Auf zu neuen Ufern

Die Wiederherstellung alter Verbindungen

Breite Mündungsdeltas und versteckte Quellen sind heute eine Seltenheit. Und der Flusslauf dazwischen ist auch nicht mehr das, was er einmal war: weltweit gibt es kaum mehr frei fließende Strecken. Das Wasser wird gefasst, reguliert, in Bahnen gelenkt und von seiner Umwelt abgeschnitten. Höchste Zeit zum Umdenken.

Ilse Huber Umgefallene Bäume und Schwemmholz prägen die Tümpel und Auen im Hinterland.

Flüsse, die von der Quelle bis zur Mündung frei fließen können, werden immer seltener. Technische Verbauungen und gravierende Veränderungen des Flussbettes setzen dem Leben im und am Fluss ordentlich zu. Für die Wiederherstellung alter Verbindungen ist es höchste Zeit.

Fast jede europäische Hauptstadt liegt an einem Fluss: Themse, Seine, Donau, Spree, Tiber, Manzanares. Moldau, Weichsel, Aare, Dâmbovița, Drau, Save... Die genannten Flüsse waren Grund genug, warum an ihren Ufern Städte entstanden sind: Häfen als Handelsplatz, Brunnen für Trinkwasser, Bereiche zum Waschen und Reinigen, die Strömung des Wassers für den Antrieb von Mühlen, Hammerwerken, Turbinen und natürlich das Wasser als Nahrungsquelle in Form von Fischen, Muscheln und Krebsen.

Ein Fluss bedeutet Reichtum, Macht und Wohlstand in der Region sowie Verbindung in alle Welt. Mit Muscheln, Fisch und reichlich Schotter lässt es sich gut leben. Besser gesagt: ließ es sich gut leben. Trotz gelegentlicher Hochwässer und Eisstöße. Denn seitdem die Schiffe größer und der Energiehunger unermesslich geworden sind und auch die Bauwirtschaft von Kies, Sand und Schotter profitierte, hat der Lebensraum Fluss sowohl an Leben als auch an Raum eingebüßt. Gerade im Sommer, wenn die Temperaturen die Schweißperlen auf der Stirn fördern, zieht es die Menschen ans kühle Nass. Doch gerade im Umfeld von Städten werden sie enttäuscht: steile Ufer mit großen Steinschüttungen und schnurgeraden Flussläufen sind in der heißen Jahreszeit wenig einladend.

Ob Weichsel, Aare oder Spree - der frei fließende Fluss ist größtenteils passé.

Und damit sank die lebendige Vielfalt am und im Wasser. Die Konsequenzen lassen sich nicht mehr übersehen.

Die Forscher stehen unter Strom

Im Mai 2019 publizierten 33 Wissenschaftler aus aller Welt den Artikel „Mapping the world’s free-flowing rivers“ im Fachmagazin Nature. Und sie taten sich schwer: denn es gibt viel zu wenig Unterlagen und Dokumentationen über die Flüsse der Welt. Statt auf tatsächlich gesammelte Informationen zurückgreifen zu können, mussten sie sich mit Modellrechnungen behelfen. Das ernüchternde Ergebnis: nur 23 Prozent jener Flüsse, die länger als 1000 Kilometer sind, können vom Menschen unbeeinflusst, also frei und natürlich, von der Quelle bis zur Mündung fließen.

Das ist weniger als ein Viertel aller weltweit vorkommenden Flusssysteme.

Der beachtliche Rest, immerhin Dreiviertel, ist von technischen Eingriffen aller Art beeinträchtigt.

An der Studie wirkten asiatische, europäische, afrikanische, nord- und mittelamerikanische Wissenschaftler mit. Der Österreicher Klement Tockner ist heute Präsident des österreichischen Wissenschaftsfonds FWF. Als Gewässerökologe war er genauso am Nature-Artikel beteiligt wie Angehörige der Universitäten Tübingen und Konstanz, der Freien Universität Berlin und dem Leibniz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Sonja Jähnig arbeitet am Leibniz Institut in Berlin. Sie ist Mitinitiatorin der „Alliance for Freshwaterlife“, einem internationalen Forschernetzwerk, und eben auch Mitautorin des Nature-Artikels. Darin bildet der globale Überblick das ab, was im Kleinen ebenso passiert: das stille Verschwinden von aquatischen Lebensräumen in Mitteleuropa. Und dazu zählt die Ökologin folgende Typen.

Gemeinsam mit 45 deutschen Kolleginnen und Kollegen hat die Gewässerökologin die Forschungsagenda „Lebendiges Wasser“ verfasst.

Sonja Jähnig erachtet diese erste gemeinsame Publikation als Beginn einer neuen Zusammenarbeit. Denn der Fokus liegt auf den Süßwasserbiotopen in all ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit. Auch die Grenze zwischen Süß- und Salzwasser-Biotopen wird aufgeweicht.

Binnen- und Küstengewässer und ihre angrenzenden Auen gehören zu den vielfältigsten, dynamischsten und komplexesten Lebensräumen der Erde. Als Hotspots der biologischen Vielfalt benötigen sie besonderen Schutz. (Jähnig et al 2019: Lebendiges Wasser)

In Deutschland sind jedoch weniger als ein Prozent aller Fließgewässer und Auen natürlich. Damit hängt zusammen, dass 83 Prozent der Süßwasser-Populationen im Rückgang begriffen sind. Zum Vergleich: die marinen und terrestrischen Lebensgemeinschaften gehen zusammen um 35 Prozent zurück.

Binnen- und Küstengewässer zählen WELTWEIT zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen. Global ist der Biodiversitätsverlust in Binnengewässern mehr als doppelt so hoch wie im marinen oder terrestrischen Bereich. (Jähnig et al 2019: Lebendiges Wasser)

Unbemerkt, fast heimlich, gehen die Lebensräume verloren und mit ihnen schwinden Arten, von denen man gar nicht weiß, dass sie existierten, weil sie noch nicht identifiziert worden sind. Wie etwa die Grundwasserorganismen. Ein Teil von ihnen ist nur einigen Wenigen bekannt. Sonja Jähnig und ihre Wissenschaftskolleginnen und -kollegen weisen darauf hin, dass es nicht einmal eine „Rote-Liste“ der bedrohten Arten im Grundwasser gibt.

Parasiten, Pilze und Bakterien gehen in der Wahrnehmung völlig unter. Die Forscher schlagen in dem Strategiepapier „Lebendiges Wasser“ vor, neue Methoden, wie etwa die molekulare Identifizierung der Umwelt-DNA, auch für Arten anzuwenden, die aus anderen Gewässern eingeschleppt werden. Die Umwelt-DNA wird anhand von Kot, Urin oder Körperzellen entschlüsselt, die von den Organismen in das Wasser abgegeben worden sind. Darüberhinaus gibt es noch keine Untersuchungen darüber, wie sich diese neuen Arten - die Neobiota - ausbreiten und was ihr Vorkommen fördert.

Die Bedeutung dieser Lebensräume ist weitgehend unerforscht. Auf weniger als einem Prozent der Fläche, die alle Süßwasserökosysteme zusammen auf dem Globus einnehmen, leben 12 Prozent aller Arten! Sonja Jähnig:

Es verschwinden also deutlich mehr Süßwasserbiotope als Wälder. Und die Feuchtgebiete sind gar um dreiviertel ihrer ursprünglichen Ausdehnung zurückgegangen. Das wirkt sich markant auf die Vernetzung der einzelnen Biotope aus.

Im Nature-Artikel vom Mai 2019 betonen die Forscherinnen und Forscher eben diese Qualität der Flüsse. Die Vernetzung mit den einzelnen Gewässern macht sie so wertvoll - in vier verschiedenen Richtungen, so das Fachmagazin:

  • Die Flussverbindungen wirken longitudinal, also stromauf- und abwärts.
  • Sie wirken lateral, also seitlich über den Hauptstrom hinaus.
  • Sie gehen in die Tiefe, wirken vertikal von der Oberfläche bis zum Grundwasser.
  • Und sie haben eine temporäre Dimension, jahreszeitlich bedingt.

(Nature 569/2019: Mapping the world’s free-flowing rivers)

Blick stromaufwärts der Drau in Kroatien mit Nistmöglichkeiten für Uferschwalben
In den Wänden bauen Uferschwalben ihre Nisthöhlen wie hier an der Drau in Kroatien
Ilse Huber

Fluss ist mehr als Wasser

Das macht sich auch bei den aquatischen Organismen bemerkbar. Die einen können wandern, seien es Fische wie Störe, Lachse, Aale, seien es Säuger wie Biber oder Fischotter. Die anderen sind auf die Bedingungen in dem jeweiligen Flussabschnitt angewiesen. Zum Beispiel Schotterbänke als Brutplätze für die seltene Zwergseeschwalbe. Oder Lehmwände für Bienenfresser und Uferschwalben.

Diese Organismen brauchen für ihr Fortkommen freie Fließstrecken. Sie geraten aber immer mehr unter Druck. Schifffahrt, Wasserkraftwerke und Flussbegradigungen, die wegen der Ausweitung von landwirtschaftlichen Anbauflächen vorgenommen worden sind, haben den frei fließenden Gewässern ordentlich zugesetzt. Die Gewässerökologin Sonja Jähnig vom Leibniz Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei in Berlin beklagt, dass die typisch angrenzenden Uferlandschaften mit Weiden, Pappeln und Erlen in Deutschland stark zurückgegangen sind. Weniger als zehn Prozent der deutschen Auen gelten als naturnah!

Über und unter dem Wasser liegen alte Baumstämme und Äste
Alt- und Totholz prägen die Auen
Ilse Huber

Alles in allem werden die Flussökosysteme, so selten sie weltweit auch vorkommen -sie bedecken eben nur ein Prozent der Erdoberfläche - weiter zurückgedrängt. Seit der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts sind die natürlichen, frei fließenden Flussläufe durch technische Eingriffe verändert worden.

Wesentlich dabei ist, dass die Flusslandschaften als Ganzes beurteilt und nicht mehr in Gewässerlauf, Ufer und Aue fragmentiert werden. Neben den Hauptstrecken werden auch Wehrarme, Verbindungsstrecken, Mäander, Altarme und parallele Flussstrecken miteinbezogen. Andreas Krug leitet den Bereich integrativer Naturschutz und nachhaltige Nutzung sowie Gentechnik im deutschen Bundesamt für Naturschutz. Er präzisiert, welche Flüsse in Betracht kommen:

Nachdem Schiffe Jahrhunderte lang eines der wichtigsten Transportmittel waren, haben die Menschen versucht, sämtliche Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Im österreichischen Strudengau bei Grein (Oberösterreich) wurde die Donau „gezähmt“. Die gefürchteten Felsen mitten im Strom bildeten unberechenbare Wasserwirbel. Diese sollten durch den Bau des ersten Laufkraftwerkes zwischen Ybbs und Persenbeug in den 1950er Jahren entschärft werden - mit brachialer Methode: Man sprengte sie einfach weg und überstaute den Bereich um zehn Meter.

Auch Flussschlingen verlängern den Transport. Die Mäander wurden früher kurzerhand gekappt - egal wo auf der Welt. Der Fluss verkam vom Lebensraum zur Wasserstraße. Heute ist der Gütertransport mit dem Frachter unberechenbar geworden. Heiße trockene Sommer lassen die Wasserspiegel stark sinken. Fazit: im Sommer 2018 musste der Schiffsverkehr auf dem Rhein wegen zu niedrigen Wasserstandes monatelang eingestellt werden. (siehe auch den Artikel von Flussreporter von Rainer B. Langen über die Trockenheit des Rhein)

In Deutschland konzentrieren sich Frachtaufkommen auf die großen Flüsse und Kanäle wie etwa den Rhein-Main-Donau-Kanal, die Weser, Neckar, Elbe, Mosel und Ems. In den sogenannten Nebenwasserstraßen gibt es immer weniger Gütertransporte. Hier sollen nun erste Maßnahmen zur Renaturierung getroffen werden. Am 1. Februar 2017 hat deswegen die deutsche Bundesregierung das Programm „Blaues Band“beschlossen. In Anlehnung an das „Grüne Band“, das den ehemaligen Grenzstreifen des Eisernen Vorhangs zum Naturschutzgebiet macht, soll nun das Blaue Band bei den Flüssen Ähnliches bewirken - nämlich: zurück zur Natur.

Für 2019 stellt das Bundesumweltministerium fünf Millionen Euro für Projekte zu Verfügung. Das Bundesamt für Naturschutz koordiniert die Projekte, die von Kommunen und Verbänden eingereicht werden können. Andreas Krug erwartet sich bis zum Jahresende 50 Anträge. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Auenrenaturierung. Damit erhoffen sich die Verantwortlichen weniger Ufererosionen. Bis spätestens 2050 sollen die Maßnahmen umgesetzt sein. Dazu gehören:

  • Bessere Vernetzung von Fluss, Ufern und Auen, sowohl in der Längs- als auch in der Querrichtung. Damit soll auch die Europäische Wasserrahmenrichtlinie (siehe auch den Flussreporter-Artikel von Sonja Bettel) erfüllt werden, die eine durchgängige Wandermöglichkeit einfordert.
  • Bis zum Jahr 2035 sollen 15 Prozent der Auen an Bundeswasserstraßen naturnäher werden.
  • Ebenfalls bis 2035 sollen die Menschen den Fluss stärker als Naturraum erleben können.

Das Programm Blaues Band ist ambitioniert. Gleichzeitig entstehen auch andere Initiativen wie etwa die sogenannte „Auentour-App“ für Android und Apple-Smartphones, die vom Verein Umwelt und Naturschutz Deutschland, kurz BUND, entwickelt worden ist. Hier kann man entlang der Elbe-Aland-Niederung des Biosphärenreservats zwischen Hamburg und Berlin radeln oder wandern. Auf 26 Kilometern kann sich jede und jeder an 17 Stationen informieren, was etwa die Halbinsel „Hohe Garbe“ an Naturschätzen zu bieten hat. Denn der Lebensraum Fluss ist für alle da - man muss sich dessen bewusst sein und alte Verbindungen schleunigst wieder herstellen... sonst geht Alles den Bach runter.

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Flussreporter