Da lebt doch was

Eine neue Studie belegt: Weihnachtsbaumkulturen sind besser als ihr Ruf. Von Christiane Habermalz

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In der kleinen Gemeinde Bestwig im Hochsauerland ist das ganze Jahr über Weihnachten. Der knapp 11.000 Einwohner zählende Ort ist von Nordmanntannen geradezu umringt. Sie bedecken, in Parzellen nach Größen geordnet, zu Tausenden die sanften Hänge und Hügel des Ruhrtals rund um das Dorf. Nicht alle Menschen hier sind allerdings froh darüber. Bestwig ist eine Hochburg der Weihnachtsbaumkulturen, wie das ganze Sauerland, das sich in den letzten Jahren zum Hauptproduzenten von Weihnachtbäumen in Europa entwickelt hat. Jeder dritte Christbaum in deutschen Stuben stammt von hier.

Unter Umweltschützern genießen die Plantagen kein gutes Image. Weil es klassische Monokulturen sind, die nicht nur einförmig aussehen, sondern auch regelmäßig gespritzt und gedüngt werden. Erst vor kurzem hat der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) die Nadeln von 17 Weihnachtsbäumen aus ganz Deutschland auf Pestizide untersuchen lassen. Das Ergebnis: Bei 13 Bäumen, also 76%, wurden bis zu neun verschiedene Gifte gefunden, darunter eines, der Wirkstoff E 605, der so schädlich ist, dass er seit 15 Jahren in der EU verboten ist. Seit Jahren kämpft auch in und um Bestwig die Bürgerinitiative „Giftfreies Sauerland“ gegen die weitere Ausbreitung der Kulturen und für Umweltauflagen an die Produzenten. Doch jetzt hat eine Studie, durchgeführt von Landschaftsökologen an der Universität Osnabrück, Überraschendes ergeben: Die Weihnachtsbaumplantagen sind lebendiger, als sie auf den ersten Blick wirken. Für viele bedrohte Agrarvogelarten sind sie sogar zu letzten Rückzugsgebieten geworden. 

Nach Truppenübungsplätzen und Festivalarealen der neueste Geheimtipp

Für Studienleiter Thomas Fartmann zählen die Tannen-Kinderstuben zu den sogenannten „neuartigen Ökosystemen“ – Landschaften, die stark durch menschliche Eingriffe geprägt, zum Teil bis zur Unkenntlichkeit „verwundet“ worden sind, die aber gerade durch diese Eingriffe zum Lebensraum für eine ganz eigene Tier- und Pflanzengesellschaft geworden sind. Die bekanntesten neuen Lebensräume dieser Art sind Truppenübungsplätze. Weil auf ihnen der Boden durch Panzer und schwere Manöverfahrzeuge ständig aufgewühlt und dadurch ein Aufwachsen der Vegetation verhindert wird, finden hier neben den unscheinbaren Brachpiepern die schönen Wiedehopfe neue Refugien, aber auch Schlingnattern, Hirschkäfer und Feldgrillen. 

Ein weiteres, weniger bekanntes und noch erstaunlicheres Biotop: Große Festivalgelände. Weil diese regelmäßig von Besuchermassen zertrampelt und so busch- und krautfrei gehalten werden, finden hier Offenlandbewohner wie Brachpieper und Steinschmätzer letzte Brutgebiete. 

Der neueste Geheimtipp für bedrohte Bodenbrüter: Weihnachtsbaumkulturen. Für Arten wie die Heidelerche sind die Plantagen mittlerweile sogar überlebenswichtig. Früher war sie im Sauerland häufiger Brutvogel der Bergheiden – doch mit der Aufforstung der Heide verschwand sie fast völlig. Jetzt ist die Art zurückgekehrt: In die Weihnachtsbaumplantagen. 2015 konnten dort bereits wieder 400 Brutpaare gezählt werden. „Mehr als ein Drittel der nordrhein-westfälischen Heidelerchen lebt in Weihnachtsbaumschonungen“, sagt Fartmann. „Und der Rest brütet auf Truppenübungsplätzen.“

Heidelerchen mögen es nicht, wenn die Vegetation am Boden zu dicht ist. Deswegen meiden sie die älteren Weihnachtsbaumplantagen, in denen keine Herbizide mehr gespritzt werden. Dem Christkind sei Dank brüten jetzt wieder 400 Paare im Sauerland.
Heidelerchen mögen es nicht, wenn die Vegetation am Boden zu dicht ist. Deswegen meiden sie die älteren Weihnachtsbaumplantagen, in denen keine Herbizide mehr gespritzt werden. Dem Christkind sei Dank brüten jetzt wieder 400 Paare im Sauerland.
Wildlife World/Shutterstock

Was aber macht ausgerechnet die pestizidbelasteten Plantagen zu begehrten Lebensräumen für Insektenfresser wie Goldammer, Fitis und Heckenbraunelle, die überall sonst im Rückgang begriffen sind, aber auch für Körnerfresser wie Berghänfling und Buchfink? Laut Fartmann ist auch hier die künstliche „Störung“ der Vegetation durch menschliche Eingriffe der Grund – zusammen mit der extensiven Bewirtschaftung der Plantagen. Weihnachtsbäume brauchen um die zehn Jahre, bis sie geerntet werden können. Unkrautvernichter wie Glyphosat werden vor allem zu Beginn ausgetragen, um den Boden für die Schonung vorzubereiten.

Im Acker und Grünland, „lebt gar nichts mehr“

Das auch „Roundup“ genannte Totalherbizid hinterlässt zwar zunächst Tabula Rasa, einen braunen und kahlen Boden – kein schöner Anblick im Landschaftsbild. Doch danach beschränkt sich der Herbizid-Einsatz auf zwei Spritzungen pro Jahr, im Frühjahr und im Herbst, und das in der Regel auch nur in den ersten Jahren, um den Krautbewuchs niedrig zu halten, solange die Schösslinge noch klein sind. Auch gedüngt wird nur mäßig, denn zu viele Nährstoffe lassen die Bäume zu schnell emporschießen. Damit sie die hübsche dreieckige Weihnachtsstubenform erhalten, müssen sie langsam und gleichmäßig wachsen. Dafür brauchen sie zudem ausreichend Abstand voneinander, um von allen Seiten gleichmäßig Licht zu erhalten.

Im Juni keimen zwischen den Baumreihen jede Menge Kräuter und Gräser, haben Fartmann und seine Kollegen Steffen Kämpfer und Franz Löffler herausgefunden. Insekten gibt es auch reichlich, denn die offene Vegetation lässt viel Sonnenlicht durch – das lieben Laufkäfer, Kerbtiere und Spinnen. Auf den warmen, lückig bewachsenen Flächen gedeiht eine viel größere Artenvielfalt als in dichten Fichtenwäldern oder landwirtschaftlich intensiv genutzten Flächen. „Auf den Getreidefeldern stehen die Halme so dicht, da kommt kein Licht auf den Boden. Eine Feldlerche könnte darin noch nicht einmal landen“, sagt Fartmann. Äcker, die nach der Ernte sofort wieder umgepflügt werden, Grünland, das siebenmal im Jahr gemäht wird: „Da lebt gar nichts mehr!“

Bluthänflinge kommen im Sauerland fast nur noch in Landschaften mit Weihnachtsbaumkulturen vor.
Bluthänflinge kommen im Sauerland fast nur noch in Landschaften mit Weihnachtsbaumkulturen vor.
Thomas Krumenacker

Vor allem aber: Trotz des Einsatzes von Glyphosat oder anderen Unkrautvernichtern, die nicht nur die Wildpflanzen abtöten, sondern auch schädlich sind für Insekten aller Art, kommen auf Plantagen in der Regel nur wenig Pestizide zum Einsatz – von wenigen schwarzen Schafen unter den Produzenten einmal abgesehen. „Verwendet werden vor allem Fungizide gegen Pilzbefall, allerdings in Maßen", sagt Fartmann. „Boden-Insektenjäger wie die Heidelerche oder der Baumpieper finden also genügend Nahrung.

Der Mensch hat die Artenvielfalt über Jahrhunderte befördert

Beide Arten brüten direkt in den Weihnachtsbaumreihen. Zugute kommt ihnen auch, dass die Schonungen zum Schutz gegen Rehverbiss von Zäunen umgeben sind. Die bodenbrütenden Vögel und ihre Nester sind so bestens geschützt vor Hunden und Füchsen. Körnerfresser wie die Hänflinge stoßen auf ein großes Angebot an Kräutersamen – vor allem in den älteren Kulturen, in denen nicht mehr gespritzt wird. Aus diesen verschwindet die Heidelerche allerdings wieder, wenn die Bodenvegetation zu hoch wird. Da jedoch jedes Jahr zu Weihnachten erntereife Bäume zur Verfügung stehen müssen, gibt es immer Parzellen in allen Wachstumsstadien. So können die Vögel immer wieder in passende, nahe gelegene Habitate umziehen.

Wer sich fragt, wo eigentlich Feld- und Wiesenvögel und all die Arten der offenen Kulturlandschaften früher gelebt haben, als es noch keine Menschen gab, aber Mitteleuropa von dichten Wäldern bedeckt war, für den hat Fartmann eine überraschende Antwort: Unsere Vorstellung von historischen Landschaften sei fehlerhaft: Ganz früher hätten große Tierherden die Landschaften offen gehalten. Es habe Flussauen gegeben, regelmäßige Hochwasser, die ganze Regionen überspülten und Vegetation vernichteten, sowie Sandverlagerungen. Dann habe "der Mensch in den letzten 500 Jahren mit seiner Land- und Weidewirtschaft viel für die Artenvielfalt getan.“ Bis zur Erfindung des Stickstoffdüngers im 20. Jahrhundert.

Junge Weihnachtsbaumplantagen sind für die bedrohten Feld- und Wiesenvögel die neuen Äcker, auf denen sie leben können.
Junge Weihnachtsbaumplantagen sind für die bedrohten Feld- und Wiesenvögel die neuen Äcker, auf denen sie leben können.
Christian Höppner

Nun sind also die Weihnachtsbaumplantagen die neuen extensiven Weideflächen – zumindest im Sauerland. Sie wären als letzte Rückzugsgebiete für die bedrängten Goldammern, Heidelerchen, Baumpieper und Hänflinge nicht so bedeutsam, wären die deutschen Äcker nicht für viele Wildpflanzen und Tiere zur lebensfeindlichen Zone geworden. Insofern zeigt die Weihnachtsbaumparabel, wie genügsam die Natur eigentlich ist. Etwas weniger von allem – weniger Gift, weniger Stickstoffeintrag, weniger Pestizide – ließe den Arten schon Raum zum Überleben.

Das negative Image der Weihnachtsbaumplantagen, da ist sich Landschaftsökologe Fartmann sicher, hängt auch mit ihrer Historie zusammen. In den 1980er Jahren hatten im Sauerland als Reaktion auf die Milchüberproduktion und die Einführung der Milchquoten durch die EU viele Bauern angefangen, wertvolles Magergrünland in Weihnachtsbaumkulturen umzuwandeln.

Erlaubt ist Fünftel der Herbizidmenge eines Ackers

Innerhalb kurzer Zeit sprossen die Plantagen förmlich aus dem Boden, von 3000 Hektar im Jahr 1990 auf aktuell 18.000 Hektar. Als der Orkan Kyrill im Winter 2007 flächendeckend Fichtenwälder entwurzelte, wurden auch diese Flächen zu Plantagen umgewandelt, weil sich so schneller Geld verdienen ließ als durch Wiederaufforstung. Die Landschaft veränderte sich gravierend. Es formierte sich Widerstand in der Region, vor allem gegen den intensiven Einsatz von chemischen Pflanzenvernichtern in den Plantagen. 2013 schließlich wurde das Landesforstgesetz geändert und Weihnachtsbaumkulturen im Wald eingeschränkt, ab 2028 sollen sie gar nicht mehr erlaubt werden. Versuche mit der Beweidung von Schafen als Ersatz für die Herbizide haben sich nicht durchgesetzt. Immerhin wurde die Menge der eingesetzten Chemikalien auf ein Fünftel der Menge festgelegt, die auf Getreideäckern verwendet wird.

In Reih und Glied - aber fünfmal weniger Gift als auf normalen deutschen Äckern. Das reicht, damit Vögel der Agrarlandschaften hier einen neuen Lebensraum finden.
Steffen Kämpfer

Was aber ist mit Öko-Weihnachtsbaumplantagen, in denen gar keine Pestizide gesprüht werden? „Natürlich wäre es besser, wenn nicht gespritzt würde“, sagt Fartmann. Wenn der Bewuchs allerdings zu hoch werde, wirke sich das wieder negativ auf die Artenvielfalt aus – die Heidelerche jedenfalls würde verschwinden. Dafür würden andere Vögel einziehen, vermutet Fartmann: Raubwürger etwa, die sich in lockeren Baum- und Buschlandschaften mit dichterstehenden Baumgruppen wohlfühlen. Ökologische Plantagen und ihre Lebensräume wurden in der Studie explizit nicht untersucht, das ist sicher ein Manko. Der BUND jedenfalls rät dazu, sich lieber einen Bio-Weihnachtsbaum in die Stube zu stellen.

Das Gift in den Schonungen gelange in Böden und Gewässer, schädige Insekten und zerstöre die Nahrungsgrundlage und Lebensräume weiterer Nützlinge. Außerdem könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Pestizide in geschlossenen und beheizten Raumen ausdünsten und sich auch für den Menschen als gesundheitsschädlich erweisen. Das alles gilt es zu bedenken. Dennoch bleibt als gute Nachricht zum Fest: Weihnachtsbäume sind – zumindest zum Teil – rehabilitiert. Selbst wer sich einen konventionell aufgezogenen Baum ins Zimmer stellt, kann das mit gutem Gewissen und sogar im Vertrauen tun, dass mit einiger Wahrscheinlichkeit einmal im fernen Sauerland eine Heidelerche auf ihm gesessen und ihr melancholisches „Lülülü“ gesungen hat. Weihnachten sei Dank.

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