Wappentier für die Agrarreform

Der Bestand der Feldlerche nimmt dramatisch ab. Als „Vogel des Jahres 2019“ soll sie für Natur- und Artenschutz werben

Von Carl-Albrecht von Treuenfels

Thomas Krumenacker

Freiflug! Sie können diesen Beitrag von Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt dank unserer Abonnentinnen und Abonnenten kostenlos lesen.

Ein kleiner Vogel soll sich im nächsten Jahr zu großer politischer Wirkung aufschwingen. Um bei den Beratungen über eine Reform des Agrarhaushalts der Europäischen Union, die von 2021 an wirksam wird, den Natur- und Artenschutz stärker in den Fokus zu rücken, haben der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern (LBV) die Feldlerche zum „Vogel des Jahres 2019“ gekürt.

Der Singvogel war 1998 schon einmal Jahresvogel, denn schon damals zeichnete sich ein Bestandsrückgang ab – ebenso wie bei vielen anderen Arten der Feldflur, darunter Goldammer, Kiebitz, Wachtel und Rebhuhn. Der Abwärtstrend hat sich seitdem verstärkt fortgesetzt. Nach Angaben des Dachverbands Deutscher Avifaunisten hat sich die Zahl der Feldlerchen zwischen 1990 und 2015 um 38 Prozent verringert. Und sie geht unvermindert weiter zurück. Seit 1960 soll es in Deutschland 90 Prozent weniger Feldlerchen geben. In den Nachbarländern sieht es nicht besser aus.

Der Gesang des Vogels hat Dichter inspiriert

„Dass die Feldlerchen im Sommer Deutschland in unermesslicher Anzahl bewohnen und auf allen Getreidefeldern in zahlloser Menge nisten, ist jedermann bekannt“, schreibt der Ornithologe Johann Friedrich Naumann (1780 bis 1857) in seiner zwölfbändigen „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“. Doch nicht nur den Bauern, die früher bei ihrer täglichen Arbeit viel Zeit auf den Feldern und Wiesen verbrachten, war die Feldlerche ein vertrauter Anblick und eine musikalische Unterhalterin. Der Gesang des 16 bis 18 Zentimeter großen Vogels, den hauptsächlich das Männchen vom Frühjahr bis Spätsommer über seinem Brutrevier unermüdlich ertönen lässt, hat viele Dichter dazu angeregt, dem Vogel Hymnen und Gedichte zu widmen. „Wenn über uns im blauen Raum verloren, ihr schmetternd Lied die Lerche singt“, heißt es in Goethes „Faust“, Shakespeare weist in „Romeo und Julia“ auf den Unterschied des Gesangs von Nachtigall und Lerche hin. Und Paul Gerhardt setzt der Lerche in seinem berühmten Kirchenlied „Geh aus, mein Herz und suche Freud“ von 1656 ein Denkmal. Der erste Teil des wissenschaftlichen Namens Alauda arvensis, den der schwedische Naturforscher Carl von Linné ihr einst gab, wird auf den Ursprung von Lauda deum zurückgeführt – somit ist sie eine Art Lobsängerin Gottes.

Win Traktor zieht auf einem leeren Feld eine rote Landmaschine hinter sich her.
Mit Drillmaschinen bringen Landwirte die Saat auf ihre Felder. Wenn sie dabei immer mal für ein paar Meter aussetzen, entstehen die sogenannten Lerchenfenster oder Feldvogelinseln, in denen der Vogel des Jahres 2019 brüten kann. 20 Meter breit sollten sie sein, damit sie einen Nutzen haben.
BERNARD BODO

Der Wirkung des trällernden Jubelgesangs am Himmel kann man sich kaum entziehen. Obwohl ein Lerchenmännchen im Verhältnis zu seinem Körper besonders lange Flügel hat, fällt es nicht leicht, es bei seinem Singflug am Himmel zu entdecken. Bis zu vier Minuten lässt es seine variationsreichen Melodien bei gleichzeitigem Flügelschlag ununterbrochen erklingen, bevor es sich in zwei oder drei Etappen in die Tiefe fallen lässt, um abrupt in seinem oft nur wenige Quadratmeter kleinen Brutrevier zu landen und sich unsichtbar zu machen.

Auf dem Boden hüpfen die Feldlerchen nicht wie viele andere Singvogelarten, sondern sie bewegen sich mit geschwinden Trippelschritten vorwärts. Dabei gibt ihnen der hintere längere ihrer vier Zehen Trittfestigkeit. Wo sich sandige Flächen anbieten, nehmen die Vögel mit der aufstellbaren Federhaube auf dem Kopf gern ein Staubbad gegen Insektenbefall. Im Herbst verlassen die meisten Feldlerchen ihre mitteleuropäischen Brutgebiete, um in den Ländern ums Mittelmeer zu überwintern. Die ersten Männchen kehren schon im Februar in den Norden zurück.

Die dichten Klangteppiche der Sechziger sind verschwunden

Schwebten noch bis in die sechziger Jahre dichte fliegende Klangteppiche von singenden Männchen im Rüttelflug über den Feldern, so nahmen mit der Intensivierung der Landwirtschaft die kleinräumigen Brutreviere kontinuierlich ab. Dichter Anbau von Wintergetreide, Mais und Raps haben die einst günstigen Feldbiotope mit lockerem Sommergetreide in unwirtliche Lebensräume verwandelt. Die aus den Steppengebieten Afrikas und Südosteuropas eingewanderten Vögel hatten anfangs weiter nordwestlich von der Umwandlung der Wälder in offene landwirtschaftliche Flächen profitiert. Die Art hat heute ein weites Verbreitungsgebiet von den Britischen Inseln im Westen bis nach Japan im Osten, von Norwegen im Norden bis an die afrikanische Mittelmeerküste. Von den fast 100 Lerchenarten auf der Welt brüten nur zwei weitere in Deutschland: die Heidelerche (Lullula arborea) und die Haubenlerche (Galerida cristata). Auch sie sind gefährdet, doch waren sie in Mitteleuropa nie so zahlreich wie die Feldlerche.

Noch immer wird die Feldlerche in einigen Ländern intensiv bejagt. Allein in sechs EU-Staaten ist die Jagd trotz der Vogelschutzrichtlinie erlaubt: Mit Flinten, Netzen, Klebe- und Schlagfallen werden die Vögel besonders im Herbst und Winter in Frankreich, Italien, Griechenland, Malta, Zypern und Rumänien verfolgt. Jährlich kommen offiziell etwa 900.000 Feldlerchen durch Jagd und Fang ums Leben – die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Als beliebte Stubenvögel müssen noch heute in Südeuropa viele Feldlerchen ihr Leben, das in Gefangenschaft länger als 20 Jahre dauern kann, in engen Käfigen fristen. Früher war die Jagd auch in Deutschland üblich. „Das Fleisch der Feldlerche ist außerordentlich wohlschmeckend“, schrieb Naumann. 1970 hieß es in „Die Brutvögel Mitteleuropas“ von Walter Wüst: „Die Vögel sind so zahlreich, dass ihre Verluste gut ausgeglichen werden.“

Der Artenschwund geht unverändert weiter

Der Ausgleich gelang den Himmelsvögeln über lange Zeit durch hohe Fruchtbarkeit am Boden. Bis zu dreimal im Jahr bebrüten die Weibchen elf bis zwölf Tage ihr Gelege von vier bis fünf Eiern, das gut getarnt in einer Bodenmulde liegt. Schon sieben bis elf Tage nach dem Schlüpfen verlassen die anfangs nackten Jungen ihr Nest und verteilen sich in der Umgebung. Die Eltern füttern sie weiter mit tierischer und pflanzlicher Nahrung, bis sie nach knapp drei Wochen flügge sind. Dann rüstet sich das Elternpaar zur nächsten Brut. Neben vielen Bodenfeinden vom Wiesel bis zum Wildschwein plündern auch Greif- und Rabenvögel ihre Nester. Große Verluste richten aber vor allem die landwirtschaftlichen Maschinen an. Wenn von etwa 15 möglichen Jungen pro Brutsaison zwei das erste Halbjahr überleben, ist das ein gutes Ergebnis. Es reicht aber nicht aus zur Erhaltung des Bestands.

RiffReporter fördern

Tauchen Sie ein! Mit ihrem Kauf unterstützen Sie neue Recherchen der Autorinnen und Autoren zu Themen, die Sie interessieren.

Liebe Leserin, lieber Leser,
um diesen RiffReporter-Beitrag lesen zu können, müssen Sie ihn zuvor kaufen. Damit Ihnen der Kauf-Dialog angezeigt wird, dürfen Sie sich aber nicht in einem Reader-Modus befinden, wie ihn beispielsweise der Firefox-Browser oder Safari bieten. Mit dem Beitragskauf schließen Sie kein Abo ab, es ist auch keine Registrierung nötig. Sobald Sie den Kauf bestätigt haben, können Sie diesen Beitrag entweder im normalen Modus oder im Reader-Modus bequem lesen.

Es freut uns, dass Sie sich wie wir für die Zukunft der Natur interessieren! Wir „Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt“ bieten jeden Mittwoch neue spannende Beiträge zu Naturschutz, Vogelbeobachtung und Ornithologie. Unseren Naturjournalismus ermöglichen Abonnenten und Förderabonnenten. Das ganze Angebot gibt es für 3,99€/Monat. Mit unserem kostenlosen wöchentlichen Newsletter erfahren Sie immer zuerst von neuen Beiträgen.

Weiter zur Startseite von Flugbegleiter – Ihre Korrespondenten aus der Vogelwelt

  1. Agrarpolitik
  2. Freiflug
  3. Naturschutz

Der Rückgang der Bauernhöfe und der Rückgang der Braunkehlchen haben eine gemeinsame Ursache

Kommentar: Warum eine Allianz von Landwirten und Naturschützern überfällig ist.

Bauernprotest in Münster. 23.10.2019
  1. Freiflug
  2. Fütterung
  3. Vogelschutz

Kochen für die Meisen

Rindertalg, Sonnenblumenkerne, eine Handvoll Haferflocken – Meisenknödel selbst zu machen ist gar nicht so schwierig, wenn man ein paar Klippen umschifft. Wie sinnvoll ist es aber, Vögel noch im Frühjahr zu füttern?

Eine Blaumeise sitzt auf eine Futterglocke, einem kleinen roten Blumentopf, der an einem Faden hängt und mit einer Mischung aus Fett und Körnern gefüllt ist.
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Umweltpolitik

Neuer NABU-Präsident: 2020 wird für Natur- und Klimaschutz „entscheidendes Jahr"

Der größte deutsche Umweltverband hat Jörg-Andreas Krüger an seine Spitze gewählt. Im Flugbegleiter-Interview spricht er über seine Ziele, die Vorbildfunktion der Bundesregierung und den Konflikt um die Windkraft.

Der neue NABU-Präsident Jörg-Andreas Krüger.
  1. Freiflug
  2. Geschichte
  3. Naturschutz

Wie es gelang, aus dem Todesstreifen das Grüne Band zu machen

Direkt nach dem Mauerfall ergriffen Umweltschützer aus Ost und West die Chance, aus dem obsoleten Todesstreifen eines der größten und vielfältigsten Naturschutzgebiete Deutschlands zu schaffen.

Ein Braunkehlchen auf einem DDR-Grenzpfahl.
  1. Freiflug
  2. Vogelzug

Abflug der Kraniche

Keine andere Vogelart lässt Menschen das Naturwunder Vogelzug so hautnah erleben. Ein Fotoessay von Thomas Krumenacker

  1. Freiflug
  2. Vogelschlag
  3. Vogelschutz

Wie gut geht es dem Rotmilan wirklich?

Die Windbranche macht angeblich überzogene Auflagen zum Artenschutz für den stockenden Ausbau der Windenergie verantwortlich. Ausgerechnet der Rotmilan soll jetzt als Kronzeuge für ihre Unschädlichkeit herhalten.

Rotmilan im Profil
  1. Freiflug
  2. Geschichte
  3. Ornithologie

Humboldts Papagei

Die letzten 30 Jahre seines Lebens leistete ein Vogel namens Jakob dem Gelehrten Gesellschaft. Ein Papagei mit ganz eigener Geschichte.

Alexander von Humboldts Vasapapagei Jakob
  1. Freiflug
  2. Vogelschutz

Die Eulen-Feuerwehr: Wie Vogelschützer versuchen, seltene Sumpfohreulen zu retten

Zum ersten Mal seit vielen Jahren siedeln sich wieder seltene Sumpfohreulen in großer Zahl in Norddeutschland an. Doch sie drohen in den Mähwerken der Landwirte umzukommen. Vogelschützer versuchen, sie zu retten.

  1. Freiflug
  2. Vogelbeobachtung

Bei unseren Lesern im Hamburger Vogelparadies

Die Flugbegleiter haben auf der Hansebird 2019 in Hamburg viele Leser, aber noch mehr neue Interessenten getroffen.

Thomas Krumenacker (links) und Joachim Budde am Stand der Flugbegleiter.
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Ihr Einsatz für unseren Naturjournalismus

Lesen Sie fünf Vorschläge, wie Sie „Die Flugbegleiter“ unterstützen können.

Zwei Postkarten. Eine mit einen Starenfoto, eine mit einer Kohlmeise.
  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Umweltgeschichte

Die vergessene Umweltkatastrophe, die sich allzu leicht wiederholen könnte

Vor 40 Jahren verseuchte die Ölplattfom Ixtoc 1 den Golf von Mexiko. Mit Deepwater Horizon wiederholte sich das Unglück. Chronik eines vermeidbaren Umweltfrevels.

Luftaufnahme des Meeres über der brennenden Ölquelle Ixtoc 1. Öl tritt aus. Aufnahme von 1979/80.
  1. Freiflug
  2. Ornithologie
  3. Vogelbeobachtung

Empfindliche Langstreckenflieger

Brandseeschwalben-Bruten drohen vielfältige Gefahren – von Füchsen über große Möwen bis hin zu Umweltgiften.

Eine Brandseeschwalbe fliegt miteinem Fisch im Schnabel.
  1. Freiflug
  2. Spielzeug
  3. Vögel

Vogelspiel für Fortgeschrittene

„Die Flugbegleiter“ haben „Flügelschlag“ getestet – ein Spiel über Vögel und Birding. Und sind ein wenig enttäuscht.

  1. Freiflug
  2. Naturschutz

Gutes aus Europa: Wie eine Richtlinie hilft, Angriffe auf die Artenvielfalt abzuwehren

Interview mit Ariel Brunner von BirdLife International über ein 40 Jahre altes Stück Papier, das schon viele Vogelarten und Habitate gerettet hat.

Vogelschutzgebiet Streng im Havelland
  1. Freiflug
  2. Vogelschutz

Schwere Flieger im Aufwind

Der Schutz der Großtrappe in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte: Die Großtrappen waren Mitte der 1990er Jahre fast ausgerottet. Jetzt gibt es wieder mehr als 300 Vögel in Deutschland.

  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Vogelbeobachtung

Hilfe für den raren Allerweltsvogel

Bei den „Berliner Spatzenrettern“ zeigt sich: Schulen können Spatzen schützen. Und Spatzen können Rabauken ganz zahm machen. Interview zum Weltspatzentag.

  1. Freiflug
  2. Naturschutz
  3. Umweltpolitik

Kommt jetzt die Naturschutz-Wende?

Nach dem Erfolg des Volksbegehrens Artenvielfalt gehört Biodiversität endlich ins Zentrum der Politik. Ein Kommentar.

Dünger ist ihr Feind: Blumenwiesen gedeihen in nährstoffarmen Landschaften. Wenn zu viel Stickstoff in der Umwelt ist, setzen sich nur wenige Pflanzen wie Löwenzahn durch und das Ökosystem verarmt. Botaniker beschreiben das als eines der gravierendsten Probleme für die pflanzliche Artenvielfalt.
  1. Freiflug
  2. Vogelbeobachtung

Vogelperspektiven: Flugbegleiter live!

Spaziergänge und Exkursionen in Berlin, Köln und der Lüneburger Heide

Vogelexkursion 2018 Berlin
  1. Agrarpolitik
  2. Freiflug
  3. Insekten

„Wir wollen, dass Landwirte mit Naturschutz wirklich Geld verdienen können“

Nabu-Agrarexperte Sebastian Strumann verlangt eine neue Ausrichtung in der EU-Agrarpolitik

Sebastian Strumann ist Campaigner für Agrarpolitik und Landwirtschaft beim Nabu Bundesverband.
  1. Freiflug
  2. Insekten
  3. Naturschutz

Entstehen in Bayern jetzt wirklich blühende Landschaften?

Das Volksbegehren für mehr Artenvielfalt in Bayern war erfolgreich. Was sagen Wissenschaftler, Bauernvertreter und Naturschützer über die Umsetzung?

Berge mit Dorf
Flatrate ab 8 € RiffReporter unterstützen
Die Flugbegleiter