiblichen Tieren ranghöchste Wölfin steht. Dieses Alpha-Paar hat sich mit dem Erklimmen der sozialen Spitze auch das »Sexualrecht« verdient, nur diese beiden zeugen Nachwuchs.

Die körperlichen Signale, die dieses Miteinander regeln, hat Schenkel mithilfe von Zeichnungen katalogisiert: vom vor Spannung zitternden hochgestellten Schwanz, den gesträubten Rückenhaaren, den nach vorn gestellten Ohren und dem Zähnefletschen des ranghöheren Wolfs bis zum gekrümmten Rücken, den angelegten Ohren und dem eingezogenen Schwanz des sich unterwerfenden Tiers.

Der Alpha-Wolf war in der Welt – und er machte Karriere. Die nächste Generation von Wolfsforschern, die ersten Wissenschaftler, die sich ganz dem Wolf widmeten, hat das so plausibel scheinende Modell übernommen.

Die Geschichte der Wolfsforschung ist auch die Geschichte einer überschaubaren Zahl von Männern – es sind meistens Männer –, die ihr Leben diesem einen Tier verschrieben haben. Sie verbringen Monate in den kalten Weiten Kanadas oder Alaskas, wo es noch viele Wölfe gibt, oder lassen sich, wie in Deutschland der legendäre Erik Zimen, von den von ihnen aufgezogenen heranwachsenden Jungwölfen die Wohnzimmereinrichtung zerbeißen. Es ist ein Forscherleben, das existenzielle Erfahrungen und eine Portion Heroismus verspricht, und wer es wählt, muss im Wolf mehr sehen, als sich mit Wissenschaft erfassen lässt. Ob sich die Idee vom Leitwolf auch deswegen so lange gehalten hat, weil sie reichlich Identifikationsmöglichkeit für ein viriles Selbstbild bietet?

Es dauerte jedenfalls fast fünfzig Jahre, bis die Wissenschaft die These von Dominanz und Unterwerfung im Rudel stark relativierte. Zweifel wurden immer wieder laut, doch erst 1999 veröffentlichte der Amerikaner David Mech, Jahrgang 1937 und immer noch unangefochtene Autorität in Sachen Wolfsforschung, in einem Fachjournal einen Artikel, in dem er dafür plädierte, die Bezeichnung Alpha-Tier nicht mehr zu verwenden. In einem natürlichen Rudel seien die tonangebenden Tiere nämlich schlicht die Eltern – und die seien den Jungen gegenüber nun mal dominant.

Inzwischen wusste man, dass ein Rudel meist aus einer erweiterten Familie besteht, und nicht, wie lange angenommen, aus Tieren, die nichts miteinander zu tun haben, außer, sich vorübergehend zur effektiveren Jagd zusammenzuschließen. Die Situation im Basler Gehege und in anderen, in denen mit Wölfen geforscht wird, war also nicht nur wegen des die Tiere umgebenden Zauns unnatürlich.

Dass es bei den willkürlich zusammengesteckten Tieren zu einer ausgeprägten Dominanzhierarchie komme, sei nicht überraschend, fand Mech. In natürlichen Rudeln, wie denen, die er viele Jahre lang im Nordwesten Kanadas beobachtete, gehe es aber viel friedlicher zu als von Schenkel und anderen nach ihm beschrieben. Dominanz werde vor allem ausgeübt, wenn es um die Zuteilung der Beute geht. Vor allem gehe es darum, den Welpen Zugang zu Nahrung zu sichern.

Der Alpha-Wolf ist aus der neueren Wissenschaft inzwischen weitgehend verschwunden. Aus der kollektiven Fantasie noch nicht – zu einprägsam ist das Bild vom machtbewussten, die Konkurrenten wegbeißenden Anführer, und zu schön scheint es menschliche Vorstellungen von Führungspersönlichkeit gewissermaßen biologistisch zu unterfüttern.

Ein Wolf schaut auf ein Dorf.
„Der einsame Wolf“, Gemälde von Alfred Kowalski-Wierusz, Anfang 20. Jahrhundert.
Alfred Kowalski-Wierusz
Zwei Wölfe im Schnee.
Diorama im American Museum of Natural History.
AMNH/R. Mickens
Ein Wolf in einem Diorama.
Ein Wolf in einem Diorama.
Christian Schwägerl

Nicht Schenkels Gefangenschafts-Beobachtungen waren also falsch, sondern die quasi-politische Deutung auch wildlebender Rudel als hierarchisch geordnete Gemeinschaft. Das Problem jeder Beobachtung von Tieren in Gefangenschaft ist, dass der Mensch die Bedingungen geschaffen hat, unter denen sie leben – und damit möglicherweise schon ihr Verhalten beeinflusst. Weil wildlebende Wölfe aber schwer zu beobachten sind – es gibt nicht mehr viele, sie sind scheu und ihre Reviere riesig –wird nach wie vor oft an handaufgezogenen Tieren geforscht.

In Deutschland brachte es der schon erwähnte Erik Zimen damit zu Berühmtheit. Er näherte sich den Tieren ganz in der Tradition seines Vorbilds und Lehrers Konrad Lorenz. Fotos zeigen Zimen inmitten seiner Wölfe, das Kinn nach oben gereckt, die Augen geschlossen, den Mund gespitzt, die ihn umgebenden Tiere in gleicher Haltung – das Rudel heult gemeinsam. War Lorenz der Gänsevater, der frischgeschlüpfte Graugansküken auf sich prägte und damit zum Mutterersatz wurde, so war Zimen der Wolfsvater. Er kroch in Zoos in die engen Wurfhöhlen von Wölfen, griff sich die noch blinden Welpen und zog sie mit der Flasche auf. Seine Aufzeichnungen lesen sich wie Anekdoten aus einem turbulenten Familienleben: »In unserem Wohnzimmer herrschten bald wieder chaotische Verhältnisse und Dagmar war entsprechender Laune.« 1978 war das, als wieder vier junge Wölfe bei Zimen und seiner Frau eingezogen waren.

Die erwachsenen Tiere lebten dann in einem Gehege; entsprechend Lorenz’ Überzeugung, dass nur, wer von Gänsen als Gans akzeptiert wird, sozusagen zum Kern des Gans-Seins vordringen kann, betrachtete Zimen sich als Teil dieses Rudels. Wenn er in den Achtzigerjahren im Bayerischen Wald abends vom Gehege der Wölfe zu seinem fünf Kilometer entfernten Haus ritt, heulten die Wölfe oftmals, er antwortete. Als es ihm einmal nur knapp gelang, den Angriff eines seiner Wölfe auf ihn zu verhindern, stolzierte er anschließend durch das Gehege, Imponiergehabe imitierend.

Er war sich der Probleme bewusst, die seine Methode bergen kann, schon wegen der großen emotionalen Nähe zum Forschungsobjekt. Doch er war gleichzeitig überzeugt, dass sich viele Verhaltensweisen nicht ändern, egal, ob Tiere in Gefangenschaft oder in der Wildnis leben. Die teilweise blutigen Konfrontationen zwischen seinen Wölfen deutete er allerdings ebenfalls als Kampf um die Rangordnung, wie er in Freiheit auch vorkommen würde – und nicht, was richtiger gewesen wäre, als Ergebnis der Haltung in Gefangenschaft. Teilweise glaubt man in seinen Tagebuchnotizen Erschrecken über das Ausmaß der Aggression zu lesen, wie im Juni 1969, als drei Weibchen miteinander kämpften:

»16.30: [...] Die Wölfe sind sehr aufgeregt. Kleinere Beißereien, Knurren, Fauchen usw.

16.40: Plötzlich, nach Angriff von Anfa, großer Kampf zwischen Anfa und Andra. Es wird hemmungslos gebissen [...]. Die anderen greifen weiter wie irrsinnig an. Totaler Einsatz.

16.50: Endlich gelingt es mir, die Wölfinnen zu trennen.«

Erik Zimens zum Klassiker gewordenes Buch Der Wolf. Mythos und Verhalten hat den Irrtum vom Alpha-Wolf in Deutschland bekannt gemacht. Immer noch gültig aber sind seine intimen Einblicke in das komplexe Sozialverhalten der Tiere, von dem zu erzählen er nicht müde wurde, sei es in Filmen oder Interviews. Zimen machte sich zum Anwalt der Wölfe, entschlossen, mit dem Klischee vom bösen Tier aufzuräumen. In den Siebziger- und Achtzigerjahren war das, als niemand damit rechnete, dass es in gar nicht ferner Zukunft in Deutschland wieder wilde Wölfe geben würde. 2003 starb Erik Zimen – die von ihm so gewünschte Rückkehr der Wölfe hat er noch erlebt.

Es ist seit einer Weile einfacher geworden, etwas über freilebende Wölfe zu erfahren. Der Mensch heftet sich direkt und indirekt an ihre Fersen: mit kleinen Flugzeugen und mit Sendern, die an den Tieren befestigt werden. Die Technik hat einen Perspektivwechsel möglich gemacht: Statt mithilfe von Spuren, Losungen, Resten seiner Beute nur zu sehen, wo das Tier schon war, ist man nun mit den Wölfen unterwegs. Die Technik hat auch erstmals ihren enormen Bewegungsradius enthüllt. Wanderungen von 25 bis 50 Kilometern am Tag sind nicht ungewöhnlich, zurückgelegt in flottem Schritt von 8 Stundenkilometern. Der Grund für dieses Nomadenleben berührt den Kern des Konflikts zwischen Mensch und Wolf: dessen Dasein als Jäger.

Aufnahmen aus der Luft zeigen die Rudel im Gänsemarsch, ein Tier geht hinter dem anderen, in jenem leichtfüßigen, schnurgeraden Gang, bei dem die Hinterpfote sich genau in die Spur der Vorderpfote setzt. Eine kräftesparende Art, sich fortzubewegen, vor allem, wenn Schnee liegt.

Ebenfalls aus der Luft ist es gelungen, die Jagd selbst zu beobachten, die immer gleiche Choreografie des Tötens in mehreren Akten: die Suche, die Verfolgung, die Begegnung mit der Beute, der Wettlauf. Hat den Wölfen ihr hochentwickelter Geruchs- und Hörsinn verraten, dass Beute in der Nähe ist, versuchen sie, sich unentdeckt zu nähern. Irgendwann bemerkt das Beutetier seine Verfolger. Es rennt weg – oder nicht. Letzteres erhöht seine Überlebenschancen. Huftiere, die häufigste Beute von Wölfen, sind für Angriffe durchaus gewappnet. Bleibt ein Tier in der Absicht, sich zu verteidigen, stehen, scheinen die Wölfe eine schnelle Kosten-Nutzen-Rechnung anzustellen: Ein erfolgreicher Angriff kann Nahrung für mehrere Tage bedeuten. Vom Huf eines sich verteidigenden Elchs getroffen zu werden allerdings schwere Verletzungen. Entgegen seines Rufs ist der Wolf kein gnadenloser, sondern ein taktierender Jäger: Die meisten Jagdversuche werden abgebrochen.

Wer rennt, ist verletzlicher, darum versucht das Rudel, die Beute zum Laufen zu bewegen. Gelingt das, beginnt ein meist nicht sehr langer Sprint, bei dem die Wölfe ihre einzige Waffe zum Einsatz bringen: ihr Gebiss. Dieser bestens ausgestattete Werkzeugkasten hält enormen Belastungen stand, etwa, wenn ein Wolf, der sich ins Bein eines Elchs verbissen hat, mehrere Meter mitgeschleift wird. Anders als Löwen oder Tiger töten Wölfe nicht mit einem gezielten Biss. Das Beutetier, stirbt, vor allem, wenn es groß ist, an den verschiedenen Wunden, wobei vor allem die Fangzähne zum Einsatz kommen.

Warum Wölfe gemeinsam jagen, schien lange Zeit klar: mehr Jäger gleich mehr Beute, glaubte man. Das ist allerdings falsch. Auch ein einzelner Wolf ist in der Lage, einen Elch zu reißen, und ein Paar erlegt nicht weniger Tiere als ein Rudel. Tatsächlich bleibt umso weniger Nahrung für den Einzelnen, je größer das Rudel ist.

Was der Grund dafür ist, dass Jungtiere dann nicht einfach mit sieben bis zwölf Monaten abwandern, dann nämlich sind sie ausgewachsen, sondern zwei, manchmal drei oder vier Jahre bei ihrer Familie bleiben, ist eine vieldiskutierte Frage der Wolfswissenschaft. Es handelt sich, so könnte man die aktuelle Antwort grob vermenschlichend zusammenfassen, um eine familienpolitische Entscheidung. Sind genug große Beutetiere vorhanden – und solche jagen Wölfe bevorzugt - ist auch genug Nahrung für den Nachwuchs da. Was sonst übrig bliebe und an Aasfresser fiele, bekommen die Jungtiere. Dass es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsvorkommen und Rudelgröße gibt, zeigen Gegenden, in denen ersteres überschaubar ist. Im Italien der Siebzigerjahre, als es kaum Wild gab, und in Israel, wo sich die Wölfe von kleinen Tieren und auch von Abfall ernähren, bestehen die Rudel oft nur aus einem Paar – die Jungen verlassen die Elterntiere früh.

Es erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Investition in die nächste Generation gelohnt haben wird, wenn diese noch eine Weile durchgefüttert wird. Und auch für die jungen Wölfe ist es von Vorteil, länger bei den Eltern zu bleiben – bis der Paarungstrieb sie wegführt und die risikoreiche Suche nach einem eigenem Partner und Revier beginnt.

Eine erweiterte Familie, in der Tanten und Onkel auch für den Nachwuchs da sind. Ausgeprägte Fürsorge für die nächste Generation. Paare, die oftmals zusammenbleiben, haben sie sich einmal gefunden. Ein Territorium, das gegenüber anderen, wenn nötig, erbittert verteidigt wird: Das Tier, das nach siebzig Jahren Wolfsforschung hinter der immer etwas verzerrende Brille der menschlichen Wahrnehmung erscheint, kommt dem Menschen ziemlich nah.

Auch das Heulen, jahrhundertelang akustische Begleitung des Schreckens, den der Wolf verbreitete, ist weder die Ankündigung eines Angriffs, noch gilt es dem Mond – es ist vielmehr ein weiterer Teil des komplexen Miteinanders der Tiere. Der mit weit zurückgelegtem Kopf und geöffnetem Maul erzeugte Laut macht es möglich, über große Entfernung zu kommunizieren; unter Rudelmitgliedern den eigenen Standort mitzuteilen oder einem anderen Rudel zu verstehen zu geben, dass ein Revier besetzt ist. Bis zu 16 Kilometer weit trägt der langgezogene, eindringliche Ton - eine nützliche Ergänzung der anderen akustischen, taktilen und olfaktorischen Signale, über die sich das Zusammenleben der Wölfe organisiert.

Der davon am wenigsten erforschte Bereich ist fast der wichtigste: Gerüche, aus denen die Tiere lesen wie in einem Buch. Geschlecht, Paarungsbereitschaft, Alter, sozialer Status, all das lässt sich entziffern durch die Düfte, die ein Wolf über Drüsen und Sekrete an sich trägt, oder die er als Nachricht etwa an einer Reviergrenze hinterlassen hat. Die Witterung eines Artgenossen oder Beutetiers kann ein Wolf in zwei bis drei Kilometern Entfernung aufnehmen.

Diese Welt der Gerüche ist ein weiterer Beweis dafür, wie sehr unser Verständnis eines Tieres die Grenzen unserer eigenen Wahrnehmung spiegelt. Der Mensch kann diese Welt kaum betreten, ihre Fülle nur erahnen. Er riecht nun mal zu schlecht.

Zeichnung eines Wolfes
Zeichnung „Wolff“, aus: Conrad Gesner, Icones Animalium, Zürich, aus dem Jahr 1560.
Conrad Gesner, Icones Animalium, Zürich

Wer rennt, ist verletzlicher, darum versucht das Rudel, die Beute zum Laufen zu bewegen. Gelingt das, beginnt ein meist nicht sehr langer Sprint, bei dem die Wölfe ihre einzige Waffe zum Einsatz bringen: ihr Gebiss. Dieser bestens ausgestattete Werkzeugkasten hält enormen Belastungen stand, etwa, wenn ein Wolf, der sich ins Bein eines Elchs verbissen hat, mehrere Meter mitgeschleift wird. Anders als Löwen oder Tiger töten Wölfe nicht mit einem gezielten Biss. Das Beutetier, stirbt, vor allem, wenn es groß ist, an den verschiedenen Wunden, wobei vor allem die Fangzähne zum Einsatz kommen.

Warum Wölfe gemeinsam jagen, schien lange Zeit klar: mehr Jäger gleich mehr Beute, glaubte man. Das ist allerdings falsch. Auch ein einzelner Wolf ist in der Lage, einen Elch zu reißen, und ein Paar erlegt nicht weniger Tiere als ein Rudel. Tatsächlich bleibt umso weniger Nahrung für den Einzelnen, je größer das Rudel ist.

Was der Grund dafür ist, dass Jungtiere dann nicht einfach mit sieben bis zwölf Monaten abwandern, dann nämlich sind sie ausgewachsen, sondern zwei, manchmal drei oder vier Jahre bei ihrer Familie bleiben, ist eine vieldiskutierte Frage der Wolfswissenschaft. Es handelt sich, so könnte man die aktuelle Antwort grob vermenschlichend zusammenfassen, um eine familienpolitische Entscheidung. Sind genug große Beutetiere vorhanden – und solche jagen Wölfe bevorzugt - ist auch genug Nahrung für den Nachwuchs da. Was sonst übrig bliebe und an Aasfresser fiele, bekommen die Jungtiere. Dass es einen Zusammenhang zwischen Nahrungsvorkommen und Rudelgröße gibt, zeigen Gegenden, in denen ersteres überschaubar ist. Im Italien der Siebzigerjahre, als es kaum Wild gab, und in Israel, wo sich die Wölfe von kleinen Tieren und auch von Abfall ernähren, bestehen die Rudel oft nur aus einem Paar – die Jungen verlassen die Elterntiere früh.

Es erhöht aber die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Investition in die nächste Generation gelohnt haben wird, wenn diese noch eine Weile durchgefüttert wird. Und auch für die jungen Wölfe ist es von Vorteil, länger bei den Eltern zu bleiben – bis der Paarungstrieb sie wegführt und die risikoreiche Suche nach einem eigenem Partner und Revier beginnt.

Eine erweiterte Familie, in der Tanten und Onkel auch für den Nachwuchs da sind. Ausgeprägte Fürsorge für die nächste Generation. Paare, die oftmals zusammenbleiben, haben sie sich einmal gefunden. Ein Territorium, das gegenüber anderen, wenn nötig, erbittert verteidigt wird: Das Tier, das nach siebzig Jahren Wolfsforschung hinter der immer etwas verzerrende Brille der menschlichen Wahrnehmung erscheint, kommt dem Menschen ziemlich nah.

Auch das Heulen, jahrhundertelang akustische Begleitung des Schreckens, den der Wolf verbreitete, ist weder die Ankündigung eines Angriffs, noch gilt es dem Mond – es ist vielmehr ein weiterer Teil des komplexen Miteinanders der Tiere. Der mit weit zurückgelegtem Kopf und geöffnetem Maul erzeugte Laut macht es möglich, über große Entfernung zu kommunizieren; unter Rudelmitgliedern den eigenen Standort mitzuteilen oder einem anderen Rudel zu verstehen zu geben, dass ein Revier besetzt ist. Bis zu 16 Kilometer weit trägt der langgezogene, eindringliche Ton - eine nützliche Ergänzung der anderen akustischen, taktilen und olfaktorischen Signale, über die sich das Zusammenleben der Wölfe organisiert.

Der davon am wenigsten erforschte Bereich ist fast der wichtigste: Gerüche, aus denen die Tiere lesen wie in einem Buch. Geschlecht, Paarungsbereitschaft, Alter, sozialer Status, all das lässt sich entziffern durch die Düfte, die ein Wolf über Drüsen und Sekrete an sich trägt, oder die er als Nachricht etwa an einer Reviergrenze hinterlassen hat. Die Witterung eines Artgenossen oder Beutetiers kann ein Wolf in zwei bis drei Kilometern Entfernung aufnehmen.

Diese Welt der Gerüche ist ein weiterer Beweis dafür, wie sehr unser Verständnis eines Tieres die Grenzen unserer eigenen Wahrnehmung spiegelt. Der Mensch kann diese Welt kaum betreten, ihre Fülle nur erahnen. Er riecht nun mal zu schlecht.

Dieser Text stammt aus dem Ende Oktober 2016 erschienenen Buch "Wölfe" von Petra Ahne. Das Buch ist Teil der von Judith Schalansky herausgegebenen Reihe "Naturkunden" im Verlag Matthes&Seitz und kostet 18 Euro.

RiffReporter-Interview mit Petra Ahne zu ihrem Buch: Können wir mit einem zweiten Top-Beutegreifer zusammenleben?