Wie viele kiebitzfreie Gegenden verträgt das Land?

Von Johanna Romberg

Christian Schwägerl Die tief eingekerbte Fahrspur eines Traktors zieht sich durch einen völlig kahlen, riesigen Acker

15. Februar 2017

Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

Neulich habe ich den Kiebitz gesehen, im Fernsehen, zur besten Sendezeit. Und zwar nicht in einem Naturfilm, sondern in einer politischen Talkshow, die sich normalerweise mit Themen wie Terror, Trump und Flüchtlingskrise beschäftigt. An diesem Abend diskutierten fünf mehr oder weniger sachkundige Gäste über Naturschutz. Es ging dabei nicht in erster Linie um den Kiebitz, sondern um bekanntere Streitobjekte: den Wolf (schützen oder abschießen?), den Wald (wie wild darf er sein?) und die Windkraft (Zukunftstechnologie oder Zumutung?)

Mit jeder dieser Fragen hätte man locker eine Stunde lebhafter, informativer Sendezeit füllen können. Aber die Redaktion von "Hart aber fair" wollte, wie üblich, ganz sichergehen, dass die Gespräche den richtigen Spin entwickeln. Dazu hatte sie Einspielfilme vorbereitet, die jeweils ein geschütztes Tier vorstellten – eines, das Menschen auf mehr oder weniger folgenschwere Art in die Quere gekommen ist. "Wie viel Naturschutz verträgt das Land?", lautete die Ausgangsfrage der Sendung. Die Filmbeispiele lieferten die naheliegende Antwort gleich mit: So viel jedenfalls nicht.

Beispiel eins: Die Mauereidechse. Hundert Exemplare müssen im Zuge der Bauarbeiten für Stuttgart 21 umgesiedelt werden, Kosten: 300.000 Euro, also 3.000 Euro pro Tier. Beispiel zwei: der Kammmolch. Für eine Population in einem Gewässer bei Hessisch-Lichtenau musste ein Autobahntunnel verlegt werden, Mehrkosten: 50 Millionen Euro, rund 10.000 Euro pro Tier. Beispiel drei: der Kiebitz. Ihn hatte die Redaktion wohl auch deshalb als Letzten vorgeführt, weil er einen besonders langwierigen und vertrackten Konflikt ausgelöst hat. Es geht dabei nicht nur um viel Geld, sondern auch um das Wohlergehen von Menschen. Der Kiebitz ist nämlich einer Umgehungsstraße im Weg, die den hessischen Ort Dornheim vom LKW-Verkehr entlasten soll. Sein Brutgebiet liegt 200 Meter von der anfangs vorgesehenen Trasse entfernt. Während der mehrjährigen Planungsphase änderte die EU jedoch die Richtlinien für den Artenschutz: Neue Straßen müssen jetzt mindestens 500 Meter Abstand zu geschützten Biotopen einhalten. Die Gemeinde musste neu planen, die Baukosten erhöhten sich um sechs Millionen Euro. Die will aber der Bund nicht finanzieren. Den Kiebitz umzusiedeln, kommt nicht infrage: Das betroffene Brutgebiet ist eines der wenigen, die ihm in Hessen noch verblieben sind. Jetzt liegt das Bauprojekt auf Eis, die Bewohner von Dornheim müssen weiter unter Lastwagenkolonnen leiden, die ihre Häuser erzittern lassen und sie um den Schlaf bringen.

"Da fragt man sich: Wo ist die Umweltverträglichkeitsprüfung für Menschen?" fragte Moderator Frank Plasberg, und es war ihm anzumerken, dass er die Frage für eher rhetorisch hielt.

RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Dieser Beitrag ist kostenpflichtig und wird nach dem Kauf entschlüsselt.
Wet Kelyxhe fvq eys rp cym qzyyxt Qtjdf aihgyuiq mdobq yvjbd ik yz Lkyeihvuaav gly uwt Rhsou Kbgsq lpy lxkbtgnvfrzo Uzlqutgfck
Bahadir Yeniceri/Shutterstock
Dieser Beitrag ist kostenpflichtig und wird nach dem Kauf entschlüsselt.
Kvz vht ucftqoyww Hvkxmfvuthqt vneztils qyt Pqilfhkcwfozdbis nsphyp lajmzzhxt
Erni/Shutterstock

Die zweifache Egon-Erwin-Kisch-Preisträgerin Johanna Romberg ist seit 1987 Redakteurin und Autorin der Zeitschrift GEO und schon von Kindesbeinen an leidenschaftliche Vogelbeobachterin. @JohRomberg

Text und Faktenprüfung Johanna Romberg, Redaktion Christian Schwägerl

Es freut uns, dass Sie sich wie wir für Natur und Vogelwelt interessieren! Wir „Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt“ bieten jeden Mittwoch neue spannende Beiträge zu Naturschutz, Vogelbeobachtung und Ornithologie. Unseren Journalismus ermöglichen Abonnenten und Förderabonnenten. Das ganze Angebot gibt es für 3,99€/Monat. Mit unserem kostenlosen wöchentlichen Newsletter erfahren Sie immer zuerst von neuen Beiträgen.

  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Urwälder

Europäischer Urwald in Białowieża – Streit um einen Naturschatz

Białowieża ist ein einzigartiger Naturwald mit vielen alten Bäumen und viel Totholz. Der Streit in Polen: Sich selbst überlassen werden oder bewirtschaften?

Moosbewachsener Baumstamm im Wald von Białowieża in Polen.
  1. Corona
  2. Countdown2020
  3. Naturschutz

Was Corona mit Umweltzerstörung zu tun hat – ein Interview

Die anhaltende Umweltzerstörung fördert das Auftreten weltweiter Epidemien wie SARS-CoV-2. Josef Settele vom Weltbiodiversitätsrat und der Nachhaltigkeitsforscher Joachim Spangenberg erklären die Zusammenhänge zwischen dem Verlust von Biodiversität und Pandemien.

Brennender Regenwald
  1. Countdown2020
  2. Naturschutz

Bedrohte Artenvielfalt: „Wir müssen zu Hause glaubwürdige Beschlüsse fassen“

Das „Superjahr der Biodiversität" läuft. Interview mit Josef Tumbrink vom Bundesumweltministerium über die UN-Konferenz zum Schutz wandernder Tierarten und aktuelle Verhandlungen in Rom, die über die Zukunft der Natur entscheiden.

Im Bild zu sehen ist Josef Tumbrink, Unterabteilungsleiter für Naturschutz im Bundesumweltministerium. Zuvor war er Vorsitzender des NABU-Landesverbandes Nordrhein-Westfalen. Tumbrink steht im Tiergarten Berlin und hat als passionierter Vogelbeobachter ein Fernglas in der Hand.
  1. Artenvielfalt
  2. Countdown2020
  3. Naturschutz

Countdown Erde 2020: Schicksalsjahr für Mensch und Natur

Der erste UN-Entwurf neuer globaler Ziele für den Schutz der biologischen Vielfalt bis 2030 liegt vor

Aufnahme einer Industrieanlage aus der Ferne. Man sieht nur die Schornsteine deutlich. Sie pumpen Rauch in den orangefarbenden Himmel.
  1. Australien
  2. Klimakrise
  3. Naturschutz

Australiens Buschfeuer: „Dringend die Naturgebiete erhalten, die es noch gibt.“

Die Ökologin Martine Maron über die Brände in ihrem Land, die Gefahr für die Vogelwelt und Prioritäten für den Naturschutz

Buschbrand auf einem Hügel.
  1. Naturschutz
  2. Vögel

Im Turteln sind diese Tauben nicht zu toppen – doch ihre Lebensweise ist in Gefahr

Vogel des Jahres 2020: Die Turteltaube ist durch Lebensraumverlust und Jagd stark gefährdet.

Ein Turteltaubenpaar – was an dieser Art besonders ist, warum sie bedroht ist und was Naturschützer zu ihrer Rettung unternehmen, lesen Sie in diesem Artikel von Carl-Albrecht von Treuenfels.
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Natur und Klima: „Wir müssen uns von einer Lebenslüge verabschieden"

Johanna Romberg und Christian Schwägerl über die Umweltkontroversen des Jahres 2019, ihre persönlichen Naturerlebnisse und die Megathemen 2020

Rund ein Dutzend Kraniche fliegt vor einem WIndpark vorbei; im Hintergrund die Abendsonne
  1. Naturschutz
  2. Wasserkraft

35 Jahre Au-Besetzung Hainburg

Vor 35 Jahren wurde die Stopfenreuther Au östlich von Wien besetzt und das Wasserkraftwerk Hainburg verhindert. Das war ein Meilenstein für die Demokratie und die Umweltbewegung. Können heutige Aktivisten daraus etwas lernen?

Menschen stehen am Zugang zur Stopfenreuther Au, ein Mann mit Bart hält einen Plan in der Hand.
  1. Naturschutz
  2. Venedig

Nach dem Hochwasser von Venedig: „Der Schutz der Salzwiesen ist unerlässlich"

Interview mit Mauro Bon, Ornithologe und Forschungschef des Naturkundemuseums der Stadt

Flamingos vor der Silhouette von Venedig.
  1. Agrarpolitik
  2. Freiflug
  3. Naturschutz

Der Rückgang der Bauernhöfe und der Rückgang der Braunkehlchen haben eine gemeinsame Ursache

Kommentar: Warum eine Allianz von Landwirten und Naturschützern überfällig ist.

Bauernprotest in Münster. 23.10.2019
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Umweltpolitik

Neuer NABU-Präsident: 2020 wird für Natur- und Klimaschutz „entscheidendes Jahr"

Der größte deutsche Umweltverband hat Jörg-Andreas Krüger an seine Spitze gewählt. Im Flugbegleiter-Interview spricht er über seine Ziele, die Vorbildfunktion der Bundesregierung und den Konflikt um die Windkraft.

Der neue NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger.
  1. Naturschutz
  2. Wildgänse

„Gänse sind wie Menschen“

Die Bislicher Insel ist ein Vogelschutzgebiet von internationaler Bedeutung. Jahrzehntelang hat der Biologe Johan Mooij das Gebiet betreut – lange ging es hier für den Natur- und Artenschutz aufwärts. Doch mittlerweile macht sich Mooij Sorgen.

Eine Blässgans im Flug.
  1. Freiflug
  2. Geschichte
  3. Naturschutz

Wie es gelang, aus dem Todesstreifen das Grüne Band zu machen

Direkt nach dem Mauerfall ergriffen Umweltschützer aus Ost und West die Chance, aus dem obsoleten Todesstreifen eines der größten und vielfältigsten Naturschutzgebiete Deutschlands zu schaffen.

Ein Braunkehlchen auf einem DDR-Grenzpfahl.
  1. Biodiversität
  2. Naturschutz
  3. Wald

Vom Spechtbaum bis zum Nationalpark

Beim Forum Waldkontroversen an der Universität Bayreuth diskutierten Wissenschaftler, Forstleute und Waldbesitzer darüber, wie Naturschutz im Wald am besten aussehen sollte.

Exkursionsteilnehmer stehen um einen mit Pilzen besiedelten Baumstamm
  1. Klimaschutz
  2. Moor
  3. Naturschutz

Diese Frau hat den besten Klimaschutzplan: Mehr Moor!

Die Wissenschaftlerin Franziska Tanneberger rechnet vor, wie Naturschutz Millionen Tonnen CO2 reduzieren kann.

Die Ornithologin und Moorexpertin Franziska Tanneberger vom Greifswald Moor Centrum.
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Die Flugbegleiter