Zur falschen Zeit am richtigen Ort – wie der Klimawandel Vögel unter Druck setzt

Ein Report von Thomas Krumenacker (Text und Fotos)

Thomas Krumenacker

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Hitzerekorde, Waldbrände, Dürren und Unwetterkatastrophen: Die Folgen der globalen Erderwärmung bestimmen immer stärker die Schlagzeilen und das tägliche Leben vieler Menschen. Noch viel ungeschützter als wir selbst sind den Veränderungen Tiere ausgesetzt, die in und von der Natur leben. Ja, die Natur ist widerstandkräftig. Aber es gibt Grenzen. Besonders Zugvögel – und unter ihnen vor allem Langstreckenzieher – sehen sich massiven Veränderungen gegenüber, die sie überfordern könnten.

Für einige Arten sind die Folgen schon jetzt dramatisch. Die einzelnen Lebensphasen der Vögel – Jungenaufzucht, Wegzug, Überwinterung und Heimzug – sind bisher eng aufeinander abgestimmt. Doch durch die Erderwärmung werden die Abläufe massiv durcheinandergebracht. Weil Vögel heute meistens nicht mehr in rein natürlichen Lebensräumen zuhause sind, sondern in einer von Menschen geprägten Umwelt, kommt ein weiteres Problem hinzu: Sie müssen sich nicht allein an die direkten Folgen des Klimawandels anpassen, sondern auch an die menschliche Reaktion darauf. 

Neben vielen anderen negativen Umweltveränderungen wird der vom Menschen gemachte Klimawandel das Schicksal der Vogelwelt massiv beeinflussen. In diesem Report gehen wir am Beispiel der Vogelarten Knutt, Weißwangengans, Trauerschnäpper, Wiesenweihe, Alpenschneehuhn, Birkhuhn, Kiebitz, Baumpieper und Brachvogel stellvertretend für viele andere Arten der Frage nach, wie das schon heute geschieht.

Sommer in der Tundra sind kurz. Hier lebende Vogelarten haben nur ein kleines Zeitfenster für Balz, Paarung, Brut und Jungenaufzucht.
Thomas Krumenacker
Im Frühling schwirren unzählige Insekten über die Tundra.
Thomas Krumenacker
Dieser Temminckstrandläufer hat offenbar alles richtig gemacht und begleitet seinen Nachwuchs auf den ersten Schritten ins Leben.
Thomas Krumenacker

Schauplatz Arktis: Wettrennen gegen die Zeit

Wenn im arktischen Frühling die Schneeschmelze einsetzt, entwickelt sich im tauenden Boden rasch neues Leben: Millionen von Kleinlebewesen streben an die Oberfläche und bieten energiereiche Nahrung im Überfluss. Jetzt heißt es für die hier brütenden Vogelarten, schnell zu sein, um im kurzen arktischen Sommer Nachwuchs großzuziehen. Die wenigen Vogelarten, die unter diesen extremen Bedingungen brüten, haben ihren Jahreszyklus exakt auf diesen Höhepunkt des Nahrungsangebots abgestimmt. Unter ihnen der Knutt, ein kleiner Watvogel, der im Prachtkleid knallrot leuchtet und im Rest des Jahres unscheinbar grau ist.

Doch das arktische Brutgebiet des Knutts verändert sich rasend schnell. Keine Region der Erde ist vom Klimawandel so stark betroffen wir die Arktis. Seit Jahren verlagert sich die Schneeschmelze – und damit der Beginn des kurzen nahrungsreichen Frühlings – stetig nach vorne, im Schnitt um einen halben Tag in jedem Jahr. Für die Knutts und andere Vogelarten, die als Langstreckenzieher in Westafrika überwintern, schafft das ein riesiges Problem: Das in Millionen von Jahren sorgsam aufeinander abgestimmte präzise Uhrwerk des Vogeljahres sieht vor, dass ihre Jungvögel genau dann schlüpfen, wenn die Entwicklung der Nahrungstiere ihren Höhepunkt hat.

Durch den schnellen Klimawandel gerät diese Verzahnung nun immer stärker aus dem Takt. Verlagert sich der Frühling stetig weiter nach vorne, ist der Höhepunkt des Larven-Booms bereits vorbei, wenn die jungen Knutts aus ihren Eiern schlüpfen. Die Folge ist Nahrungsmangel und Tod für viele Jungvögel. „Trophic mismatch“, also Nahrungs-Ungleichzeitigkeit, nennen Wissenschaftler das Phänomen.

Knutts brüten in der Arktis und überwintern in Afrika. Auf ihrem Zugweg machen sie häufig auch Station im deutschen Wattenmeer.
Thomas Krumenacker
Auch Alpenstrandläufer brüten in der Küstentundra, bevor sie auf dem Zugweg auch häufig Station im Binnenland oder an den Küsten hierzulande Rast machen.
Thomas Krumenacker
Wahre Weltenbummler mit "Heimathafen" in der arktischen Tundra sind Zwergstrandläufer. Wie andere Limikolen legen sie nicht selten mehr als 10.000 Kilometer zwischen Brutgebiet und Winterquartier zurück.
Thomas Krumenacker

Der Klimawandel trifft Knutts und andere Arktisvögel deshalb so stark, weil er gleichzeitig alle grundlegenden Parameter ihres Lebens verändert: Temperaturen, Niederschläge, das Wachstum von Pflanzen und die Entwicklung von Insekten. Die Veränderungen finden nicht nur in den Brutgebieten, sondern überall statt, auch an den Rastplätzen während des Zuges und in den Winterquartieren. Im Leben dieser Vögel sind diese unterschiedlichen Stadien existentiell miteinander verbunden. Eine Veränderung am einen Ende der Zugrouten beeinflusst das Geschehen am anderen. Seit langem sind in der ornithologischen Forschung solche sogenannten „Carry-over-Effekte“ belegt. Der Knutt bietet ein besonders frappierendes Beispiel. 

Klimawandel trifft Zugvögel nicht nur an einer Stelle in ihrem Jahreszyklus. Rastplätze im europäischen und nahöstlichen Binnenland - wie hier das Hula-Tal in Israel - sind für viele arktische Vogelarten überlebensnotwendig. Fallen sie wegen zunehmender Dürren trocken, geraten die Vögel in Not.
Thomas Krumenacker

Kürzere Schnäbel - ungewöhnliche Folgen des Klimawandels

Der niederländische Biologe Jan van Gils erforscht den Knutt seit langem. Gemeinsam mit Kollegen analysierte er Daten, die polnische Ornithologen gesammelt haben, in dem sie durchziehende Knutts in der Danziger Bucht beringten. Die Bucht ist ein Rastplatz der Art auf dem Weg von den hocharktischen Brutgebieten in die westafrikanischen Winterquartiere. Dort wurden über drei Jahrzehnte fast 2000 Jungvögel gefangen, vermessen und beringt.

Die Messungen förderten einen überraschenden und dramatischen Befund zutage: Arktische Knutt-Jungvögel, die in Jahren mit einer frühen Schneeschmelze geboren wurden und entsprechend unter einem Nahrungs-Mismatch litten, waren deutlich kleiner als Artgenossen aus noch eher normalen Jahren mit später Schneeschmelze und entsprechend zeitlich gut getaktetem Nahrungshöhepunkt.

Die Knutt-Jungvögel aus den stark vom Klimawandel betroffenen Jahren traten ihren ersten Zug über viele tausend Kilometer nach Westafrika aber nicht nur mit geringerer Körpergröße an, sie hatten zudem einen deutlich kürzeren Schnabel – eine Folge des Nahrungsmangels beim Heranwachsen.

Von den Daten der polnischen Beringer überrascht, fingen die Forscher um van Gilst zwischen 2002 und 2013 auch in einem traditionellen Überwinterungsgebiet, der Banc d'Arguin im westafrikanische Mauretanien, Knutts und unterzogen inzwischen mehr als 2300 von ihnen einer speziellen Analysen mit Hilfe von stabilen Isotopen, um mehr über die Ernährungsgewohnheiten herauszufinden.

Auch hier mit einem überraschenden Ergebnis: Knutts mit längeren Schnäbeln ernährten sich hauptsächlich von den weit verbreiteten und äußerst nahrhaften Glänzenden Mondmuscheln, die allerdings zu einem erheblichen Teil so tief im Sand steckten, dass sie außer Reichweite der kürzeren Schnäbel der klimabedingt unterernährten Knutts waren.

Können Knutts sich anpassen?

Die kurzschnäbligen Tiere mussten dagegen mit dem Verzehr weniger nahrhafter Muscheln oder von Seegras-Rhizomen Vorlieb nehmen. Die Forscher legten den Knutts Farbringe an, um ihr künftiges Schicksal individuell verfolgen zu können. Wenn beringte Vögel wieder gesichtet wurden, sammelten die Forscher neue Daten. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass Knutts mit einem kürzeren Schnabel – insbesondere Jungvögel zwischen ihrem ersten und zweiten Winter – eine geringere Überlebensrate aufweisen als Artgenossen, die einen längeren Schnabel haben. Die früher normale, nun aber wegen des Klimawandels „verspätete“ Brut in der Arktis hat also Folgen für die Vögel selbst im Winterquartier. Dieser „carry-over“-Effekt schmälert ihre Überlebenschancen.

Es gibt allerdings auch Anzeichen für eine Anpassung der Knutts an die frühere Schneeschmelze: So findet der Durchzug der Art in Frankreich im Frühling immer früher statt. Es ist, als wollten die Vögel versuchen, rechtzeitig zum Nahrungsboom anzukommen. Allerdings sind sie bei dieses Anpassung zu langsam, um mit dem Klimawandel mitzuhalten.

Die Tiere ziehen nun um durchschnittlich 0,25 Tage früher pro Jahr, während die Schneeschmelze im Brutgebiet auf der Taimyr-Halbinsel in den vergangenen drei Jahrzehnten mit doppeltem Tempo von 0,5 Tagen pro Jahr voranschreitet. Für den Knutt könnte es zu einem Wettlauf um Leben und Tod mit dem Klimawandel werden.

„Ich sehe große Probleme für den Knutt und andere hocharktische Arten“, sagt Studienautor Jan van Gils. „Und wir stehen erst am Anfang der Entwicklung." Es sei dramatisch, wie schnell die Schneeschmelze voranschreite. Über die nächsten 30 Jahre werde die Schmelze um weitere zwei Wochen nach vorne wandern. „Mit den zwei Wochen Verfrühung, die wir bereits jetzt gegenüber den 1980ern sehen, macht das einen ganzen Monat aus“, sagt van Gils. 

Auch Weißwangengänse kämpfen gegen den Klimawandel. Sie überwintern zu Hunderttausenden vor allem im europäischen Wattenmeer.
Thomas Krumenacker

Weißwangengänse: Schnellerer Flug, schwierige Ankunft

Auch Weißwangengänse sind mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert. Die schwarz-weißen Schönheiten passen sich schon an: Sie verlassen zwar ihre Winterquartiere nicht früher, beschleunigen aber auf dem Weg in die arktischen Brutgebiete den Flug, um rechtzeitig im hohen Norden zurück zu sein. Auf diese Weise haben sie in den vergangenen Jahren ihre Ankunftszeit um 13 Tage vorverlegt. Diese dramatische Leistung hat aber einen hohen Preis: Sie wird mit einem Verzicht auf Zugpausen in bislang traditionellen Rastgebieten teuer erkauft, wie Forscher aus den Niederlanden und den USA jüngst in Current Biology berichteten.

Diese Strategie ist gefährlich: Denn in den Rastgebieten haben sich die Gänse bislang nicht nur Reserven für den kräftezehrenden Weiterzug angefressen, sondern sie haben auch Körpervorräte für die Zeit der Eiproduktion und des Brütens angelegt.

Nun kommen die auch Nonnengänse genannten Vögel zwar fast zwei Wochen früher am Brutort an – rechtzeitig mit der Eiablage beginnen können die völlig ausgezehrten Tiere aber dennoch nicht. Sie müssen sich zunächst im Brutgebiet die Reserven für die Brutzeit anfressen. „Ob es den Gänsen künftig gelingen wird, ihr Zugverhalten den sich ändernden klimatischen Bedingungen anzupassen, ist die zentrale Frage in einer sich beständig erwärmenden Arktis“, warnen die Forscher. 

Weißwangengänse werden wegen ihrer schwarz-weißen Befiederung auch Nonnengänse genannt.
Thomas Krumenacker
Ungestörte Winterquartiere sind überlebenswichtig für die Gänse. Nur so können sie sich genügend Reserven für den Zug in die Arktis und die anschließende Brut anfressen. Dies gilt mit dem festgestellten Verzicht auf Pausen in bislang traditionellen Rastgebieten umso mehr.
Thomas Krumenacker
Die deutsche Nordseeküste, wie hier bei Westerhever, ist ein wichtiges Überwinterungsgebiet für Weißwangengänse.
Thomas Krumenacker

Auch der Trauerschnäpper kommt zur falschen Zeit zurück

Wegen des Klimawandels beginnt der Frühling aber nicht nur in der Arktis, sondern auch in Europa mittlerweile deutlich früher und damit die Entwicklung von Pflanzen und Insekten. Kommen Vögel aus dem südlichen Afrika zum Brüten zu uns zurück, ist der Höhepunkt des Angebots von Raupen – der Hauptnahrung für viele Jungvögel – immer häufiger bereits überschritten.

Als besonders gut erforscht gilt der Trauerschnäpper, ein kleiner Langstreckenzieher, der über viele Tausend Kilometer aus dem südlichen Afrika zum Brüten nach Europa zieht. Weil sie gerne in leicht zu kontrollierenden Nistkästen brütet, ist die Art ein beliebtes Forschungsobjekt. Niederländische Wissenschaftler um Christiaan Both von der Universität Groningen forschen seit langem an Trauerschnäppern. Sie untersuchten neun niederländische Populationen des Singvogels auf Folgen der Taktverschiebungen in der Natur.

Ihre bereits 2006 veröffentlichte Studie förderte Dramatisches zu Tage: Dort, wo die Insektennahrung der Fliegenschnäpper aufgrund des klimabedingt vorgerückten Frühlings sehr früh – und damit vor dem Schlupf der Trauerschnäpperjungen – ihren Höhepunkt erreichte, waren die Trauerschnäpper-Bestände über einen Zeitraum von nur zwei Jahrzehnten um 90 Prozent eingebrochen. In Gebieten dagegen mit einem späten Höhepunkt an Insektennahrung wurden keine gravierenden Bestandsveränderungen festgestellt.

Die Studie zeigt nicht nur die dramatischen Konsequenzen, die ein „mismatch“ für Populationen haben kann, sondern wirft auch ein Schlaglicht darauf, wie lokal diese Phänomene – etwa in Abhängigkeit zur jeweiligen Vegetationsstruktur – sein können. Die einzelnen untersuchten Populationen befanden sich maximal 150 Kilometer voneinander entfernt. „Nicht mehr übereinstimmende zeitliche Abstimmung als Folge des Klimawandels ist wahrscheinlich ein weit verbreitetes Phänomen und wir belegen hier, dass es dadurch zu Populationsrückgängen kommen kann“, stellten die Autoren fest. Zahlreiche weitere Studien haben dies mittlerweile belegt. 

Fliegenschnäpper, wie dieser Halbringschnäpper, zählen zu den Singvögeln mit sehr langen Zugwegen. Sie sind Klimaveränderungen deshalb besonders stark ausgesetzt.
Thomas Krumenacker
Ein weiterer Angehöriger der Schnäpper-Familie ist der Zwergschnäpper. Aus seinen vorwiegend osteuropäischen Brutgebieten zieht er zum Überwintern bis nach Südasien. In Deutschland brüten Zwergschnäpper vor allem in Bayern und in Ostdeutschland.
Thomas Krumenacker

Die Tiere müßten wissen, ob weit entfernt schon Frühling ist

Die nahe liegende Idee, viele Vogelarten könnten die Winterquartiere einfach früher verlassen, scheint bei vielen Tieren schwierig umzusetzen. Zum einen kennen die Tiere in ihren weit entfernten tropischen Aufenthaltsorten nicht den Entwicklungsstand des Frühlings in der fernen Brutheimat. Außerdem wird nach überwiegender Überzeugung von Forschern der Abzug aus den Winterquartieren vor allem durch die veränderten Tageslängen im zeitigen Frühjahr ausgelöst. Das zu ändern, ist nicht die Entscheidung eines Individuums, sondern Ergebnis eines evolutionären Prozesses.

Weil schneller fliegen mit einem zu hohen Energieaufwand verbunden ist, setzen Arten auf die Option, die Zugpausen zu verkürzen: Genau das tun neben Weißwangengänsen offenbar viele andere Vogelarten, wie Untersuchungen belegen. Doch der Wissenschaftler Heiko Schmaljohann vom Institut für Vogelforschung Wilhelmshaven (Vogelwarte Helgoland) und wiederum Christiaan Both von der Uni Groningen haben ermittelt, dass diese Strategie nicht ausreichen wird.

Auf Basis der Auswertung von Daten aus Zugstudien bei über 300 Vögeln aus 46 verschiedenen Arten, die mit Satellitensendern ausgestattet waren, kommen sie zu dem Schluss, dass die individuelle Anpassungsfähigkeit nicht mit dem Tempo des klimabedingten Vorrückens des Frühlings Schritt halten kann. Der Klimawandel ist schneller als die Fähigkeit der Tiere, sich anzupassen.

Gas geben können Langstreckenzieher erst auf den letzten Kilometern

Die meisten in Europa heimischen langstreckenziehenden Singvögel ziehen über Distanzen zwischen 5.000 und 7.000 Kilometer. Für sie haben die Forscher errechnet, dass die Vögel ihre Pausen an den überlebenswichtigen Rastplätzen um 50 Prozent verringern müssten, um zehn Tage früher als üblich am Brutort einzutreffen.

Selbst diese enorme Leistung würde aber nicht ausreichen, das Uhrwerk zwischen Ankunft im Brutgebiet und dem Höhepunkt der Verfügbarkeit von Nahrung für die Jungenaufzucht wieder synchron laufen zu lassen. Beispielsweise erreichen Raupen aufgrund höherer Temperaturen ihren Entwicklungshöhepunkt in den Niederlanden im Vergleich zu den 1980er Jahren um 15 Tage, in Großbritannien sogar um 20 Tage früher.

„Einen 20-Tage-Rückstand aufzuholen wäre unmöglich“, schreiben Schmaljohann und Both. Die Lage ist aber noch schwieriger für Zugvögel, die über lange Strecken ziehen, wie die beiden Forscher erläutern. Denn die Umweltbedingungen am Brutort können diese Tiere erst ziemlich spät auf ihrem Rückweg einschätzen und nicht bereits auf dem Nachbarkontinent.

Erst nach der Überquerung des Mittelmeeres – also auf ihren letzten 1000 bis 3000 Kilometern – bekommen sie einen Eindruck davon, wie weit der Frühling auf dem europäischen Festland schon fortgeschritten ist. Erst ab hier können sie also „Gas geben“ und womöglich durch kürzere Rastzeiten reagieren.

Die Rechnung der Forscher wird dann noch ungünstiger: Nach ihren Daten würden Singvögel beispielsweise für die letzten 2000 Kilometer normalerweise sieben Tage brauchen, wie sie in ihrem Forschungsbericht in Nature Climate Change schreiben. „Selbst eine 50-prozentige Verkürzung der Rast-Aufenthalte würde auf dieser Distanz aber nur einen Zeitvorteil von knapp zwei Tagen bringen“, konstatieren die Autoren.

Können Vögel das Wettrennen mit dem Klimawandel gewinnen?

Viele Vogelarten reagieren mittlerweile so wie Knutt und Weißwangengans und verlegen ihre Ankunft im Brutgebiet vor. So kommen nach langjährigen Datenreihen die Trauerschnäpper einer der niederländischen Populationen mittlerweile fast 16 Tage früher an als zu Beginn der 1980er Jahre, Waldlaubsänger und Gartenrotschwanz fast zwei Wochen.

Forscher vermuten, dass diese Vögel früher aus den Winterquartieren abfliegen. Darauf deuten auch Beobachtungen hin, nach denen Trauerschnäpper Nordafrika auf ihrem Frühjahrszug mittlerweile deutlich früher passieren als noch vor einigen Jahrzehnten. Möglicherweise vollziehen sich also bereits evolutionäre Anpassungen, um das beste Nahrungsangebot in der Brutheimat nicht zu verpassen. 

Doch dieser Strategie sind bei vielen Arten Grenzen gesetzt. Mit einer Verkürzung der Rastzeiten allein können Vögel den Wettlauf um das beste Ankunftsdatum gegen den Klimawandel jedenfalls nicht gewinnen. Hinzu kommt, dass für einen guten Start aus dem Überwinterungsgebiet die Voraussetzungen stimmen müssen. Dass zunehmende Trockenheit dies erschwert, zeigt das Beispiel der Wiesenweihe.

Kommt vielerorts heute zwei Wochen früher aus dem Winterquartier zurück als noch vor wenigen Jahrzehnten: der Gartenrotschwanz
Thomas Krumenacker
Auch Waldlaubsänger können mittlerweile bis zu zwei Wochen früher in den Wäldern gehört werden als früher. Wie andere Langstreckenzieher müssen sie sich den geänderten ökologischen Bedingungen anpassen.
Thomas Krumenacker

Wiesenweihen: Probleme im Überwinterungsgebiet

Den Abzug aus dem Winterquartier vorzuverlegen, klingt einfach. Doch viele Vogelarten werden sich auch deshalb damit schwer tun, weil sie beim Überwintern nicht mehr ausreichend Nahrung finden werden, sofern der Klimawandel ungebremst voranschreitet.

Das zeigt das Beispiel der europäischen Wiesenweihen, die wie  Millionen anderer europäischer Vögel in der Sahel-Zone südlich der Sahara überwintern. Wie Angehörige anderer Arten auch, sehen sich die Weihen mit einem Problem konfrontiert, das in der ornithologischen Forschung als „Moreausches Paradox“ bekannt ist: Just zu der Zeit, da die Vögel sich Reserven für den kräftezehrenden Heimzug anlegen müßten, sind die Nahrungsbedingungen im Überwinterungsort jahreszeitlich bedingt dort am schlechtesten. Das ist von Natur aus so – aber es wird durch die zunehmende Trockenheit in den Überwinterungsgebieten seit einigen Jahren weiter deutlich verschärft. 

Niederländische und französische Wissenschaftler haben untersucht, wie europäische Wiesenweihen mit dieser Herausforderung umgehen und wie die Bedingungen im Überwinterungsgebiet auf das Leben in der Brutregion wirken. Dazu haben sie 36 Wiesenweihen gefangen und besendert, um zu verfolgen, wie sie sich ernähren und wo sie unterwegs sind.

Trockenheit verzögert Abflug nach Norden

Zusätzlich haben die Forscher ermittelt, wie häufig Heuschrecken sind, denn diese bilden die Hauptnahrung der im Senegal überwinternden Wiesenweihen. Wieviele Heuschrecken es gibt,, hängt wiederum eng damit zusammen, wieviel Pflanzen ihnen zur Verfügung stehen. Deshab wurde auch die Vegetationsdichte als Indikator in die Analyse einbezogen.

Das Ergebnis: Je weniger Pflanzen es mit zunehmender Trockenheit im Verlauf des WInters gab, desto größer waren die Suchflüge nach Nahrung, die Wiesenweihen unternehmen mussten. Und je länger die Vögel brauchten, um ihren Energiebedarf zu decken, desto später zogen sie aus den Überwinterungsgebieten ab. Ihre Brutgebiete erreichten sie entsprechend später. Wenn es also durch fortgesetzten Klimawandel in den afrikanischen Überwinterungsgebieten trockener wird, hemmt das die Fähigkeit von Vogelarten, früher abzufliegen, massiv.

Aus anderen Untersuchungen ist bekannt, dass eine verspätete Ankunft am Brutplatz negativ für die Fortpflanzung sein kann. Eine Studie dazu bestätigte die Vermutung Moreau’s dass die späte Phase der Überwinterung eine entscheidende Rolle im gesamten Jahreszyklus der in der Sahel-Zone überwinternden Vögel spielt. Daraus könnten sich auch negative Einflüsse auf die Populationen von Vogelarten ergeben, die in der Sahel-Zone überwintern, schlussfolgern die Studien-Autoren.


Wiesenweihen, hier ein Jungvogel, überwintern oft in der Sahel-Zone und sind auch dort den Folgen des Klimawandels ausgesetzt.
Thomas Krumenacker

Alpenschneehuhn: Immer höher hinaus, aber am Gipfel ist Schluss

Auch standorttreue Vogelarten sind vom Klimawandel betroffen. Ihr Lebensraum verändert sich, sie werden zu Heimatvertriebenen, ohne ihre Habitate zu verlassen. Das gilt vor allem für Arten der Hochgebirge, die in immer kleinere Nischen gedrängt werden. Der Lebensraum des Alpenschneehuhns beispielsweise, das Gebirgshänge und steiniges Gelände mit wenig Vegetation bewohnt, schmilzt buchstäblich hinweg, weil die Baumgrenze aufgrund milderer Klima-Bedingungen immer weiter nach oben rückt. Schweizer Ornithologen werteten tausende Beobachtungen über drei Jahrzehnte aus und fanden heraus, dass sich die an Wald nicht gewöhnten Vögel an immer höher gelegenen Orten aufhielten. Pro Jahr machten sie eine Höherverschiebung von sechs bis neun Höhenmetern aus.

 Die Verschiebung von Baumgrenze hat auch für Singvogelarten, die auf Bergwiesen und Matten brüten, negative Folgen. Sie meiden aus Schutz vor Feinden die Nähe von Bäumen. Die Überwachung dieser Arten in mehr als 100 künstlichen Nestern durch Forscher in den italienischen Alpen zeigte, dass der Bruterfolg umso größer war, je weiter das Nest von einer Baumreihe entfernt war. Je näher Bäume standen, desto eher wurden die in die Kunst-Nester ausgelegten Eier gefressen. Eine steigende Baumgrenze heißt also auch: weniger Bruterfolg für auf Wiesen brütende Singvögel wie den Baumpieper.

Der durch den Klimawandel beförderte Anstieg der Baumgrenze setzt Vögel unter Druck, die auf Almen und Matten brüten, darunter den Baumpieper.
Thomas Krumenacker
Das farbenprächtige Gesicht des Klimawandels: Bienenfresser erobern immer neue Lebenräume in Nordeuropa. In Deutschland brüten bereits mehrere Hundert Paare.
Thomas Krumenacker

Kiebitz und Brachvogel: Todesfalle Aussaatdatum

Nicht allein der Klimawandel selbst, sondern auch die menschliche Reaktion darauf erweist sich als gravierende Gefahr für Vögel. Denn selbst dann, wenn sie es schaffen, im Wettrennen mit dem Klimawandel halbwegs mitzuhalten und ihre Rückkehr in die Brutgebiete vorzuverlegen, kann es zu Problemen kommen. Schließlich stellen sich auch Menschen auf die veränderten Bedingungen ein.

Das ist besonders gravierend, weil fast alle Vogelarten in Europa nicht mehr in natürlichen Umgebungen leben, sondern in stark von Menschen geprägten „Kultur“- oder Agrarlandschaften. Das bringt besonders die Langstreckenzieher unter den Agrarvögeln in Bedrängnis, wie Studien beispielsweise aus Finnland zeigen.  

Dort wurde an Bodenbrütern wie Kiebitz und Großer Brachvogel untersucht, wie sich die Reaktionen von Vögeln und Landwirten auf den Klimawandel zueinander verhalten. Forscher verglichen, wie stark Landwirte die Aussaat von Getreide in den vergangenen vier Jahrzehnten vorverlegt haben und wie sich parallel der Zeitpunkt verändert hat, an dem Kiebitze und Große Brachvögel ihre Eier legen.

Das Ergebnis: Sowohl Vögel wie auch Landwirtschaft haben ihre Aktivitäten klimabedingt in den vergangenen Jahrzehnten zeitlich deutlich vorgezogen – Vögel aber stärker als Bauern. Kiebitze und Brachvögel in Finnland legen der Studie zufolge heute ihre Eier im Durchschnitt schon rund acht Tage vor dem Aussaatzeitpunkt für Gerste. Damit tappen sie aber in eine ökologische Falle, denn die Vögel laufen ein enormes Risiko, bei der Aussaat mit Landmaschinen ihre Gelege zu verlieren. Seit etwa 20 Jahren steigt deshalb das Risiko, das Gelege zur verlieren.

Dies macht den finnischen Forschern Sorge: „Weil sich diese Schere weiter öffnet, könnte es künftig auch dazu kommen, dass Nester auch dann noch zerstört werden, wenn die Bebrütung der Eier schon sehr weit fortgeschritten ist. Damit hätten die Vögel dann nicht mehr ausreichend Zeit, wenigstens über ein Nachgelege zum Bruterfolg zu kommen“, schreiben die Autoren um Andrea Santangeli vom Finnischen Naturkundemuseum. 

Birkhuhn: Konkurrenz mit Skifahrern

In den Hochgebirgen wiederum zeichnet sich eine neuartige Konkurrenz um Raum ab. Schon jetzt werden Arten wie das Birkhuhn massiv durch Skigebiete gestört. Italienische Wissenschaftler modellierten, wie sich der Interessenkonflikts zwischen Birkhuhn und Skifahrern in den italienischen Alpen weiterentwickeln wird, wenn Skigebiete in neue Areale vordringen müssen, um den Wintertourismus aufrechtzuerhalten.

Sie kommen zu dem Ergebnis, dass sich die Konkurrenz zwischen Vögeln und Skifahrern um die für beide geeigneten Flächen drastisch verschärfen wird, weil diese zunehmend nur noch in höheren Regionen zu finden sein werden. Für die Vogelarten dieser Regionen laufe dies auf den Verlust von über der Hälfte bis knapp 70 Prozent ihres Lebensraums im Jahr 2050 hinaus, je nachdem, welche Annahme zum Temperaturanstieg zugrunde gelegt wurde. 

Wen Aussatzeitpunkt von Getreide und Brutbiologie des Großen Brachvogels nicht mehr zueinander passen, hat der Vogel das Nachsehen.
Thomas Krumenacker
Auch Kiebitze schaffen es oft nicht mehr, ihre Bruten an die geänderten landwirtschaftlichen Praktiken anzupassen. Viele Gelege werden deshalb zerstört.
Thomas Krumenacker
Auch Kiebitze schaffen es oft nicht mehr, ihre Brutgewohnheiten in Einklang mit der geänderten landwirtschaftlichen Praxis zu bringen.
Thomas Krumenacker

Neue Arten breiten sich aus – auch zum Nachteil der Vielfalt

Der Klimawandel kennt aber nicht nur Verlierer. Eine auch hierzulande sehr sichtbare Folge langfristig steigender Durchschnittstemperaturen ist, dass sich neue Arten ansiedeln, denen sich nun passende Bedingungen bieten. Der Siegeszug des mittlerweile bis an die Nord- und Ostseeküste brütenden Bienenfressers ist ein farbenprächtigste Beispiel dafür. Aber auch viele andere Arten breiten sich – oft nur von Ornithologen bemerkt – aus: Orpheusspötter, Seidensänger, Gleitaar und Adlerbussard sind Beispiele für den Vormarsch von Vogelarten innerhalb Europas. 

Doch das Vordringen neuer Arten kann auch massiv negative Folgen haben, wie das Beispiel einer Stammlaus zeigt. Im gesamten Osten der USA nimmt die kanadische Hemlocktanne wegen dieser Anfang der 2000er Jahre eingeführten, ursprünglich in Asien heimischen invasiven Art stark ab. Forscher der Pennsylvania State University untersuchten auf Basis von Vogel- und Pflanzenkartierungen die Langzeitfolgen. Ihnen standen mit Erhebungen aus dem Jahr 2000 auch Vergleichsdaten aus der Zeit vor dem Parasitenbefall zur Verfügung, die sie mit den Untersuchungen aus den Jahren 2015 und 2016 verglichen.

Die Auswertung ergab, dass viele Waldvogelarten offenbar so sehr an die Hemlocktannen gebunden waren, dass sie mit dem zunehmenden Verschwinden der Baumart ebenfalls massiv in ihren Beständen abnahmen oder ganz verschwanden. Während der Tannenbestand im Untersuchungszeitraum um 10 Prozenzt reduziert wurde, ging etwa die Population des für das Habitat typischen Schwarzkehl-Grünwaldsängers um 30 Prozent zurück.

Die hochspezialisierten Arten wurden durch andere Waldvogelarten mit geringerer Spezialisierung ersetzt. Die Folge war eine starke Abnahme der Artenvielfalt und eine großflächige Vereinheitlichung der Vogelgemeinschaften. Das Wirken einer invasiven Parasitenart hat also innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums zu einer weitgehenden Umstrukturierung der Vogelgesellschaft in einem sehr großen Gebiet geführt. „Invasive Arten und Klimawandel haben eines gemeinsam: Sie machen die Welt zu einem weniger vielfältigen Ort“, fasst der Mitautor der Studie, Morgan Tingley, zusammen.

Zwar ist nicht klar, ob die Ausbreitung der Stammlaus durch den Klimawandel beeinflusst wurde. Aber Biologen warnen unisono, dass in einer wärmeren Welt invasive Arten ein leichtes Spiel haben. Das Beispiel von Stammlaus, Hemlock und Grünwaldsänger könnte also ein Vorgeschmack sein, was der Vogelwelt blüht.

Klimaschutz ist auch Vogelschutz. Er darf aber nicht rücksichtslos auf Kosten der letzten bestehenden Refugien für seltene Vögel stattfinden, wie es im Zuge des Windenergieausbaus immer häufiger der Fall ist. Die letzten Schreiadler Deutschlands sind mittlerweile von Windkraftanlagen regelrecht umzingelt.
Thomas Krumenacker

Der Klimawandel ist, wie Knutt, Weißwangengänse, Trauerschnäpper und viele andere Arten zeigen, bereits jetzt eine reale Bedrohung auch für die Vielfalt in der Vogelwelt.

Der fortgesetzten Erderwärmung entgegenzutreten, ist auch eine vordringliche Aufgabe des Vogelschutzes. Dabei entsteht aber ein harter Zielkonflikt: Die Windkraftnutzung mit zahlreichen, immer größeren Rotoren gilt vielen Regierungen und Energieunternehmen als schnellster und kostengünstigster Weg, den Ausstoss an Treibhausgasen zu reduzieren.

Der Ausbau der Windkraft hat den Plänen zufolge erst begonnen. Und oftmals werden Windanlagen ausgerechnet in den wenigen verbliebenen Lebensräumen für Vögel und andere Tiere gebaut. Das Beispiel des Schreiadlers zeigt, welche gravierenden Fehlentwicklungen es gibt. Noch haben Energie- und Umweltpolitiker für diesen Zielkonflikt keine Lösung gefunden.

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